Magazinrundschau
Sphäre elektromagnetischer Bosheit
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
26.11.2024. In Granta erzählt der chinesische Dichter Xiao Hai von seinem Leben als Fabrikarbeiter. Die Kunst ist tot und Harper's weint ihr keine Träne nach. Die London Review guckt der Geschichte auf Busen und Hintern. New Lines erzählt von der 1000-jährigen Freundschaft zwischen Türken und Kurden. Die New York Times besucht den iranischen Filmemacher Mohammad Rasoulof, Istories die Deserteure der 20. Garde motorisierte Schützendivision.
Granta (UK), 26.11.2024
Granta hat seine neue Ausgabe China und der zeitgenössischen chinesischen Literatur gewidmet. Das positive Bild, das Redakteur Thomas Meaney in seinem Editorial von China zeichnet, passt nicht ganz dazu, wie der Übersetzer und Journalist Wu Qi im Interview über die literarische Kultur und Szene im heutigen China die Situation am Ende resümiert: "Insgesamt ist die literarische Unabhängigkeit immer noch unser ungelöstes Thema." Wu Qi spricht aber auch darüber, dass es einige neue Autoren in China gibt, die aus der Arbeiterklasse kommen und von ihrem Leben und der Arbeit in den Fabriken erzählen. Einer von ihnen ist der Dichter Xiao Hai, der sechzehn Jahre lang in Fabriken an der Südküste gearbeitet hat: Zum ersten Mal in Shenzen, wo er 2000 als 15-jähriger Junge ankam, um Geld für seine Familie zu verdienen, wie er erzählt. "Mann, war ich glücklich - ich war voller Hoffnung auf mein neues Leben und die immensen Möglichkeiten, die sich mir boten, und ich vergaß völlig, dass ich in einer Fabrik arbeitete und fast jeden Tag Überstunden machen musste. Die Abendbrise trug den Gestank von verbranntem Plastik über das gesamte Fabrikgelände, aber alles, was ich riechen konnte, war Neuheit und Aufregung. So begann ein neues Kapitel in meinem Leben, in dem ich mich von einem fünfzehnjährigen Trottel in einen abgestumpften Mann in den Dreißigern verwandelte, der in Fabriken arbeitete, die mich in jeden Winkel des Landes führten." Nach zwei Monaten - einen Monatslohn behielt die Firma immer als Kaution ein - erhielt Xiao Hai seinen ersten Gehaltsscheck und konnte seine Eltern anrufen. "Ich rief meine Familie immer nach dem Mittagessen an - wenn ich bis zum Ende meiner Abendschicht gewartet hätte, wäre es zu spät gewesen. Diese Mittagspausen waren die zweitschönsten Momente während meiner Zeit in der Fabrik, nur übertroffen von der Auszahlung meines Lohns. Diese langen Gespräche dauerten manchmal mehr als eine halbe Stunde, und ich legte nicht auf, bis es Zeit war, wieder zur Arbeit zu gehen. Ich war immer froh, die Stimmen meiner Eltern zu hören, viel froher als heute, wenn ich mit ihnen spreche. In den letzten Jahren sprechen wir nicht einmal mehr zweimal im Monat miteinander, und ich fürchte mich immer, wenn ihre Nummer auf dem Display meines Telefons erscheint. Wenn ich mit ihnen spreche, werde ich unruhig, weil uns schnell der Gesprächsstoff ausgeht, und sie fragen mich immer, ob ich eine Freundin habe. Die Antwort ist immer nein. Und jedes Mal, wenn sie Und jedes Mal, wenn sie mich fragen, verliere ich ein wenig die Zuversicht, einen zu finden."Lesen darf man außerdem Erzählungen von Yan Lianke, Mo Yan, Zhang Yueran, Shuang Xuetao und Yu Hua.
Desk Russie (Frankreich), 25.11.2024
Der französisch-georgische Wissenschaftler und Forscher Thorniké Gordadze erklärt, warum die jüngsten Wahlen in Georgien und Moldawien so unterschiedliche Ergebnisse lieferten. Während die russische Einflussnahme auf den Wahlausgang in Moldawien sehr aggressiv war, - so enthüllte Maia Sandu 2023 einen Umsturzplan der russischen paramilitärischen Gruppe Wagner - war das in Georgien gar nicht nötig. Denn die Kontrolle der Regierungspartei "Georgischer Traum" über den bürokratischen Apparat verschaffte Russland einen erheblichen Vorteil gegenüber den prorussischen Kräften in Moldawien. Der "Georgische Traum" besitzt "unschätzbare Werkzeuge", so Gordadze, um Wahlen zu verfälschen: "Jedes staatliche Ministerium und jede Behörde wurde mobilisiert, um personenbezogene Daten zu fast jedem georgischen Wähler bereitzustellen, was der Regierungspartei die exklusive Möglichkeit gab, Einfluss auf sie zu nehmen. Beispielsweise stellte das Ministerium für Gesundheit und Soziales Listen von Sozialhilfeempfängern, Teilnehmern an staatlichen Medikamentenverteilungsprogrammen, Antragstellern für eine staatliche Krankenversicherung, bei Entwöhnungsprogrammen registrierten Personen und Krebspatienten zur Verfügung. Dank dieser vertraulichen Informationen war der 'Georgische Traum' in der Lage, seine Kampagne auf individuelle Bedürfnisse abzustimmen, was zur Folge hatte, dass die Stimmen kommerzialisiert wurden. Den Wählern wurden Dienstleistungen angeboten, die speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten waren, etwa Hilfe beim Kauf von Medikamenten, Kinderbetreuung oder die Verteilung von Methadon an Menschen, die an Drogenbehandlungsprogrammen teilnahmen. Die Gefängnisverwaltung und das Justizministerium konnten eine vollständige Liste der Personen auf Bewährung, der Personen, die ihre Strafe in Strafvollzugsanstalten verbüßen, der Art ihrer Straftaten und der Länge ihrer Strafe bereitstellen. Da die RG die einzige Quelle dieser Informationen war, war sie in der Lage, Familien als Gegenleistung für ihre Stimme Amnestien und Strafminderungen anzubieten."Harper's Magazine (USA), 26.11.2024
Ist Kunst endgültig tot? Dean Kissick ist ein Kritiker und Kurator. Seine große Erinnerung an die Kunst ist die an die Kunst von vorgestern, als der "Hurrikan" und Kurator Hans Ulrich Obrist, dessen Assistent Kissick einst war, durch die Welt raste und der Kunst einen Overkill an Connectivity bescherte, aber dann kam ein Bruch, den Kissick auf die Documenta 14 von 2017 datiert. Es folgte eine Repolitisierung der Kunst durch eine "unerwarteter Menge albanischer Maler des sozialistischen Realismus" und vor allem die Invasion des Indigenen, von denen man die Zauberformel für alle Übel der Gegenwart ersehnte. "Die Zelebrierung der Identität in solch traditionellen Stilen ist inhaltlich fortschrittlich, aber in der Form konservativ", schreibt Kissick, der noch nicht mal auf die totale moralische Katastrophe der Documenta 15 zu sprechen kommt und damit auch die Hälfte der Wahrheit schuldig bleibt - nämlich dass der Postkolonialismus auch in der Kunst womöglich nur ein anderer Name für Antisemitismus ist. Seine Sicht der Dinge: "Vor einem halben Jahrhundert beklagte Tom Wolfe auf diesen Seiten, dass mit der zunehmenden Abstraktion und Entobjektivierung der modernen Kunst und den strengen Interpretationsvorgaben der führenden Kritiker das Werk in seiner Erscheinung der Theorie untergeordnet werde, die es zu erklären vorgab. In den folgenden Jahrzehnten begannen Kritiker, Künstler und Kuratoren gleichermaßen, zeitgenössische Kunstwerke in Beziehung zu mehr oder weniger jedem Untergenre der zeitgenössischen Philosophie zu setzen - Dekonstruktion, Poststrukturalismus, spekulativer Realismus, Akzelerationismus, Pataphysik, Psychogeografie. Nun, da sich die Bandbreite der Kunst dramatisch verengt hat, haben sich auch die theoretischen Rahmen, die zu ihrer Interpretation verwendet werden, verengt, und die Beschreibungen der Werke werden von der Sprache der dekolonialen oder queeren Theorie dominiert." Und das Ergebnis? "Wir belügen uns gegenseitig und uns selbst, dass all diese langweiligen Arbeiten inspirierend seien, dass sie einen Einfluss darauf hätten, wie sich Meinungen bilden und Herzen gewonnen werden, aber das stimmt natürlich nicht. Es interessiert niemanden, und das ist auch der Grund, warum sich die Ausstellungen so leblos anfühlen."Istories (Lettland / Russland), 19.11.2024
London Review of Books (UK), 26.11.2024

New Lines Magazine (USA), 26.11.2024
Man kann es sich angesichts der aktuellen Situation kaum vorstellen, aber Türken und Kurden können auf ein ganzes Jahrtausend der Zusammenarbeit zurückblicken, das erst von der Politik der letzten hundert Jahre überschattet wurde. Hussain Jummo zeichnet die Geschichte kurdischer und türkischer Allianzen nach: Emblematische Daten sind beispielweise die Schlacht bei Manzikert im Jahr 1071, in dem die Kurden den Seldschuken dabei halfen, die byzantinische Armee unter Kaiser Romanos IV zu schlagen. Bis heute gesteht Erdogan nicht ein, welche zentrale Rolle die Kurden in der türkischen Nationalgeschichte spielten, so Jummo. Auch die Schlacht bei Tschaldiran im Jahr 1514, bei denen die Osmanen gegen das Persische Reich siegten, hätte ohne die Mithilfe der Kurden nicht gewonnen werden können. Das 20. Jahrhundert hat dieser gemeinsamen Geschichte ein Ende gesetzt: "Bis 1919 blieben nur die zentralen Regionen Anatoliens, Kurdistans und des Schwarzen Meeres von europäischer Besatzung verschont. Von diesen Regionen aus begann der nationale Widerstand, der im türkischen Unabhängigkeitskrieg von 1922 kulminierte. Die Kurden vereinigten sich erneut mit den Türken, trotz innerer Spaltungen zwischen jenen, die an der Seite der türkischen Nationalbewegung kämpfen wollten, und jenen, die einen unabhängigen kurdischen Staat anstrebten. Am Ende entschieden sich die meisten für eine gemeinsame Heimat. Dies wurde 1920 mit dem Nationalpakt formalisiert, den Atatürk in Absprache mit kurdischen Führern entwarf. Der Pakt sollte einen Neuanfang schaffen und einen gemeinsamen Staat vorsehen, der beide Völker vor existentiellen Bedrohungen schützen sollte. Damals enthielt er keinen türkisch-nationalistischen Inhalt. Beide Seiten versprachen, dass die Große Nationalversammlung in Ankara sich um die Rückgewinnung der unter britisches und französisches Mandat gefallenen Gebiete in Syrien und im Irak bemühen werde, darunter die Städte Aleppo und Mosul. All dies wurde auf den Kopf gestellt, als Atatürk 1923 die türkische Republik ausrief. Die Kurden lehnten das neue Regime ab, das ihre Existenz leugnete. 1925 führten Persönlichkeiten wie Scheich Hamid Pascha einen kurdischen Aufstand gegen die Republik an, der jedoch durch ein brutales Vorgehen und Hinrichtungen niedergeschlagen wurde, die das Unabhängigkeitsgericht in Diyarbakir genehmigt hatte. Trotzdem diente die frühere Zusammenarbeit in dem seither anhaltenden Konflikt als Vision für eine Zukunft türkisch-kurdischer Freundschaft."Goworit Nemoskwa (Russland), 20.11.2024
Criterion Collection (USA), 29.10.2024
New Yorker (USA), 25.11.2024
Nachdem KI in letzter Zeit große Entwicklungssprünge gemacht hat, sind jetzt Roboter an der Reihe, erzählt im New Yorker James Somers, der einige Roboter-Labore besucht hat. Es ist schwierig, Robotern menschliches Verhalten wie Hemdenfalten beizubringen, aber es geht: Mit bestärkendem Lernen, das Belohnungen ermöglicht, wenn eine Aufgabe erfolgreich absolviert wird. Aber ist es wirklich erstrebenswert, dass Roboter uns unliebsame Alltagsaufgaben abnehmen? Was steht in moralischer Hinsicht auf dem Spiel? "Es ist leicht, den Reiz darin zu sehen - und sich die Risiken vorzustellen, so viel Kontrolle über die Welt aufzugeben. Schon jetzt finden wir es schwierig, KI zu kontrollieren. Aus Sicherheitsgründen ist es Chatbots untersagt, bestimmten Content zu produzieren - aber es ist sebst für Amateure leicht, das mit simplen Prompts zu durchbrechen. Wenn eine künstliche Intelligenz gefährlich ist, die über Waffen spricht, stellen Sie sich eine K.I. vor, die eine Waffe ist: Ein humanoider Soldat, eine Sniper-Drone, eine Bombe, die denken kann (…) Im Ukrainekrieg wurden Fotografie-Drohnen in ferngesteuerte Explosiva verwandelt. Wenn solche Drohnen autonom werden, könnten die Militärs behaupten, diesen oder jenen Angriff nicht in Auftrag gegeben zu haben - sondern ihre Roboter. 'Es ist nicht möglich, ein unbelebtes Objekt zu bestrafen', hat Noel Sharkey geschrieben, ein emeritierter Informatikprofessor an der University of Sheffield. 'In der Lage zu sein, Verantwortung zuzuordnen, ist essentieller Bestandteil der Kriegsgesetzgebung. Es wird geschätzt, dass mehr als neunzig Länder Militärroboterprogramme haben, die meisten beinhalten Drohnen. Einige der größten Militärmächte der Welt haben gegen eine UN-Resolution gestimmt, die die Nutzung dieser Roboter einschränken." Bezüglich der Alltagstauglichkeit solcher humanoiden Helfer, etwa im Haushalt, fasst der Philosophieprofessor Mark Coeckelbergh zusammen: "Nicht alle Aufgaben sollten von Robotern übernommen werden. Wir haben es in der Hand. Es ist wie eine Denkaufgabe: Welche Jobs wollen wir Menschen erledigen lassen?"La vie des idees (Frankreich), 19.11.2024
Tablet (USA), 20.11.2024
HVG (Ungarn), 21.11.2024

New York Times (USA), 26.11.2024
Amir Ahmadi Arian trifft sich in New York mit Mohammad Rasoulof, mehrere Monate nachdem der Regisseur, dem im Iran eine mehrjährige Haftstrafe drohte, sein Heimatland fluchtartig verlassen hatte. Arian rekapituliert noch einmal die thrillerartigen Umstände der Flucht und stellt Rasoulofs neuesten Film, "Die Saat des heiligen Feigenbaums", vor. Probleme mit dem autoritären Regime in Teheran sind für den Filmemacher freilich nichts Neues: "Während seiner letzten Gefängnisstrafe, wurde Rasoulof für eine Operation ins Krankenhaus gebracht. Während seiner einwöchigen Genesung bewachten ihn rund um die Uhr jeweils drei Wachen in seinem Krankenzimmer. (…) Während der ersten Schicht brachte einer der Wachen Rasoulofs Film 'Doch das Böse gibt es nicht' auf einem USB-Stick mit, und sie sahen sich den Film auf dem Fernseher in seinem Krankenzimmer an. Eine der Geschichten zeigt eine Gruppe von Wehrpflichtigen, die mit der Durchführung einer Hinrichtung durch Erhängen beauftragt sind. In einem Raum voller Etagenbetten kann ein junger Soldat, der seine erste Hinrichtung durchführen soll, nicht schlafen. Er ist erschüttert und ihm ist übel, er telefoniert immer wieder mit seiner Freundin und fleht sie an, ihm zu helfen. Die Gruppe junger Männer diskutiert leidenschaftlich über die Ethik ihrer Aufgabe. Einige argumentieren, dass sie lediglich dem Gesetz des Landes folgen. Andere sind der Meinung, dass Töten Töten bleibt und ein Mensch die Freiheit hat, Befehle zu verweigern, die er moralisch verwerflich findet. Im Krankenzimmer Rasoulofs sahen die Wachen den Film und dankten ihm überschwänglich für die ehrliche Darstellung ihres Lebens und ihrer Sorgen. Anschließend gaben sie den USB-Stick an die nächste Schicht weiter. Während seines gesamten Krankenhausaufenthalts musste Rasoulof seinen Film einmal täglich mit seinen Bewachern ansehen."1 Kommentar



