Magazinrundschau

Duft oder Butter?

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
18.10.2016. Die LRB sucht im Kongo immer noch nach Information Nr. 295, die Angella 1944 aufgebrüht hat. Der Guardian denkt über die politische Logik des Populismus nach. In En attendant Nadeau sucht Christian Jambet die äußere Freiheit im schiitischen Islam. Die Virginia Quarterly Review dokumentiert die Verführungsstrategien des Bürgermeisters von San Salvador. In der NYRB sucht Alfred Brendel den Punkt des ultimativen Nichts.

London Review of Books (UK), 20.10.2016

Das Drama des Kongo, dem die eigenen Reichtümer nur Ausbeutung und Armut gebracht haben, kennt viele Akte. Einen besonders dunkel leuchtenden verfolgt Bernard Porter in Susan Williams Buch "Spies in the Congo": Wie sich die Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs unter absoluter Geheimhaltung daran achten, Uranerz aus Katanga zu bekommen, das später auch eine entscheidende Rolle spielte bei der Sezession Katangas, dem Tod von Dag Hammarskjöld und der Ermordung von Patrice Lumumba 1961: "Es ist ein cleveres Buch, denn es gibt fast keine expliziten Beweise. Bekanntlich war das Manhattan-Projekt das bestgehütete Geheimnis während des Krieges (aus Angst vor den Russen, die gute Spione hatten) und das gilt nicht nur für Los Alamos. Die Shinkolobwe-Mine wurde von Landkarten getilgt, Uran wurde niemals namentlich in den Depeschen erwähnt. Williams - die sehr gekonnt die wenigen Indizien analysiert - glaubt, auf etwas gestoßen zu sein, wenn es um Diamanten geht. Als die Amerikaner erkundeten, wie sie Uran schmuggeln konnten, tarnten sie es als Untersuchung zum illegalen Diamantenhandel: Indem sie studierten, wie Diamanten geschmuggelt wurden, lernten sie, wie Uran geschmuggelt wird. Überfragt zeigt sie sich allerdings bei einem Satz, auf den sie in der Meldung eines Agenten vom August 1944 stieß: 'Ich habe keinen eisgekühlten Hummer bekommen, aber Information Nr. 295, die Angella aufgebrüht hat, wird Ihnen eine Ahnung geben - Duft oder Butter?'"

Weiteres: Im amerikanischen Wahlkampf zählen ja nur noch Gruppen, Eliot Weinberger listet auf, welche Donald Trump bisher gegen sich aufgebracht hat. Jean McNicol liest neue Veröffentlichungn über den Kriegspoeten Rupert Brooke und sein Liebesleben. Inigo Thomas versinkt in Turners "Rain, Steam and Speed".

Guardian (UK), 15.10.2016

Populismus ist keine politische Richtung, sondern eine politische Logik, hält John B. Judis fest und stützt sich dabei auf eine Definition von Michael Kazin: Populismus nobilitiere die einfachen Menschen zum Volk und mobilisiere sie gegen eine angeblich eigennützige Elite. Es gibt ihn von Links (Judis zählt Podemos und Bernie Sanders dazu) und von Rechts (Trump, Le Pen): "Linker Populismus kämpft für das Volk gegen die Elite oder das Establishment. Seine Politik ist vertikal und bringt Unten gegen Oben in Stellung. Rechter Populismus kämpft für das Volk gegen die Elite, die er beschuldigt, eine dritte Gruppe zu bevorzugen, zum Beispiel Einwanderer, Islamisten, militante Schwarze. Rechter Populismus ist ein Dreieck: Er sieht nach oben, aber auch nach unten auf eine Gruppe von Außenseitern."

Weiteres: William Boyd stellt nach Lektüre von John Le Carrés Memoiren "Taubentunnel" fest, dass der Altmeister sein Leben einfach sehr vergnüglich, elegant und relativ zuverlässig erzählt, was er auch für ein Verdienst des Biografen Adam Siswell hält. John Banville streift durch Dublin und seine Erinnerungen.
Archiv: Guardian

The Nation (USA), 31.10.2016

In einem Interview mit der taz von heute hofft der amerikanische Autor Joshua Cohen höchstens halb spöttisch auf eine Erosion des Zwei-Parteiensystems in den USA: "Aus den Republikanern wird sich vermutlich eine neue rechte Partei entwickeln, aber es wird auch eine neue linke Partei entstehen, die die Agenda der Anhänger von Bernie Sanders repräsentiert. Aus der Selbstzerstörung der Parteien ziehe ich großen Optimismus." Im Interview mit The Nation sieht das Milo Yiannopoulos, britischer Trump-Anhänger und Sympathisant der rechtsextremen alternativen Rechten (alt-right) in Amerika ganz ähnlich. Er verabscheut die Linke mit ihrer autoritären "politischen Korrektheit" ebenso wie die Neocons mit ihrer Sympathie für "big business" und Kriege im Ausland. "Ich bin eine Maschine des Chaos. Ich will, dass beide Parteien zerstört werden. Ich glaube Hillary wird die Präsidentschaft als unpopulärster Präsident der amerikanischen Geschichte gewinnen. Sie wird nur eine Amtsperiode überstehen und dann wird jemand wie Sanders aufsteigen und mit der Demokratischen Partei tun, was Trump mit den Republikanern getan hat. Wir leben in einer Zeit des Anti-Establishments, der Anti-Globalisierung, der Anti-Political-Correctness - das ist eine Bewegung, die nicht an politische Ideologien gebunden ist. Das ist eine Graswurzelsache, die überall in der westlichen Welt sprießt. Das ist die neue Ausrichtung von Politik, nicht republikanisch oder demokratisch oder liberal oder konservativ." Am liebsten, so Yiannopoulos weiter, hätte er Sanders gegen Trump im Wahlkampf gesehen. "Das ist die Welt, die ich möchte. Ich möchte eine echte Wahl. Ich möchte den echten Sozialismus gegen einen in der Wolle gefärbten heißblütigen Kapitalismus, einen echten Kampf der Ideologien. Ich glaube, die meisten Menschen wollen das. Sie wollen etwas Reales sehen. Trump oder Sanders, da steht etwas auf dem Spiel."
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Archiv: The Nation

Elet es Irodalom (Ungarn), 13.10.2016

Der langjährige Redakteur der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom, Gusztáv Megyesi, schrieb regelmäßig für die Wochenendausgabe der Tageszeitung Népszabadság, deren Printausgabe letzte Woche überraschend vom Verleger "bis auf Weiteres" eingestellt worden war (mehr dazu hier). Hinter der Entscheidung wird politischer Druck seitens der Regierung auf den Verleger der auflagenstärksten Tageszeitung vermutet. Dazu meint Megyesi: "Sie haben Angst. Sie haben Angst vor dem geistreichen Satz, vor der Ironie. Der eine hat Angst, weil er es nicht versteht, der andere weil er es sehr wohl tut. Sie haben große Angst vor den sehr gut schreibenden Kollegen, sie fürchten sich vor dem guten Text, nicht nur weil sie dazu nicht fähig sind, sondern auch, weil der gute Text sie und ihre Lügen entlarvt. Sie hören auf wichtig zu sein."

Virginia Quarterly Review (USA), 18.10.2016

Lauren Markham porträtiert den überaus beliebten 33-jährigen Bürgermeister von San Salvador, Nayib Bukele. Es ist ein sehr optimistisches Porträt eines überaus sympathischen jungen Mannes, der seine Stadt nicht mit Polizeigewalt, sondern mit Verführung von ihrem destruktiven Verhalten abbringen will: Auf den ersten Blick erscheinen  Bukeles Anstrengungen - ein Pop-Up-Museum in der Stadtmitte, die Freigabe aller Plätze in der Stadt für Skateboards, der Umzug des Zentralmarkts aus der Stadtmitte an den Rand, wo es bessere Unterkünfte geben soll, die Aufstellung von Straßenlaternen noch in der letzten Ecke der Stadt - wie "Liebhaberprojekte eines reichen Kindes, dessen innere Logik eine naive Weltsicht offenbart: Ändere die strukturellen Ungerechtigkeiten und Friede und Wohlstand werden folgen. Um das zu tun, braucht man nicht einfach viel Geld (Haiti, so Bukele, siecht immer noch in Armut dahin, trotz milliardenschwerer Hilfe). Wichtiger sei, was er sein 'verborgenes Projekt der Inspiration' nennt, das Ausmaß, in dem der Salvadorianer davon überzeugen kann, dass ihr Land das Potential zu echter Größe hat. In Bukeles Vorstellung verändern Projekte wie die Wiederbelebung der Stadtmitte nicht nur die physische Realität der Stadt, sondern auch die Beziehung der Bürger zu dem Ort, den sie zu Hause nennen - und, in der Weiterung, die Beziehung, die sie miteinander haben."

En attendant Nadeau (Frankreich), 11.10.2016

Der französische Islamwissenschaftler und Philosoph Christian Jambet hat mit seinem Buch "Le gouvernement divin. Islam et conception politique du monde" ein Grundlagenwerk vorgelegt. In einem Gespräch mit Édith de la Héronnière geht es um sein besonderes Interesse an dem iranischen Philosophen und Theologen Mollâ Sadrâ, der um 1600 lebte. Dessen Denken sei unverzichtbar für das Verständnis einer Kultur und einer Religion, die heute in der Hand von Rechtstheologen liege und von tödlichen Ideologien verzerrt wiedergegeben werde. Jambet skizziert Sadrâs Idee einer inneren Vervollkommnung der Seele: Ideal wäre ein menschlicher Intellekt, der sich so entwickelt, dass er am Ende mit dem göttlichen Wissen verschmilzt. Eine Lösung von der Sphäre des Göttlichen ist diesem Denken nicht möglich, wie Jambet anhand der heiklen Frage der Freiheit erläutert: "Die einzige Figur der Freiheit ist im Islam die innere Freiheit. Die Diskussion über die Frage, ob die politischen Systeme des Islams mit Demokratie vereinbar seien, ist unnütz. Äußere Freiheit betrifft das islamische Denken als solches nicht. Es gibt zwar eine juristische Definition: Freiheit ist dann, was keinen religiösen Einwand provoziert. Aber Freiheit als persönliche, nicht kollektive Emanzipation, als existenzielle Herausforderung, ist eine philosophische Fragestellung, ein Gegenstand der Weisheit."

New Yorker (USA), 24.10.2016

In der neuen Ausgabe des New Yorker schlägt Elizabeth Kolbert Alarm: Grönlands Eis schmilzt, und nicht nur allmählich, wie sie erfährt. "Ein Eiswürfel auf dem Gartentisch schmilzt in einer geordneten, voraussehbaren Weise. Mit einem Gletscher von der Größe Grönlands verhält es sich anders. Es gibt alle möglichen Arten von Feedback-Zirkeln, die wiederum neue Zirkel bewirken, Neben- und Unterzirkel. Wenn Wasser auf einer Eisoberfläche schmilzt, verändert sich die Reflektivität. Mehr Sonnenlicht wird absorbiert, was die Schmelze verstärkt, was wieder die Absorption befördert … Das Schmelzwasser fließt in das Gletscherbett und 'schmiert' es, was die Bewegung des Eises ins Meer beschleunigt. Ab einem gewissen Punkt werden diese Feedback-Zirkel zu Selbstläufern. Möglicherweise ist dieser Punkt bereits erreicht."

Außerdem: Evan Osnos schreibt über Tim Kaines radikalen Optimismus. John Lahr porträtiert die Theaterschauspielerin Janet McTeer. Und Stephanie Clifford berichtet über einen Detective, der strafrechtliche Fehlurteile aufspürt, auch seine eigenen.
Archiv: New Yorker

Respekt (Tschechien), 13.10.2016

Die mehrfach ausgezeichnete polnische Journalistin Lidia Ostałowska beschreibt mit Gespräch mit Tomáš Brolík über die besondere Tradition der polnischen Reportage: "Das begann in der Zwischenkriegszeit. Damals mussten die Schriftsteller von etwas leben, und so arbeiteten praktisch alle für Zeitungen. Den Lesern gefiel das, die Texte waren fantastisch geschrieben und mit einem vertrauenswürdigen Namen unterzeichnet." Namen wie Melchior Wańkowicz, Małgorzata Szejnert oder Ryszard Kapuściński bekräftigten in der Folge diese Qualität. Mit dem Ende des Totalitarismus entstand dann eine "besondere Situation. Auf einmal verschwand ein gewisser Zauber, die starke Seite der Reportage, das Spiel mit der Zensur. Und die Kollegen, die aus der Emigration zurückkehrten, wunderten sich darüber, was die polnische Reportage für ein seltsames Genre war, so ganz anders als zum Beispiel die französischen Reportagen, die sie kannten." Die 90er-Jahre waren dann eine großartige Zeit für die investigative Reportage - doch seit der Wirtschaftskrise ein Standard, der nicht aufrechtzuerhalten war. Und wie ist es in der jetzigen Situation, mit den starken gesellschaftlichen Verschiebungen? "Leute, die zuvor geschwiegen haben, haben begonnen, laut zu sagen, was sie denken. Und stellen fest, dass es viele von ihnen gibt, dass ihre Stimme stark ist, es ist die Stimme der Masse. Doch über diese neue Welt lässt sich schwer schreiben, weil sich diese Welt das nicht wünscht. Man muss sich deshalb tarnen, um 'die andere Seite' zu erreichen - womit ich persönlich Probleme habe, denn das ist keine eindeutige Methode. ... Man kann keine Fragen stellen. Man erfährt etwas, aber nicht alles."
Archiv: Respekt

The Atlantic (USA), 12.10.2016

Kriege werden schon lange nicht mehr nur in handfesten Scharmützeln ausgefochten - die sozialen Medien sind längst zum Schauplatz hochprofessionell produzierter Propaganda geworden. Emerson T. Brooking und P.W. Singer zeigen in einem Überblicksartikel, wie der IS, aber auch andere Gruppen das Netz sehr effektiv nutzen: "Im Laufe der Zeit haben sich Online-Propaganda und die erhöhte Sichtbarkeit des Terrorismus weit jenseits des physischen Zugriffs des IS tief in die Psyche der Leute eingegraben. Den Ergebnissen der Meinungsumfragen von Gallup zufolge, ist die Angst vor Terrorismus in Amerika in den vergangenen zwei Jahren auf einen Level angestiegen, der seit dem 11. September nicht mehr zu beobachten war. Selbst wenn es nur begrenzt und sporadisch zu Gewaltakten kommt, stellen die sozialen Medien sicher, das die Leute damit ständig konfrontiert werden. Dies wiederum befördert hässliche Vorurteile und gefährliche Überreaktionen unter Bürgern, Medien und Politikern. In der Folge entzweien sich die Leute immer mehr, Wut und Angst grassieren - ein Ökosystem, dessen Nutznießer der IS ist. Schon machen sich andere extremistische Gruppierungen Elemente der IS-Strategie zunutze, um Leute anzuwerben und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen - und der Erfolg scheint ihnen recht zu geben. Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung von J.M. Berger, dem Experte für Extremismus an der George Washington University, hat den koordinierten Twitter-Gebrauch weißer Nationalistengruppen aus den USA beobachtet. Deren Reihen sind seit 2012 um 600 Prozent angewachsen."

Gewissermaßen dazu passend stellt Bianca Bosker Tristan Harris vor, der sich dafür stark macht, dass Smartphone-Apps nicht mehr so verführerisch süchtig machend gestaltet werden.
Archiv: The Atlantic

New York Review of Books (USA), 27.10.2016

Dada konnte vieles sein, erklärt Alfred Brendel in einem großen Artikel zum Dada-Jubiläum. Ihm selbst ist Dada in seiner widersprüchlichsten Form am sympathischsten, wenn im Chaos plötzlich ein Moment des Gleichgewichts entsteht. "Als ich jung war, stellte ich mir eine Sphäre vor, in der alle Widersprüche und Gegensätze so eingebunden waren, dass das Zentrum der Sphäre der Treffpunkt aller Zentren der Gegensätze war - man könnte ihn den Punkt des ultimativen Nichts nennen, oder Gott. Mit Widersprüchen zu leben und sie auszubalancieren, schien ein nobles Ziel zu sein. Aber sogar noch früher, als Kind, war ich Dada unwissentlich in seiner lustigsten Form begegnet. Zu Hause sang meine Mutter zu ihrer eigenen Verlegenheit einen Berliner Kabarettsong aus den 20ern, der mit der bemerkenswerten Zeile 'Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot' beginnt und endet mit 'Dann bestell ich mir ein Spiegelei und bespritz dich mit Spinat'. Erst viel später verstand ich, das Sinn und Unsinn Partner sein müssen, um die Absurdität der Welt widerzuspiegel."

Außerdem: Jacob Weisberg liest neue Bücher über die Aufmerksamkeitsökonomie des Internets von Tim Wu und Antonio Garcia Martinez.
Stichwörter: Alfred Brendel, Dada, Tim Wu