
In einem schönen kleinen
Essay stellt
Jean Anderson, Gründerin des New Zealand Centre for Literary Translation an der Te Herenga Waka Victoria University of Wellington, die Vielfalt an Literatur aus dem
frankophonen Pazifik vor: "Um diese Vielfalt im Rahmen der pazifischen 'Frankosphäre' zu veranschaulichen, reicht es vielleicht aus, darauf hinzuweisen, dass 'Französisch-Polynesien' / Mā'ohi nui allein aus etwa
120 Inseln besteht, die über 1.359 Quadratmeilen verstreut sind und sich über 1.200 Meilen von Norden nach Süden erstrecken, und dass die
Mā'ohi-
Sprachen (wie Tahitianisch, die wichtigste lokale Sprache, die in den Schulen gelehrt wird; Mangarevan; Nord- und Südmarquesanisch; Tubuai; usw.) zwar mehr oder weniger gegenseitig verständlich sind, sich aber dennoch
deutlich voneinander unterscheiden. Die sprachliche Situation in
Neukaledonien/Kanaky ist komplexer. Obwohl die geschätzte Zahl der indigenen Sprachen von Quelle zu Quelle variiert, vielleicht abhängig davon, ob Dialekte in die Zählung einbezogen werden, ist die am häufigsten genannte Zahl
achtundzwanzig. Davon sind Drehu (die Sprache der Insel Drehu, auch bekannt als Lifou), Nengone (Insel Maré), Xârâcùù (südwestliche Region), Paicî (Nordosten), Pwapwâ (Nordwesten) und Ajië (zentrale Ostküste) am weitesten verbreitet. Im Gegensatz zur Situation auf Mā'ohi nui unterscheiden sich diese Sprachen erheblich voneinander. Daher diente und dient
Französisch hier als verbindende Verkehrssprache." Sehr viele Publikationsmöglichkeiten gibt es für Autoren aus dieser Region nicht, zumal auch der Buchhandel bei der Vielzahl der Inseln auf große Schwierigkeiten stößt, so Anderson, die eine Reihe von Autoren für diese Ausgabe von
World without Borders um Beiträge gebeten hat, die alle am Ende des Artikels verlinkt sind. "Bei der endgültigen Auswahl der zu übersetzenden Texte habe ich versucht, eine Reihe von Themen und Genres zu wählen und sowohl etablierte als auch jüngere Autoren sowie eine Vielfalt von Ländern einzubeziehen: Wallis ('Uvea) und Futuna; Vanuatu; Kanaky-Neukaledonien; und Mā'ohi nui-Französisch-Polynesien. Die Leserinnen und Leser werden jedoch ein gemeinsames Thema in mehreren Beiträgen bemerken: Die
Bekämpfung des Stereotyps vom blauen Himmel und tropischen Meeresparadies ist zwar kein zwangsläufiges Anliegen, steht aber häufig im Mittelpunkt lokaler Texte, die sich mit sozialen Themen wie Gewalt, Sucht und Unterdrückung auseinandersetzen wollen."
Will Washburn hat für
World without Border einen Text des Schriftstellers
Murat Özyaşar übersetzt, der
darüber nachdenkt, was es für einen Schriftsteller bedeutet, in keiner Sprache wirklich heimisch zu sein und sich seine eigene Sprache entwerfen: "Seit Jahren werde ich gefragt: 'Warum schreibst du nicht auf Kurdisch?' Und das aus gutem Grund, denn ich
bin Kurde und schreibe auf Türkisch. Ich bin sicher, dass mir diese Frage auch in Zukunft immer wieder gestellt werden wird. In solchen Situationen nehme ich einen Schluck und versuche, eine Antwort zu geben. ... Ich wurde in Diyarbakır geboren, einundvierzig Jahre nach der
Dersim-Katastrophe. Ich habe eine Sprache geerbt, in der man auf Türkisch Dinge sagt wie 'Die Welt ist kalt!' Wenn man diesen Satz hört, könnte man sagen: 'Oh, wie poetisch', oder auch: 'Das verstehe ich nicht.' Aber in Diyarbakır würde niemand diesen Satz seltsam finden: Im Kurdischen kann 'Welt' auch im Sinne von 'Luft' oder 'Wetter' verwendet werden. Dies ist eine der konkretesten - und bizarrsten - Veranschaulichungen für die Tendenz der Menschen, auf Kurdisch zu denken und auf Türkisch zu sprechen. Mit 'kurdisch' und 'türkisch' meine ich keine reine Form einer der beiden Sprachen, sondern eine, in der türkische Wörter in das zu Hause gesprochene Kurdisch eindringen, während das auf der Straße und in der Schule gesprochene Türkisch durch kurdische Wörter, Syntax und Grammatik verfälscht wird... Es ist eine Sprache, die aus der
Verflechtung zweier Muttersprachen entstanden ist. Eine wurzellose Sprache, und als solche voller Verheißungen; eine traumatisierte, dunkle,
dunkelhäutige Sprache! Um das klarzustellen: Ich spreche nicht von einem 'Akzent', sondern von einer Sprache, die humpelt, als hätte sie einen 'Unfall' gehabt. Das ist die Quelle ihrer ganzen Kraft: Es ist eine Sprache der
wunderbaren Unmöglichkeit."