Magazinrundschau

Der Erfolg im bürgerlichen Sinne

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.07.2020. In En attendant Nadeau denkt der Historiker Carlo Ginzburg über den Begriff der Herdenimmunität nach wie ihn Giorgio Agamben benutzt. Bloomberg fragt, ob China Huawei einfach an die globale Spitze der Telekomkonzerne gehackt hat. Der Guardian porträtiert die Nigerianerin Aisha Wakil, die seit Jahren versucht, entführte Schulmädchen von Boko Haram freizuhandeln. Die New York Times recherchiert die Frage, ob Russland die Taliban dafür bezahlt, amerikanische Soldaten anzugreifen. Die Riemannsche Vermutung könnte falsch sein, warnt uns im Interview mit Quietus Werner Herzog.

New Statesman (UK), 07.07.2020

Im neuen Heft des Magazins stellt Isabel Hilton eine Trendwende fest in Britanniens China-Politik: "Es dürfte nicht überraschen, dass Boris Johnson kaum über eine seriöse und gut informierte Sicht auf China verfügt. Die Ansichten seiner eigenen Hinterbänkler aber entgehen ihm nicht. So lässt sich prophezeien, dass Johnson seine Meinung zu China wiederum ändern wird: Nachdem er die Brexit-Welle mit dem Versprechen auf neue Möglichkeiten in Asien und China im Besonderen genommen hat, bereitet er sich auf eine 180-Grad-Wende vor, die Restriktionen von chinesischen Investitionen in GB sowie die Aufhebung des umstrittenen Versprechens Chinas Telekom-Riesen Huawei zum 5G-Netz im Land zuzulassen bedeuten wird. Andere Investitionen in kritische Infrastruktur, Atomkraft etwa, würden ebenfalls infragegestellt. Vergleichbare Optionen Britanniens in China, die tatsächlich nie so groß waren, wie die Brexiteers es suggerierten, werden ebenso unwahrscheinlicher. Zwei Entwicklungen stehen hinter Johnsons Entscheidung. Die erste, deutlich sichtbar, ist der wachsende Wettbewerb zwischen den USA und China, ein Kampf, in dem beide Supermächte zunehmend darauf bestehen werden, dass kleinere Länder wie Britannien sich für eine Seite entscheiden. Die zweite ist eine Kehrtwende bei der Haltung zu China innerhalb der Konservativen Partei. Noch vor einigen Jahren schworen ihre Parteiführer ewige Freundschaft mit der Volksrepublik. Heute stehen die Zeichen auf Feindschaft. Die Anfänge der Wende gehen auf die Zeit vor der Pandemie zurück, aber der Prozess wurde verstärkt durch Chinas Verhalten nach Ausbruch der Seuche, seine Propaganda und durch das Sicherheitsgesetz für Hongkong, das Chinas Vereinbarung mit Britannien in Stücke reißt, Hongkong 50 Jahre lang sich selbst zu überlassen."

Im Aufmacher des Magazins betrachtet John Gray mit verlässlichem Pessimismus den Zustand Britanniens. Woanders sieht es allerdings auch nicht besser aus, weshalb die Tories durchaus auch die nächsten Wahlen gewinnen könnten: "Das öffentliche Vertrauen in die Regierung hat in den letzten Wochen gelitten, und die Einhaltung der sozialen Distanzierung hat spürbar nachgelassen. Aber die Welt bewegt sich in diesen Tagen ziemlich schnell vorwärts. Vor den nächsten britischen Parlamentswahlen könnten die Scharmützel in Ladakh zu einem größeren Konflikt zwischen China und Indien eskaliert sein. Nach der Zerschlagung des Modells 'ein Land, zwei Systeme' in Hongkong könnte die Unabhängigkeit Taiwans aktiv bedroht sein. Eine rechtsextreme Matteo-Salvini-Regierung könnte in Italien an der Macht sein und die Zukunft des Euro in Frage stellen. Sollte es weitere Ereignisse wie in der Stadt Dijon geben, die im vergangenen Monat Schauplatz von Zusammenstößen zwischen Algeriern und Tschetschenen wurde, könnte Emmanuel Macron bei den Präsidentschaftswahlen 2022 sogar gegen Marine Le Pen verlieren. Wenn die Pandemie in den USA völlig außer Kontrolle gerät, könnten die Todesfälle katastrophale Ausmaße annehmen. Sollten die Szenen der Anarchie in den US-Städten über den Sommer andauern, könnte Trump im November noch gewinnen; verliert er, könnte er das Ergebnis anfechten. Eine Präsidentschaft von Joe Biden könnte unter einem linken Deckmantel den Protektionismus und Neoisolationismus von Trump fortsetzen."

Außerdem: William Davies überlegt anlässlich von Corona, wann und warum wir Regeln einhalten oder nicht.

En attendant Nadeau (Frankreich), 12.07.2020

Der berühmte Historiker Carlo Ginzburg meditiert in einem komplexen und interessanten Text über den Begriff der "Herdenimmunität", der ihm zuerst in der britischen Corona-Debatte im März begegnete. Er wendet ihn polemisch gegen Giorgio Agamben, denn die Diskussion über diesen Begriff beweist für ihn, dass die Regierungen gerade nicht jene "Biopolitik" geführt haben, die Agamben in seiner furchtbaren Pauschalisierung unterstellte. Es kommt darauf an, die Fakten zu sehen, hält Ginzburg ihm entgegen - und Faktum ist, dass Boris Johnson am Ende eben keine Politik der "Herdenimmunität" führte: "Die Banalisierung des Faschismus ist vielleicht (ich sage bewusst vielleicht) das unvermeidliche Resultat eines Widerwillens gegen spezifische Differenzen und ihre Implikationen. Warum wurde die Idee der 'Herdenimmunität' verworfen, nach der man die Bevölkerung des Vereinigten Königreichs wie in einem Labortest bentutzt hätte, um in Abwesenheit eines Impfstoffs eine kollektive Immunisierung zu erreichen? Auf diese Frage gebe ich die Antwort, die auf der Hand liegt: weil es trotz allem zwischen der Regierung von Boris Johnson und dem Regime Viktor Orbans eine wesentliche Differenz gibt. Die so verschriene parlamentarische Demokratie hat den Einwänden, die gegen dieses Projekt von wissenschaftlicher Seite erhoben wurden, Raum gegeben."

Elet es Irodalom (Ungarn), 10.07.2020

Der Publizist István Váncsa kommentiert die Verordnung der Regierung, nach der die Universität der Schauspiel- und Filmkunst in eine Stiftungsuniversität umgewandelt wird, in deren Kuratorium ausschließlich Abgeordnete der Regierung Platz nehmen sollen. Dies ist nach zahlreichen bereits erfolgten Umwandlungen einer der prominentesten Fällen, bei der eine politische Motivation - die Universität galt als offen regierungskritisch - kaum von der Hand zu weisen ist: "Unser Herr Ministerpräsident werkelt an der eliminierenden Erhaltung der akademischen Sphäre. Erhaltung bedeutet hier einerseits, dass höhere Bildungsinstitute auf Befehl stehen, sitzen, liegen und auf Kommando bei Fuß sind; eliminieren bedeutet andererseits, dass sie immer weniger zu Essen bekommen und in absehbarer Zeit nichts mehr erhalten. Sie überlebt so gut sie kann, während die Kranken auf der Strecke bleiben und die anderen Ordnung lehren."
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Bloomberg Businessweek (USA), 01.07.2020

In der aktuellen Ausgabe des Magazins hegt Natalie Obiko Pearson einen bösen Verdacht. Brachte ein Daten-Hack aus China im Jahr 2004 Kanadas Tech-Riesen Nortel zu Fall und Huawei auf Kurs? "Keiner weiß, wer Nortel gehackt hat oder wohin genau in China die sensiblen Daten (darunter Quellcode, d. Red.) gingen. Aber Sicherheitsexperten tippen auf die chinesische Regierung, die einen bedeutenden westlichen Rivalen ausschaltete, um seinen eigenen Tech-Champs zu promoten, u.a. Huawei. Huawei behauptet, damals nichts von dem Hack gewusst zu haben, gar involviert gewesen zu sein oder Informationen von Nortel erhalten zu haben … Nicht zur Debatte steht indes, dass der Nortel-Hack mit einer Offensive bei Huawei zusammenfiel, diese war legal, aber nicht weniger zerstörerisch. Während Nortel ums Überleben kämpfte, prosperierte Huawei dank seiner einzigartigen Struktur. Es war in privater Hand, erhielt Gelder von Staatsbanken und konnte jahrelang Verluste aushalten, bevor es mit seinen Produkten Geld verdiente. Es warb erst Nortels Kundschaft ab und dann die Wissenschaftler, die ihm das 5G-Netz aufbauen halfen … 2013 berichtete die Cybersicherheitsfirma Mandiant über eine Untersuchung von Cyberattacken während der vergangenen neun Jahre auf 141 Unternehmen in den USA, Kanada und anderen englischsprachigen Ländern. Man fand heraus, dass die Daten in fast allen Fällen in einen Ortsteil von Schanghai führten, in die Nähe einer Militärbasis, auf der Spionage gegen die USA betrieben wurde. Mandiant sprach aus, was alle dachten: Chinas Regierung war unmittelbar involviert in Wirtschaftsspionage. Huawei selbst wurde immer wieder des Diebstahls geistigen Eigentums beschuldigt, am prominentesten 2003, als Cisco behauptete, Huawei habe Quellcode gestohlen. Huawei bestritt die Vorwürfe."

La vie des idees (Frankreich), 13.07.2020

Korine Amacher lässt die Etappen des "Kriegs der Schulbücher" Revue passieren, der in Russland bei den Büchern für den Geschichtsunterricht tobte. Einer freien Periode in den Neunzigern folgte eine Rückkehr bis hin zu einer forcierten Rehabilitation Stalins, die aber wegen breiter Proteste wieder aufgegeben wurde. Nun gibt es eine allgemeine Leitlinie der Regierung, der drei Schulbuchverlage mit einem gewissen Spielraum folgen: "In der Leitlinie und also den Schulbüchern ist der Wille, die dunklen Aspekte der russischen Geschichte auszublenden, deutlich. Aber es geht auch darum, widerstreitende Standpunkte zu versöhnen. Darum sind extreme Aussagen monarchistischer Schulbücher (die um 2000 dominierten, d.Red.) und vor allem auch die Diatriben gegen den Westen verschwunden. Die russische Geschichte wird nun als ein Teil weltweiter Prozesse beschrieben, auf den der 'größte multinationale und und multireligiöse Staat der Welt' einen tiefen Einfluss hatte. So können die Anhänger einer patriotischen Geschichtsschreibung zufrieden sein, denn die neuen Schulbücher halten sich an die Ermahnungen von ganz oben: sie flößen den Schülern Stolz auf die russische Geschichte ein."

Unherd (UK), 01.07.2020

Der britisch-nigerianische Autor Ralph Leonhard kann die Anklagen wegen und Entschuldigungen für kulturelle Aneignung nicht mehr hören und weist auf das offensichtliche hin, nämlich dass der Kampf gegen kulturelle Aneignung in die kulturelle Wüste führt: "Es ist kein Zufall, dass viele Agitatoren gegen die kulturelle Aneignung sozialbewusste farbige Menschen sind, Immigranten der zweiten und dritten Generation, deren Bindung an ihr Erbe prekär ist. Vielleicht fühlen Sie sich in Ihrem Heimatland als Ausländer, könnten aber auch im Land Ihrer Eltern als Tourist unterwegs sein. Das Beste, was Sie tun können, ist, die Teile Ihres Erbes, die Sie schätzen, zu nehmen und in sich aufzunehmen, um eine Verbindung zu all dem zu haben. Selbst dann fühlt es sich distanziert und instrumentell an. Als Britisch-Nigerianer kenne ich das Gefühl der Entfremdung und Entwurzelung. Aber ich sehe diese Entwurzelung, diese proletarische 'Wurzellosigkeit', so paradox es auch erscheinen mag, als die Grundlage für eine neue höhere Form der Befreiung. Eine der harten Wahrheiten der modernen Existenz ist, dass es so etwas wie eine verwurzelte, stabile und authentische Identität nicht gibt, mit der man sich nach seismischen Prozessen wie Kolonialismus, Migration und Globalisierung wieder verbinden kann. Deshalb finde ich den ärgerlichsten Aspekt dieses Arguments die auffällige, aber selten erwähnte Annahme, dass nur Weiße die Freiheit haben, sich von ihren 'Wurzeln' zu lösen und universell, weltlich, kosmopolitisch, mobil und proteisch zu werden. Aber 'farbige Menschen' sollen speziell sein, provinziell, verwurzelt in ihren alten kulturellen und spirituellen Traditionen. Die Kulturkämpfer versuchen nicht einmal, die kulturelle Freiheit und die Möglichkeiten für nicht-weiße Künstler zu erweitern. Nein, sie wollen, dass alle, auch die Weißen, provinzialisiert werden."

Außerdem: Tom Chivers erzählt von einem gruseligen Versuch im britischen Fernsehkanal Channel Four nicht anonymisierten Schulkindern mit einem Test, der die Trennung von weißen und nicht-weißen Kindern voraussetzte, ihren "unbewussten Rassismus" auszutreiben.
Archiv: Unherd

Wired (USA), 09.07.2020

Wanderer, kommst Du nach China, sei gefasst darauf, dass Dir Linkin-Park-Shirts (und zwar nicht irgendwelche, sondern ein ganz spezieller Entwurf) in rauen Mengen begegnen werden. Dies beobachtet zumindest Noelle Mateer - und darüber hinaus auch viele verwirrte westliche Touristen, die sich online über diesen sonderbaren Trend austauschen, der nur noch sonderbarer erscheint, als zusehends Schreibfehler in die Shirts wandern. Hinzu kommt: Händler und Träger des Shirts wissen oft noch nicht einmal, was sie da eigentlich tragen. Was geht da vor sich?  "Ich bin auf keine plausiblerer Erklärung für die Popularität dieser Shirts gestoßen, als die, dass sie modern und cool aussehen, und dass die Leute gerne Dinge nachmachen. Dieses Nachmachen ist eine angewandte Kunst in den Fabriken in Guangdong. Viele gefälschte Produkte sind das Resultat von 'Nachtschicht-Piraterie', bei der ein Hersteller gegenüber einem Kunden behauptet, in zwei Tagesschichten zu arbeiten, dann aber eine dritte Schicht fährt, um Überschuss zu produzieren, von dem der Kunde keine Ahnung hat. ... Alex Taggart, Geschäftsführer von Outdustry, einer Firma, die sich im Auftrag von Künstlern um Musikrechte in China kümmert, sagt, dass das Linkin-Park-Phänomen wahrscheinlich mit dem 'simplen Design, einem massiven Produktüberschuss und Nachtschicht-Piraterie' zu tun hat. Er fügt hinzu: 'Als ich bemerkte, dass das Englisch auf den Shirts langsam schlechter wurde, nahm ich an, dass die Designs 'neu interpretiert' worden waren, während sie ihren Weg zu Fabriken fanden, die immer weiter entfernt liegen von jener Fabrik, die sie ursprünglich herstellten - und immer weiter entfernt vom typischen Linkin-Park-Fan.'"
Archiv: Wired

Guardian (UK), 09.07.2020

Chika Oduah porträtiert die Nigerianerin Aisha Wakil, die einige der heutigen Boko-Haram-Kämpfer als Jungen kannte und seit Jahren versucht ihren Einfluss zu nutzen, entführte Frauen und Mädchen, meistens Christinnen, zu befreien. "Im Laufe der Jahre war Boko Haram bekannt geworden für die Entführung von Frauen und Mädchen. Der berüchtigtste Fall ereignete sich 2014, als seine Kämpfer 276 Schulmädchen aus einer weiterführenden Schule in dem abgelegenen Dorf Chibok entführten. Aber es gab Entführungen vor Chibok und Dutzende danach. Einige der Gefangenen wurden gezwungen, Selbstmordattentäterinnen zu werden: Boko Haram hat über 460 weibliche Selbstmordattentäterinnen eingesetzt, mehr als jede andere terroristische Gruppe in der Geschichte. Das Teenagermädchen, über das Wakil und Usman diskutierten, war eines der jüngsten Opfer der Gruppe. Seit Monaten hatte Wakil die Boko Haram-Kämpfer um ihre Freilassung gebeten." Wie das im Ergebnis ausging, erfahren wir nicht. Oduah scheint das Mädchen ganz vergessen zu haben und konzentriert sich im Laufe ihrer Reportage auf Wakils Kampf um ihre "Jungs", die sie von Boko Haram wegzulotsen trachtet. "Es ist schwer zu sagen, wer den Krieg gewinnt, aber die Jungs von Wakil sterben, bevor sie sich überhaupt ergeben können. Einige Tage nachdem Ali Garga getötet wurde, rief mich Wakil in ihr Schlafzimmer, um alte Videos von ihm anzusehen. Es war Nacht, und ich saß auf der flauschigen rosa Bettdecke neben Wakil und sah auf das Tablet in ihren Händen. Auf dem Bildschirm waren Garga und seine Frau zu sehen, ein Gewehr über ihre Schulter geschlungen. Sie tanzten auf einer Waldlichtung. Überall um sie herum tanzten schwerttragende Mudschaheddin mit Frauen, Schulter an Schulter, hin und her schiebend. Alle strahlten. Unter einem hellen Himmel tanzte Boko Haram."
Archiv: Guardian

Quietus (UK), 09.07.2020

Luke Turner hat mit Werner Herzog geskypt, der gerade seinen neuen Film "Family Romance, LLC" promotet. Um diesen geht es allerdings gar nicht, dafür um allerlei Herzogiana, was dem Filmemacher offenbar so sehr schmeichelt, dass er mittendrin sogar ein Live-Interview mit der BBC skippt. Was man erfährt: Herzog nutzt Corona, um wie ein Wirbelwind zu schreiben ("Ich habe meinem Verleger bereits Auszüge geschickt - die sind schön völlig am Durchdrehen"), kennt keine der großen Krautrock-Bands, die Platten veröffentlichten, als er seine ersten Kinoerfolge feierte ("Ich habe diese Namen noch nie gehört"), außerdem outet er sich als verkapptes Mathe-Ass, das gerne mal über die Riemannsche Vermutung (viel Spaß beim Nachlesen...) brütet, aber auch darüber nicht vergisst, ganz Werner Herzog zu sein: "Die Verteilung der Primzahlen wird uns kein harmonisches Gleichgewicht in den Zahlen offenbaren, das wird einfach nicht passieren. Wir wissen das, weil wir bereits Milliarden von Primzahlen kennen, und sich darin keinerlei Muster zeigt oder etwas, das harmonisch wäre. Das Faszinierende an der Mathematik ist, dass fast alles, was in der Mathematik gemacht wurde, in der tiefsten aller Naturen der Zahlen wurzelt und auf ihnen beruht, und zwar in den Primzahlen. In den zweieinhalbtausend Jahren seit Euklid hat es Versuche gegeben, sie zu verstehen. Riemann und andere waren diejenigen, die begannen, ein Muster zu finden, das richtig zu sein scheint. Aber wenn Riemann mit seiner Hypothese nicht Recht hat, hätte dies katastrophale Folgen für die Gültigkeit vieler, vieler mathematischer Konstrukte. Vieles würde zusammenbrechen."

Außerdem: Die 70er waren keine gute Zeit für die Beach Boys, erzählt Thomas H. Sheriff. Jonathan Wright befasst sich ausführlich mit "Closer", dem vor 40 Jahren erschienenen letzten Album von Joy Division. Und Patrick Clarke spricht mit Jeff Parker über dessen aktuelles Album "Suite For Max Brown". Wir hören rein:

Archiv: Quietus

168 ora (Ungarn), 14.07.2020

Im Interview mit Zsuzsanna Sándor spricht der Schriftsteller und Dichter János Háy über den Schaffungsprozess und Überlegungen des Künstlers während des Schaffens. "Der Schriftsteller, der kein Unterhaltungsprodukt, sondern ein Kunstwerk erschaffen will, konzentriert sich während der Arbeit nicht darauf, wie viele Menschen wohl sein Buch später lesen werden. Er muss daran glauben, dass er in der Lage sein wird, das passende Wort zu schreiben, das im Satz genau an diese Stelle gehört. Es gibt hier keine Demokratie. In der Literatur gibt es das nicht, dass etwas so sein kann oder auch anders. Was hinterher mit dem Werk passiert, ist eine andere Frage. Aber der Erschaffer kann sich auch so entscheiden, dass er alles für sich behält. Von Emily Dickinson sind zwei oder drei Gedichte zu ihren Lebzeiten erschienen, die anderen hat sie nicht veröffentlicht. Van Gogh malte in der Überzeugung, dass niemand seine Bilder kaufen wird. Oder es gibt auch das Beispiel von Gyula Krúdy, der an die Spitze gelang und dann erleben musste, dass sich später niemand mehr für seine Schriften interessierte. Der Erfolg im bürgerlichen Sinne ist nicht Teil des Kunstwerks."
Archiv: 168 ora

New York Times (USA), 13.07.2020

Mujib Mashal und Michael Schwirtz gehen für die New York Times Vorwürfen nach, Russland habe neue Beziehungen zu den Taliban in Afghanistan geknüpft, um diesen beim Kampf gegen die USA zu helfen. Sogar Prämien sollen gezahlt worden sein für Angriffe auf amerikanische Truppen: "In Interviews bezeugen afghanische und amerikanische Regierungsmitglieder sowie erfahrene Diplomaten anderer Länder, dass die kaum zehn Jahre alten diplomatischen Beziehungen zwischen Russland und den Taliban neuerdings zu einer beidseitig gewinnbringenden Allianz ausgebaut wurden, die dem Kreml erlaubt, seinen Einfluss in der Region geltend zu machen. Diese Entwicklung fiel zusammen mit der wachsenden Feindschaft zwischen den USA und Russland in Sachen Syrien sowie mit Russlands Frustration über die wachsende Instabilität in Afghanistan und den allzu langsamen Rückzug der USA, sagen Analysten. Die USA nehmen den Truppenabzug, den sie mit den Taliban vereinbart haben, sogar ohne Friedensabkommen zwischen den Aufständischen und der afganischen Regierung vor, die sie jahrelang unterstützt haben. Russlands verdeckte Versuche, heißt es weiter, zielen darauf ab, die USA zu schikanieren und bloßzustellen, und nicht darauf, den Konflikt zu befrieden … Mit der veränderten Lage in den Kampfgebieten während der letzten Jahre wurden die Verdachtsmomente auf eine stärkere russische Rolle bei der Unterstützung der Taliban immer größer. Genaue Fakten waren jedoch nicht festzustellen, nur das Auftauchen neuer Waffen und Munition, die aus allen möglichen Quellen stammen konnten … Klarer wurde die Sache durch eine Reihe von Gewalttaten in Nordafghanistan, Kundus, 2015 und 2016. Als afghanische Geheimdienste den Taliban-Führer hinter den Anschlägen ausmachten, stellten sie auch seine Reisen über die Grenze nach Tadschikistan fest, wo die Russen Geheimdienste unterhalten … US-Geheime datieren Russlands Engagement mit den Taliban auf das Jahr 2012, als Putin nach vier Jahren als Premier wieder Präsident wurde und den Konfrontationskurs mit dem Westen verschärfte."

Weiteres: Das New York Times Magazine bringt 29 Erzählungen von  Margaret Atwood, Tommy Orange, Edwidge Danticat, Charles Yu, David Mitchell, Rachel Kushner u.a., die "uns helfen, diesen Moment zu verstehen". In der Book Review schreibt Daniel Mendelsohn über David Mitchells "Utopia Avenue" und Clyde Haberman lernt von David Paul Kuhns "The Hardhat Riot", wann die weiße Arbeiterklasse in den USA republikanisch wurde.
Stichwörter: Russland, Afghanistan, Taliban