Magazinrundschau - Archiv

A2

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Magazinrundschau vom 21.07.2020 - A2

A2 begibt sich weiter auf die Spuren des Antifeminismus und führt mit der tschechischen Politologin und Philosophin Zora Hesová ein hochinteressantes Gespräch über reaktionäre Strömungen in Ost und West, aus dem sich hier nur auszugsweise zitieren lässt. Bis auf einige Argumentationslinien der katholischen Kirche sieht Hesová keine einheitliche Ideologie hinter dem neuen Antifeminismus, er zeige sich nicht nur bei Populisten und Faschisten, sondern auch bei Menschen ohne substanzielle politische Ideologie. Konservative Think-Tanks und bürgerliche Lobbyistengruppen, die es besonders in Polen und der Slowakei, in Ungarn und Kroatien, aber auch in Frankreich oder Spanien gebe, hätten "von amerikanischen Erfahrungen gelernt: wenn eine konservative Agenda erfolgreich sein will, darf man sie nicht in religiöser Sprache formulieren und etwa sagen, dass die Liberalen 'sündigten' oder in der Hölle landeten, sondern man muss eine zivile Sprache der Rechte und Freiheiten verwenden. In den USA spricht man seit den 90er-Jahren im Falle von Abtreibungen nicht mehr von der Ermordung von Kindern, sondern von der Verletzung ihres Rechtes auf Leben. In Kampagnen gegen Sexualerziehung in den Schulen wird nicht mehr behauptet, dass man den Kindern 'Sünden' beibringe, sondern dass die Schule in die Entscheidungsrechte der Eltern eingreife, wie die moralische Erziehung ihrer Kinder auszusehen hat. Sich gegen Eingriffe des Staates in die Privatsphäre der Familie zu verwahren, ist aus liberaler Perspektive ein viel schlagenderes Argument als die ewige Verdammnis."

Magazinrundschau vom 07.07.2020 - A2

Das Magazin A2 bringt ein kritisches Themenheft zum "Antifeminismus". Darin fragt die tschechische Literaturwissenschaftlerin Eva Klíčová, warum selbst erfolgreiche tschechische Frauen in Interviews so oft ungefragt erklärten, sie seien keine Feministin, und vermutet, dass dies weniger mit dem vielbeschworenen mitteleuropäischen Sinn für Ironie zu tun habe, sondern in der Atmosphäre der Neunziger wurzele. Als zwei italienische Feministinnen mit einer Menschenrechtspetition die Dissidentinnen in der kommunistischen Tschechoslowakei aufsuchten, habe Václav Havel dazu geschrieben: "Ich möchte mich nicht über den Feminismus lustig machen, ich weiß wenig darüber und bin bereit zu glauben, dass er keinesfalls nur die Erfindung irgendwelcher Hysterikerinnen, gelangweilter Frauchen oder verschmähter Geliebter ist. Ich muss jedoch feststellen, dass sich in unserem Umfeld, wo die Frauen vielfach schlechter dran sind als im Westen, der Feminismus wie Dada ausnimmt". Und er fand auch eine Erklärung dafür: Das liege an dem typischen mitteleuropäischen Sinn für Ironie und schwarzen Humor, der Angst vor unfreiwilliger Komik und dem Pathos. "Mit anderen Worten", schließt Eva Klíčová, "die weiblichen Dissidenten hatten nicht etwa Angst, sie könnten ihr Leben als Dienerinnen in prekären ökonomischen Verhältnissen zubringen, als Schreibkräfte männlicher Ideen und ein leichtes Ziel sexueller Toxizität. Stattdessen hatten sie Angst, sich lächerlich zu machen, peinlich zu sein … vor den Männern!" Ob das wohl damit zu tun habe, dass die Themen und Formen des dissidentischen Diskurses von Männern beherrscht wurden?, fragt die Autorin. Nach der Wende von 1989 sei die Feminismusdiskussion in Tschechien dann stark von Josef Škvorecký geprägt worden, der 1992 in einer Artikelserie der Zeitschrift Respekt mit dem Untertitel Abenteuer des amerikanischen Feminismus "gehässige und ihrem Wesen nach desinformative Texte" über "die Ideologie der weiblichen Überlegenheit" und die "Ideologie des lesboiden Feminismus" und damit über eine vermeintliche amerikanische Realität schrieb, in der die Frauen einen Krieg gegen die Männer führten. "Leider muss man sagen, dass diese schriftstellerischen Fantasien in Tschechien nicht nur als authentische Erfahrung des Emigranten aufgenommen wurden, sondern gerade wegen Škvoreckýs literarischer Bedeutung maßgeblich und tonangebend wurden."

Magazinrundschau vom 31.03.2020 - A2

Die tschechische Soziologin Tereza Stöckelová spricht in einem Beitrag in A2 über die neue Virokratie. "SARS-CoV-2 erwischte die Menschheit in der Regierungszeit einiger Politiker, die die Gesellschaft radikal spalten, wie Donald Trump, Boris Johnson oder bei uns Andrej Babiš. Für deren Ablösung existieren jedoch keinen vernünftigen Rechtsmechanismen. Die Virokratie ersetzt nun die Demokratie nicht deshalb, weil jemand das angezettelt hätte, sondern vor allem weil der Virus selbst es verlangt. Demonstrationen gegen die verhängten Maßnahmen finden nicht deshalb keine statt, weil die Demonstranten nicht ausreichend Courage besäßen, sondern weil sie andere anstecken könnten, zumal die, die ihnen politisch am nächsten stehen. Parlamentssitzungen werden nicht aus Mangel an politischer Energie aufgehoben, sondern weil klar ist, dass früher oder später der Virus selbst sie auflösen würde. Derjenige, der heute einen Spitzenpolitiker absetzen oder zeitweilig aus dem Verkehr ziehen kann, ist so vor allem der Virus selbst, der die betreffende Person in Quarantäne oder auf die Intensivstation schickt. Verfassungsrechtler denken jetzt darüber nach, wie sich ein physisch nicht zusammenzubringendes Parlament zusammenrufen lässt, das gegebenenfalls den Ausnahmezustand verlängert, und vor allem, wie sich die demokratische Verantwortlichkeit der Regierung aufrechterhalten lässt, wenn ihr gängiges Funktionieren in einem Monat aus epidemologischen und gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich ist. Gegenwärtig bleibt uns jedenfalls nichts anderes übrig, als unsere ungeliebten Führer mit all ihren Schwächen und Makeln zu unterstützen und ihre Fehler und Mängel in der Zusammenarbeit und nicht in Feindschaft zu korrigieren. Die Alternative zur gegenwärtigen Virokratie ist nämlich die Anarchie, und nicht der demokratische Alltag. Die Schlüsselrolle für uns alle wird natürlich sein, darauf aufzupassen, dass das Regime der Virokratie ein befristetes bleibt, und dass wir die wichtigen demokratischen Streitigkeiten und Kontroversen wieder aufnehmen, sobald es möglich ist."
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Magazinrundschau vom 10.12.2019 - A2

Die tschechische Zeitschrift A2 widmet ihr aktuelles Themenheft der Bioart, einem speziellen Bereich der Kunst, der aktuelle wissenschaftliche Forschung und Labormethoden nutzt. In diesem Fall geht es etwa um konzeptuelle genetische Modifikation von Taufliegen, Mais oder Bakterien oder auch um die Rekonstruktion von Gesichtern aus DNA-Spuren, die aus von auf der Straße aufgelesenen Zigarettenkippen und Kaugummis gewonnen wurden. Solche Kunstprojekte, die mit Genen und anderem Biomaterial arbeiten, rufen freilich Kontroversen hervor. Doch die ethischen und rechtlichen Fragen, die ihre Rezeption aufwerfen, könnten dabei helfen, die Grenzen für die zukünftige Nutzung dieser Technologien auszuloten - so Karel Kouba in seinem Editorial. Die italienische Bioethik-Expertin Rosangela Barcaro warnt hingegen in ihrem Essay, dass die Bioart sich allmählich dem Bereich annähert, den sie ursprünglich kritisieren wollte. Die Künstler-Wissenschaftler könnten ihrer Meinung nach gewissermaßen "als okkulte Meister genutzt werden, die dadurch, dass sie konkrete Erfindungen und Innovationen in die Gesellschaft einführen, die Wachsamkeit der öffentlichen Meinung und womöglich auch begründete Einwände zerstreuen".

Magazinrundschau vom 05.11.2019 - A2

Die tschechische Kulturzeitschrift A2 widmet ihr aktuelles Themenheft Ostdeutschland. Michal Špína erinnert sich: "Als meine Turnover Oma mich Anfang der 90er-Jahre auf Ausflüge nach Sachsen mitnahm, vor allem in die Gegend von Zittau und Bautzen, war uns überhaupt nicht bewusst, dass wir uns durch den ärmsten und vernachlässigsten Teil Deutschlands bewegten. Auch der Osten des wiedervereinigten Landes stellte für uns Westen dar - war doch alles dort etwas teurer als bei uns zu Hause. Heute, 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, wird das Gebiet der ehemaligen DDR überwiegend als Quelle von Problemen wahrgenommen und seine Einwohner als von der Diktatur gezeichnete ewig Unzufriedene, die an den Wahlurnen und auf den Straßen das Bild Deutschlands als freundliches und offenes Land trüben. Doch die Gründe für diesen Zustand liegen auf beiden Seiten der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze." In seinem Artikel "Glanz und Elend der Deutschen Bahn" geht Špína zum Beispiel der unterschiedlichen Qualität des Eisenbahnverkehrs in beiden Teilen Deutschlands nach, welche die Vermutung bestätige, "dass der Osten eher als der gleichwertige Partner des Westens immer noch sein armer Verwandter ist." Und Jakub Ort erinnert im gleichen Heft daran, dass nach der deutschen Vereinigung die Gelegenheit verpasst wurde, die Emanzipation der Frauen als einen der wenigen Bereiche anzuerkennen, in dem die DDR voraus war.

Magazinrundschau vom 24.04.2019 - A2

Mit dem neapolitanischen Schriftsteller Erri De Luca unterhält sich Jakub Horňáček über die aktuelle gesellschaftliche Rolle eines Schriftstellers. De Luca bekennt sich klar zu einer engagierten Literatur. "Ein Schriftsteller sollte meiner Meinung nach denen eine Stimme schenken, denen sonst kein Gehör geschenkt wird. Wie es das Ziel des Schusters ist, Schuhe zu machen, damit andere besser gehen können, sollte es die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Verstummten, den Analphabeten oder denen, die rufen und nicht gehört werden, das freie Wort zu schenken." De Luca engagiert sich für Flüchtlinge und war unter anderem an Bord von NGO-Booten zur Seenotrettung. Auf die Frage, wie er angesichts flüchtlingsfeindlicher Tendenzen die nähere Zukunft einschätzt, antwortet er in der ihm eigenen poetischen Weise: "Es erstarken die Säer von Angst und Feindlichkeit, die Vogelscheuchen heutiger Zeit. Die Erfahrungen des letzten und vorletzten Jahrhunderts zeigen jedoch, dass sich die Migration auch Auge in Auge mit den schlimmsten Sentimenten - selbst Auge in Auge mit dem Ku-Klux-Klan - im Gastland einzurichten weiß, denn ihre Gründe sind einfach stärker als die negativen Kräfte, die auf sie reagieren. In den Vogelscheuchen werden eines Tages die Zugvögel nisten."
Stichwörter: Luca, Erri de, Ngos

Magazinrundschau vom 20.02.2018 - A2

Das Magazin A2 widmet seine aktuelle Ausgabe dem islamischen Feminismus, unterhält sich u.a. mit der dänischen Imamin Sherin Khankan, der marokkanischen Gender-Professorin Fátima Sadikí sowie der Bau- und Matriarchatsforscherin Menatalla Ahmed Agha. Im Editorial heißt es zur Ausgabe: "Gerade der Feminismus ist ein mächtiges Instrument im Kampf gegen den politischen Missbrauch des Islams, da er die Taktiken, die zur Unfreiheit führen, benennen kann. Aber darum geht es in dieser Nummer nicht, sondern um einen Islam ohne mächtige Männer im Hintergrund - um einen Islam ohne Patriarchat. Der islamische Feminismus geht dabei nicht nur von westlichen Gendertheorien aus, sondern vor allem von der islamischen Tradition. Er gründet auf der Erforschung der Geschichte und einer neuen Lektüre der Texte, die lange nur von Männern interpretiert wurden. (…) Er kann das westliche feministische Denken um eine geistige und spirituelle Ebene bereichern."

Magazinrundschau vom 19.09.2017 - A2

Lucie Zakopalová unterhält sich mit der polnischen Filmemacherin und Autorin Marta Dzido, die dem Thema "Die Frauen der Solidarność" 2015 einen Dokumentarfilm (Trailer) und jetzt auch ein Buch widmete. Dzido stellte in ihren Nachforschungen fest, dass die Solidarność-Bewegung zur Hälfte aus Frauen bestand und maßgebliche Schritte von Frauen bewirkt wurden - die anschließend komplett in Vergessenheit gerieten. Schon an den Verhandlungen am Runden Tisch 1989 war nur eine einzige Frau beteiligt. Als ein Beispiel erinnert Dzido an Ewa Ossowská, die damals als Neunzehnjährige die Arbeiter dazu bewegte, den Streik nicht schon am dritten Tag wieder abzubrechen. "Auf den Fotos sehen wir ein zierliches Mädchen im weiten Pulli, das zur Menge spricht, die ihr aufmerksam zuhört (…) Wir haben sie lange gesucht und erst bei Neapel gefunden. Es stellte sich heraus, dass sie 1996 emigrieren musste, weil sie keine Arbeit fand und ihre Kinder nicht ernähren konnte. Es hat mich schockiert, die Geschichte einer Heldin der antikommunistischen Opposition zu hören, die gezwungen ist, das freie Polen zu verlassen, um über zehn Jahre als Putzfrau zu arbeiten. Und leider wiederholt sich diese Geschichte."

Magazinrundschau vom 20.09.2016 - A2

Das Magazin A2 widmet sein aktuelles Heft der "Macht der Religion" und führt ein hochinteressantes Gespräch mit dem französischen Philosophen und Politologen Jean-Pierre Dupuy, der an die These des Soziologen Emile Durkheim anknüpft, dass alle menschlichen Institutionen einen sakralen Ursprung haben - eine Sichtweise, nach der im Grunde selbst der aufgeklärteste Rationalismus "heilig" wird. "Der Säkularismus im französischen Verständnis bedeutet nicht die Neutralität des Staates, wie das in Amerika ist. Die klassische liberale Doktrin über die Neutralität des Staates meint, dass der Staat nicht fähig ist zu entscheiden, was ein gutes Leben darstellt, und deshalb nicht zwischen konkurrierenden Konzepten auswählen kann. In Frankreich hingegen ist der Säkularismus ein grundsätzlich antiliberales und 'perfektionistisches' Konzept. Der Staat besitzt die Autorität zu sagen, worin ein gutes Leben besteht, und hat somit auch das Recht, Gehorsam gegenüber seinem Willen zu verlangen. Gerade hier tritt das Religionsproblem am offensten zutage. Die republikanische Tradition in Frankreich macht aus der Konformität der Vernunft die exklusive Voraussetzung für die Teilnahme am öffentlichen Leben. Rationalität ist hier die höchstbewertete Tugend."

Magazinrundschau vom 26.01.2016 - A2

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift A2 widmet sich dem Begriff des Anthropozän, den der niederländische Nobelpreisträger Paul Crutzen im Jahr 2000 aufbrachte, um die aktuelle Erdepoche zu beschreiben, in der der Mensch zu einem maßgeblichen geologischen Faktor geworden ist. "Das Konzept des Anthropozän", schreibt die Soziologin Tereza Stöckelová, "hat Einfluss auf die Naturwissenschaften selbst. Viele Forscher haben bereits begriffen, dass sie ihre Forschungsgegenstände nicht mehr als Entitäten oder Phänomene betrachten können, die unabhängig von gesellschaftlichen und politischen Dynamiken sind. (…) Das Anthropozän steht somit nicht nur für eine neue Ära in der Entwicklung des Planeten, sondern auch in der Wissenschaft." Stöckelová möchte den Begriff gegen seine vielen Kritiker verteidigen. Ihrer Meinung nach liegt seine Stärke gerade in seiner hybriden Gestalt, die es möglich macht, einerseits technisches Denken und Handeln zu politisieren und andererseits komplexere Argumente und nicht sofort sichtbare Tatsachen in die Politik einzubeziehen. "Zu Recht lässt sich am Anthropozän-Begriff kritisieren, dass er die ungleichmäßige Verteilung der menschlichen Planetenbeeinflussung außer Acht lässt. Schließlich hat jener Teil der Menschheit, der kapitalistische und sozialistische Modernisierungsschübe durchlaufen hat, einen dramatisch größeren Anteil an den anthropogenen Prozessen als alle übrigen - die hingegen von den globalen Veränderungen oft am stärksten betroffen sind. Tatsächlich wäre es falsch, 'die Menschheit' im Begriff Anthropozän als einen einheitlichen Faktor zu begreifen. Zumal die heutigen globalen Veränderungen nicht vom Menschen alleine, sondern immer auch im Zusammenspiel mit diversen Technologien oder auch anderen sich vermehrenden oder mutierenden Tierarten verursacht werden. Ich denke, man sollte 'Anthropos' hier eher im Sinne einer sich bildenden Menschheit begreifen, die in Zukunft eines effektiveren kollektiven Handelns und Zusammenwirkens fähig sein wird als früher. In diesem Sinne ist das Anthropozän die Epoche des Menschen, der (noch) nicht existiert."