Magazinrundschau - Archiv

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15 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 08.07.2025 - Newlines Magazine

In Pakistan sind arrangierte Ehen keine Seltenheit, auch deshalb suchen chinesische Männer gern eine Ehefrau unter den Christinnen in Pakistan, erzählt Betsy Joles in Newlines: "Die Praktik bewegt sich auf einer dünnen Linie zwischen arrangierter Ehe und Menschenhandel, sie ist oft eine Frage der Bequemlichkeit sowohl für Braut als auch für Bräutigam. Pakistans christliche Minderheit, von denen die meisten katholisch sind, ist größtenteils verarmt; die chinesische Ein-Kind-Politik, die vor einem Jahrzehnt zu Ende ging und Familie dazu bewegt hat, männliche Kinder zu bevorzugen, hat eine Disparität in den Zahlen zwischen Männern und Frauen kreiert. Solche Ehen folgen oft einem Plan, mit Brokern aus beiden Ländern, die als Verkuppler für chinesische Männer fungieren. Laut Chinas eigenen Angaben gibt es einen Überschuss von rund 35 Millionen Männern, die zusehends im Ausland nach Frauen suchen, frustriert vom Mangel an verfügbaren Ehepartnern in ihren Heimatdörfern. Hohe Brautpreise in China haben das Problem nur verstärkt." Die chinesischen Bräutigame haben nicht den besten Ruf, zum Teil werden sie beschuldigt, die Frauen in die Prostitution zu verkaufen: "Die Cross-Border-Ehen sind 2019 zuerst aufgefallen, als die pakistanische Federal Investigative Agency (FIA) bekannt gegeben hat, einen Prostitutionsring, der junge Frauen nach China verkaufen soll, zerschlagen zu haben. Später im Jahr hat The Associated Press Recherchen von pakistanischen Ermittlern veröffentlicht, die 600 Fälle von Frauen und Mädchen identifiziert haben, die chinesische Männer über diese Netzwerke geheiratet haben. Viele sind vermutlich getäuscht und in die Prostitution gezwungen worden. In einem Fall ist eine 37 Jahre alte Frau unter mysteriösen Umständen nach zwei Monaten in China nach Pakistan zurückgekommen, schwach und mangelernährt aussehend, Berichten aus dieser Zeit zufolge. Sie ist rund fünf Wochen später gestorben."
Stichwörter: Arrangierte Ehen, China, Pakistan

Magazinrundschau vom 10.09.2024 - Newlines Magazine

Niger hatte bis vor kurzem keine diplomatischen Beziehungen zu Russland, sondern war immer dem Westen verbunden, erinnert die italienische Journalistin Floriana Bulfon. Seit dem Putsch aber ist der Groll gegen Frankreich der einzige Kernglaube, der von den Fraktionen geteilt wird, die den Putsch inszenierten, und ihre Verachtung wird von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung unterstützt: "Moskau ergriff sofort die Gelegenheit, das letzte Teil in ein Puzzle einzufügen, das die Russische Föderation in der Cyrenaika (einer Region im Osten Libyens), Mali, Burkina Faso und der Zentralafrikanischen Republik fest etabliert hat. In Niger musste Russland nur noch konsequenter dem Drehbuch folgen, das ihm bereits das Eindringen in die Nachbarländer ermöglicht hatte. Es beginnt damit, sich als bewaffnetes Gegenmittel gegen den Dschihadismus zu präsentieren, und nutzt weiterhin den Hass auf Frankreich, um seine Autorität durchzusetzen. (...) Die Wurzel des Grolls ist jedoch die Geschichte der kolonialen Ausbeutung: 'Es ist nicht möglich, dass mein Land reich ist und an der Oberfläche sind wir alle arm', sagte Moussa, ein städtischer Angestellter. 'Seit meiner Geburt habe ich gesehen, dass Frankreich seit 59 Jahren nichts anderes getan hat. Sie stahlen sogar unser Uran und haben nicht einmal ein Haus gebaut.' In der Tat ist Niger reich an natürlichen Ressourcen. Ein Drittel der französischen Atomkraftwerke wird mit Nigers Uran betrieben. Es gibt auch Ölquellen und Goldminen. Doch die Armut ist erschütternd. Statistiken sehen das Land als eines der Schlusslichter weltweit. In Niamey schlafen die Menschen auf den in den Sand geworfenen Matten und es gibt Horden von Kindern, die betteln, sogar mitten in der Nacht. Eine hoffnungslose Masse von Menschen wird durch Militante Überfälle und eine Wüste, die selbst wegen der globalen Erwärmung voranschreitet, in die Stadt gedrängt. Die Temperaturen steigen so hoch, dass die Hitze Plantagen und Weiden auslöscht, die seit Jahrhunderten aktiv sind. Heute sind sie von einem Durst nach Wasser verwüstet, den nicht einmal der Niger-Fluss lindern kann. Bauern und Hirten haben keine Alternative als Migration, obwohl vielen von ihnen das Geld fehlt, das für eine Auslandsreise notwendig ist. Stattdessen leben sie in Holzhütten am Straßenrand, die aufgrund der schwülen Hitze fast unbewohnbar sind."

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Asmaa Elgamal stellt ein als "FICINT" bezeichnetes Literatur-Genre vor, eine Verbindung aus "Fiction" und "Intelligence", das auf den im Jahr 2015 veröffentlichten Roman "Ghost Fleet" des Verteidigungsstrategen Peter W. Singer und des ehemaligen Wall Street Journal-Reporters August Cole zurückgeht und das sich im militärischen Nachrichtendienst- und in der Zukunftsforschung, die sich mit der Vorhersage und Vorbereitung auf künftige Konflikte befassen, an Bedeutung gewonnen hat: Singer und Colen "sind nicht die einzigen Autoren, die spekulative Fiktion nutzen, um Lektionen über die Zukunft des Krieges zu vermitteln. ... Die Verwendung von Fiktion zur Untersuchung militärischer Herausforderungen und Rivalen ist nicht neu. In den Vereinigten Staaten ist 'Ghost Fleet' eines von mehreren belletristischen Werken, die auf professionellen militärischen Leselisten stehen, darunter die des U.S. Marine Corps, jener des Büros des Generalarztes der U.S. Navy und der U.S. Militärakademie. Diese Listen umfassen ein breites Spektrum an Genres, darunter Geschichte, Biografien, Wirtschaft, Selbsthilfe und Belletristik. Die Auswahl an Belletristik umfasst Klassiker wie Erich Maria Remarques 'Im Westen nichts Neues', historische Romane wie Steven Pressfields 'Gates of Fire' und Science-Fiction wie Orson Scott Cards 'Ender's Game'. Die Fiktion hat eine lange Geschichte der Verstrickung mit Krieg und Imperium. Rudyard Kiplings Schilderungen der Kolonialherrschaft in Indien prägten die Sicht von Generationen britischer Offiziere auf die indische Kultur und Gesellschaft. Der englische Romancier verfasste auch 'The Army of a Dream', eine Kurzgeschichte, in der er versucht, sich eine effizientere britische Armee vorzustellen. ... FICINT beschreibt jedoch ein bewussteres Bemühen, Belletristik für die Zwecke der strategischen Planung zu nutzen. Es impliziert auch einen bewussteren Versuch, das Erzählen von Geschichten mit dem Realen, dem Möglichen und dem Wissenschaftlichen zu verbinden. In einer Welt der Illusionen wirft dies die Frage auf, wie man 'real' definiert und inwieweit FICINT und andere spekulative Instrumente in der Lage sind, die Grenzen der politischen Gemeinschaften und politischen Paradigmen, innerhalb derer sie geschrieben und konsumiert werden, zu verschieben."
Stichwörter: Niger, Ficint, Dschihadismus, Mali

Magazinrundschau vom 20.08.2024 - Newlines Magazine

Mehr als 18 Millionen Menschen im Sudan sind derzeit von Hunger bedroht, schätzungsweise 11 Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben, schreiben der Journalist Julian Busch und der Dokumentarfilmer Vincent Haiges, die in ihrer Reportage vor einer Hungerkatastrophe warnen, die die äthiopische Hungersnot der 1980er Jahre noch übertreffen könnte - und die vor allem die in die Berge zurückgekehrten Nuba trifft: "Nach Angaben der niederländischen Denkfabrik Clingendael, die sich seit Jahrzehnten mit der Lage im Sudan befasst, ist in vielen Teilen des Landes die kritische Schwelle für eine Hungersnot erreicht worden. Die Menschen hungern im Rahmen einer Strategie, die darauf abzielt, den Feind von seinen Vorräten und Ressourcen abzuschneiden. Im ganzen Land werden Ernten verbrannt, Hilfskonvois blockiert und Saatgut geplündert. Die Landwirte können wegen der Gewalt nicht auf ihre Felder. Bis September könnten fast 2,5 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sein. Die Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft haben jedoch lange gezögert, eine offizielle Hungersnot auszurufen, weil es an umfassenden Daten mangelt. Zwar wurde im Juli in einem Flüchtlingslager in Nord-Darfur in der Nähe der Stadt El-Fasher erstmals eine Hungersnot erklärt, doch ist ein Großteil des Landes für die Vereinten Nationen oder NRO unzugänglich, weil es entweder zu gefährlich ist oder die Regierung al-Burhan wie in den Nuba-Bergen den offiziellen Zugang verweigert. Dennoch zweifelt kaum jemand daran, dass die Hungersnot auch in anderen Teilen des Landes bereits wütet. Da viele der wichtigsten Lebensadern durch Kämpfe zwischen der RSF und der Armee blockiert sind, kann die Hilfe für die Nuba-Berge - wenn überhaupt - nur aus dem benachbarten Südsudan geliefert werden. Die Regierung verweigert offiziell den Zugang, und die Straße, die in die Berge führt, wurde nach dem jahrzehntelangem Konflikt nie für minenfrei erklärt. Die Vereinten Nationen und viele andere Hilfsorganisationen zögern, das Gebiet zu betreten. Seit Monaten verhandelt die SPLM-N (Sudanesische Volksbefreiungsbewegung Nord, Anm. d. Red.) mit der sudanesischen Regierung über eine friedliche Lösung und die Erleichterung von Hilfslieferungen auf beiden Seiten der Frontlinien. Doch die Gespräche verlaufen schleppend, die beiden Seiten vertrauen einander nicht und die Spannungen sind seit einiger Zeit hoch. Und es besteht weiterhin die Gefahr einer erneuten militärischen Eskalation."

In den Slums von Tunis leben die Menschen an der Armutsgrenze, ausgestoßen von den Städtern, versuchen viele Bewohner auszuwandern; Arbeitslosigkeit, Kriminalität und der politische Islam bestimmen das Leben in diesen Vierteln, berichtet der tunesische Journalist Osama Slim, der auf die lange Tradition der Slums hinweist: "Im 10. Jahrhundert verboten die herrschenden Fatimiden den Juden, innerhalb der Stadtmauern zu leben; die Beys der osmanischen Ära teilten die Stadt in drei Klassen ein; die französische Kolonialzeit brachte eine massive Verstädterung mit sich, die zu einem enormen Wachstum der Slums führte; und die Unabhängigkeit im Jahr 1956 setzte diesen Trend fort und führte zu der Situation, die wir heute in den einkommensschwachen, marginalisierten Gemeinden sehen. (...) Nach der Unabhängigkeit Tunesiens im Jahr 1956 verstärkte sich die Abwanderung nach Helel, insbesondere in den 1970er Jahren, nachdem das durch die sozialistische Politik Anfang der 1960er Jahre geförderte Experiment des Kollektivismus gescheitert war. Die Beschäftigungsmöglichkeiten konzentrierten sich auf die Hauptstadt und die Küstenregionen. Ali El Mawlahi, 78, hat diese Veränderungen miterlebt. Er sagt: 'Als ich geboren wurde, war das Viertel schon da. Aber es herrschte nicht so viel Chaos und es gab nicht so viele Menschen. Die Vergangenheit war aber nicht nur gut. Die Einrichtungen, die man heute sieht - Beleuchtung, Wasser und Kanalisation - kamen erst in den 1980er Jahren, viel später als in anderen Vierteln der Hauptstadt.' In seinem Forschungspapier 'Wiederherstellung des städtischen und sozialen Lebens im arabischen Maghreb' argumentiert Faraj Stambali, dass die Vorgehensweise des Staates in Bezug auf den so genannten 'Volkswohnungsbau' nach der Unabhängigkeit einer Politik der sozialen Säuberung gleichkam, die darauf abzielte, die Bewohner zu vertreiben und sie zurück aufs Land zu zwingen."

Magazinrundschau vom 13.08.2024 - Newlines Magazine

Von Brasilien über Rumänien und Italien bis Nigeria und Südafrika - die Pfingstbewegung, eine immer populärer werdende Strömung des Christentums, ist auf dem Vormarsch: Heute zählt sie rund 650 Millionen Anhänger weltweit, sie ist zum "Glauben der Armen" geworden, nicht nur, weil sie ihren besonderen Fokus auf die Rolle des Heiligen Geistes für Gesundheit und Wohlstand legt, sondern auch, weil es kaum Autoritätsstrukturen und pastorale Aufsicht gibt, berichtet Elle Hardy in ihrem lesenswerten Essay. Sie geht einem besonderen Trend innerhalb der Strömung nach, den sogenannten "Narco-Evangelisten", organisierte Kriminelle, darunter auch Pastoren, die im Drogen- und Menschenhandel vernetzt sind - und die sich vor allem auf das "Wohlstandsevangelium" berufen, wie der Religionswissenschaftler Andrew Chesnut erklärt: "Als sich der Pfingstlertum in den späten 1970er Jahren in Brasilien entwickelte, war die Vorstellung von Drogennetzwerken in Kirchen undenkbar. Seitdem sind sie zu einer Ausgeburt der überzeugendsten Doktrin des Pfingstlertums geworden: der Wohlstandstheologie, besser bekannt als Evangelium von Gesundheit und Wohlstand. 'Gottes Segen durch den eigenen Wohlstand zu manifestieren, ist wichtiger geworden als die christliche Moral und die Frage, wo die Seele im Jenseits landen könnte', sagt Chesnut. Das Wohlstandsevangelium entstand nach dem Zweiten Weltkrieg unter einer Gruppe syndizierter Evangelisten in den USA, als Amerika im Aufschwung war und alles andere als der amerikanische Kapitalismus mit den Sternen und Streifen Gotteslästerung war. Diese neue Kohorte von Predigern wie Oral Roberts und Kenneth Copeland wusste auch, wie man die Sorgen der einfachen Leute anspricht. Schon bald wurde die Idee eines Gottes, der sich dafür interessiert, wie viel Sie am Ende der Woche in Ihrem Portemonnaie haben - ganz zu schweigen davon, wie viel Sie davon Ihrer Kirche spenden - zu einem Merkmal der Fernsehevangelisation. (...) Mitte der 80er Jahre sickerte das Wohlstandsevangelium nach Brasilien durch, das kulturell empfänglich war für die Ideen seines wohlhabenden nördlichen Nachbarn. Die brasilianische Wohlstandstheologie, die neben dem Fußball als Vehikel für die Hoffnungen der arbeitenden Armen gilt, hat es Pfarrern und ihren Gemeindemitgliedern ermöglicht, 'in den Drogenhandel und Menschenhandel, sogar in die Prostitution verwickelt zu sein und sich dennoch als loyale und treue Christen zu sehen', sagt Chesnut, selbst wenn Außenstehende 'große Widersprüche darin sehen, sich nach dem Gottesdienst eine AK-47 über die Schulter zu hängen.'"

Magazinrundschau vom 30.07.2024 - Newlines Magazine

Erschreckend zu lesen ist, wie die Huthi im Jemen nicht nur Kinder und Jugendliche als Soldaten rekrutieren, sondern auch die Lehrpläne an Schulen umschreiben. Dan Wilkofsky schildert anhand von Online-Lehrplänen, wie Kinder gegen Israel und Amerika und für den "Dschihad" eingeschworen werden: "Die Huthi-Lehrpläne führen Kinder in einen universellen Konflikt ein, der zwischen dem Bösen und dem Islam tobt, wie er von Hussein (Hussein al-Houthi, 2004 getöteter Gründer und Anführer der Bewegung, Anm. d. Red.) artikuliert wurde. Die Feinde - die USA, Israel und im weiteren Sinne die Juden - arbeiten daran, Muslime mit allen verfügbaren Mitteln zu unterwerfen. Für Gott zu kämpfen und zu sterben ist unerlässlich. Neben den neuen Lehrbüchern haben die Behörden in Sanaa Sommercamps, Schulfeste und andere Bildungsaktivitäten organisiert, um Schüler für das Schlachtfeld vorzubereiten. (…) In den neuen Huthi-Lehrplänen gibt es viele Feinde. Manchmal werden sie als Feinde Gottes bezeichnet, manchmal als Feinde des Islam oder der islamischen Nation und manchmal einfach als Feinde. Das sind in erster Linie die Juden - in diesem Punkt sind die Lehrpläne eindeutig. Neben 'Mustafa hat eine Lektion geschrieben' und 'Sakina ist eine aktive Schülerin' üben Erstklässler ihr Schreiben, indem sie den Satz 'Die Juden sind die Feinde Gottes' abschreiben. Sie erfahren, dass 'die Juden zu jeder Zeit und an jedem Ort das feindseligste Volk gegenüber Muslimen sind.' (…) Mit fortschreitenden Noten erhalten die Schüler eine differenziertere Analyse der angeblichen jüdischen Bedrohung. Neuntklässler erfahren, dass Juden grausam und betrügerisch sind und ihre Versprechen brechen; sie sind gierig und extrem minderwertig; sie verbreiten Korruption auf der Erde und 'töten jeden, der sich ihnen widersetzt, und auch die Propheten sind ihrer Bosheit nicht entgangen.' (…)  Amerika ist der andere Hauptfeind. 'Die Feinde des Islam - allen voran Amerika und Israel - führen einen totalen Krieg gegen die islamische Nation, einschließlich unseres Landes, des weisen und frommen Jemen, um es zu besetzen, seinen Reichtum zu stehlen und sein Volk zu demütigen', heißt es in einer Lektion der achten Klasse."

Magazinrundschau vom 11.06.2024 - Newlines Magazine

Harriet Barber berichtet über den Einfluss der amerikanischen Anti-Abtreibungsbewegungen in Südamerika und insbesondere in Peru: "Gesetze, die dem Fötus den Status einer Person geben, sind zum neuesten Mittel in diesem Kampf geworden. Im März haben die peruanischen Abgeordneten ein solches Gesetz mit 87 Ja-Stimmen, 18 Nein-Stimmen und sieben Enthaltungen angenommen. Der Gesetzentwurf, der erstmals im November letzten Jahres von der ultrakonservativen Abgeordnetenversammlung vorgelegt wurde, sieht vor, dass Angehörige der Gesundheitsberufe verpflichtet sind, das 'ungeborene Kind' besonders zu schützen. Gesetzgeber in mindestens vier US-Bundesstaaten haben in den letzten Monaten ebenfalls solche Gesetze zur Rechtsstellung des Fötus vorangebracht, nachdem das oberste Gericht von Alabama im Februar entschieden hatte, dass Embryonen als 'Kinder' gelten. Das Gesetz in Peru wurde von Milagros Jauregui Martinez de Aguayo eingebracht, einer evangelikalen Pastorin und Kongressabgeordneten, die sich selbst als 'Verteidigerin des Lebens und der Familie' bezeichnet… Während einige Befürworter des peruanischen Gesetzentwurfs argumentieren, dass er den bestehenden Zugang zu Abtreibungen nicht beeinträchtigen würde, befürchten Experten Auswirkungen in der Praxis. 'Das Parlament versucht, alle Möglichkeiten für eine Abtreibung zu blockieren und eine öffentliche Meinung zu erzeugen, die Frauen den Zugang dazu verwehrt', sagt Isbelia Ruiz Camilas, Anwältin beim Zentrum für die Förderung und Verteidigung sexueller und reproduktiver Rechte (Promsex). (…) Zu denjenigen, die an dem Gesetzentwurf mitgewirkt haben, gehört Susan Vargas, die peruanische Leiterin der Kampagne '40 Tage für das Leben', einer 2004 in Texas gegründeten Anti-Abtreibungsgruppe, die seit zehn Jahren in Lateinamerika tätig ist. Lourdes Varela, Leiterin der iberoamerikanischen Kampagnen der Organisation, sagt: 'Das Gesetz ist wichtig, ein Sieg. Aber in Peru gibt es immer noch die therapeutische Abtreibung. Unser nächster Schritt ist das vollständige Verbot der Abtreibung - in Peru und in ganz Lateinamerika.' In Peru ist die in den USA ansässige Kampagne in sieben Städten tätig und arbeitet mit 200 katholischen Freiwilligen… Die Organisation ist in allen lateinamerikanischen Ländern tätig, mit Ausnahme von Belize und Französisch-Guayana, in die sie zu expandieren gedenkt. Sie führt 270 Kampagnen in der gesamten Region durch, bei denen vor Abtreibungskliniken gebetet und gefastet wird, teilweise mit mehr als tausend Freiwilligen, und wird größtenteils aus den USA finanziert."

Gabriela Galvin beleuchtet die sogenannten "Ghetto-Kindergärten", ein schwer umstrittenes Politikum in Dänemark. Um die Bildung von Parallelgesellschaften zu verhindern, hat die dänische Regierung 2018 mit großer Mehrheit ein Gesetz zum Kita-Aufenthalten von Kindern in den offiziell als "Ghetto" bezeichneten Wohnorten mit hohem Migrationsanteil verabschiedet. Erfüllt ein Gebiet zwei von vier Kriterien, was "Bildungsniveau, die Arbeitslosigkeit, das Einkommen und strafrechtliche Verurteilungen der Bewohner angeht, und sind mehr als die Hälfte der Bewohner nicht westlicher Abstammung, wird es als Ghetto oder, seit die Mitte-Links-Regierung das Gesetz im Jahr 2021 umbenannt hat, als 'Parallelgesellschaft' eingestuft." Ghettos unterliegen einer Vielzahl gezielter Maßnahmen, schreibt Galvin, durch Abriss und Sanierung von Häusern, Zwangsräumungen und höhere Strafen für in dem Gebiet begangene Straftaten. Außerdem sind dort ansässige Familien verpflichtet, ihr Kind ab dem ersten Jahr in eine Kindertagesstätte zu schicken: "Fatema Abdol-Hamids Sohn war 11 Monate alt, als die Stadtverwaltung ihr mitteilte, dass er bis zu seinem ersten Geburtstag in einer Tagesstätte betreut werden müsse. Da er als Frühgeburt zur Welt kam und für sein Alter noch zu klein war, wollte Abdol-Hamid ihren Sohn zu Hause behalten, bis er zu laufen begann. Sie stellte sich ihn in der Kindertagesstätte vor, unfähig, ein Spielzeug zu erreichen oder sich ohne Hilfe fortzubewegen, und diese Vorstellung gefiel ihr nicht. Da ihr Mann ein syrisches Restaurant betreibt und Abdol-Hamid einen Bachelor-Abschluss anstrebt, hatte sie es nicht eilig, ihn wegzuschicken. Der dänische Staat war jedoch anderer Meinung. Abdol-Hamid, eine in Dänemark geborene Staatsbürgerin, deren palästinensische Eltern vor ihrer Geburt nach Dänemark eingewandert sind, lebt mit ihrer Familie in Vollsmose, dem größten 'Ghetto' Dänemarks. Als Bewohnerin von Vollsmose war die Regierung der Ansicht, dass ihr Sohn Gefahr laufe, nur unzureichend Dänisch zu sprechen und in der Schule schlecht abzuschneiden." Letzendlich erhielt Abdol-Hamid die Erlaubnis für eine Aussetzung der Kindergarten-Pflicht, erzählt Galvin, ein seltsames Gefühl blieb jedoch bestehen.

Magazinrundschau vom 08.04.2024 - Newlines Magazine

Nachdem der ehemalige nigerianische Präsident Mohammedu Buhari per Dekret verfügt hatte, dass die Benin-Bronzen an Oba Ewuare II übergeben werden sollen, entbrannte erneut der Kampf zwischen dem Königspalast und der Nationalen Kommission für Museen und Denkmäler (NCMM), die für die Bewahrung, Förderung und Entwicklung des kulturellen Erbes Nigerias verantwortlich ist. (Unsere Resümees) Seit Buharis Aussagen wurden von den verunsicherten europäischen Museen keine Bronzen mehr an Nigeria zurückgegeben und auch über den Verbleib der bisher restituierten Bronzen ist nichts bekannt, weiß Noah Anthony Enahoro. Auch die nigerianische Kulturwelt ist in der Frage über den rechtmäßigen Besitz gespalten, große Hoffnungen werden in die lang ersehnte  Eröffnung des Edo Museum of West African Art in Benin City gesetzt, das mit der Ernennung der in London lebenden Künstlerin und Schriftstellerin Aindrea Emelife zur Kuratorin für moderne und zeitgenössische Kunst zur Heimat von Artefakten aus dem Königreich Benin werden soll: "Im Gespräch mit The Art Newspaper betonte Emelife, dass die Zusammenarbeit mit westlichen Museen von entscheidender Bedeutung ist, insbesondere wenn es um die Rückgabe von Kunstwerken geht. 'Auf dem Weg zu einem wirklich globalen Kunst-Ökosystem könnte man sich eine echte und gleichberechtigte Zirkulation der Kulturen vorstellen', sagte sie. 'Wenn Kunstwerke, egal ob italienische oder nigerianische, große kulturelle Botschafter sind, sollten diese Werke und der in sie eingebettete Dialog und die Geschichte weltweit zirkulieren, auch in afrikanischen Institutionen.'" Außerdem ernannte Präsident Bola Tinubu Yusuf Tuggar, "der als Botschafter in Deutschland dazu beigetragen hatte, die Übertragung des Eigentums an mehr als 1.000 Bronzen aus Benin im Jahr 2022 auszuhandeln - zum Außenminister. Dies deutet darauf hin, dass sich die neue Regierung darauf vorbereitet, bei der Restitution weiter zu gehen als ihre Vorgänger."

Das Streiten über den Ramadan hat in Tunesien mehr oder weniger Tradition, erklärt Ahmed Nadhif, und verschafft uns einen geschichtlichen Überblick über die tunesische Debatte des Fastenbrechens. Es war der tunesische Präsident Habib Bourguiba, der den Stein ins Rollen brachte, indem er während der Fastenzeit im Jahr 1962 demonstrativ ein Glas Orangensaft trank und seine Mitmenschen aufforderte, es ihm gleich zu tun, erzählt Nadhif. Bourguiba bekam für seinen progressiven Anlauf nicht die Unterstützung, die er sich erhofft hatte - vielmehr forcierte er die Spaltung zwischen konservativen und modernistischen Kräften in Tunesien. Gleichzeitig wurde die Kontroverse um den Ramadan zum Barometer für die politische Stimmung im Land. Dieses Jahr allerdings ist der "heilige Monat seltsam ruhig", beobachtet Nadhif. Ein Grund zur Erleichterung ist das nicht. Seit Juli 2021 hat der autoritär regierende Präsident Kais Saied "sowohl die konservativen als auch die modernistischen Stimmen effektiv an den Rand gedrängt und den politischen Diskurs und die öffentliche Meinung monopolisiert. Diese Dominanz hat einen Schatten auf die übliche Inbrunst der Ramadan-Debatten geworfen und stellt eine deutliche Abweichung von der Norm dar. Man könnte diese Ruhe den konservativen Neigungen Saieds zuschreiben, der eine eher gedämpfte öffentliche Sphäre bevorzugt. Möglicherweise ist sie aber auch auf die harte wirtschaftliche Realität zurückzuführen, mit der die Tunesier konfrontiert sind, einschließlich der steigenden Lebenshaltungskosten und der weit verbreiteten finanziellen Belastung. Während die Bürger mit wirtschaftlicher Not zu kämpfen haben, tritt der Luxus, über Ramadan-Rituale zu debattieren, hinter dringenderen Sorgen zurück. Der gedämpfte Charakter des diesjährigen Ramadan spiegelt nicht nur die politische Stagnation wider, sondern auch die harte Realität des Alltags der Tunesier."

Im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg kämpften die Hui-Muslime erbittert für China, heute steht das chinesische Regime den über 8 Millionen in China lebenden Hui-Muslimen feindselig gegenüber, schreibt Steven Zhou. "Mit Blick auf die Uiguren waren sie "zwar nicht das primäre Ziel des harten Vorgehens der Regierung gegen den Islam, aber sie werden dennoch zunehmend misstrauisch beäugt. Dieses Misstrauen zeigt sich nun in materieller Form. Eine Analyse der Financial Times von über 2.300 Moscheen in ganz China ergab, dass etwa drei Viertel von ihnen entweder von 'nicht-chinesischen' Merkmalen befreit oder sogar völlig zerstört wurden. Die islamische Symbolik wird vom derzeitigen Regime als Bedrohung für China angesehen. Die Geschichte der Hui-Integration ist jedoch eine Geschichte der Suche nach Koexistenz durch Rechtfertigung der Loyalität gegenüber der kaiserlichen und nationalen Führung. Die muslimische Präsenz in China besteht seit etwa einem Jahrtausend - unermesslich länger als die Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas. Zu dieser Geschichte gehört auch die Aufopferung von Hui-Leben während des antijapanischen Widerstands, bei dem religiöse Argumente von chinesischen Muslimführern aggressiv eingesetzt wurden, um die Beteiligung der Hui am Kampf gegen die Japaner zu fördern. All dies scheint im heutigen China vergessen zu sein, wo ein mehrheitlicher Ethno-Nationalismus herrscht. Es ist noch gar nicht so lange her, dass eine starke muslimische Gemeinschaft als wichtiger Bestandteil des Aufbaus einer Nation in China angesehen wurde. Jetzt wird die Han-Mehrheit Chinas durch eine zunehmende Welle der Unterdrückung gegen die muslimischen 'Randgebiete' des Landes ausgespielt, deren Loyalität als verdächtig gilt."

Magazinrundschau vom 28.11.2023 - Newlines Magazine

Khaled Diab blickt auf die tief sitzenden individuellen und kollektiven Traumata der Israelis und Palästinenser, die von Extremisten auf beiden Seiten ausgenutzt werden. Katastrophe werde auf Katastrophe folgen, warnt er: "Israel kann die Hamas nicht zerstören. Das liegt nicht daran, dass die Hamas unbesiegbar ist oder dass es Israel an Feuerkraft mangelt. Das liegt daran, dass 'Hamas' eine Idee ist und man eine Idee nicht auf dem Schlachtfeld töten kann. Tatsächlich läuft das, was Israel jetzt in Gaza tut, Gefahr, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass noch radikalere Bewegungen aus den Trümmern hervortreten, insbesondere da die sozialen Säulen, die die Gemeinschaft zusammenhalten, inmitten der Zerstörung zusammenbrechen. Die große Trauer und das Trauma, die durch die anhaltende Zerstörung des Gazastreifens verursacht werden, könnten einen neuen Kader von Extremisten mit willigen oder auch widerwilligen Rekruten hervorbringen. Israels extremer Militarismus und sein übermäßiges Vertrauen auf die militärische Macht sind zum Teil ein Nebenprodukt eines historischen Traumas, das von Extremisten ausgenutzt wird, um die Öffentlichkeit für das Siedlungsprojekt und die anhaltende Entmachtung der Palästinenser zu unterstützen oder sie als Geisel zu halten. Die Macht, der Machismo und die Prahlerei der stärksten Armee der Region kompensieren in der kollektiven Psyche teilweise das Gefühl vergangener Machtlosigkeit und Schwäche. Auch unter den Palästinensern herrscht eine nicht ungleiche Dynamik der Überschätzung des Nutzens von Gewalt und der Unterschätzung der Entschlossenheit und Entschlossenheit der anderen Seite, allerdings eher aus aktuellen und nicht aus historischen Gründen. Das anhaltende kollektive Trauma der Enteignung hat nicht nur tiefe Schmerzen, sondern auch tiefe Quellen ohnmächtiger Scham über die kollektive Schwäche des palästinensischen Volkes und seine Unfähigkeit, sich zu verteidigen, geschaffen."

"Wer sind wir, wenn unser Zuhause sowohl physisch als auch metaphorisch zerstört wurde?" Dieser Frage widmet sich der aus Syrien nach Großbritannien geflohene Architekt Ammar Azzouz in seinem Buch "Domicide: Architecture, War and the Destruction of Home in Syria", für das er Überlebende zum Verlust ihrer Heimat befragt hat. Er berichtet: "Manche entscheiden sich dafür, sich nicht durch ihre Erfahrungen mit Gewalt und Zerstörung definieren zu lassen und weigern sich, als Überlebende bezeichnet zu werden - entweder aus Stolz oder aus dem Wunsch heraus, weiterzumachen. ... Andere, die versuchen, im Exil ein neues Leben aufzubauen, werden weiterhin von der Erinnerung an den Krieg geplagt, auch wenn sie jetzt relativ komfortabel leben, wie ein Videoclip der syrischen Künstlerin Assala Mostafa Hatem Nasri mit dem Titel 'Brot, Zucker, Heimat' zeigt. Nasri tut so, als höre sie ihren Mann nicht, als er sie fragt, ob sie gesehen hat, was in Syrien passiert. Sie wechselt das Thema und bittet ihn, Brot und Zucker nach Hause zu bringen. Er wiederholt die Frage, und wieder wechselt sie das Thema. Aber als er darauf besteht, geht sie in ihr Wohnzimmer, das sich in einen Ort des Traumas verwandelt, da Bilder von Ruinen und Vertreibung an die Wände projiziert werden. Es ist klar, dass sie zwar nicht über den Krieg sprechen will, aber er beschäftigt sie immer noch, und sie singt: 'Mein Geliebter, ich tue so, als könnte ich dich nicht hören, weil ich Angst habe, eines Tages zerstört zu werden. Wegen all meines Schmerzes habe ich Angst, jemandem meine Gefühle zu beschreiben."

Außerdem: Die Anthropologinnen Ammara Maqsood und Amandas Ong warnen mit Blick auf den Israel-Palästina-Konflikt davor, dass Sprache den Krieg trivialisiert, die Opfer entmenschlicht und die Vergangenheit auslöscht.

Magazinrundschau vom 21.11.2023 - Newlines Magazine

Mit aggressiver Propaganda unterlegt das iranische Regime seine Unterstützung für die Hamas und den Kampf gegen Israel, aber in der iranischen Bevölkerung findet sich kaum noch Zustimmung, schreibt der iranische Journalist Kourosh Ziabari: "Gab es zu Beginn der Revolution von 1979 einen echten nationalen Konsens darüber, dass Widerstand gegen die Politik Israels eine moralische und menschliche Verantwortung sei, so wurde diese Verpflichtung durch die Exzesse der Islamischen Republik zunichte gemacht. Für die jüngere Generation ist der Kampf um das besetzte Land lediglich ein rhetorisches Spielzeug der Führung, um ihren Einfluss in der muslimischen Welt zu stärken. Als der im Exil lebende Ayatollah Ruhollah Khomeini das Narrativ der Revolution formulierte, scharte er seine Anhänger erfolgreich um die Idee der Antipathie gegen die Apartheid in Südafrika und die Besetzung der palästinensischen Gebiete durch Israel, weshalb er beiden Ländern nach 1979 die diplomatische Anerkennung verweigerte. Doch was zu Beginn als humanitäres Prinzip vermarktet wurde, verwandelte sich in Fanatismus und wurde für strategische Zwecke als Waffe eingesetzt, verlor aber zunehmend an Glanz. Viele iranische Steuerzahler halten die militanten Cliquen in Gaza sowie andere Teheraner Stellvertreter wie die libanesische Hisbollah für ein Fass ohne Boden, das ihren Reichtum in unbescheidener Weise verschlingt. Für sie ist das palästinensische Ideal ein Rivale, der sie als Priorität verdrängt hat, wenn ihre Regierung entscheidet, wofür sie ihre Mittel einsetzen will. Es ist nicht nur die Auszahlung von Bargeld an transnationale Kombattanten, die die Wähler verärgert. Sie sind frustriert darüber, dass die Aufmerksamkeit der Regierung fast vollständig von einem Konflikt vereinnahmt wird, mit dem sie nicht unbedingt etwas zu tun haben und der ihnen auch Folgekosten verursacht hat. ... In jüngerer Zeit, wenn Demonstranten ihre wirtschaftlichen Beschwerden zum Ausdruck bringen, ist einer der wiederkehrenden Refrains, die sie singen: 'Gebt Palästina auf; überlegt euch eine Lösung für uns.'"

Vor einigen Wochen hatte Wladimir Putin ein Dekret zur Einberufung von 130.000 Männern zum Wehrdienst unterzeichnet, erstmals galt die Wehrpflicht auch für die von seinen Invasionstruppen besetzten Gebiete der Ukraine, berichtet Martin Kuz, den das Dilemma, vor dem junge ukrainische Männer in den besetzten Gebieten nun stehen, an das Schicksal seines Vaters erinnert, der sich 1943 der Galizien-Division anschloss: "Achtzig Jahre später ist Putin zum geistigen Nachfolger Stalins geworden, ein Zerstörer ohne Gewissensbisse, während er einen neuen russischen Kreuzzug führt, um die Unabhängigkeit der Ukraine zu zerstören, nur drei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Sein Befehl, ukrainische Männer in den besetzten Gebieten zum Eintritt in die russische Armee zu verpflichten, erinnert an den bösartigen Zynismus Stalins, der im Zweiten Weltkrieg Millionen Ukrainer eingezogen hat, nachdem er bereits Millionen ihrer Mitbürger ausgehungert, eingesperrt und hingerichtet hatte. Die Entscheidung, vor der die Männer in den von Russland gehaltenen Gebieten jetzt stehen, unterscheidet sich in zwei entscheidenden Punkten von der unmöglichen Entscheidung, die meinen Vater und seine Generation belastete. Nur ein Diktator hat in diesem Krieg die Ukraine belagert, und der Westen hat seine Grausamkeit voll zur Kenntnis genommen. Dennoch hat sich im wichtigsten Punkt nichts geändert. Russland stellt die größte unmittelbare Bedrohung für die Ukraine und ihre Bevölkerung dar. Während Putin Stalin nachahmt und versucht, die Ukrainer im Interesse der imperialen Ambitionen Moskaus zu versklaven, erinnert seine Völkermordkampagne daran, warum die Galiziendivision ins Leben gerufen wurde."

Außerdem: Layla AlAmmar erzählt die Geschichte der Kalligraphie: "In der Welt der Kalligraphie finden wir einen Mikrokosmos der Debatten, die die arabische Moderne seit der 'nahda' ('arabisches Erwachen') des 19. Jahrhunderts geplagt haben. Es herrscht eine unterschwellige Angst, eine Unruhe, die sich um die gleichen Achsen dreht - konservativ oder fortschrittlich, islamisch oder säkular, entgegenkommend oder radikal, traditionell oder modern - Binär- und Polaritäten, vielleicht ein weiterer westlicher Import."

Magazinrundschau vom 31.10.2023 - Newlines Magazine

Katia Patin berichtet von der unermüdlichen Arbeit von Memorial, der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten russischen Organisation für historische Aufklärung und Aufarbeitung politischer Gewaltherrschaft, die nach der Schließung durch den Obersten Gerichtshof Moskaus mit immer neuen Widerständen konfrontiert wird: "Weltweit sind etwa 200 Mitglieder und Freiwillige von Memorial tätig, knapp die Hälfte davon in Russland. Da jede russische Zweigstelle unabhängig registriert ist, würde es 25 separate Gerichtsverfahren erfordern, um das Netzwerk innerhalb des Landes vollständig zu schließen. Es gibt Satellitenbüros in der Tschechischen Republik, der Ukraine, Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Litauen, Italien, Frankreich, Polen, Israel, Belgien und Schweden. Die Memorial-Außenstellen im Ausland bestanden lange Zeit größtenteils aus einheimischen Historikern, die sich mit der Sowjetzeit befassten, doch jetzt nehmen viele Zweigstellen Mitarbeiter auf, die aus Russland geflohen sind. (…) In Russland nimmt der Druck auf die Mitarbeiter weiter zu. Der Leiter der Memorial-Niederlassung in der sibirischen Stadt Perm wurde im Mai verhaftet, als er versuchte, einen Flug nach Deutschland zu besteigen, und wurde wegen 'Hooliganismus' angeklagt; seitdem befindet er sich in Untersuchungshaft. Büros in Jekaterinburg und anderen Städten werden von den örtlichen Behörden regelmäßig schikaniert und mit willkürlichen Geldstrafen belegt, so dass einige von ihnen kurz vor der Schließung stehen. Ein prominenter Historiker von Memorial, Juri Dmitriev, verbüßt derzeit eine 15-jährige Haftstrafe in einem Gefängnis, die nach Ansicht von Memorial politisch motiviert ist. Beide Männer sind derzeit in Einrichtungen inhaftiert, die einst Teil des sowjetischen Gulag-Systems waren. In Moskau sind neun Memorial-Mitglieder, darunter Polivanova, Zielscheibe einer laufenden strafrechtlichen Untersuchung geworden. Im Mai klagten die Behörden das Memorial-Vorstandsmitglied Oleg Orlow wegen 'Verunglimpfung' des russischen Militärs an, eine neue Straftat in Russland, die mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden kann."

Kimberly St. Julian-Varnon erzählt die Geschichte von afrikanischen Studierenden und Vertragsarbeitern in der DDR, denen trotz antirassistischer Sowjet-Ideologie immer wieder Rassismus begegnete, wie etwa der Fall mosambikanischer Vertragsarbeiter zeigt: "Nahezu 20.000 Mosambikaner zogen nach Ostdeutschland, um eine technische Ausbildung zu absolvieren und einen Arbeitsplatz zu finden, und zwar unter dem Deckmantel eines Programms, bei dem ein Teil ihres Lohns auf Sparkonten angelegt wurde, die sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat nutzen konnten. Diese Männer und Frauen, die heute als 'madgermanes' (d.h. 'made in Germany') bekannt sind, befanden sich nach der Auflösung der DDR im Jahr 1989 in einer unmöglichen Lage. Statt mit ausreichenden Ersparnissen nach Hause zu gehen, um ihre Familien zu versorgen, hatten sie nichts. Seit den 1990er Jahren bemühen sich diese ehemaligen Vertragsarbeiter um Entschädigung durch die deutsche und die mosambikanische Regierung. Sie wurden stets abgewimmelt. Ihnen wurde gesagt, dass der ostdeutsche Staat die Gelder nach Mosambik gezahlt hat, und die mosambikanische Regierung schiebt die Schuld immer noch auf Deutschland. Letztlich sind diese Männer und Frauen sich selbst überlassen, wurden wegen ihrer Zeit in Ostdeutschland oft sozial geächtet und leben in wirtschaftlicher Unsicherheit, weil sie beraubt wurden. An jedem beliebigen Mittwochnachmittag kann man in Maputo, Mosambik, die öffentlichen Proteste der Madgermanes beobachten, die sich dagegen wehren, dass die mosambikanische und die deutsche Regierung ihre Versprechen an sie vergessen. Das tägliche Leben der Vertragsarbeiter unterschied sich von dem der Studenten. Im Gegensatz zu afrikanischen Studenten lebten die Vertragsarbeiter isoliert von ihren deutschen Kommilitonen, oft in kleinen Städten außerhalb von Metropolen wie Ost-Berlin und Dresden. Viele Arbeiter hatten nur wenig Kontakt zu Deutschen. Der Kontakt fand meist am Arbeitsplatz oder in sozialen Einrichtungen wie Clubs oder Kinos nach Feierabend statt. Die Leiharbeiter waren in Wohnheimen und Pensionen untergebracht, die oft keinen Besuch zuließen, insbesondere nicht von ostdeutschen Frauen."

Weitere Artikel: Michael Kranz schreibt über die jüngste Ausgrabung eines Massengrabs im heute westukrainischen Puzniki, in dem dutzende mutmaßlich polnische Zivilisten gefunden wurden, die während des Massakers in Wolhynien ermordet wurden.