Magazinrundschau
Ein kritisches Maß an Komplexität
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
20.12.2022. New Criterion sucht nach dem Einfluss Spaniens in den Gemälden von John Singer Sargent. Im New Statesman verabschiedet John Gray den Glauben an die Utopie einer demokratischen Weltordnung. Die New York Times rekonstruiert die russischen Entscheidungsprozesse im Ukrainekrieg. In Novinki erklärt die Politologin Eszter Kovátsová, wie AfD und Fidesz die Genderdebatte für ihre rechte Agenda nutzen. Poesie von Computern? Niemals, erklärt im MIT Press Reader der Psychologe und Dichter Keith J. Holyoak.
New Criterion (USA), 31.12.2022

HVG (Ungarn), 18.12.2022
Der Historiker Péter Csunderlik spricht im Interview mit Péter Hamvay über Parallelen zwischen ungarischen Politiker des späten 19., frühen 20 Jahrhunderts, sowie dem gegenwärtigen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und über das von ihm erschaffte "System der Nationalen Kooperation". "Wie die Politiker des 19. Jahrhunderts, weiß auch Viktor Orbán, dass 'national' das stärkste Attribut ist und wem es gelingt, dieses zu vereinnahmen, der kann die Macht leicht erlangen, die Institutionen besetzen und wer es von ihm wegnehmen will, der kann als Verräter der Nation stigmatisiert werden. Als Orbán den Groß-Ungarn Schal trug, stellte er das Land vor die Wahl: Mit wem bist du? Mit dem ungarischen Ministerpräsidenten oder mit den ihn angreifenden Staatoberhäuptern? Es ist leicht zu erraten, wofür die Mehrheit sein wird. Fidesz ist darin interessiert, dass symbolische Gegensätze entstehen und sich der Blick nicht auf den Gegensatz der Privilegierten zu den Armen richtet. (…) Das System der Nationalen Kooperation ist ein postmodernes Gebilde. Es basiert nicht auf Werten, sondern auf Interessen."New Statesman (UK), 19.12.2022
In einem düsteren Text verabschiedet John Gray den Glauben an eine demokratische Weltordnung. Wir sehen einer Zeit reiner Realpolitik entgegen, in der sich rivalisierende Mächte in Schach halten werden, prophezeit er. Anhänger internationaler Ideale hält er für so verblendet wie Nikolai Bucharin, der an einen "Bolschewismus mit menschlichem Antlitz" glaubte und in den Moskauer Prozessen als Verräter zum Tode verurteilt wurde. Arthur Koestler lehnte seinen Roman "Sonnenfinsternis" an Bucharins Geschichte an. Gray begründet die Parallele nicht, aber er malt sie eindrücklich aus: "Die Diktatur war von Anfang an die logische Konsequenz des sowjetischen Projekts. Das Eingeständnis dieser Wahrheit hätte Bucharins Bild der Geschichte und seines eigenen Platzes darin zunichte gemacht. Bis zu seinem Tod scheint er sich nie die Frage gestellt zu haben, die der Schriftsteller Isaak Babel 1920 in seinem Tagebuch aufgeworfen hat, als er während des Russischen Bürgerkriegs Zeuge der Gräueltaten der Rote Armee wurde, in der er damals diente: 'Wir sind die Vorhut, aber wovon?'. Zwanzig Jahre später wurde Babel im Lubjanka-Gefängnis von Stalins oberstem Henker Wassili Blochin erschossen, der im selben Jahr im Massaker von Katyn Tausende von polnischen Offizieren erschoss. Koestler verstand die bolschewistische Denkweise, denn auch er hatte um der Sache willen die Wahrheit verschwiegen. Er verbrachte den Winter 1932/33 in Charkiw, der damaligen Hauptstadt der Sowjetischen Ukraine, auf dem Höhepunkt des Holodomor, der politisch herbeigeführten Hungersnot, bei der vier Millionen Menschen oder mehr verhungerten. Als er mit dem Zug durch das Land reiste, fand er 'die Bahnhöfe gesäumt von bettelnden Bauern mit geschwollenen Händen und Füßen, die Frauen hielten schreckliche Säuglinge mit riesigen wackelnden Köpfen, staksigen Gliedmaßen und geschwollenen, spitzen Bäuchen an die Wagenfenster'. Als er diese Szenen erlebte, arbeitete Koestler für die Komintern, die 1919 gegründete Dritte Kommunistische Internationale. Die Artikel, die er über seinen Besuch schrieb, waren Lobeshymnen auf die raschen Fortschritte, die im Rahmen des ersten Fünfjahresplans erzielt wurden. Die Hungersnot wurde nicht erwähnt. Aus Protest gegen die Schauprozesse brach Koestler 1938 seine Verbindungen zur Partei ab, doch erst Jahre später, in 'Der Yogi und der Kommissar' (1945) und in seinen in den 1950er Jahren veröffentlichten Memoiren, beschrieb er den ganzen Schrecken dessen, was er gesehen hatte."Elet es Irodalom (Ungarn), 16.12.2022
Die aus Siebenbürgen stammende Schriftstellerin Réka Mán-Várhegyi spricht im Interview mit Nikolett Antal über den Entstehungsprozess eines literarischen Werkes und die Möglichkeit diesen in das Werk zu integrieren. "Ich dachte darüber nach, dass bei bildhauerischen Werken der Entstehungsprozess selbst Teil des Werkes ist. Ein Kunstschaffender geht irgendwohin, schafft etwas und macht eine Aufnahme davon. Ins Museum gelangt die Aufnahme selbst. Oder ähnlich: der Künstler setzt sich etwas aus und du als Rezipient kannst den Prozess des sich Aussetzens als Werk sehen. In beiden Fällen ist auch der Prozess selbst interessant. In der Literatur funktioniert es anders. In den Literaturstunden war zwar davon die Rede, welche Lebenserfahrung den Autor beim Schreiben beeinflusste, also wir lernten die Entstehungsumstände des Werkes kennen, aber all das schien an der Universität lächerlich verschult, nachdem wir gelernt haben, dass es nur den Text gibt. Damit stimme ich heute noch überein und denke, dass es aus der Sicht des endgültigen Textes vollkommen unwichtig ist, wie und warum er entstand. Doch ist es vorstellbar im Falle eines literarischen Werkes, dass der Entstehungsprozess ebenfalls Teil des Werkes ist? (…) Was passiert, wenn wir jene Lebenssituation nicht leugnen und beispielsweise die Frage gestellt wird, was für ein Buch neben Kleinkindern und Arbeit geschrieben werden kann? Ziel war es nicht, mich selbst in das Buch zu drücken, denn es ist nicht interessant, warum ich keine Zeit hatte. Es ging darum, dass ich ein Buch schreiben wollte, das die Art und Weise seiner Entstehung widerspiegelt."New York Times (USA), 16.12.2022
Novinky.cz (Tschechien), 15.12.2022
Ceska Televize (Tschechien), 13.12.2022

Aus Anlass des Kriegs in der Ukraine und in Anlehnung an Susan Sontags Essay "Das Leiden anderer betrachten" findet aktuell im Prager Zentrum für Zeitgenössische Kunst DOX die Ausstellung "Bolest těch druhých"/ "Der Schmerz der Anderen" statt, die die Frage stellt, wie weit Menschen fähig sind, auf die Erlebnisse anderer mit Empathie zu reagieren. Das Phänomen, dass wir über die heutigen Medien tagtäglich Leid in Echtzeit mitverfolgen können und paradoxerweise dadurch eher distanzierter werden, beschreibt auch DOX-Leiter und Kurator Leoš Válka, der davon überzeugt ist, dass traditionelle Kunstausstellungen in dieser Hinsicht die größere Wirkung entfalten konnten. Statt Klicken und Zappen oder schnell wechselnden Filmausschnitten konnte man endlos lang vor einem Bild oder einer Skulptur verweilen und "wusste, dass nicht im nächsten Moment ein anderes Bild sich darüber schiebt. Und das hat die Wahrnehmung intensiver gemacht." Die Kuratoren haben über vierzig Künstler versammelt, die mit ihren Grafiken, Fotografien, Skulpturen und Installationen vom Krieg erzählen - von Goya bis zur Gegenwart. Darunter sind aktuelle Werke von ukrainischen Künstlern (die unter schwierigen Umständen gerade noch rechtzeitig zur Vernissage transportiert werden konnten) oder die Bilder eines irakischen Fotografen, der wegen seiner Folterdokumentationen untertauchen musste, aber auch russischer Künstler, denen Válka großen Respekt erweist, weil sie "den Mut hatten, den Schrecken des Ukrainekriegs künstlerisch zu thematisieren".
La vie des idees (Frankreich), 13.12.2022
Außerdem in La Vie des Idees, ein leider arg akademisch zu lesender Artikel des Ökonomen Pierre Levasseur über die Epidemie des Übergewichts, insbesondere in Mexiko.
MIT Press Reader (USA), 07.12.2022
Atemberaubend, welche Fortschritte Künstliche Intelligenz im Jahr 2022 in Sachen Ästhetik vollzogen hat - ob nun in der Bildproduktion (unser Resümee) oder zuletzt auch im Bereich der Sprache. Schon kursieren Gedichte, die sich zumindest auf den ersten Blick von menschgemachter Lyrik nicht unterscheiden lässt. Kommt damit das große Projekt des Surrealismus - der "Cadavre Exquis", die "ecriture automatique" - an seinen logischen Endpunkt? Oder können Computer gar keine Poesie schaffen? Das sind Fragen, die sich der Psychologe und Dichter Keith J. Holyoak in seinem Essay stellt. Der Begriff des Bewusstseins ist dabei für ihn zentral: "Die einzig unstrittige Aussage, die sich über das Bewusstsein fällen lässt, ist die, dass es unter Philosophen, Psychologen, Neurowissenschaftlern und K.I.-Forschern keinen Konsens gibt. Einige Neurowissenschaftlern glauben, dass sie kurz vor dem Durchbruch stehen und eine materielle Beschreibung von Bewusstsein leisten können, und einige K.I.-Forscher glauben, dass Maschinen unausweichlich Bewusstsein erlangen werden - und zwar als emergente Eigenschaft, sobald ein kritisches Maß an Komplexität erreicht ist. Soweit ich das beurteilen kann (und ich räume gerne ein, dass meine Mittel dafür begrenzt sind), schenke ich diesen Behauptungen keinen Glauben. Das Komplexitätsargument schien vor einem halben Jahrhundert zwar plausibel, als Computer noch in der Wiege lagen. Doch was die Gegenwart betrifft, wagen Sie ein einfaches Gedankenexperiment: Was ist komplexer - das Internet (inklusive jedes einzelnen Computers, der daran angeschlossen ist) oder das Gehirn eines Frosches? Ich würde sagen, das Internet. Und was hat wohl am wahrscheinlichsten eine Art inneres Erleben - das Internet oder der Frosch? Ich setze mein Geld auf die Amphibie. ... Auch wenn ich offiziell Agnostiker bleibe, führt mich die Übermacht der Beweislage für den Sinn und Zweck der spezifischen Frage, die uns hier beschäftigt - kann Künstliche Intelligenz authentische Poesie schaffen? - zur Antwort 'nein'. Künstliche Intelligenz hat allem Anschein nach keinen Zugang zu einer inneren Erfahrung, die für mich (und viele andere) die ultimative Quelle authentischer Poesie ist. Ein wichtiger Folgeschluss dieses Resultats verdient es, ebenfalls erwähnt zu werden: Innere Erfahrung kann nicht als Rechenprozess definiert werden."
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