Magazinrundschau

Eine ziemlich verzweifelte Sache

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
24.07.2012. In Elet es Irodalom erzählt der Schriftsteller Balázs Györe, wie er versuchte, mit einem Roman seine Stasiakte als Wirklichkeit zu begreifen. Gentlemen's Quarterly fährt nach Utoya. MicroMega erklärt die Eurokrise. In The New Republic erzählt Walter Kirn, wie sein Vater Mormone wurde. Im New York Magazine sieht Martin Amis die gute Energie der Nachkriegsjahre verpuffen. Open Democracy beschreibt die verzweifelte Lage der Frauen in Tschetschenien. In der Paris Review erzählt Brian Cullmann von seiner Begegnung mit Nick Drake. In Filmcomment erinnert sich Bette Davis an einen cleveren Liebhaber.

Gentlemen's Quarterly (USA), 01.08.2012

Sean Flynn hat eine Reportage über den Terroranschlag auf Utoya geschrieben, in der er die Geschehnisse aus der Sicht einiger Überlebender, Eltern und Helfern erzählt. Freddy Lie hatte zwei Töchter an dem Tag auf Utoya, die siebzehnjährige Cathrine, die überlebte und ihre ein Jahr jüngere Schwester Elisabeth, die noch ihren Vater anrief: "Freddys Telefon klingelt um 25 Minuten nach 17 Uhr. Es ist Elisabeth und sie schreit. Sie formt keine Worte, die Freddy verstehen kann und wenn es im Hintergrund Lärm gibt, hört er ihn nicht. Ich weiß nicht. Das Gehirn, es macht dicht. Alles was ich höre ist meine Tochter, die schreit. Er weiß nicht, warum sie schreit oder was passiert ist in den zehn Minuten, seit sie am Telefon über den Regen gescherzt haben. Freddy fürchtet, dass sie vergewaltigt wurde. Seine Freundin Anita Egesvik ist bei ihm. Sie hat auch eine Tochter auf der Insel, Marthe, eine enge Freundin von Elisabeth. Anita ruft sie an, während Elisabeth im Hintergrund schreit. 'Du musst Elisabeth helfen', sagt sie zu Marthe. 'Lauf zu Elisabeth.' Marthe sagt ihrer Mutter: 'Da ist ein Polizist auf der Insel, der Leute erschießt.' Elisabeth ist an eine Wand gekauert, sie hält das Telefon an ihr rechtes Ohr. Martha ruft ihr zu: 'Komm, wir müssen rennen.' Aber Elisabeth rührt sich nicht. Sie bleibt wo sie ist, an die Mauer geduckt. Freddy hört seine Tochter zwei Minuten und sieben Sekunden schreien. Und dann schießt ihr der Mann in der Polizeiuniform in die linke Schläfe. Die Kugel tritt rechts aus ihrem Kopf zerstört das Telefon. Dann schießt der Mann noch zwei mal auf sie. Auf Freddys Seite ist die Leitung tot."
Stichwörter: Lärm, Mutter, Terroranschlag, Utoya

MicroMega (Italien), 20.07.2012

Welches deutsche Medium würde so etwas machen? Micromega bringt ein kostenloses Ebook (hier als pdf-Dokument) heraus, das den Italienern die Eurokrise erklären soll - über ein Jahr lang wurde es erarbeitet. Im Editorial beteuern die Autoren zwar, dass es nicht um Schuldzuweisungen gehen soll - "La Merkel" und ihre Politik der "Austerità" sind nicht die einzigen Verantwortlichen - aber die Tendenz ist deutlich, wie auch ein Kapitel mit der Überschrift "Deutschland über alles" zeigt. Die Autoren resümieren es selber so: "Nicht der politische und wirtschaftliche Einigungsprozess wird in dem Buch beklagt - wir betonen, das dieses Buch zutiefst proeuropäisch ist - , aber sehr wohl der Prozess der Währungsunion. Sie ist schlecht geplant und umgesetzt worden. Aber nicht ohne Ziel. Von Seiten der italienischen Regierung ist sie als Instrument der gewerkschaftlichen und sozialen Disziplinierung interpretiert worden. In diesem Spiel haben die Deutschen gesiegt, und wir haben verloren. Heute stellt die Krise eine neue und noch gieriger aufgegriffene Gelegenheit dar, das selbe Ziel zu verfolgen."
Archiv: MicroMega

New York Review of Books (USA), 16.08.2012

Yasmine El Rashidi berichtet von der absurden Ausbreitung der Bürokratie in Ägypten, wo sich jeder neue Politiker Unterstützung sichert, indem er Jobs im öffentlichen Dienst vergibt. Ahnungslosigkeit beim zuständigen Minister: "Bei einem Treffen mit Ashraf Abdelwahab fragte ich nach den Zahlen: Er nannte die Zahl sieben 'oder vielleicht zwölf'. Millionen? 'Ja, aber ich weiß es nicht genau. Nichts ist sicher, wissen Sie. Es ist schwer an genaue Zahlen zu kommen.' Ich fragte ihn nach der Behörde Capmas (die offizielle Quelle für statistische Daten in Ägypten) und dem National Intelligence Council, beide ein paar Türen weiter auf der prächtigen Straße zum Flughafen - 'Haben die keine Zahlen?' Als wollte er trotz der naiven Frage höflich bleiben, lachte er, und die Unterhaltung ging zu den großen Fragen seines Ministeriums über, zur Dezentralisierung der Regierung, der Reform der Bürokratie, den Kampf gegen die Korruption und die Automatisierung des öffentlichen Dienstes."
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Stichwörter: Bürokratie

Elet es Irodalom (Ungarn), 20.07.2012

Der ungarische Schriftsteller Balázs Györe ist bekannt für seine "Tatsachen-Romane", die das eigene Leben und das Andenken an Familienmitglieder und Freunde beschreiben, stets mit Klarnamen. Der Fiktion lässt er darin keinen Raum. Nun hat Györe, der in den '70er und '80er Jahren von einigen seiner engsten Freunde bespitzelt wurde, die Dokumente seiner Stasi-Akte zu einem Buch verarbeitet, mit dem Titel "Meine Freunde, die auch meine Spitzel waren". Im Gespräch mit dem Literaturkritiker Csaba Károlyi sprach er über den Ansatz, den gesamten Prozess seiner Bespitzelung - von den Vorermittlungen über die Berichte und deren Auswertung bis hin zur Aktenschließung - darzustellen: "Ich wollte, dass dieser ganze Prozess im Buch enthalten ist. Und darin ich, die Spitzel, die damit verbundenen Träume, und auch ich, von außen betrachtet. Ich musste warten, bis meine Wut, meine Emotionen sich gelegt hatten, damit ich keinen Satz niederschrieb, den ich später bereuen würde; ich wollte vielmehr versuchen, das alles aus einer gewissen Entfernung zu betrachten. Gleichzeitig ist es auch wahr, dass man über drei, vier verschiedene Dokumente verfügen muss, um über eine Sache etwas erfahren zu können. Die Wahrheit? - ich wage es kaum, auszusprechen. Wovon ich besessen bin, ist gerade das, wovon auch [die Schriftsteller Miklós] Mészöly und [Géza] Ottlik besessen waren: die extreme Schwierigkeit, die Wirklichkeit zu begreifen. Inwieweit sind wir in der Lage, die Wirklichkeit zu berühren? Können wir uns auch nur eine Handbreit beleuchten? Ich bezweifle es. Ich möchte sehr gern die Wirklichkeit begreifen, mich selbst, die Welt, meine Freunde, meine ehemaligen Freunde begreifen. Die Frage ist, ob dies möglich ist. Dass ich mich ihnen immer mehr annähern will und dabei alles verwende und Daten, Zeit- oder Temperaturangaben festhalte, heißt noch lange nicht, dass ich irgendetwas tatsächlich näher komme. Das ist eine ziemlich verzweifelte Sache."
Stichwörter: 70er, 80er, Stasi

New York Magazine (USA), 22.07.2012

Martin Amis spricht in einem wirklich erschöpfenden Interview mit David Wallace-Wells über seinen neuen Roman "Lionel Asbo. State of England", seinen Umzug in das junge, reflektierte Amerika und die Ähnlichkeit von New York und London: "Sie sind sich ebenbürtig, was die Ungleichheit betrifft, eine wirklich frappierende, böse Sache. In der Mitte des 20. Jahrhundert war der Trend viel egalitärer, die Unterschiede verringerten sich. Aber jetzt ist hier wie in England die Ungleichheit auf dem gleichen Niveau wir vor dem Ersten Weltkrieg. Sie ist auf ein Herrschende-Klasse-mäßiges Niveau zurückgefallen. Die ganz gute Energie hat sich in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren umgekehrt. Ich glaube, es ist für eine Gesellschaft furchtbar demoralisierend, wenn die Kluft so groß wird. Mich quält die Vorstellung, dass Amerika mehr wie eine Plutokratie wird denn wie eine Demokratie wird... Aber der große Unterschied zwischen London und New York ist, dass es wirklich keine Rolle mehr spielt, was in London passiert. Es ist immer noch ein Finanzzentrum, aber politisch spielt es keine Rolle mehr."

Benjamin Wallace geht in einem lesenswerten Text den Spekulationen von Boulevard und Publikum über die Scheidung von TomKat nach und denkt über die Strategien von Katie Holmes nach. Am Ende offeriert auch er eine Erklärung für das Ende dieser Hollywoodehe - und gar keine schlechte!

Paris Review (USA), 10.07.2012

Der amerikanische Musiker und Journalist Brian Cullman erzählt, wie er in jungen Jahren zufällig London-Korrespondent des New Yorker Musikmagazins Crawdaddy wurde. Seine prägendste Erinnerung hat er im Haus des befreundeten Musikers John Martyn, wo er 1970 dem damals 21-jährigen Nick Drake begegnete, vier Jahre vor dessen Tod: "Ein Vorhang von ungekämmten dunklen Haaren hing ihm ums Gesicht und verdeckte alles außer seinen Augen. Er sah als, als wäre er stoned. Er sah aus, als schliefe er. Er sah aus, als sei er die wachste Person in der Geschichte der Menschheit. Alles davon. Jedes Mal, wenn ich diese Szene im Kopf durchspiele, ist sie anders. Und jedes Mal ist sie wahr. Er trug ein ausgefranstes weißes Hemd und Jeans und Stiefel und eine schwarze Cordjacke, die eine Nummer zu groß war. Normalerweise achte ich nicht besonders auf Kleidung, aber mein erster Gedanke war: Wo kriege ich eine schwarze Cordjacke her?"

Hier eine Demo-Aufnahme von Nick Drakes Song "Hazey Jane", der am Ende des Artikels zitiert wird:


Archiv: Paris Review
Stichwörter: Drake, Nick Drake, John Martyn

Open Democracy (UK), 18.07.2012

In seinem Russlandteil hat Open Democracy eine Reihe von Artikeln gesammelt, die sich der Situation von Frauen in Tschetschenien und Dagestan widmen. In beiden russischen Teilrepubliken hat die Islamisierung einen Grad erreicht, der - von steigendem Verhüllungszwang ganz abgesehen - die Unterdrückung und Misshandlung von Frauen schlichtweg billigt, obwohl dies gegen die Gesetze verstößt. Zalina Magomadova findet deutliche Worte: "Unsere Regierung erkllärt uns immer, nach dem Islam dürften wir Frauen dies und jenes nicht tun. Aber keiner scheint sich darum zu kümmern, die soziale Fürsorge für Frauen zu verbessern, Jobs für sie zu schaffen oder ihnen die Bürde harter physischer Arbeit abzunehmen, vor der sie nach dem Islam bewahrt werden müssen. Wie soll eine Frau auf einer Baustelle oder in einem Marktverschlag arbeiten, wenn sie die volle islamische Montur tragen muss, die die Regierung verlangt. Diese Leute picken sich die Regeln aus dem Islam heraus, die in ihre Agenda passen. Und diese Agenda heißt Schikanierung und Unterdrückung der Frauen."

Lisa Kazbekova überlegt, woran es liegt, dass so viele tschetschenische Männer Ramzan Kadyrovs Politik der Islamisierung gerne folgen, obwohl sie den Mann eigentlich hassen. "'Kadyrov hat die Unterstützung der männlichen Bevölkerung dank Fußball, Kopftuch und Propagierung der Polygamie gewonnen', erklärt Amina, Dozentin für Russische Geschichte. Die Rückerlangung der Kontrolle über Frauen war der einfachste Weg, die Selbstachtung der tschetschenischen Männer wieder herzustellen, die in den letzten Jahren stark erschüttert worden war. 'Unsere Männer haben ein kurzes Gedächtnis', fährt Amina fort. Während des Krieges wechselte die Versorgerrolle von den Männern zu den Frauen. Frauen waren nicht nur für die Hausarbeit zuständig, sondern wurde auch die alleinigen Ernährer ihrer Familien. Sie wurden auch, buchstäblich, Beschützer der männlichen Bevölkerung. 'Während des Krieges habe ich immer wieder gesehen, wie Frauen sich unter die Maschinengewehre der Soldaten legten und mit ihren Körpern Ehemänner, Brüder, Söhne und Nachbarn beschützten. Sie haben das sogar für Männer getan, die sie nicht einmal kannten', erinnert sich Amina. Frauen wurden während des Krieges selbstbewusst, während die Männer oft das Haus nicht mehr verließen, weil sie Gefahr liefen, umgebracht zu werden. Frauen qualifizierten sich, setzten ihre Ausbildung fort und nahmen immer mehr Einfluss auf das soziale und politische Leben der Republik. Vielen Männern gefiel diese neue Frauenermächtigung nicht. Und als er an die Macht kam, 'wurde Kadyrow sogar von den Männern unterstützt, die sich den ganzen Krieg lang hinter Frauenröcken versteckt hatten', bemerkt Amina."

Weitere Artikel: Zura Kkatueva beschreibt Fälle häuslicher Gewalt, denen die Frauen ausgeliefert sind, wenn sie nicht ihre Kinder verlieren wollen. Aufgezeichnet ist die Geschichte einer schwer misshandelten jungen Frau. Marina Akhmedova berichtet über mehrere Morde in Dagestan und setzt sich schließlich mit einem Imam zu einem Gespräch zusammen, der ihr erklärt: "Du hast nicht den richtigen Glauben. Du wirst in der Hölle brennen."

Film Comment (USA), 10.07.2012

Geständnisse eines B- und Horror-Movie-Regisseurs: "Ich habe Bette Davis umgebracht", überschreibt Larry Cohen seine lebhaft bizarren bis tief melancholischen Erinnerungen an die Dreharbeiten zu seinem Film "Wicked Stepmother", der als letzter Film von Bette Davis (die die Dreharbeiten überdies aus gesundheitlichen Gründen nach nur einer Woche abbrechen musste) in die Filmgeschichte eingehen würde. In Cohens Erinnerungen erscheint die Schauspielerin als Hollywood-Diva mit großem Stolz, sehr zerbrechlich und voller bezaubernder Grillen: "Jedes Mal, wenn ein Flugzeug über das Haus flog, in dem wir gerade drehten, und damit die Aufnahme ruinierte, flüsterte Bette 'George Brent'. Ich fragte sie, was sie damit sagen wollte. Sie erklärte, dass Brent (der im echten Leben ihr Liebhaber und in zahlreichen Filmen ihr männliches Gegenüber war) ein eigenes Flugzeug besaß und viel Freude am Fliegen hatte. Als Jack Warner ihn eines Tages feuerte und ein Hausverbot über ihn verhängte, drehte Brent einfach mit seinem Privatflieger endlose Kreise über dem Studiogelände. Solange Brent seine Schikanen fortsetzte, war an Tonaufnahmen nicht zu denken. Bald darauf war er bei vollem Lohn wieder eingestellt. Daraufhin schrie ich fortan jedes Mal 'George Brent', wenn ein Flugzeug über unser Set flog, und Bette brach darüber in schallendes Gelächter aus." Film Comment hat auch ein Porträt der Diva aus dem Jahr 1978 online gestellt. Bei Youtube gibt es einige Ausschnitte aus dem Film, in dem die Davis geradezu papieren wirkt:

Archiv: Film Comment

Prospect (UK), 18.07.2012

Tom Phillips, der lange Zeit als britischer Botschafter im Nahen Osten tätig war, legt in zehn Punkten dar, warum es seiner Ansicht nach im israelisch-palästinensischen Konflikt keinen Frieden und keine Zwei-Staaten-Lösung geben kann: Keine Seite ist zum Kompromiss bereit, wie er enttäuscht in darlegt. "Ich kann mir keine amerikanische Regierung vorstellen, die in der Lage wäre, die Israelis zu den Maßnahmen zu drängen, die schlussendlich im Interesse Israels wären. Ich kann mir keine israelische Regierung vorstellen, die in der Lage wäre, die Maßnahmen zu ergreifen, um die Siedlerbewegung in der West Bank und Ost-Jerusalem zu bremsen, um eine zukunftsfähige Zwei-Staaten-Lösung zu erzielen. Es fällt mir schwer, mir eine interne palästinensische Führung vorzustellen, die über die nötige Autorität für Zugeständnisse im Bereich des Rechts auf Heimkehr verfügt, ohne das kein Israeli ein Friedensabkommen unterstützen würde. Und es ist schwierig, eine arabische Regierung kommen zu sehen, die dazu bereit wäre, die Arabische Friedensinitiative auch tatsächlich in Angriff zu nehmen."

Außerdem: Im Zuge der Olympischen Spiele rüstet die britische Polizei auch ihre Kompetenzen zur Überwachung subversiver Social-Media-Aktivitäten auf, beobachtet Jamie Bartlett. Clarissa Far skizziert, welche neuen Herausforderungen Digitalisierung und Vernetzung heute für Hochschulabsolventen darstellen, die sich nicht mehr, wie noch in den 70ern, auf gesichert lukrative Jobangebote nach ihrem Studium verlassen können.
Archiv: Prospect

n+1 (USA), 23.07.2012

Der Schauspieler Joaquin Phoenix und die Regisseurin Sofia Coppola haben im Teenageralter ihren großen Bruder verloren: River Phoenix starb an Drogen, Gio Coppola bei einem Rennbootunfall. In einem sehr interessanten Essay sucht Christopher Glazek, der selbst einen Bruder verloren hat, im filmischen Werk der beiden jüngeren Geschwister nach Spuren der Auseinandersetzung mit diesem Verlust: "Das Trauma, das die von Hollywood enttäuschten Kinder erfahren - die Söhne und Töchter der Phönixes, der Coppolas, der Afflecks, und viele andere - bietet das narrative Muster für jeden, der den ganz gewöhnlichen amerikanischen Albtraum lebt, ohne die Möglichkeit zu haben, ihn auf der Leinwand auszuleben."
Archiv: n+1

New Republic (USA), 02.08.2012

Der Mormonismus treibt die amerikanischen Medien nach wie vor um. Walter Kirn schreibt einen sehr persönlichen Text darüber, was der Mormonismus für seine Familie und ihn bedeutete - und bedeutet. Er half seinem Vater, einem Rechtsanwalt, als er beruflich und familiär der Verzweiflung nahe war. Darauf gebracht hatte ihn ein Ehepaar, dem er auf Reisen begegnet war und das ihm von der Kirche erzählt hatte. "Am nächsten Morgen schreckte er zuhause aus einem Alptraum auf. Meine Mutter drohte ihm an, ihn zu verlassen. Sie hatte genug. Er dachte an das Ehepaar im Flugzeug, öffnete sein Telefonbuch, fand eine Nummer und sagte, dass er Hilfe brauche. Jetzt. Sofort. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage scheint auf solche Verzweiflungsanrufe vorbereitet zu sein. Sie schickte sofort Rettung: ein anderes Ehepaar, um die siebzig. Innerhalb einer Stunde waren sie bei meinem Vater."

David Bell erzählt die Geschichte von den Bibliotheken, die demnächst keine physischen Bücher mehr anzubieten brauchen, bis er auf ein kniffliges kleines Problem stößt: Ebook-Dateien gibt es von rechtefreien und von ganz neuen Büchern. Was ist aber mit den nicht mehr lieferbaren und sogenannten "verwaisten" Werken? "Millionen Bücher, die Google gescannt hat, können nur in 'preview'- oder 'snippet'-Form (oder gar nicht) angesehen werden. Google hat jahrelang mit der Authors Guild und anderen Organisationen verhandelt, um diese Bücher kommerziell zugänglich zu machen. Aber im März wurde die Vereinbarung durch den Richter Denny Chin für nichtig erklärt, und seitdem befinden sich diese Bücher im Schwebezustand." Auch Robert Darntons Projekt einer Digital Public Library of America, so Bell, hat noch keine Antwort auf dieses Problem.

Außerdem erklärt Walter Laqueur in dieser Nummer, warum es gerechtfertigt ist, die Zukunft Europas in den trübsten Farben zu malen.

Archiv: New Republic