
Anlässlich des 90. Geburtstags des verstorbenen Schriftstellers, Dissidenten und späteren Staatspräsidenten
Václav Havel, dem die Zeitschrift
Respekt ihr aktuelles Heft unter dem Titel:
"Der wieder schrecklich aktuelle Havel" widmet,
erklärt Roman Vyšanský Havel für "zum zweiten Mal gestorben" - Grund sind die Querelen um die Václav-Havel-Bibliothek, die soeben
ihren Namen verloren hat: "Wäre Václav Havel noch am Leben, hätte ihm die Situation rund um die nach ihm benannte Bibliothek sicherlich Stoff für ein neues Theaterstück geliefert", meint Vyšanský. "Im März 2025 übernahm der Ökonom
Tomáš Sedláček die Leitung der Bibliothek, und seine Maßnahmen - darunter der Plan, einige Mitarbeiter durch
künstliche Intelligenz zu ersetzen - stießen auf Kritik. Sedláček rechtfertigte sich damit, dass er versuche, das Vermächtnis von Václav Havel aus den Händen der 'Prager Kaffeehausszene' zu befreien ['Kaffeehaus' ist in Tschechien ein despektierlicher Begriff für das woke Intellektuellenmilieu], doch die Krise spitzte sich so weit zu, dass ihm
das Recht zur Nutzung von Havels Namen entzogen wurde." Seit Anfang September heißt daher die Institution [in der es viele interessante Veranstaltungen zu menschrechtsrelevanten Themen gab] nun "Erste Präsidentenbiblothek", und Havels letzte Ehefrau, Dagmar Havlová, kündigte an, eine neue Einrichtung zu erschaffen, die Havels Vermächtnis pflegen solle. Enttäuscht berichtet Roman Vyšanský von der Pressekonferenz: "Die Mitglieder des Verwaltungs- und Aufsichtsrats wirkten wie ein
Club alternder Männer, die verzweifelt versuchen, mit der Zeit Schritt zu halten, was ihnen sichtlich schwer fällt. Die Redner betonten wiederholt, die jüngere Generation habe die Samtene Revolution nicht miterlebt, weshalb es ihre Aufgabe sei, ihr deren Bedeutung zu vermitteln. Auf die Frage eines Journalisten, warum im Verwaltungsrat keine Frauen vertreten seien, antwortete Dušek [Aufsichtsratleiter und Vizebürgermeister von Prag 5], dass es sich einfach so ergeben habe, er aber eine Veränderung begrüßen würde. Es scheint, als habe sich die Bilbiotheksleitung nicht mehr von dem Rückschlag erholt, den die Ernennung von Tomáš Sedláček zum Direktor bedeutete. Sedláčeks Ideen waren zwar
völlig realitätsfern, aber immerhin haben sie offenbart, wie zerbrechlich diese Institution ist. Die Bibliothek hat sich damit begnügt, Václav Havel als
geistige Mumie der liberalen Demokratie zu präsentieren, und es sieht nicht so aus, als hätte sie aus der Krise gelernt: Lieber nichts Neues einführen und zu den alten Gewohnheiten zurückkehren. Somit hat Havel zu seinem posthumen Geburtstag ein zweifelhaftes Geschenk erhalten: Die Institution, die seinen Namen trug, hat sein Vermächtnis so eifersüchtig gehütet, bis sie es völlig entleert hat."