Magazinrundschau

Hochgeladener Geist

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
10.01.2023. Auch nach Lektüre des Kongress-Berichts zum Sturm aufs Kapitol versteht der New Yorker die Amerikaner nicht mehr. A2 und Novinki denken über den Zerfall der Tschechoslowakei vor 30 Jahren nach. Atlantic versucht sich als Konnektom in eine transhumanistische Welt zu denken. Ist Georgien noch eine Demokratie, fragt Osteuropa. Die LRB lernt, welche Rolle die Bingtuan bei der Unterdrückung der Uiguren spielen. In Words without Borders erzählt Jaroslav Kalfař wie er als Teenager in Florida Englisch lernte. Esquire sieht die Zukunft des Journalismus.

New Yorker (USA), 16.01.2023

Ausgesprochen unbefriedigt liest die Historikerin Jill Lepore den Kongress-Bericht zur Erstürmung des Kapitols am 6. Januar 2021. Warum zum Beispiel spricht der Bericht an Dutzenden Stellen von einer Verschwörung, gibt dann aber allein Donald Trump die Schuld? Noch fataler findet sie, dass er nicht der entscheidenden Frage nachgeht: Warum glauben so viele Menschen nach wie vor Trumps Märchen von der gestohlenen Wahl? "In den letzten zwei Jahrzehnten ist die allgemeine Zustimmung zum Kongress von achtzig Prozent auf zwanzig Prozent gesunken. Könnte es sein, dass der Kongress keinen wirklichen Einfluss mehr auf die amerikanische Erfahrung hat und nicht mehr für eine Nation und ein Volk spricht, das Richard Hofstadter einmal ein 'riesiges, unverständliches Biest' nannte? Dem Bericht fehlt nicht nur der Sinn für die Vergangenheit, sondern auch für die Gegenwart … Nirgendwo wird die Tatsache anerkannt, dass der 3. November 2020 wirklich ein seltsamer Wahltag war. Mitten in einer Pandemie wählten so viele Menschen wie nie zuvor per Briefwahl. Und selbst wenn man sich zu den Wahllokalen schleppte, wurde man mit dem allgemeinen Elend von Masken und Einsamkeit und Verlust und, so empfanden es viele Menschen, einem Gefühl des drohenden Untergangs konfrontiert. Während des gesamten Zeitraums, über den in diesem Papier berichtet wird, hatten viele Amerikaner das Gefühl, dass ihnen vieles gestohlen wurde: ihre Arbeitsplätze, ihre Mitarbeiter, das Gefühl von Gerechtigkeit und Fairness in der Welt, vorhersehbares Wetter, die Idee von Amerika, die Menschen, die sie lieben, menschliche Nähe. Der Bericht vom 6. Januar lässt in keiner Weise die nationale Stimmung von Verwundbarkeit, Angst und Trauer erahnen, nicht einmal einen kleinen Schauer."

Außerdem: Alexis Okeowo forscht dem Schicksal von Migranten nach, die auf dem Weg nach Europa verschwanden. Joshua Rothman geht den verschiedenen Wegen des Denkens nach. Jennifer Gonnerman fragt nach, warum UPS-Mitarbeiter streiken wollen, obwohl es der Firma gut geht und sie Mittelklassejobs wie früher anbietet. Becca Rothfield liest eine ungekürzte Ausgabe der Tagebücher Franz Kafkas. Und Anthony Lane sah Alice Diops Film "Saint Omer" im Kino.
Archiv: New Yorker

A2 (Tschechien), 09.01.2023

Diverse Zeitungen und Magazine widmen sich dem vor 30 Jahren erfolgten friedlichen Zerfall der Tschechoslowakei und dabei auch immer wieder der Frage, ob die Trennung richtig oder ein Fehler war. Während etwa in Forum24.cz der tschechische Publizist Jan Ziegler meint, der Zerfall sei keine Tragödie, sondern eine logische Konsequenz der Geschichte gewesen: "Da es in dem 1918 gegründeten künstlichen Staatsgebilde weniger Slowaken als Deutsche gab, wurden ein tschechoslowakisches Volk und eine tschechoslowakische Amtssprache erfunden, die es beides nicht gab", nennt der slowakische Soziologe und ehemalige Dissident Fedor Gal (geboren 1945 in Theresienstadt) im Magazin A2 die Trennung einen Verlust: "Für mich ist das eine lebenslange emotionale Narbe … Ich war überzeugt, dass wir sehr ähnliche Werte hätten, eine ähnliche Sprache, Vergangenheit, Kultur und ähnliche Ziele. … Hätte es ein Referendum gegeben, wäre es zu keiner Trennung gekommen." A2 widmet dem Thema ein ganzes Heft. "Für einige der Älteren", schreiben Lukáš Rychetský und Matěj Metelec in ihrem Editorial, "bleibt die Trennung eine ungeheilte Wunde, die Mittdreißiger und -vierziger erinnern sich vielleicht nostalgisch an die zweisprachigen Sendungen des Tschechoslowakischen Fernsehens, und ein Drittel der Menschen kennen den gemeinsamen Staat der Tschechen und Slowaken nur noch aus Erzählungen. In jedem Fall gilt, dass trotz der politischen Entscheidung der Regierungsoberen die Beziehungen beider Nationen nicht völlig abgerissen sind, auch wenn wir weniger hinter die Ostgrenze schauen, als wir könnten und sollten, und es zugegebenermaßen meist dann tun, wenn wir uns unseres eigenen Niveaus versichern wollen (bei uns werden keine Journalisten ermordet!) oder im Gegenteil mit neidischem Seufzer feststellen müssen, dass die Slowakei uns in diesem oder jenem überholt hat (etwa bei der Einführung des Euro oder bei der Wahl einer Präsidentin)."
Archiv: A2
Stichwörter: Tschechoslowakei

The Atlantic (USA), 01.02.2023

Sowohl der Antihumanismus der schon einschlägig benannten "letzten Generation" und von "Extinction Rebellion" als auch der Transhumanismus schillernder Silicon-Valley-Propheten haben eins gemeinsam: Sie finden ihre innerste Freude in der Idee eines Endes der Menschheit. Adam Kirsch geht die wichtigsten Bücher dieser Denkschulen durch. Die Transhumanisten malen sich die Zukunft ohne uns immerhin mit uns aus: "Wenn wir in der Lage sind, einen Gehirnscanner zu bauen, der den Zustand jeder Synapse zu einem bestimmten Zeitpunkt erfassen kann - ein Informationsmuster, das die Neurowissenschaftler als Konnektom bezeichnen - ein Begriff, der mit dem Genom vergleichbar ist -, dann können wir dieses Muster in einen Computer hochladen, der das Gehirn emuliert. Das Ergebnis wird in jeder Hinsicht ein menschlicher Geist sein. Ein hochgeladener Geist wird sich nicht in derselben Umgebung aufhalten wie wir, aber das ist nicht unbedingt ein Nachteil. Im Gegenteil: Da eine virtuelle Umgebung viel formbarer ist als eine physische, könnte ein hochgeladener Geist Erfahrungen und Abenteuer erleben, von denen wir nur träumen können, wie in einem Film oder einem Videospiel."

Der finnische, nicht irgendwo, sondern in Oxford lehrende Historiker Pekka Hämäläinen versucht seit einigen Büchern so etwas wie eine kopernikanische Wende in der Geschichtsschreibung über die amerikanischen Natives, die auf einmal nicht mehr nur als Opfer von Seuchen und Vernichtung erscheinen, sondern als politische Mächte ganz eigener Art. David Waldstreicher liest seine Bücher mit Faszination, aber auch Unbehagen. Nebenbei stellt sich bei Hämäläinen heraus, dass nicht nur die weißen, sondern auch die Natives ganz aktiv beteiligt waren an der Zerstörung der amerikanischen Natur, der sie so verbunden waren, mal abgesehen davon, dass sie Sklaven hielten: "Hämäläinen zeigt, wie die Komantschen eine 'Politik des Grases' entwickelten, wie er es nennt. Ein einzigartiges Grasland-Ökosystem in den Ebenen ermöglichte es ihnen, riesige Pferdeherden zu züchten. Sie verschaffte ihnen Zugang zu Bisons, die sie in eine Marktdominanz gegenüber Völkern umwandelten, die andere von ihnen gewünschte Güter wie Waffen, Konserven und Sklaven sowohl für den Handel als auch für den Dienst als Cowboys liefern konnten."

Außerdem: Timothy McLaughlin erzählt, wie die chinesische Regierung versucht die Demokratiebewegung in Hongkong zu diskreditieren, indem sie sie als Handlanger des Medienunternehmers Jimmy Lai darstellt, der in Gerichtsprozessen als Volksverräter und Agent des Westens denunziert wird.
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Archiv: The Atlantic

Osteuropa (Deutschland), 09.01.2023

In einem sehr aufschlussreichen Gespräch analysiert der Literaturwissenschaftler Zaal Andronikashvili die politische Lage in Georgien unter dem Oligarchen Bidzina Iwanischwili, der das Land mit seiner russlandfreundlichen Politik und etlichen Propagandasendern immer weiter weg von Europa, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit treibt: "Bei allen Problemen hat es unter der Herrschaft der ersten drei Regimes stets auch Fortschritte gegeben: in Gamsachurdias Zeit fällt die staatliche Unabhängigkeit, in die Schewardnadze-Ära die Verabschiedung einer neuen Verfassung sowie die innenpolitische Stabilisierung nach dem Bürgerkrieg, eine Stärkung der Währung und eine außenpolitische Verankerung Georgiens auf der internationalen Bühne. Saakaschwili hat zwar ebenfalls die Macht monopolisiert, insbesondere in seiner zweiten Amtszeit. Aber die Korruptionsbekämpfung, die Polizeireform und die signifikante Verbesserung der Bürgerdienste - all dies steht für eine schnelle Modernisierung des Landes, für die er gesorgt hat. Hinzu kam die starke Bindung an die USA. Kurzum, sie alle waren primär Politiker und hatten ein politisches Programm, ganz gleich wie man dieses beurteilt. Iwanischwili ist dagegen ein Oligarch. Sein Vermögen hat er unter intransparenten Verhältnissen im Russland der 1990er Jahre gemacht. Er stellt nachweisbar seine privaten Interessen stets höher als die Interessen der Bürgerinnen und Bürger oder des Staates. Georgien wird seit 2012 von oligarchischem Kapital kontrolliert. Iwanischwilis Privatvermögen umfasst ein Drittel des georgischen Bruttoinlandsprodukts. Er hat den Staat gekapert und Georgien in eine Oligarchie, genauer: in eine Alleinherrschaft unter einem Oligarchen verwandelt."

Weiteres: Die Osteuropahistorikerin Franziska Davies wirft der einstigen Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz erneut Halbwahrheiten und Desinformation vor. Felix Ackermann stellt (leider nicht online) fest, dass für die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland die alten Dialogmodelle und Foren nicht mehr taugen, in denen Deutschland um Verzeihung bittet und Polen vergibt.
Archiv: Osteuropa

London Review of Books (UK), 05.01.2023

Der Historiker Michael Dillon, gerade als Gastprofessor an der Pekinger Tsinghua Universität, ist nach Xinjiang gereist, um sich ein Bild von der Lage der Uiguren zu machen. Weit ist er natürlich nicht gekommen, immerhin hat er bei einer Übernachtung in einem Gasthaus Bekanntschaft mit den Bingtuan gemacht, den traditionellen Vorposten des chinesischen Reiches: "Es war die schlechteste Unterkunft, die ich je in China erlebt habe, aber besser, als auf der Straße zu schlafen. Am Abend versammelten sich die Bingtuan-Familien um den Kang, die beheizte Liegefläche, auf der sich die Chinesen im Norden traditionell aufhalten. Sie sprachen Mandarin, es war schwierig, den ethnischen Hintergrund der Menschen zu erkennen. Wenige, wenn überhaupt welche waren Uiguren, die meisten waren Han-Chinesen, einige junge Frauen trugen das typische Kopftuch der muslimischen Hui aus Ningxia und Gansu. Auf dem Kang stand der Holzgrill für die Kebabs, zu denen es Xinjiang-Bier in Flaschen gab. Die Unterhaltung drehte sich um die Erfolge der aktuellen Ernte. Die Atmosphäre erinnert an die landwirtschaftlichen Genossenschaften oder Staatsbetriebe der fünfziger Jahre, ein Eindruck, der sich um fünf Uh am nächsten Morgen bestätigen sollte, als sich die Bingtuan -Bauern an die Arbeit auf den Feldern und in den Fabriken machten. Die Bingtuan sind die Erben einer Tradition der Grenzwachen, die bis zur Ming-Dynastie (1368-1644) zurückverfolgt werden kann. Die Bauern stellen auch die Milizen, die zur Unterstützung von Polizei und Militär gerufen werden und die den Ruf erworben haben, die Uiguren rücksichtslos zu unterdrücken. Die Bingtuan betreiben parallel zum staatlichen System ihre eigenen Gefängnisse in Xinjiang."

Weiteres: James Meek besucht für eine seiner Riesenreportagen Boston in Lincolnshire, das recht idyllisch an der englischen Ostküste gelegen sein könnte, wenn es nicht alle Jubeljahre von heftigen Sturmfluten heimgesucht würde. Die Gemeinde lässt dennoch immer weiter bauen und treibt ihre Stadtplaner damit an den Rand des Wahnsinns. Und Tim Parks liest Alessandro Manzonis Klassiker "Die Brautleute".

Merkur (Deutschland), 09.01.2023

Felix Ackermann reist an die polnisch-litauische Grenze, zur berühmten Lücke von Suwałki, jenem Korridor, der die russische Enklave Kaliningrad mit Belarus verbindet. Gegen die vielen Gedächtnislücken, die mit dieser Region verbunden sind, helfen die KünstlerInnen vor Ort auf die Sprünge: "In Sejny hatten (der Theatermacher) Krzysztof Czyżewski und seine Frau Małgorzata schon in den 1990er Jahren die Weiße Synagoge zu einem wichtigen regionalen Kulturzentrum für Litauer, Polen und Nachfahren der Überlebenden der Shoah gemacht. Im Pogranicze-Verlag erschien die polnische Übersetzung von Grigori Kanowitschs Roman über die Stadt Jonava, in deren Ortsteil Rukla heute die Bundeswehr in Litauen stationiert ist. Timothy Snyder, der mit seinem Buch 'Bloodlands' 2010 der blutgetränkten Zone der Vernichtung zwischen Sowjetunion und Deutschem Reich einen Namen gegeben hatte, kam in den vergangenen Jahren stets im August mit der Historikerin Marci Shore und ihren amerikanischen Studierenden aus Yale nach Krasnogruda, um gemeinsam mit Studierenden aus der Ukraine Texte zu diskutieren. Dieses Mal sind viele der Teilnehmer an der Front, um mit der Waffe für den Fortbestand der Ukraine zu kämpfen. Czyżewski hält die Lücke von Suwałki als Metapher für eine militärische Bedrohung der Region für unpassend: 'Die sowjetischen Panzer, die in Kaliningrad und in Belarus stationiert sind, bieten keinen Anlass zur Sorge. Selbst Finnland und Schweden verfügen über weitaus effizientere Waffensysteme, deren Reichweite bis hierher geht. Und sie sind bald Teil der NATO', erklärt er in Krasnogruda. So sei es entscheidend für einen Sieg gegen Putin, sich auf die eigenen Werte zu besinnen und für diese konsequent einzustehen. Er fügt hinzu: 'Viele Menschen im Westen Europas können sich dank des langen Friedens nach 1945 nicht mehr vorstellen, dass das absolute Böse wirklich existiert.' Deshalb unterstützte er im Sommer 2022 auch die öffentliche Spendenaktion zum Kauf einer türkischen Kampfdrohne vom Typ Bayraktar, zu der der polnische Publizist Sławomir Sierakowski aufgerufen hatte. Gemeinsam mit der kulturellen Elite Polens und über zweihunderttausend Spendern gelang es ihnen, innerhalb von vier Wochen über 4,5 Millionen Euro zu sammeln."

Außerdem: Till Breyer diskutiert verschiedene Formen des Asylrechts als individuelles Recht und in der historischen Version des territorialen Recht etwas beim Kirchenasyl.
Archiv: Merkur

En attendant Nadeau (Frankreich), 05.01.2023

Georges-Arthur Goldschmidt empfiehlt in einem kurzen Text Euphrosinia Kersnovwkajas Chronik aus dem Gulag, "Envers et contre tout", die auf Deutsch noch nicht erschienen ist. Es handelt sich um einen der wenigen weiblichen Berichte aus den sowjetischen Lagern, in denen Kersnovwkaja die Jahre 1940 bis 52 verbringen musste. "Ihr Schicksal ist es zu zeigen, dass es kaum einen Unterschied zwischen dem 'freien' Leben und dem Gulag gibt. Auch draußen ist man immer noch drinnen", schreibt Goldschmidt, der hervorhebt, dass ihr Buch gegenüber anderen Gulag-Büchern eine Besonderheit hat: "Jede erzählte Episode wird von einer Illustration begleitet, die uns in physischen Kontakt mit dieser Realität bringt. Mehr als zweihundert Zeichnungen illustrieren dieses Buch. Diese Zeichnungen geben nicht nur wieder, was war, sondern sie zeigen es auch auf naive und zugleich genaue Weise. Diese Zeichnungen strahlen eine Präsenz und eine Wahrheit aus, die sie zu umso eindringlicheren Dokumenten machen, als sie selbst erlebt wurden. Die Aquarelle und Zeichnungen erheben keinen Anspruch auf den Status eines Kunstwerks, sondern sollen lediglich das Erzählte konkretisieren."

Elet es Irodalom (Ungarn), 06.01.2023

Die Philosophen György Gábor und András Kardos schreiben anlässlich der Fertigstellung des ersten "Wolkenkratzers" in Ungarn, den nach dem ungarischen Ölkonzern benannten "MOL-Turm", über die ästhetischen und kulturellen Erscheinungsformen der Orbán-Regierung. "Die machttreuen ideologischen Kulturkämpfer des Fidesz-Regimes rufen seit geraumer Zeit dazu auf, die Orbán-Ära als 'Epoche' zu erschaffen. (…) In den Träumen dieser willigen Vollstrecker erscheint - nicht zufällig - etwas Mächtiges, Gigantisches, vor Kraft Strotzendes, der unaufhaltsame Schwung, der unbändige Trieb, die triumphierende Kraft, also der 'Triumph des Willens'. (…) Der MOL-Turm verkörpert das von jedem Punkt der Stadt aus sichtbare Ausrufezeichen der Hybris, der Vernetzung der feudalen Vetternwirtschaft und der nun offiziell gewordenen Korruption, des provinziellen Ehrgeizes, der in ihrem Kern anachronistischen Glas-Beton-Masse."
Stichwörter: Kulturkampf

Words without Borders (USA), 04.01.2023

Die portugiesische Autorin Lídia Jorge spricht im Interview mit Margara Russotto und Patrícia Martinho Ferreira über ihre Arbeit und über die Veränderungen in der portugiesischen Gesellschaft, besonders bei den Frauen, deren Zeugin sie war: "Was den sozialen Wandel betrifft, so hat die Tatsache, dass Portugal nach der Revolution Teil Europas wurde, ein Land, das an zu vielen archaischen Überzeugungen festgehalten hatte, stark belastet, und der schnelle Weg, den es einschlagen musste, hat tiefe Konflikte innerhalb der portugiesischen Gesellschaft zutage gefördert. Ich gehöre zu der Gruppe von Schriftstellern, die diesen sozialen und historischen Wandel buchstäblich sichtbar gemacht haben, aber aus der Innenwelt der Figuren, durch veränderte individuelle Sichtweisen. Wenn ich eine Inschrift entwerfen müsste, die alles umfasst, was ich bisher geschrieben habe, würde ich sagen: In diesen Büchern geht es um eine Zeit, in der die Idee des Imperiums verblasste und eine freie Gesellschaft aufkam. ... Natürlich habe ich auch andere Perspektiven in Betracht gezogen, wie den Wandel der Familie und die Rolle der Frau, wie sie mit den Veränderungen in Portugal und den Veränderungen in Europa und der Welt konfrontiert waren. In den 1960er Jahren war eine von drei portugiesischen Frauen Analphabetin, was eine Menge über eine Gesellschaft aussagt. Trotz dieser Geschichte der geringen Bildung und des Festhaltens an überholten Vorstellungen haben viele portugiesische Frauen bewiesen, dass sie frei und Herr über sich selbst sein wollten. Andere, vielleicht viele andere, blieben Gefangene eines schwierigen Erbes. Ich möchte diese soziologischen Aspekte des portugiesischen Lebens nicht mit der Literatur verwechseln, aber dennoch muss ich erwähnen, dass portugiesische Schriftstellerinnen diesem Thema Tausende von Seiten gewidmet haben. Es ist unmöglich, gegenüber den entrechteten Mitgliedern einer Gesellschaft gleichgültig zu sein, in der das Erbe der Unterdrückung am stärksten zu spüren ist. Schreiben ist ein Blutstrom, der von Körper zu Körper geht."

Der amerikanische Autor Jaroslav Kalfař erinnert sich daran, wie er nach dem Zerwürfnis mit seinem Vater als Teenager seiner Mutter von Tschechien nach Amerika folgte. Sein Vater hielt nie etwas von seinem Interesse für Literatur (sein Stiefvater in Amerika auch nicht) und prophezeite ihm komplettes Versagen, zumal der junge Jaroslav kein Englisch konnte: "In einigen Dingen hatte mein Vater recht. Obwohl ich nie zurückkehrte, um ihn um Vergebung zu bitten, waren meine ersten Jahre in den Vereinigten Staaten weitaus schwieriger, als ich es mir hätte vorstellen können. In der High School hatte ich Angst, überhaupt zu sprechen und erntete dafür Misstrauen und Spott von meinen Mitschülern. ... Ich wollte das Schreiben aufgeben. Aber ich tat es nicht. Stattdessen vertiefte ich mich in die gleichen parasitären kreativen Aktivitäten, die mir mein Vater vorwarf. Ich las die tschechischen Romane, die ich mit nach Amerika gebracht hatte, immer wieder - Asimovs "I, Robot", Čapeks "War with the Newts", Le Guins "The Dispossessed". In der Bibliothek lieh ich mir die englischen Versionen dieser Romane aus und las sie Seite an Seite, so dass meine Geburtssprache und meine Adoptivsprache nebeneinander lagen. Ich verglich die Unterschiede in der Syntax und erforschte die Nuancen des Vokabulars. Schließlich kehrte ich zu den handgeschriebenen Kurzgeschichten zurück, die ich aus der Tschechischen Republik mitgebracht hatte. Ich verbrachte Stunden damit, meine Werke ins Englische zu übersetzen, unbeholfen und mit Ergebnissen, die im Nachhinein lächerlich sind. Aber es funktionierte. Zwischen diesem literarischen Streben und der Umgangssprache der Fernsehsendungen und meiner weitaus cooleren Highschool-Kollegen, zwischen dem Zwang, mit den Kunden zu scherzen, denen ich bei Friendly's Eis servierte, und dem Erreichen einer Zwei in meinem ersten Aufsatz am Community College - ein B- in Englisch, was für ein Traum - begann meine neue Sprache einen Sinn zu ergeben. Sie wurde instinktiv. Lebendig."

Novinky.cz (Tschechien), 05.01.2023

Auch der Politologe Ondřej Slačálek widmet sich in einem Essay der Frage, wie es vor 30 Jahren zu der Trennung von Tschechen und Slowaken kommen konnte, und damit unweigerlich dem Charakter der 1918 entstandenen Tschechoslowakei. "Am Anfang stand ein Handel: Ihr helft uns, die Deutschen an Zahl zu übertreffen, und wir euch, die Ungarn zu überrunden. Es ging um eine eindeutige Abkehr von Österreich-Ungarn (…) Groteskerweise bildete sich dabei eine Kopie Österreich-Ungarns im Kleinen heraus; auch hier stellte nur eine Nation die Regierung, die andere durfte zwar ihre Minderheiten unterdrücken, aber nicht der Souverän sein. Die Tschechen schlossen mit den Slowaken keinen dualen Kompromiss wie die Österreicher mit den Ungarn, sie gaben ihnen kein eigenes Gebiet. Stattdessen nannten sie sich eine 'tschechoslowakische' Nation, was alles Mögliche bedeuten konnte. Es konnte dabei um eine 'Staatsnation' gehen, einen Zusammenschluss von Bürgern unabhängig von ihrer ethnisch-nationalen Zugehörigkeit, diese müsste dann allerdings auch die Deutschen, Ungarn, Juden, Polen, Ruthenen und Roma umfassen … was nicht mehr ihrer zahlenmäßigen Mehrheit diente. Die Tschechen schlossen lieber nur die Slowaken in die Nation ein, setzten sich aber zugleich in die Rolle derer, die bestimmten, was diese Nation sei." Slačálek schließt seinen Essay mit einem Fazit, das eigentlich ein Wunsch ist: "Heute scheint die Geschichte der Tschechoslowakei lange abgeschlossen und lange her (…), aber vielleicht ist es gerade das Gegenteil: Vielleicht haben wir gerade jetzt die Chance, Tschechoslowaken zu sein. Ohne die Last eines gemeinsamen Staats, mit einer gemeinsamen, aber doch ausreichend entfernten Vergangenheit, mit Sprachen, die einander immer noch verstehen können. Wir können uns gegenseitig lesen und wahrnehmen - und einen gemeinsamen Kulturraum erschaffen. Dies unter der Bedingung, dass wir die eigene Vergangenheit reflektieren können, uns zugleich aber auch bewusst sind, dass es auf sie nicht mehr so sehr ankommt, sondern vor allem darauf, wer wir heute sein wollen."
Archiv: Novinky.cz

Esquire (USA), 30.12.2022

Rowan Moore Gerety sah die Zukunft des Journalismus und sie sieht genauso aus wie seine Vergangenheit: viel Hulabaloo, unterbrochen von echten Nachrichten. Michael Moores Dokus vor 40 Jahren, Gawker oder Vice vor 20 kommen Gerety in den Sinn. Das neue Medium, Channel 5 News, ist entstanden aus einem immersiven Dokumentarfilmprojekt, das der heute 25-jährige Andrew Callaghan zusammen mit Nic Mosher und Evan Gilbert-Katz gründete, "und das monatlich etwa 100.000 Dollar von Fans auf Patreon einbringt. Sein YouTube-Abonnentenstamm von 2,2 Millionen konkurriert mit dem der Washington Post und der USA Today und, im seltsamen Kategorie-Kollaps der Online-Medien, dem des indonesischen Un-Boxer-Slash-Gamer Bobacott und einem Stunt-Schusswaffen-Reviewer namens Kentucky Ballistics. In einer Zeit, in der die meisten jüngeren Zuschauer kein Kabelfernsehen mehr haben, ist Channel 5 ein wichtiger Teil der Zukunft der Nachrichten - wenn Nachrichten das richtige Wort für ihre Arbeit ist." Denn Callaghan, so Gerety, "ist ein 'Content Creator', eine Bezeichnung, die so weit gefasst ist, dass sie fast bedeutungslos wird. Wenn sein Publikum ein Video von Channel 5 News wegklickt, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass es sich etwas anschaut, das wie Nachrichten aussieht: Warum nicht ein Make-up-Tutorial oder eine Stand-up-Comedy-Show auf derselben Plattform? Vielleicht ist das die Welt, in der der gesamte Journalismus jetzt lebt, nur dass Callaghans Geschäftsmodell anerkennt, dass die New York Times und die Real Housewives of Potomac beide im gleichen Kampf um Aufmerksamkeit gefangen sind. ... Die Marke Channel 5 ist eine ironische Anspielung auf den Mythos des geradlinigen Fernsehnachrichtensprechers und seine personifizierte Ausgeglichenheit: der bei jedem Ereignis, über das er berichtet, die gleiche Unbeirrbarkeit an den Tag legt und einen Standard repräsentiert, den die Nachrichtenbranche lange angestrebt, aber nie ganz erreicht hat. In dieser Hinsicht lehnt sich Callaghan an die Daily Show an, deren Korrespondenten für den Rest von uns vor allem dadurch witzig sind, dass sie die Dinge auf die leichte Schulter nehmen, egal wie absurd sie werden. Dennoch geht Channel 5 weiter, mit Anklängen an Louis Theroux, den britischen Journalisten, der in den frühen 2000er Jahren mit einer ethnografischen Reisesendung über die USA bekannt wurde (ein Clip mit Theroux' schrägem 'Wiggle Wiggle'-Rap tauchte kürzlich als Soundtrack zu einer TikTok-Tanzsensation wieder auf), und an Vice, dessen frühe Dokumentarfilme sich durch einen informellen Ansatz, Furchtlosigkeit und eine große Bandbreite auszeichneten. 'Ich bin ein Journalist, aber ich bin nicht immer ein Journalist', sagt Callaghan. 'Niemand hasst mich mehr als Journalisten'. Und doch, wie mein Redakteur Ryan ihn im Diner in Waterbury hinwies, tat er [bei seiner Reportage über das Attentat in Sandy Hook] alles, was man sich bei einem konventionellen Journalisten vorstellt: Er interviewte den Anwalt, machte Aufnahmen vom Friedhof, auf dem die Kinder von Sandy Hook begraben sind. 'Es ist anders, aber es ist auch gar nicht so anders als bei Dan Rather vor fünfzig Jahren', sagte Ryan. Callaghan, lächelnd: 'Richtig.' Ryan, nach einem Moment: 'Wissen Sie, wer Dan Rather ist?' Callaghan: 'Nein.'"
Archiv: Esquire
Stichwörter: Channel 5, Channel 5 News