Magazinrundschau

Sphäre elektromagnetischer Bosheit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
26.11.2024. In Granta erzählt der chinesische Dichter Xiao Hai von seinem Leben als Fabrikarbeiter. Die Kunst ist tot und Harper's weint ihr keine Träne nach. Die London Review guckt der Geschichte auf Busen und Hintern. New Lines erzählt von der 1000-jährigen Freundschaft zwischen Türken und Kurden. Die New York Times besucht den iranischen Filmemacher Mohammad Rasoulof, Istories die Deserteure der 20. Garde motorisierte Schützendivision.

Granta (UK), 26.11.2024

Granta hat seine neue Ausgabe China und der zeitgenössischen chinesischen Literatur gewidmet. Das positive Bild, das Redakteur Thomas Meaney in seinem Editorial von China zeichnet, passt nicht ganz dazu, wie der Übersetzer und Journalist Wu Qi im Interview über die literarische Kultur und Szene im heutigen China die Situation am Ende resümiert: "Insgesamt ist die literarische Unabhängigkeit immer noch unser ungelöstes Thema." Wu Qi spricht aber auch darüber, dass es einige neue Autoren in China gibt, die aus der Arbeiterklasse  kommen und von ihrem Leben und der Arbeit in den Fabriken erzählen. Einer von ihnen ist der Dichter Xiao Hai, der sechzehn Jahre lang in Fabriken an der Südküste gearbeitet hat: Zum ersten Mal in Shenzen, wo er 2000 als 15-jähriger Junge ankam, um Geld für seine Familie zu verdienen, wie er erzählt. "Mann, war ich glücklich - ich war voller Hoffnung auf mein neues Leben und die immensen Möglichkeiten, die sich mir boten, und ich vergaß völlig, dass ich in einer Fabrik arbeitete und fast jeden Tag Überstunden machen musste. Die Abendbrise trug den Gestank von verbranntem Plastik über das gesamte Fabrikgelände, aber alles, was ich riechen konnte, war Neuheit und Aufregung. So begann ein neues Kapitel in meinem Leben, in dem ich mich von einem fünfzehnjährigen Trottel in einen abgestumpften Mann in den Dreißigern verwandelte, der in Fabriken arbeitete, die mich in jeden Winkel des Landes führten." Nach zwei Monaten - einen Monatslohn behielt die Firma immer als Kaution ein - erhielt Xiao Hai seinen ersten Gehaltsscheck und konnte seine Eltern anrufen. "Ich rief meine Familie immer nach dem Mittagessen an - wenn ich bis zum Ende meiner Abendschicht gewartet hätte, wäre es zu spät gewesen. Diese Mittagspausen waren die zweitschönsten Momente während meiner Zeit in der Fabrik, nur übertroffen von der Auszahlung meines Lohns. Diese langen Gespräche dauerten manchmal mehr als eine halbe Stunde, und ich legte nicht auf, bis es Zeit war, wieder zur Arbeit zu gehen. Ich war immer froh, die Stimmen meiner Eltern zu hören, viel froher als heute, wenn ich mit ihnen spreche. In den letzten Jahren sprechen wir nicht einmal mehr zweimal im Monat miteinander, und ich fürchte mich immer, wenn ihre Nummer auf dem Display meines Telefons erscheint. Wenn ich mit ihnen spreche, werde ich unruhig, weil uns schnell der Gesprächsstoff ausgeht, und sie fragen mich immer, ob ich eine Freundin habe. Die Antwort ist immer nein. Und jedes Mal, wenn sie Und jedes Mal, wenn sie mich fragen, verliere ich ein wenig die Zuversicht, einen zu finden."

Lesen darf man außerdem Erzählungen von Yan Lianke, Mo Yan, Zhang Yueran, Shuang Xuetao und Yu Hua.
Archiv: Granta

Desk Russie (Frankreich), 25.11.2024

Der französisch-georgische Wissenschaftler und Forscher Thorniké Gordadze erklärt, warum die jüngsten Wahlen in Georgien und Moldawien so unterschiedliche Ergebnisse lieferten. Während die russische Einflussnahme auf den Wahlausgang in Moldawien sehr aggressiv war, -  so enthüllte Maia Sandu 2023 einen Umsturzplan der russischen paramilitärischen Gruppe Wagner - war das in Georgien gar nicht nötig. Denn die Kontrolle der Regierungspartei "Georgischer Traum" über den bürokratischen Apparat verschaffte Russland einen erheblichen Vorteil gegenüber den prorussischen Kräften in Moldawien. Der "Georgische Traum" besitzt "unschätzbare Werkzeuge", so Gordadze, um Wahlen zu verfälschen: "Jedes staatliche Ministerium und jede Behörde wurde mobilisiert, um personenbezogene Daten zu fast jedem georgischen Wähler bereitzustellen, was der Regierungspartei die exklusive Möglichkeit gab, Einfluss auf sie zu nehmen. Beispielsweise stellte das Ministerium für Gesundheit und Soziales Listen von Sozialhilfeempfängern, Teilnehmern an staatlichen Medikamentenverteilungsprogrammen, Antragstellern für eine staatliche Krankenversicherung, bei Entwöhnungsprogrammen registrierten Personen und Krebspatienten zur Verfügung. Dank dieser vertraulichen Informationen war der 'Georgische Traum' in der Lage, seine Kampagne auf individuelle Bedürfnisse abzustimmen, was zur Folge hatte, dass die Stimmen kommerzialisiert wurden. Den Wählern wurden Dienstleistungen angeboten, die speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten waren, etwa Hilfe beim Kauf von Medikamenten, Kinderbetreuung oder die Verteilung von Methadon an Menschen, die an Drogenbehandlungsprogrammen teilnahmen. Die Gefängnisverwaltung und das Justizministerium konnten eine vollständige Liste der Personen auf Bewährung, der Personen, die ihre Strafe in Strafvollzugsanstalten verbüßen, der Art ihrer Straftaten und der Länge ihrer Strafe bereitstellen. Da die RG die einzige Quelle dieser Informationen war, war sie in der Lage, Familien als Gegenleistung für ihre Stimme Amnestien und Strafminderungen anzubieten."
Archiv: Desk Russie

Harper's Magazine (USA), 26.11.2024

Ist Kunst endgültig tot? Dean Kissick ist ein Kritiker und Kurator. Seine große Erinnerung an die Kunst ist die an die Kunst von vorgestern, als der "Hurrikan" und Kurator Hans Ulrich Obrist, dessen Assistent Kissick einst war, durch die Welt raste und der Kunst einen Overkill an Connectivity bescherte, aber dann kam ein Bruch, den Kissick auf die Documenta 14 von 2017 datiert. Es folgte eine Repolitisierung der Kunst durch eine "unerwarteter Menge albanischer Maler des sozialistischen Realismus" und vor allem die Invasion des Indigenen, von denen man die Zauberformel für alle Übel der Gegenwart ersehnte. "Die Zelebrierung der Identität in solch traditionellen Stilen ist inhaltlich fortschrittlich, aber in der Form konservativ", schreibt Kissick, der noch nicht mal auf die totale moralische Katastrophe der Documenta 15 zu sprechen kommt und damit auch die Hälfte der Wahrheit schuldig bleibt - nämlich dass der Postkolonialismus auch in der Kunst womöglich nur ein anderer Name für Antisemitismus ist. Seine Sicht der Dinge: "Vor einem halben Jahrhundert beklagte Tom Wolfe auf diesen Seiten, dass mit der zunehmenden Abstraktion und Entobjektivierung der modernen Kunst und den strengen Interpretationsvorgaben der führenden Kritiker das Werk in seiner Erscheinung der Theorie untergeordnet werde, die es zu erklären vorgab. In den folgenden Jahrzehnten begannen Kritiker, Künstler und Kuratoren gleichermaßen, zeitgenössische Kunstwerke in Beziehung zu mehr oder weniger jedem Untergenre der zeitgenössischen Philosophie zu setzen - Dekonstruktion, Poststrukturalismus, spekulativer Realismus, Akzelerationismus, Pataphysik, Psychogeografie. Nun, da sich die Bandbreite der Kunst dramatisch verengt hat, haben sich auch die theoretischen Rahmen, die zu ihrer Interpretation verwendet werden, verengt, und die Beschreibungen der Werke werden von der Sprache der dekolonialen oder queeren Theorie dominiert." Und das Ergebnis? "Wir belügen uns gegenseitig und uns selbst, dass all diese langweiligen Arbeiten inspirierend seien, dass sie einen Einfluss darauf hätten, wie sich Meinungen bilden und Herzen gewonnen werden, aber das stimmt natürlich nicht. Es interessiert niemanden, und das ist auch der Grund, warum sich die Ausstellungen so leblos anfühlen."

Istories (Lettland / Russland), 19.11.2024

Irina Dolinina und Polina Uzhvak haben recherchiert, was aus den rund 1000 Fahnenflüchtigen der russischen 20. Guards Motor Rifle Division wurde. Diese sogenannten "Sochniks" flüchteten wegen des gefährlichen Einsatzes an der Front, aber auch wegen zu spät ausgezahltem Lohn. Manche spielen jetzt mit dem Gedanken zurückzukehren: "Anton, ein mobilisierter 'Sochnik' aus der 20. Division, mit dem IStories gesprochen hat, ist nur einer von denen, die an die Front zurückzukehren wollen, nachdem sie sich unerlaubt entfernt hatten. Er sagt, dass er die Einheit 'wegen familiärer Probleme' verlassen habe (er hat zwei kleine Kinder und seit langem keinen Sold mehr erhalten), und er kehrt zurück, weil 'er nicht auf der Fahndungsliste der Regierung stehen will oder Beziehungen zerstören, weil dann seine Kinder später Probleme haben würden' und weil 'jemand da sein muss, es gibt nicht genug Leute [an der Front]'. Einige kehren aus dem Urlaub zurück, nachdem sie im zivilen Leben Verbrechen begangen haben. (...) Anton erzählt, dass viele seiner Kameraden ihre Einheit unerlaubt verlassen hätten, aber die meisten kehrten schließlich zurück und verhandelten mit ihren Kommandanten, um eine Bestrafung zu vermeiden: 'Sie konnten ihren Platz im zivilen Leben nicht finden. Hier draußen herrscht ein reges Treiben, aber dort ist es vertrauter. Sie haben lange gewartet und überlegt, ob sie zurückkehren oder ins Gefängnis gehen wollen. Am Ende haben sie sich für die Rückkehr entschieden. Ich stehe mit den meisten von ihnen in Kontakt, und sie sind alle am Leben, keiner von ihnen bereut es. Ich habe noch nie gehört, dass jemand vor Gericht landete.'"
Archiv: Istories

London Review of Books (UK), 26.11.2024

Unterwäsche im Rijksmuseum


Teils amüsiert, teils erschrocken schaut sich Clare Bucknell in der Ausstellung "Under/Wear" um, die derzeit im Amsterdamer Rijksmuseum zu sehen ist. Ausgestellt wird die Unterwäschemode mehrerer Jahrhunderterte. Darunter finden sich zahlreiche Exponate, die heute reichlich absurd anmuten: "Im Jahr 1856 wurden in Frankreich die ersten Käfig-Krinolinen hergestellt - stählerne Reifröcke mit breitem Umfang, die stark genug waren, um voluminöse, glockenförmige Röcke zu stützen. Viel wurde über die Gefahren diskutiert, die die größten und unhandlichsten Modelle dieser Art mit sich brachten. Florence Nightingale, die sie verabscheute, behauptete, dass allein in den Jahren 1863 und 1864 insgesamt 277 Frauen durch das Entflammen ihrer Krinolinen ums Leben gekommen seien. Ein zeitgenössischer niederländischer Comicstrip, 'Het Nut eener Crinoline' ('Der Nutzen einer Krinoline'), zeigt eine Reihe absurder Szenen auf dem Land, in denen eine modisch gekleidete Frau mit Krinoline und verschiedene verdutzte Tiere in Konflikt geraten: Ein angreifender Ziegenbock verfängt sich im Gestell der Krinoline und reißt sie unter ihrem Rock hervor; ein Storch erspäht sie von oben und trägt sie fort, um daraus ein Nest zu bauen. In den 1870er Jahren kamen sogenannte Tournüren, beziehungsweise 'Kleidverbesserer', auf den Markt - Stahlgestelle, die hinten übertrieben hervorstanden, um eine figurbetonte Silhouette mit Fokus auf das Gesäß zu schaffen. Eine röhrenförmige Tournüre im Rijksmuseum (ca. 1880-84), die aus Halbreifen besteht, die in gestreiftem Baumwollstoff eingenäht sind, sollte bewirken, dass der Rock der Trägerin wie ein Wasserfall darüberfließt. Ein weiteres Exponat zeigt ein schwarzes gepolstertes Kissen, um Volumen zu erzeugen, ganz im Stil von Kim Kardashian. Manche Tournüren waren wahre Ingenieurskunstwerke. Das Modell 'New Phantom' (1887-88), das von den Londoner Schneidern Stapley und Smith patentiert wurde, ließ sich wie eine Ziehharmonika zusammenfalten, wenn die Trägerin sich setzte."

New Lines Magazine (USA), 26.11.2024

Man kann es sich angesichts der aktuellen Situation kaum vorstellen, aber Türken und Kurden können auf ein ganzes Jahrtausend der Zusammenarbeit zurückblicken, das erst von der Politik der letzten hundert Jahre überschattet wurde. Hussain Jummo zeichnet die Geschichte kurdischer und türkischer Allianzen nach: Emblematische Daten sind beispielweise die Schlacht bei Manzikert im Jahr 1071, in dem die Kurden den Seldschuken dabei halfen, die byzantinische Armee unter Kaiser Romanos IV zu schlagen. Bis heute gesteht Erdogan nicht ein, welche zentrale Rolle die Kurden in der türkischen Nationalgeschichte spielten, so Jummo. Auch die Schlacht bei Tschaldiran im Jahr 1514, bei denen die Osmanen gegen das Persische Reich siegten, hätte ohne die Mithilfe der Kurden nicht gewonnen werden können. Das 20. Jahrhundert hat dieser gemeinsamen Geschichte ein Ende gesetzt: "Bis 1919 blieben nur die zentralen Regionen Anatoliens, Kurdistans und des Schwarzen Meeres von europäischer Besatzung verschont. Von diesen Regionen aus begann der nationale Widerstand, der im türkischen Unabhängigkeitskrieg von 1922 kulminierte. Die Kurden vereinigten sich erneut mit den Türken, trotz innerer Spaltungen zwischen jenen, die an der Seite der türkischen Nationalbewegung kämpfen wollten, und jenen, die einen unabhängigen kurdischen Staat anstrebten. Am Ende entschieden sich die meisten für eine gemeinsame Heimat. Dies wurde 1920 mit dem Nationalpakt formalisiert, den Atatürk in Absprache mit kurdischen Führern entwarf. Der Pakt sollte einen Neuanfang schaffen und einen gemeinsamen Staat vorsehen, der beide Völker vor existentiellen Bedrohungen schützen sollte. Damals enthielt er keinen türkisch-nationalistischen Inhalt. Beide Seiten versprachen, dass die Große Nationalversammlung in Ankara sich um die Rückgewinnung der unter britisches und französisches Mandat gefallenen Gebiete in Syrien und im Irak bemühen werde, darunter die Städte Aleppo und Mosul. All dies wurde auf den Kopf gestellt, als Atatürk 1923 die türkische Republik ausrief. Die Kurden lehnten das neue Regime ab, das ihre Existenz leugnete. 1925 führten Persönlichkeiten wie Scheich Hamid Pascha einen kurdischen Aufstand gegen die Republik an, der jedoch durch ein brutales Vorgehen und Hinrichtungen niedergeschlagen wurde, die das Unabhängigkeitsgericht in Diyarbakir genehmigt hatte. Trotzdem diente die frühere Zusammenarbeit in dem seither anhaltenden Konflikt als Vision für eine Zukunft türkisch-kurdischer Freundschaft."

Goworit Nemoskwa (Russland), 20.11.2024

In einem lesenwerten Interview im unabhängigen Medium Goworit Nemoskwa (mehr hier und hier die deutsche Übersetzung bei Dekoder) spricht die russische Journalistin Farida Kurbangalejewa mit dem Politikwissenschaftler Michail Sawwa und dem Verfassungsrechtler Ilja Schablinski über Kriegsverbrechen der russischen Armee und die Folgen. Schablinski geht auf Parallelen zwischen einem möglichen Prozess gegen die russische Führung und die Nürnberger Prozesse ein: "Die Ideologie muss verurteilt werden. Bei den Nürnberger Prozessen sind bestimmte Aspekte der NS-Ideologie für unrechtmäßig erklärt worden. Heute muss die Ideologie des imperialen russischen Nationalismus verurteilt werden, der lange Zeit, noch vor zehn Jahren, ganz harmlos wirkte. Jetzt hat er sich als blutrünstiges Monster erwiesen. Das muss festgestellt werden. Ich fürchte überhaupt, dass Russland aus dem Schicksal Deutschlands keine Schlüsse für sich selbst gezogen hat. Ein Teil der Menschen in Russland hat einfach gedacht: 'Wir haben recht. Das Dritte Reich war böse, aber unser Reich ist gut, unser Imperialismus ist legitim.' Sie haben Deutschlands Schicksal als Rechtfertigung des eigenen Imperialismus gesehen. Seit dem Amtsantritt Putins hat der Staat sie darin unterstützt und ihnen - vor allem in den letzten 15 Jahren - gezielt eingeredet, der russische Imperialismus sei eine Art höhere Existenzform des russischen Staates. Das ist übelster Nationalismus. Mit Hochmut und Verachtung fing es an, und während des Krieges kam dann der Hass. Diesem Imperialismus muss ein für alle Mal ein Ende bereitet werden. Um welchen Preis, kann ich nicht sagen. Das Gericht muss dabei seine Aufgabe erfüllen."

Criterion Collection (USA), 29.10.2024

Criterion zeigt derzeit eine kleine Auswahl japanischer Horrorfilme - im Online-Magazin des US-Arthouse-Streamers flankiert der Filmkritiker Michael Atkinson die Reihe mit einem Essay, der von den New-Wave-Horrorfilmen der Sechziger bis zur J-Horrorwelle um die Jahrtausendwende reicht. Insbesondere letztere, entstanden zur Zeit des großen Medienumbruchs, der uns bis heute beschäftigt, sprechen bis heute zu uns, versichert Atkinson: "Die Filmemacher tauchten ein in das allgemeine Unbehagen des Lebens im späten 20. Jahrhundert, inklusive, so hervorstechend wie vorherwissend, in die Geisterhaftigkeit der digitalen Technologie. Nachdem sie im Tech-Sektor seit den Sechzigern weltweit führend waren, sahen die Japaner als erste diese neo-unheimliche Modernität auf uns zukommen." Zu den Pionieren zählt natürlich Hideo Nakatas Medienhororfilm "Ring" von 1998, doch war es Kiyoshi Kurosawa, der "später das machte, was wohl als definitives Geschoss an neo-kafkaesker Beklemmung der heraufdämmernden Internet-Ära durchgehen mag: 'Pulse' aus dem Jahr 2001, der den VHS-Bildschirmschrecken aus 'Ring' dahingehend aktualisierte, indem er die Auffassung erforschte, dass das Netz selbst - physisch wie virtuell - eine Art unverschließbarer Zugangspunkt zum Reich der Toten ist. ... Wie 'Ring' deutet 'Pulse' auf eine beunruhigende Metaphysik hin: Beide Filme handeln von einer im Unbekannten liegenden Sphäre elektromagnetischer Bosheit, die ihre eigene Agenda verfolgt. Alles in allem ist die virtuelle Welt fast schon buchstäblich eine Astralebene und für Kurosawa ist sie eine höllenhafte Anderswelt, die in unsere Welt hineinsickert. Schlussendlich hat die Virtualität uns geschluckt. Was könnte moderner sein? Sowohl Kafka als auch Beckett hätten sich wohl, hätten sie unser Onlineleben gesehen, von diesem entmenschlichenden Zuwachs an technoider Verlorenheit mitreißen lassen. ... Als in diesen frühen Internetjahren die westlichen Gelehrten noch über die Möglichkeiten eines vernetzten globalen Dorfes in Verzückung gerieten, sahen die Japaner eine dunkle Tür sich öffnen. Man könnte sagen, wir sind gewarnt worden." Hier der Trailer zum Film:

New Yorker (USA), 25.11.2024

Nachdem KI in letzter Zeit große Entwicklungssprünge gemacht hat, sind jetzt Roboter an der Reihe, erzählt im New Yorker James Somers, der einige Roboter-Labore besucht hat. Es ist schwierig, Robotern menschliches Verhalten wie Hemdenfalten beizubringen, aber es geht: Mit bestärkendem Lernen, das Belohnungen ermöglicht, wenn eine Aufgabe erfolgreich absolviert wird. Aber ist es wirklich erstrebenswert, dass Roboter uns unliebsame Alltagsaufgaben abnehmen? Was steht in moralischer Hinsicht auf dem Spiel? "Es ist leicht, den Reiz darin zu sehen - und sich die Risiken vorzustellen, so viel Kontrolle über die Welt aufzugeben. Schon jetzt finden wir es schwierig, KI zu kontrollieren. Aus Sicherheitsgründen ist es Chatbots untersagt, bestimmten Content zu produzieren - aber es ist sebst für Amateure leicht, das mit simplen Prompts zu durchbrechen. Wenn eine künstliche Intelligenz gefährlich ist, die über Waffen spricht, stellen Sie sich eine K.I. vor, die eine Waffe ist: Ein humanoider Soldat, eine Sniper-Drone, eine Bombe, die denken kann (…) Im Ukrainekrieg wurden Fotografie-Drohnen in ferngesteuerte Explosiva verwandelt. Wenn solche Drohnen autonom werden, könnten die Militärs behaupten, diesen oder jenen Angriff nicht in Auftrag gegeben zu haben - sondern ihre Roboter. 'Es ist nicht möglich, ein unbelebtes Objekt zu bestrafen', hat Noel Sharkey geschrieben, ein emeritierter Informatikprofessor an der University of Sheffield. 'In der Lage zu sein, Verantwortung zuzuordnen, ist essentieller Bestandteil der Kriegsgesetzgebung. Es wird geschätzt, dass mehr als neunzig Länder Militärroboterprogramme haben, die meisten beinhalten Drohnen. Einige der größten Militärmächte der Welt haben gegen eine UN-Resolution gestimmt, die die Nutzung dieser Roboter einschränken." Bezüglich der Alltagstauglichkeit solcher humanoiden Helfer, etwa im Haushalt, fasst der Philosophieprofessor Mark Coeckelbergh zusammen: "Nicht alle Aufgaben sollten von Robotern übernommen werden. Wir haben es in der Hand. Es ist wie eine Denkaufgabe: Welche Jobs wollen wir Menschen erledigen lassen?"
Archiv: New Yorker

La vie des idees (Frankreich), 19.11.2024

Die Historikerin Sarah Gruszka hat eine monumentale Monografie über die Belagerung von Leningrad durch die deutschen Truppen geschrieben, bei der über eine Million Menschen ums Leben kamen, eines der größten Kriegsverbrechen der Deutschen. Die Menschen verhungert zumeist - ein Faktum, das im offiziellen Gedenken der Sowjetunion an die Belagerung so gut wie nie erwähnt wurde, so Gruszka in einem Essay für La Vie des Idées. Hervorgehoben wurde stets nur der heroische Widerstand der Leningrader Bevölkerung, aber nicht das demütigende Verenden und der Kannibalismus. Nach einer kurzen Phase freier Erinnerung an das furchtbare Geschehen in den Neunzigern - eine Zeit, in der viele Memoiren erschienen - hat Putin die Heroisierung erneut als einzige Geschichtsversion durchgesetzt: "Die Notwendigkeit, 'die historische Wahrheit' unter Schutz zu stellen, wurde übrigens in der neuen Verfassung von 2020 verankert. Dies geschieht durch die Herstellung eines bestimmten Bildes der Vergangenheit durch das Prisma von Heldentum und Patriotismus und durch das Aussortieren aller alternativen Versionen. Nicht die Fakten stehen im Vordergrund, sondern der Stolz, den die Geschichte des Landes hervorrufen soll. Der ehemalige Kulturminister Wladimir Medinski, jetzt enger Berater Putins in historischen Fragen, fasst den Geist des heutigen Gesetzes und der Macht perfekt zusammen: 'Wenn Sie Ihr Vaterland, Ihr Volk lieben, wird die Geschichte, die Sie schreiben, immer positiv sein.' Er erklärt, dass 'Mythen' als 'Tatsachen' betrachtet werden können und in diesem Sinne unbestreitbar seien. Kurzum, es gebe eine Art historische Überwahrheit, die mit der ideologischen Agenda übereinstimmt und über dem Begriff von Objektivität und Forschung stehe."

Tablet (USA), 20.11.2024

Adam Gregerman ist Professor für "Jewish Studies" und leitet das Institute for Jewish-Catholic Relations an der Saint Joseph's University in Philadelphia. Sein Text über den Papst und Israel nach dem 7. Oktober ist noch von der Idee geprägt, dass Religionen in einen "Dialog" treten könnten. Selbst in seiner scharfen Kritik an Papst Franziskus ist noch dieser interreligiöse Respekt zu spüren. Aber Gregerman kann seine Verwunderung nicht verhehlen, dass der Papst Jesu Vorwurf an die Juden aus dem Johannes-Evangelium in seiner jüngsten Schrift zum Israel-Gaza-Krieg mit aufgenommen hat: "Ihr habt den Teufel zum Vater und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an. Und er steht nicht in der Wahrheit." Mit diesem Wort Jesu wurde manche Schandtat des christlichen Antisemitismus gerechtfertigt. Gregerman kritisiert den Pazifismus und damit Relativismus des Papstes, der beide Seiten auf eine Stufe stellt: "In über einem Jahr hat er die Hamas nicht ein einziges Mal beim Namen genannt, Israel spricht er dagegen immerzu an... Dieses Ungleichgewicht ist bezeichnend, nicht nur, weil es beunruhigend ist, die Taktik eines der Aggressoren in einem Konflikt nicht beim Namen zu nennen und zu beschreiben..., sondern weil seine bewusste Zweideutigkeit eine kritische Auseinandersetzung mit dem Wesen der Hamas und anderer Gegner ausschließt. Franziskus' Denken scheint durch überholte Annahmen über die Konfliktparteien eingeschränkt zu sein. Er spricht, als ob er einen Konflikt zwischen zwei sich bekriegenden Nationalstaaten kommentieren würde. Er richtet seine Kommentare gleichermaßen an beide Parteien (wiederum ohne die Hamas zu nennen) und fordert einen Waffenstillstand und die Freilassung der Geiseln. Es ist jedoch klar, dass seine Äußerungen eigentlich nur für Israel relevant und fast ausschließlich an dieses gerichtet sind."
Archiv: Tablet

HVG (Ungarn), 21.11.2024

Szene aus "Bolshoi" von Anna Hárs


Im Interview mit Zsuzsa Mátraházi spricht die Dramatikerin und Dramaturgin Anna Hárs über ihr neues Projekt "Bolshoi", die über eine weitere Facette der ungarischen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Premiere feierte das Werk am 25. November im Budapester Radnóti Theater, am Gedenktag der in die Sowjetunion deportierten Ungarn. "Theater ist auch dann Gegenwart, wenn das Stück in der Vergangenheit oder in der Zukunft spielt. Jeder ist daran interessiert, was er mit seinem Leben oder der Welt um ihn herum in Verbindung bringen kann. Meine eigenen Stücke spielen meist in der Gegenwart, weil das die Zeit ist, die ich am besten kenne. Besonders gerne habe ich jedoch 'Bolschoi' geschrieben, das in Budapest und Sibirien vor achtzig Jahren spielt. Die Korrespondenz eines getrennten Intellektuellenpaares bildet das Rückgrat des Dramas. Die Liebe, die Sehnsucht, die Ungewissheit, die Angst, die Wut, die Hilflosigkeit, die ihre Zeilen durchdringen, ein Gefühl, das in allen Zeiten vertraut ist (...) Die Grundidee: Der Ehemann wird zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt, und seine Frau, die in Budapest bleibt, wird von einem sowjetischen Soldaten vergewaltigt und geschwängert. (…) Mein Hauptanliegen war es, die beiden in jeder Hinsicht gleichberechtigt nebeneinander zu stellen. Die ungarische Geschichtserzählung ist traditionell männerzentriert, aber Allgemeingültigkeit hat sie nur zusammen mit der weiblichen Version. Geschichte ist nicht eine Aneinanderreihung von Fakten, sondern viele, viele Geschichten nebeneinander. 'Bolschoi' ist zum Beispiel eine Geschichte über eine wunderbare Liebe in einer brutalen Lebenssituation."
Archiv: HVG

New York Times (USA), 26.11.2024

Amir Ahmadi Arian trifft sich in New York mit Mohammad Rasoulof, mehrere Monate nachdem der Regisseur, dem im Iran eine mehrjährige Haftstrafe drohte, sein Heimatland fluchtartig verlassen hatte. Arian rekapituliert noch einmal die thrillerartigen Umstände der Flucht und stellt Rasoulofs neuesten Film, "Die Saat des heiligen Feigenbaums", vor. Probleme mit dem autoritären Regime in Teheran sind für den Filmemacher freilich nichts Neues: "Während seiner letzten Gefängnisstrafe, wurde Rasoulof für eine Operation ins Krankenhaus gebracht. Während seiner einwöchigen Genesung bewachten ihn rund um die Uhr jeweils drei Wachen in seinem Krankenzimmer. (…) Während der ersten Schicht brachte einer der Wachen Rasoulofs Film 'Doch das Böse gibt es nicht' auf einem USB-Stick mit, und sie sahen sich den Film auf dem Fernseher in seinem Krankenzimmer an. Eine der Geschichten zeigt eine Gruppe von Wehrpflichtigen, die mit der Durchführung einer Hinrichtung durch Erhängen beauftragt sind. In einem Raum voller Etagenbetten kann ein junger Soldat, der seine erste Hinrichtung durchführen soll, nicht schlafen. Er ist erschüttert und ihm ist übel, er telefoniert immer wieder mit seiner Freundin und fleht sie an, ihm zu helfen. Die Gruppe junger Männer diskutiert leidenschaftlich über die Ethik ihrer Aufgabe. Einige argumentieren, dass sie lediglich dem Gesetz des Landes folgen. Andere sind der Meinung, dass Töten Töten bleibt und ein Mensch die Freiheit hat, Befehle zu verweigern, die er moralisch verwerflich findet. Im Krankenzimmer Rasoulofs sahen die Wachen den Film und dankten ihm überschwänglich für die ehrliche Darstellung ihres Lebens und ihrer Sorgen. Anschließend gaben sie den USB-Stick an die nächste Schicht weiter. Während seines gesamten Krankenhausaufenthalts musste Rasoulof seinen Film einmal täglich mit seinen Bewachern ansehen."
Archiv: New York Times