Magazinrundschau - Archiv

Words without Borders

10 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 03.06.2025 - Words without Borders

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Cristina Rivera Garza stellt in Words without Borders ihre Anthologie "Best Literary Translations 2025" vor und beschäftigt sich in dem Zusammenhang auch mit dem Wesen des Übersetzens an sich, insbesondere mit dessen sprachgenerativem Charakter: "Wie mir der Englisch-Spanisch-Übersetzer Max Granger einmal gesagt hat: 'Übersetzung kann die eher radikale Bedeutung von Worten zugunsten der Lesbarkeit und der Regeln einer gegebenen Sprache ausradieren, aber sie kann auch dazu dienen, diese Bedeutungen weiterhin zu repräsentieren, wenn wir kreative Wege finden, die es erlauben, dass die Ursprungssprache die Zielsprache beeinflusst und verändert und so vielleicht auch verändern, wie wir denken und handeln in dieser Sprache.' Als wir zusammen an der Übersetzung eines Textes über geschlechterspezifische Gewalt gearbeitet haben, in dem die Rolle des Täters, feminicida im Spanischen, wichtig war, kamen wir beide zu dem Schluss, dass der Begriff 'Killer' unzureichend war. Ein Killer ist ein Krimineller, aber 'Femicider', ein Begriff, der nach wie vor weitestgehend unbekannt ist auf Englisch, bezeichnet speziell einen Kriminellen, der Frauen auf Basis ihres Geschlechts auswählt und tötet, was der Definition eines Femizids in den Strafgesetzbüchern in Lateinamerika entspricht. Femicider, eine Vokabel, die zunächst seltsam oder inkorrekt auf Leser der anglophonen Welt gewirkt haben mag, war der präzise Begriff, den wir gebraucht haben, um die strukturelle Natur dieses Verbrechens rüberzubringen, weil sowohl das Patriarchat als auch die Täter verantwortlich gemacht wird. (…) Übersetzung ist immer politisch."

Weitere Artikel: Saudamini Deo stellt einige besonders gelungene Beispiele für experimentelle postkoloniale Übersetzungen vor. Und der Übersetzer Edward Gauvin schreibt über Georges-Olivier Chateaureynauds 1974 im Original erschienenen Roman "Die Boten".

Magazinrundschau vom 11.02.2025 - Words without Borders

In einem leider viel zu kurzen Interview erinnert sich die rumänische Schriftstellerin Carmen Bugan an die Stadt ihrer Kindheit, Tecuci, an die sie die schmerzvollsten Erinnerungen hat: "Es gibt so viele herzzerreißende Erinnerungen, die jetzt, wo ich dies schreibe, wie ein Kloß im Hals an die Oberfläche steigen. Die wichtigste ist die Erinnerung an die Scheidung meiner Eltern, die von der Geheimpolizei erzwungen wurde, weil mein Vater ein politischer Dissident war. Die Stadt fühlte sich wie ein Ort der Schande und der Ohnmacht an. Ich habe so viel darüber geschrieben, doch alles Schreiben und Wiederschreiben hilft nichts. Mein Vater in Handschellen; Menschen, die seinen Namen unter den Fenstern des Gerichtsgebäudes skandieren; dann die Ketten an seinen nackten Füßen, seine gefesselten Hände; meine Mutter, würdevoll und doch von Schmerz gequält; wir Kinder in einer Art Dunst; der Richter, der sich weinend abwendet; die Menschen im Gerichtssaal, die über uns tuscheln. ... Ich habe sehr starke Erinnerungen an die Zeit, als ich sechzehn, siebzehn, achtzehn war und verzweifelt fliehen wollte. Wir standen unter Hausarrest, und ich wurde von der Geheimpolizei überallhin verfolgt: Es war immer jemand hinter mir her. In meinem Kopf spielte ich immer wieder Fluchtspiele. Die Stadt der sich bewegenden Schatten war die verborgene Stadt im Offensichtlichen. Ich habe immer noch diese Angst, gemischt mit Faszination: Wie war es möglich, so zu leben und irgendwie zu überleben."

Magazinrundschau vom 17.12.2024 - Words without Borders

Brahim El Guabli, der selbst Amazigh (Berber) ist (hier erklärt er, was dieser ethnische Hintergrund für ihn bedeutet), begrüßt den Aufschwung von Amazigh-Literatur in der Tamazight-Sprache, der ursprünglichen Sprache der Berber. Da die Imazighen (Plural von Amazigh) überwiegend eine mündliche Tradition haben, in der auch Literarisches weitergegeben wird, wurde die literarische Produktion von den Kolonialmächten und später durch einen arabisch-nationalistischen Diskurs weitgehend ignoriert, erklärt El Guabli: "Zumindest teilweise aufgrund der literarischen Dynamik, die Schriftsteller, die indigene oder 'kleinere' Sprachen sprechen, dazu ermutigt, lieber in Sprachen zu schreiben, die mehr Prestige und Geltung haben, zogen es die Imazighen vor, ihrer Ästhetik in anderen Schriftsprachen als ihrer eigenen Gestalt zu verleihen." Jedoch: "Der Akt des Verfassens von Literatur in Tamazight ist wichtig, weil er Amazighitude inszeniert. Im tiefen Bewusstsein des Kampfes, der erforderlich ist, um die Ressourcen für die Rehabilitation der bedrohten Amazigh-Sprache und -Kultur zu mobilisieren, hat Amazighitude einen literarischen Korpus hervorgebracht, der die gelehrte Literaturszene in ganz Tamazgha verändert hat. Angesichts der Dringlichkeit, ihre Sprache und Kultur vor den Übergriffen der Arabisierung und Gallisierung zu retten, konzentrierten die Amazigh-Intellektuellen ihre Bemühungen darauf, eine literarische Stimme in Tamazight zu etablieren, die zum Synonym für ihre Existenz wurde." Die Hinwendung zur Literatur in geschriebenem Tamazight wurde "weder als Ersatz für die bestehende mündliche Tradition noch gegen die mehrsprachige Literatur der Imazighen in anderen Sprachen konzipiert. Die Mündlichkeit bleibt ein Grundpfeiler der alltäglichen Kunst der Amazigh. Die poetischen Wettstreite der inḍḍāmn (mündliche Dichter), die die Tradition des spontanen Verfassens von Gedichten aufrechterhalten, prägen weiterhin die Wertschätzung des Publikums für poetische Worte, die sowohl Bedeutung als auch sprachliche Schönheit enthalten. Traditionelle Märchen dienen den Amazigh-Kindern nach wie vor als wichtigstes Mittel, um ihre Fähigkeiten im Erzählen von Geschichten zu schulen. Auch die Entwicklung hin zu einer schriftlichen Literatur ging mit dem Fortbestehen einer mehrsprachigen amazighischen Literatur in Arabisch und Französisch sowie Spanisch und Niederländisch einher, ohne dass dies zu deren Nachteil war. Obwohl sie in anderen Sprachen als Tamazight verfasst ist, haben die Lebenswelt der Amazigh, ihre Mythen, Sorgen, Ängste und existenziellen Fragen ihren Weg in diese Texte in anderen von den Imazighen bewohnten Sprachen gefunden und eine mehrsprachige literarische Tradition geschaffen, die 'in Zungen spricht'."
Stichwörter: Berber, Marokko, Amazigh, Indigene

Magazinrundschau vom 22.10.2024 - Words without Borders

In einem wunderbaren Text denkt die polnische Essayistin Małgorzata Gorczyńska über ein Gedicht von Tomasz Różycki nach, "Clay", also "Lehm", das mit den Worten beginnt: "When will we begin to read like Westerners? / From mud and boredom, from spit and fear of enemies, / from bones pulled out of sand and stolen quicklime we've fastened a golem. Nothing's / enough for him - ..." Gorczyńska fand es in englischer Übersetzung in der New York Review of Books, während sie jetzt darüber nachdenkt, ist sie in Prag. Und an jedem Ort stellt sich neu die Frage, wer ist dieses "wir"? "In einem Souvenirladen kaufe ich eine kleine Tonfigur. Als ich sie in meine Manteltasche stecke, werde ich an Kunderas Idee erinnert, dass das Schicksal des jüdischen Volkes, das ständig von der Vernichtung bedroht ist und sich der großen Geschichte beharrlich widersetzt, die Essenz und das Symbol für das Schicksal Mitteleuropas ist. Aber ich bin auch ein wenig besorgt darüber, ob dieses Symbol, das immer noch starke Emotionen hervorruft, aber in gewisser Weise anachronistisch ist, letztlich zu unserem Golem geworden ist - denn, wie Hannah Arendt bereits geschrieben hat, ist die Ausgrenzung des jüdischen Volkes zu einem historischen Präzedenzfall für weitere Ausgrenzungen geworden, und wir können darüber diskutieren, wer der Jude unserer Zeit ist: Ein Flüchtling aus dem Donbass? Ein Junge aus Afrika, der sich durch einen Elektrozaun an der polnisch-weißrussischen Grenze zwängt? Ein palästinensisches Kind? Ein illegaler Einwanderer aus Mexiko? Und was meine ich hier überhaupt mit 'unser'? Ich würde gerne tiefer darüber nachdenken, aber ich werde von einer vielsprachigen Menschenmenge mitgerissen, die in den Hradschin einbiegt. An der Karlsbrücke bleibe ich stehen, um das riesige blau-gelbe Transparent mit der Aufschrift HANDS OFF UKRAINE, PUTIN! über dem Eingang der barocken St. Salvátor-Kirche zu fotografieren. Ich habe den Eindruck, dass diese Inschrift wie ein biblischer Vers für immer in der Stadt verankert sein wird. Am Malostranské-Platz fährt die Straßenbahn ein, die mich zur Buchmesse bringen wird. Der ukrainische Dichter und Romancier Serhiy Zhadan ist der Hauptredner des heutigen Tages. Schon beim Betreten der Messe bin ich beeindruckt von der Atmosphäre, die von guter Energie und Optimismus geprägt ist, was zweifellos auf die vielen jungen Menschen zurückzuführen ist, die sich an Zhadans Bücher klammern, meist Kriegsflüchtlinge. Was erwarten sie? Warum sind sie gekommen? Sie sprechen über aktuelle Themen, über die neue Realität in der Ukraine, über die erzwungene Verlagerung der Kultur in die sozialen Medien, über die Herausforderungen für Aktivisten, über Verstärkung für diejenigen, die kämpfen. Aber jemand aus dem Publikum wirft auch die Frage auf, ob es in Zeiten des Krieges möglich ist, Raum für das Lesen zu schaffen. Lächelnd antwortet Zhadan, dass er zwei Bücher mitgenommen habe, eines von seinem Lieblingsschriftsteller Bruno Schulz und - keineswegs wegen Prag - Kafkas Tagebücher. Ich lächle auch: Nein, wir lesen immer noch nicht wie die Westler..."

Magazinrundschau vom 30.07.2024 - Words without Borders

In einem schönen kleinen Essay stellt Jean Anderson, Gründerin des New Zealand Centre for Literary Translation an der Te Herenga Waka Victoria University of Wellington, die Vielfalt an Literatur aus dem frankophonen Pazifik vor: "Um diese Vielfalt im Rahmen der pazifischen 'Frankosphäre' zu veranschaulichen, reicht es vielleicht aus, darauf hinzuweisen, dass 'Französisch-Polynesien' / Mā'ohi nui allein aus etwa 120 Inseln besteht, die über 1.359 Quadratmeilen verstreut sind und sich über 1.200 Meilen von Norden nach Süden erstrecken, und dass die Mā'ohi-Sprachen (wie Tahitianisch, die wichtigste lokale Sprache, die in den Schulen gelehrt wird; Mangarevan; Nord- und Südmarquesanisch; Tubuai; usw.) zwar mehr oder weniger gegenseitig verständlich sind, sich aber dennoch deutlich voneinander unterscheiden. Die sprachliche Situation in Neukaledonien/Kanaky ist komplexer. Obwohl die geschätzte Zahl der indigenen Sprachen von Quelle zu Quelle variiert, vielleicht abhängig davon, ob Dialekte in die Zählung einbezogen werden, ist die am häufigsten genannte Zahl achtundzwanzig. Davon sind Drehu (die Sprache der Insel Drehu, auch bekannt als Lifou), Nengone (Insel Maré), Xârâcùù (südwestliche Region), Paicî (Nordosten), Pwapwâ (Nordwesten) und Ajië (zentrale Ostküste) am weitesten verbreitet. Im Gegensatz zur Situation auf Mā'ohi nui unterscheiden sich diese Sprachen erheblich voneinander. Daher diente und dient Französisch hier als verbindende Verkehrssprache." Sehr viele Publikationsmöglichkeiten gibt es für Autoren aus dieser Region nicht, zumal auch der Buchhandel bei der Vielzahl der Inseln auf große Schwierigkeiten stößt, so Anderson, die eine Reihe von Autoren für diese Ausgabe von World without Borders um Beiträge gebeten hat, die alle am Ende des Artikels verlinkt sind. "Bei der endgültigen Auswahl der zu übersetzenden Texte habe ich versucht, eine Reihe von Themen und Genres zu wählen und sowohl etablierte als auch jüngere Autoren sowie eine Vielfalt von Ländern einzubeziehen: Wallis ('Uvea) und Futuna; Vanuatu; Kanaky-Neukaledonien; und Mā'ohi nui-Französisch-Polynesien. Die Leserinnen und Leser werden jedoch ein gemeinsames Thema in mehreren Beiträgen bemerken: Die Bekämpfung des Stereotyps vom blauen Himmel und tropischen Meeresparadies ist zwar kein zwangsläufiges Anliegen, steht aber häufig im Mittelpunkt lokaler Texte, die sich mit sozialen Themen wie Gewalt, Sucht und Unterdrückung auseinandersetzen wollen."

Will Washburn hat für World without Border einen Text des Schriftstellers Murat Özyaşar übersetzt, der darüber nachdenkt, was es für einen Schriftsteller bedeutet, in keiner Sprache wirklich heimisch zu sein und sich seine eigene Sprache entwerfen: "Seit Jahren werde ich gefragt: 'Warum schreibst du nicht auf Kurdisch?' Und das aus gutem Grund, denn ich bin Kurde und schreibe auf Türkisch. Ich bin sicher, dass mir diese Frage auch in Zukunft immer wieder gestellt werden wird. In solchen Situationen nehme ich einen Schluck und versuche, eine Antwort zu geben. ... Ich wurde in Diyarbakır geboren, einundvierzig Jahre nach der Dersim-Katastrophe. Ich habe eine Sprache geerbt, in der man auf Türkisch Dinge sagt wie 'Die Welt ist kalt!' Wenn man diesen Satz hört, könnte man sagen: 'Oh, wie poetisch', oder auch: 'Das verstehe ich nicht.' Aber in Diyarbakır würde niemand diesen Satz seltsam finden: Im Kurdischen kann 'Welt' auch im Sinne von 'Luft' oder 'Wetter' verwendet werden. Dies ist eine der konkretesten - und bizarrsten - Veranschaulichungen für die Tendenz der Menschen, auf Kurdisch zu denken und auf Türkisch zu sprechen. Mit 'kurdisch' und 'türkisch' meine ich keine reine Form einer der beiden Sprachen, sondern eine, in der türkische Wörter in das zu Hause gesprochene Kurdisch eindringen, während das auf der Straße und in der Schule gesprochene Türkisch durch kurdische Wörter, Syntax und Grammatik verfälscht wird... Es ist eine Sprache, die aus der Verflechtung zweier Muttersprachen entstanden ist. Eine wurzellose Sprache, und als solche voller Verheißungen; eine traumatisierte, dunkle, dunkelhäutige Sprache! Um das klarzustellen: Ich spreche nicht von einem 'Akzent', sondern von einer Sprache, die humpelt, als hätte sie einen 'Unfall' gehabt. Das ist die Quelle ihrer ganzen Kraft: Es ist eine Sprache der wunderbaren Unmöglichkeit."

Magazinrundschau vom 10.01.2023 - Words without Borders

Die portugiesische Autorin Lídia Jorge spricht im Interview mit Margara Russotto und Patrícia Martinho Ferreira über ihre Arbeit und über die Veränderungen in der portugiesischen Gesellschaft, besonders bei den Frauen, deren Zeugin sie war: "Was den sozialen Wandel betrifft, so hat die Tatsache, dass Portugal nach der Revolution Teil Europas wurde, ein Land, das an zu vielen archaischen Überzeugungen festgehalten hatte, stark belastet, und der schnelle Weg, den es einschlagen musste, hat tiefe Konflikte innerhalb der portugiesischen Gesellschaft zutage gefördert. Ich gehöre zu der Gruppe von Schriftstellern, die diesen sozialen und historischen Wandel buchstäblich sichtbar gemacht haben, aber aus der Innenwelt der Figuren, durch veränderte individuelle Sichtweisen. Wenn ich eine Inschrift entwerfen müsste, die alles umfasst, was ich bisher geschrieben habe, würde ich sagen: In diesen Büchern geht es um eine Zeit, in der die Idee des Imperiums verblasste und eine freie Gesellschaft aufkam. ... Natürlich habe ich auch andere Perspektiven in Betracht gezogen, wie den Wandel der Familie und die Rolle der Frau, wie sie mit den Veränderungen in Portugal und den Veränderungen in Europa und der Welt konfrontiert waren. In den 1960er Jahren war eine von drei portugiesischen Frauen Analphabetin, was eine Menge über eine Gesellschaft aussagt. Trotz dieser Geschichte der geringen Bildung und des Festhaltens an überholten Vorstellungen haben viele portugiesische Frauen bewiesen, dass sie frei und Herr über sich selbst sein wollten. Andere, vielleicht viele andere, blieben Gefangene eines schwierigen Erbes. Ich möchte diese soziologischen Aspekte des portugiesischen Lebens nicht mit der Literatur verwechseln, aber dennoch muss ich erwähnen, dass portugiesische Schriftstellerinnen diesem Thema Tausende von Seiten gewidmet haben. Es ist unmöglich, gegenüber den entrechteten Mitgliedern einer Gesellschaft gleichgültig zu sein, in der das Erbe der Unterdrückung am stärksten zu spüren ist. Schreiben ist ein Blutstrom, der von Körper zu Körper geht."

Der amerikanische Autor Jaroslav Kalfař erinnert sich daran, wie er nach dem Zerwürfnis mit seinem Vater als Teenager seiner Mutter von Tschechien nach Amerika folgte. Sein Vater hielt nie etwas von seinem Interesse für Literatur (sein Stiefvater in Amerika auch nicht) und prophezeite ihm komplettes Versagen, zumal der junge Jaroslav kein Englisch konnte: "In einigen Dingen hatte mein Vater recht. Obwohl ich nie zurückkehrte, um ihn um Vergebung zu bitten, waren meine ersten Jahre in den Vereinigten Staaten weitaus schwieriger, als ich es mir hätte vorstellen können. In der High School hatte ich Angst, überhaupt zu sprechen und erntete dafür Misstrauen und Spott von meinen Mitschülern. ... Ich wollte das Schreiben aufgeben. Aber ich tat es nicht. Stattdessen vertiefte ich mich in die gleichen parasitären kreativen Aktivitäten, die mir mein Vater vorwarf. Ich las die tschechischen Romane, die ich mit nach Amerika gebracht hatte, immer wieder - Asimovs "I, Robot", Čapeks "War with the Newts", Le Guins "The Dispossessed". In der Bibliothek lieh ich mir die englischen Versionen dieser Romane aus und las sie Seite an Seite, so dass meine Geburtssprache und meine Adoptivsprache nebeneinander lagen. Ich verglich die Unterschiede in der Syntax und erforschte die Nuancen des Vokabulars. Schließlich kehrte ich zu den handgeschriebenen Kurzgeschichten zurück, die ich aus der Tschechischen Republik mitgebracht hatte. Ich verbrachte Stunden damit, meine Werke ins Englische zu übersetzen, unbeholfen und mit Ergebnissen, die im Nachhinein lächerlich sind. Aber es funktionierte. Zwischen diesem literarischen Streben und der Umgangssprache der Fernsehsendungen und meiner weitaus cooleren Highschool-Kollegen, zwischen dem Zwang, mit den Kunden zu scherzen, denen ich bei Friendly's Eis servierte, und dem Erreichen einer Zwei in meinem ersten Aufsatz am Community College - ein B- in Englisch, was für ein Traum - begann meine neue Sprache einen Sinn zu ergeben. Sie wurde instinktiv. Lebendig."

Magazinrundschau vom 02.08.2022 - Words without Borders

Sehr schön erzählt die indische Autorin und Übersetzerin Saudamini Deo, wie es ihr in der furchtbarsten Zeit der Corona-Pandemie in Indien, als die Menschen wegen des völlig überforderten Gesundheitssystems auf der Straße starben, half, eine Sprache, in diesem Fall Französisch zu lernen. Eine neue Sprache war für sie wie der Übertritt in eine andere Welt: "Als die zweite Welle Indien überrollte, war die französische Sprache nicht mehr nur etwas ganz anderes; sie war mein Geländer im Blackout. Ich erkannte, dass es möglich ist, eine Sprache zu bewohnen, so wie man eine Stadt bewohnt. Es ist auch möglich, in einer Sprache Zuflucht zu nehmen. Die Sprache stellt einen eigenen physischen Raum dar. Jeden Tag waren diese zwei Stunden Französischunterricht die einzige Zeit, in der ich nicht an etwas Schreckliches dachte oder darüber sprach. Als ich mir keine Zukunft mehr vorstellen konnte, habe ich sie mit Hilfe der Sprache und ihrer Ebenen neu erfunden."

Magazinrundschau vom 14.06.2022 - Words without Borders

In Words without borders denkt die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk über einen Begriff nach, der die heutige Komplexität der menschlichen Welt erfassen könnte. Sie beschreibt den paradoxen Zustand der Welt, die durch globale Vernetzungen und dauernd anwachsenden Wissensstand einerseits schrumpft und immer einheitlicher zu werden scheint. Andererseits paddeln die Menschen oft hilflos in der schier unendlichen Datenmenge des Internets. Diese gegenläufige Gleichzeitigkeit verändert das Bild vom Menschen, meint sie: "Es verändert sich durch die Klimakrise, die Epidemie und die Entdeckung der Grenzen wirtschaftlicher Entwicklung, aber auch durch unsere neuen Reflexionen im Spiegel: Das Bild des weißen Mannes, des Eroberers im Anzug oder mit Safarihelm, verblasst und verschwindet, an seiner Stelle sehen wir Gesichter, ähnlich wie sie Giuseppe Arcimboldo malte - organisch, hochkomplex, unverständlich und hybrid. Gesichter, die eine Synthese aus biologischen Zusammenhängen, Anleihen und Referenzen sind. Heute sind wir weniger ein Biont als vielmehr ein Holobiont, das heißt eine Gruppe verschiedener Organismen, die in Symbiose zusammenleben. Komplexität, Multiplizität, Vielfalt, gegenseitige Beeinflussung, Metasymbiose - das sind die neuen Perspektiven, aus denen wir die Welt betrachten. Vor unseren Augen verschwindet ebenso ein wichtiger Aspekt des alten Systems, der bisher grundlegend schien - die Aufteilung in zwei Geschlechter. Heute zeigt sich immer deutlicher, dass das menschliche Geschlecht eher einem Kontinuum mit einer Bandbreite an Merkmalen gleicht als dem alten polaren Antagonismus zwischen zwei Geschlechtern. Jeder kann hier seinen einzigartigen und eigenen Platz finden. Was für eine Erleichterung!" Um diesen Prozess, den sie ihn ihrem sehr langen Essay beschreibt, zu erfassen, schlägt sie das Wort "Ognosia" vor.

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - Words without Borders

Words without Border bringt in diesem Monat eine Ausgabe mit Dalit-Literatur, die auf Hindi geschrieben wurde. Lesen kann man unter anderem einen Auszug aus Kausalya Baisantrys Erinnerungen an ihre Kindheit. Ihre Familie stach in ihrem Dorf heraus: Sie besaßen ein Grammophon und Schallplatten, sangen und die Mädchen gingen alle zur Schule. Viele, auch viele Verwandte, akzeptierten das nicht. Sie hassten sie für ihren Willen weiterzukommen: "Es gab keine Arbeit für den Pöbel in unserem Bezirk, und sie erhielten auch keine Ausbildung. Also konnten sie nur Unsinn machen. Einige kniffen die Augen zusammen, verstört vom Fortschritts anderer. Es hat sie nur angestachelt. Sie lebten dafür, Liebesbekundungen zwischen Jungen und Mädchen zu entdecken, und versuchten alles, um herauszufinden, wo sich die beiden Liebenden trafen, wohin sie gehen würden. Dann schnappten sie sich die beiden und brachten sie zurück, um sie zu beschämen. Die armen Liebenden wurden von ihren Eltern mit Prügeln bestraft. Sie gingen mit gesenkten Köpfen, jetzt, da ihr Familienstolz in den Dreck gezogen worden war. Diese Gundas! Niemand widersprach jemals diesen Sticheleien, aus Angst, selbst verprügelt zu werden. Sie schrieben wirklich schmutzige Dinge mit den Namen der Liebenden in Kreide oder Kohle an die Wände der Toiletten. Einige waren beleidigt. Einige fanden es lustig. Dies waren die Missetaten von Jungen, die es gerade mal bis zur dritten oder vierten Klasse geschafft hatten. Ma hatte viel Mut, und Baba hatte endlose Geduld. Sie schenkten diesen Eckenstehern keine Beachtung. Manchmal schleuderte Ma Flüche auf sie, wenn sie versuchten, uns zu belästigen. Diese Jungs, sie hatten Angst vor Ma. Sie war schrecklich."

Magazinrundschau vom 19.07.2011 - Words without Borders

Der arabische Frühling ist Schwerpunkt der Juli-Ausgabe von Words without Borders. Übersetzt wurde unter anderem ein sehr schöner Brief (franz./engl.) Boualem Sansals an Mohamed Bouazizi, den jungen Gemüsehändler, dessen Selbstverbrennung die tunesische Revolution und damit den arabischen Frühling auslöste. Hier der Anfang: "Lieber Bruder, ich schreibe dir diese Zeilen, um dich wissen zu lassen, dass es uns im großen und ganzen gut geht, auch wenn sich das von Tag zu Tag ändert: Manchmal dreht sich der Wind, es regnet Blei, das Leben fließt uns aus den Poren. Um die Wahrheit zu sagen, ich bin mir nicht ganz sicher, wo wir stehen. Wenn man bis zum Hals im Krieg steht, kann man erst am Ende sagen, ob man feiern oder trauern soll. Und das ist sie, die entscheidende Frage: Soll man den anderen folgen oder vorausgehen? Die Konsequenzen sind nicht dieselben. Manche Siege können sich als kurzfristig herausstellen, während manche Niederlagen der Beginn wirklich großer Siege sein können. In diesem Spiel, bei dem man jederzeit vom Tod überrascht werden kann, gibt es die Zeit davor und die Zeit danach, aber nur einen einzigen ungeheuer flüchtigen Moment, in dem man sich entscheiden kann."

Weiteres: Nawal El Saadawi kritisiert scharfzüngig die nationale und internationale Presse, die die ägyptischen Revolutionäre mit einigen kosmetischen Operationen ruhigstellen wollten. Außerdem gibt es Prosa und Lyrik in englischer Übersetzung (alles online hier zu finden).