Magazinrundschau

Ein sehr teures Gift

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
26.01.2016. The Nation reist mit der Selden-Karte durch die globalisierte Welt des 16. Jahrhunderts. Der Believer fährt durch den Regenwald zu den Sápara. The New Republic erkundet die Anfänge des Farbfilms. Harper's begutachtet die Landsitze der Queen. Longreads besucht die Südseeinsel Peleliu, wo eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs tobte. Der New Yorker reist nach Haiti und das tschechische A2 ins Anthropozän.

The Nation (USA), 08.02.2016

Zwei neue Bücher widmen sich der Selden-Karte. Paula Findlen erläutert in The Nation, was es damit auf sich hat: Bei der Karte handelt es sich um ein frühes Dokument der Globalisierung. Auch China war nicht immer das Reich der Mitte. Die heute in der Bodleian Library aufbewahrte Karte wurde um 1600 von Chinesen gefertigt: "Die Selden-Karte schafft es, die Schlüsselelemente einer Welt im Wandel festzuhalten. Bestimmte Teile der Welt sind immer stärker verbunden, ohne gleich zu einem gobalen Dorf zu werden. Portugiesische Ortsnamen werden (fast gleichlautend) in chinesischen Zeichen wiedergegeben, während chinesische Zeichen ins Lateinische transkribiert werden. So hatten auch schon frühere Kartenzeichner Arabisch benutzt, um jene (heute verlorene) chinesische Karte zu fertigen, auf der die koreanische Kangnido-Karte von 1402 beruht, deren äußere Grenzen bis zu den Azoren reichen. Die Reisen des Zheng He, die auf der Selden-Karte abgebildet sind, erinnern an diesen Umstand, denn er stammte aus eine muslimischen Familie und folgte möglicherweise der Route, die chinesische Muslime nutzten, um nach Mekka zu pilgern. Die Selden-Karte spricht also viele Sprachen und enthält Spuren vieler Begegnungen."

Außerdem schreibt Barry Schwabsky über zwei Fotoausstellungen in New York - Ocean of Images: New Photography 2015" im Moma und "Photo-Poetics: An Anthology" im Guggenheim -, die sich künstlerisch mit der Bilderflut auseinandersetzen.
Archiv: The Nation

Telerama (Frankreich), 25.01.2016

Die "Kulturrevolution", die die gegenwärtige polnische Regierung mit ihrer restriktiven Gesetzespolitik betreibt, erinnert den Journalisten Tadeusz Sobolewski an die Paranoia der kommunistischen Ära. In einem Gespräch äußert er die Befürchtung, Polen könne unter Jaroslaw Kaczynski zur Diktatur zu werden. "Der Wille dieses Mannes ist es, Kontrolle über die staatlichen Institutionen, das oberste Gericht und die öffentlichen Medien zu erlangen. Polen droht deshalb die Gefahr einer 'Demokratur', einer im Namen der Demokratie eingeführten Diktatur. Kaczynski ist kein Siegertyp, eher ein ständiger Opponent, der eine belagerte Festung verteidigt. Er betreibt eine Politik der Angst. Eine Politik, die sich ihre eigenen Feinde schafft."
Archiv: Telerama

Believer (USA), 25.01.2016

Pablo Calvi reist durch den Regenwald zu den Sápara in Ecuador, deren Lebensgrundlage durch Ölbohrungen und Landverkäufe so bedroht sind wie nie zuvor: "Es gibt auf der ganzen Welt nur eine Handvoll Sapara, die noch ihre eigene Sprache sprechen. Die Schamanen glauben, dass wenn sie sterben und alle Sapara fort sind, ihre Seelen und die Seelen ihres Volkes weiterleben werden, verkörpert in den Tieren und Pflanzen des Landes. Wenn sie das Reservat verlieren, seine Flüsse und Vögel, seine Tiger und Bäume, würde dies nicht nur das physische Ende dieser Nation bedeuten. Es wäre eine spirituelle Katastrophe, die jede Seelenwanderung zunichte machen würde."
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Archiv: Believer

Eurozine (Österreich), 18.01.2016

Russland wird keine Zukunft haben, solange es keine Geschichte hat, glaubt die russische Autorin und Lyrikerin Maria Stepanowa, in deren Augen Ideologie und Beliebigkeit die Vergangenheit in einen reinen Kampfplatz verwandelt haben: "Zu keinem der entscheidenden Ereignisse in unserer Geschichte herrscht heute Einigkeit: Es gibt keinen Konsens zu Peter I., zur Revolution von 1917, zu Stalin oder Chruschtschow; tatsächlich sind wir uns nicht einmal über Rurik einig (den Gründer der Kiewer Rus). Jedes Mal, wenn ein wichtiger Punkt unserer Geschichte diskutiert wird, provoziert das heftige und unendliche Debatte, die uns nicht erlauben, einen Schlussstrich zu ziehen. Im psychoanalytischen Sprachgebrauch würde man unser Verhältnis zur Geschichte als gescheiterte Loslösung beschreiben. Man könnte diesen Prozess der Loslösung vermutlich ganz einfach dadurch beginnen, dass wir anerkennen, was wir erlebt haben. Ohne diese Anerkennung kann es keine historische Wahrheit geben, dann wird sie austauschbar, dann hört in Russland Geschichte auf, eine exakte Wissenschaft zu sein und verwandelt sich in reine Fiktion. In ihrem Kern ist heute in Russland die Geschichte Literatur geworden."

Weiteres: Stefan Szwed erkundet die putinesken Anwandlungen der polnischen Regierung unter Jaroslaw Kaczyński. Der Soziologe Wolfgang Streeck gibt Europa noch eine Chance.
Archiv: Eurozine

New Republic (USA), 22.01.2016


Frühes Beispiel für einen handcolorierten Film: "Le dirigeable fantastique" (der fantastische Heißluftballon) von 1906

Dass das frühe und früheste Kino in seiner Aufführungspraxis weder zwingend stumm noch schwarzweiß gewesen ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Zwei neue filmhistorische Bücher lassen nun die sanft irreale Farbenpracht erahnen, die damals im Kino zu sehen war. Schon wegen des großartigen Illustrationsmaterials ist Max Nelsons Besprechung für die New Republic lesenswert. Begriffe wie "Realismus" verabschieden sich bei dem Anblick eh von selbst: Das Buch "Fantasias of Color in Early Cinema" - zum beträchtlichen Teil ein reiner Bildband - etwa zeigt sehr eindringlich auf, "was die frühe Farbgebung so unnatürlich machte. Indem man jeden Frame eines Films in ein einmaliges, gemaltes Objekt verwandelte, lenkte die Handcolorierung die Aufmerksamkeit gerade darauf, was die frühen Filme ansonsten unter großem Aufwand zu verbergen versuchten: Dass Filme, auch wenn sie anscheinend flüssige Bewegungen zeigten, in der Tat nichts als eine Abfolge unterbrochener Stills darstellten. Die Filme dieser Periode wurden zu einer Art Daumenkino mit isolierten, handbemalten Einzelbildern ... Bis 1905 wurden Filmstreifen Bild für Bild unter Verwendung feinter Kamelhaarpinsel von ganzen Arbeitskolonnen unterbezahlter Arbeiterinnnen bemalt ('Man nahm an', so Tom Gunning in seinem einführenden Essay, 'dass Frauenhände geschickter seien'). Da es keine Vorrichtung gab, die es gestattet hätte, einen kolorierten Filmstreifen zu kopieren, musste jede Kopie eines Films von Neuem bemalt werden." Zu dem Band gibt es neben einer hübschen Leseprobe als PDF-Datei auch ein sehr schönes, veranschaulichendes Werbevideo.
Archiv: New Republic

Guardian (UK), 19.01.2016

Der Guardian bringt als Longread einen Auszug aus Luke Hardings Buch über die Ermordung des Agenten und Putin-Kritikers Alexander Litwinenko. En detail hat Harding recherchiert, wie die beiden Auftragsmörder Andrei Lugovoi and Dmitri Kovtun mehrmals ansetzten, Litwinenko zu töten, bis es ihnen im November 2006 gelang: "Litwinenko war 2000 aus Moskau geflüchtet. Im britischen Exil wurde er zu Putins provokantestem Kritiker. Er war Autor und Journalist und von 2003 an britischer Agent, angestellt vom MI6 als Experte für Russlands Organisiertes Verbrechen. Er versorgte die Agenten ihrer Majestät und deren spanische Kollegen mit haarsträubenden Informationen über die russische Mafia in Spanien. Diese Mafia hatte ausgiebige Kontakte zu hochrangigen russischen Politikern, die Spur führte offenbar bis zum Präsidenten, und reichte bis in die 90er Jahre zurück, als Putin, damals noch Assistent des Petersburger Bürgermeister Anatoli Sabtschak, eng mit Ganoven zusammenarbeitete. Eine Woche später sollte Litwinenko vor einem spanischen Staatsanwalt aussagen. So erklären sich offenbar die verzweifelten Anstrengungen des Kremls, ihn zu töten. Die Männer aus Moskau benutzten, wie Kovtun gegenüber einem Freund gestand, 'ein sehr teures Gift'. Über seine Eigenschaften wusste er wenig. Das Gift war Polonium 201, ein seltenes radioaktives Isotop, winzig, unsichtbar, nicht nachweisbar.... Als Mörder waren Lugovoi und Kovtun allerdings absoluten Nieten."

Außerdem: Julian Borger rekonstruiert die Jagd nach dem bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Ratko Mladic: "In seinen vierzehn Jahren auf der Flucht war Mladic auf eine Reihe von Institutionen und Gruppen angewiesen: Zuerst das serbische Militär, dann eine Clique von bosnisch-serbischen Kriegskumpanen, und schließlich, als diese konzentrischen Ringe wegfielen wie die Schalen einer Zwiebel, seine Familie."
Archiv: Guardian

Harper's Magazine (USA), 25.01.2016

Tanya Gold, eine britische Republikanerin, die eingestandenermaßen eine ungute Faszination für die Queen empfindet, besucht die Sitze der britischen Monarchie, unter anderem Sandringham House, wo sich die Familie sommers aufhält: "Es gibt hier viele Gewehre und Skulpturen von Enten. Die königliche Familie liebt Bilder von sich und Bilder von Enten, denn man fetischisiert auch, was man gerne tötet. Im Stall gibt's ein Museum, das die seltsamen Dinge zeigt, die die Leute der Queen so schenken: ein Straußenei, ihr Gesicht in Glasperlenstickerei, eine polierte Ziege. Es gibt auch eine ganze Wand mit ausgestopften Vögeln: bunt, tot und als Metapher unwiderstehlich."

Magyar Narancs (Ungarn), 07.01.2016

Der Schriftsteller und Fotograf Attila Bartis spricht mit Zsófia Iványi u.a. über seinen neuen Roman (A vége. Das Ende. Magyvető, Budapest, 2015), seine Beziehung zu seinem verstorbenen Vater und die autobiografischen Züge im Werk. "Nach dem Tod meines Vaters änderte sich in mir die Bewertung der Vater-Sohn Beziehung samt ihrer emotionalen Füllungen. Vieles wird neu bewertet, nachdem du deinen Vater beerdigt hast. (…) Zahlreiche Sätze, Situationen, Objekte, Städte und anderes, die im Roman vorkommen stehen in einer Beziehung mit meinem Leben, eine Autobiografie entsteht daraus dennoch nicht. Das Schreiben meiner Autobiografie interessiert mich nicht. Mich interessiert, wie die Ereignisse und Emotionen meines Lebens in einer von mir erschaffenen Welt anfangen zu funktionieren. Mit dem Begriff des Vater-Romans wäre ich sehr vorsichtig. Er ist mindestens genauso ein Mutter-Roman, Liebes-Roman und Schöpfungs-Psychologie-Roman."

Longreads (USA), 21.01.2016

Anna Vodicka besucht die winzige Insel Peleliu im Südsee-Archipel von Palau, wo zwischen Amerikanern und Japanern eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs stattfand. Hier kämpfte auch ihr Großvater. Bis heute räumen NGOs auf der Insel Minen, Bomben und gefährliche Chemikalien weg: "Inzwischen hat eine neue Dschungelhaut die Insel überzogen, die die Artefakte des Kriegs wie Narben mit sich trägt. Bombenhülsen, Torpedos, Granaten liegen getarnt unter dem Grün und Rankenwerk. Landungsboote liegen in verrückten Winkeln an unwahrscheinlichen Orten, zwischen zwei Häusern oder auf der Straße zwischen Bananenbäumen. Kanonen und Burly-A-1-Panzer rosten wie alte Landwirtschaftmaschinen vor sich hin. Aus den Panzern wuchern Farne, wie postmoderne Blüten, die aus Einschusslöchern sprießen."
Archiv: Longreads

New Yorker (USA), 01.02.2016

Jon Lee Anderson schickt einen Brief aus dem bettelarmen Haiti, wo Präsident Michel Martelly, ein einst als Sweet Micky bekannter Popsänger, seine Sache gar nicht so schlecht macht - jedenfalls gemessen an seinen Vorgängern. An den Problemen Haitis hat sich dennoch nicht viel geändert und ja, daran trägt der Westen eine Mitschuld: "Martellys Anspruch auf Selbstbestimmung finden in Haiti ein besonderes Echo, denn viele normale Regierungsfunktionen werden von aus dem Ausland finanzierten NGOs wahrgenommen. Das lässt den Regierungsbeamten wenig zu tun. Das Land hat außerdem eine langanhaltende Militärintervention erlebt, die auf dem amerikanischen Kontinent einmalig ist. In den Neunzigern löste Aristide mit Zustimmung der amerikanischen Regierung Haitis Armee auf, die als korrupter Agent politischer Repressionen berüchtigt war. Sie wurde gewissermaßen durch Uno-Truppen ersetzt, die 2004 eintrafen und immer noch durch die Straßen patroullieren. Martelly weist seit langem darauf hin, dass die Wiederbelebung der Armee Jobs schaffen und die Souveränität Haitis stärken könnte."

Weitere Artikel: Adam Kirsch versucht der englischsprachigen Welt Goethe näher zu bringen. Nathan Heller denkt darüber nach, wie Fliegen den modernen Geist geprägt hat. Alec Wilkinson porträtiert den Jazzpianisten Vijay Iyer. Anthony Lane sah im Kino Gavin O'Connors Western "Jane Got a Gun" mit Natalie Portman und J. Blakesons "The Fifth Wave". Lesen dürfen wir außerdem Adam Ehrlich Sachs' Erzählung "The Philosophers".
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Haiti, Souveränität

Letras Libres (Spanien / Mexiko), 23.01.2016

"Amerikanische Staatsbürgerschaft für alle." Der spanische Schriftsteller Mariano Gistaín macht einen interessanten Vorschlag: "Nach dem Kalten Krieg ist eine komplizierte, multipolare Welt entstanden, in der die Führungsrolle der USA stark infrage gestellt wird. Dauerhaft aufrechterhalten lässt sie sich nur mit Hilfe der moralischen Führerschaft, der 'weichen Macht' der kulturellen Anziehungskraft, wie Jospeh S. Nye sie genannt hat. Zu deren Stärkung könnten die USA allen Bürgern dieser Welt mithilfe der bestehenden wie auch aller kommenden sozialen Netzwerke eine Art virtueller Staatsbürgerschaft anbieten, die sie sogar zur Teilnahme an den Wahlen berechtigen würde, auch wenn ihre Stimme (vorläufig) nicht zählt. Dies würde zum einen zeigen, wie wichtig jeder einzelne Mensch für Washington ist, zum anderen, da auf diese Weise ständig zu allem Möglichen Befragungen durchgeführt werden könnten, wüsste Washington so aus erster Hand, was die Welt über sich selbst und ihren Anführer denkt. Alle Anworten, Meinungen und Vorschläge wären selbstverständlich automatisch für alle einsehbar. Gleichzeitig würde sich die Wahrnehmung der USA durch die Welt verbessern. Mit der Zeit könnte aus dieser virtuellen eine tatsächliche Staatsbürgerschaft werden."

Mother Jones (USA), 20.01.2016

Die erfolgreichen Prototypen-Tests von Google und Co. lassen das vollautomatisierte RoboAuto in greifbare Nähe rückt. In diesem Zusammenhang werden meist Aspekte des persönlichen Komforts in den Vordergrund gestellt. Clive Thompson kann sich aber auch gut vorstellen, dass die flächendeckende Durchsetzung dieser Autos auch für den öffentlichen Raum positive Folgen haben könnte. So würden etwa viele Parkplätze überflüssig, die derzeit die Innenstädte verschandeln: "Wenn Autos eigenständig fahren, könnten immerhin ganze Flotten von ihnen umhergondeln, Leute aufnehmen und aussteigen lassen und das mit geschmeidiger, robotischer Effizienz. Mit dem perfekt implementierten Wissen, wo sich die potenziellen Arbeiter befinden, könnten sie diverse Leute, die in dieselbe Richtung fahren, aufgreifen und im Nu Fahrtgemeinschaften optimieren. Eine Studie legt nahe, dass ein selbstfahrendes Auto bis zu 12 reguläre Autos ersetzen könnte."
Archiv: Mother Jones

A2 (Tschechien), 20.01.2016

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift A2 widmet sich dem Begriff des Anthropozän, den der niederländische Nobelpreisträger Paul Crutzen im Jahr 2000 aufbrachte, um die aktuelle Erdepoche zu beschreiben, in der der Mensch zu einem maßgeblichen geologischen Faktor geworden ist. "Das Konzept des Anthropozän", schreibt die Soziologin Tereza Stöckelová, "hat Einfluss auf die Naturwissenschaften selbst. Viele Forscher haben bereits begriffen, dass sie ihre Forschungsgegenstände nicht mehr als Entitäten oder Phänomene betrachten können, die unabhängig von gesellschaftlichen und politischen Dynamiken sind. (…) Das Anthropozän steht somit nicht nur für eine neue Ära in der Entwicklung des Planeten, sondern auch in der Wissenschaft." Stöckelová möchte den Begriff gegen seine vielen Kritiker verteidigen. Ihrer Meinung nach liegt seine Stärke gerade in seiner hybriden Gestalt, die es möglich macht, einerseits technisches Denken und Handeln zu politisieren und andererseits komplexere Argumente und nicht sofort sichtbare Tatsachen in die Politik einzubeziehen. "Zu Recht lässt sich am Anthropozän-Begriff kritisieren, dass er die ungleichmäßige Verteilung der menschlichen Planetenbeeinflussung außer Acht lässt. Schließlich hat jener Teil der Menschheit, der kapitalistische und sozialistische Modernisierungsschübe durchlaufen hat, einen dramatisch größeren Anteil an den anthropogenen Prozessen als alle übrigen - die hingegen von den globalen Veränderungen oft am stärksten betroffen sind. Tatsächlich wäre es falsch, 'die Menschheit' im Begriff Anthropozän als einen einheitlichen Faktor zu begreifen. Zumal die heutigen globalen Veränderungen nicht vom Menschen alleine, sondern immer auch im Zusammenspiel mit diversen Technologien oder auch anderen sich vermehrenden oder mutierenden Tierarten verursacht werden. Ich denke, man sollte 'Anthropos' hier eher im Sinne einer sich bildenden Menschheit begreifen, die in Zukunft eines effektiveren kollektiven Handelns und Zusammenwirkens fähig sein wird als früher. In diesem Sinne ist das Anthropozän die Epoche des Menschen, der (noch) nicht existiert."
Archiv: A2

New York Times (USA), 24.01.2016

Im neuen Magazin der New York Times fragt Eliza Griswold, wie es angeht, dass von 4,5 Millionen syrischen Flüchtlingen nur 2647 in den USA Asyl gefunden haben. Griswold trifft einige von ihnen und stellt Flüchtlingsabwehrstrategien vor: "Dass die USA syrischen Flüchtlingen via UN helfen, ist reiner Selbstschutz. Unterstützt werden vor allem Syriens Nachbarn, damit sie die Flüchtlingsströme aufnehmen können … Zu den Irrtümern über den Weg eines syrischen Flüchtlings nach Amerika zählt die Vermutung, er brauche nur eine US-Botschaft in Jordanien oder der Türkei aufzusuchen. Um den Flüchtlingsstatus zu erhalten, muss er sich zunächst an den Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) wenden. Dort wird der Antragsteller fotografiert und einem Iris-Scan unterzogen. Bis der Antragsteller zu einem persönlichen Gespräch geladen wird, kann es dauern. Auch wenn diese Gespräche keine Sicherheitsüberprüfung darstellen, sind die Interviewer doch darauf spezialisiert, Lügner und Kriegsverbrecher auszusondern. Zusätzlich zur Eruierung biometrischer Daten setzt der UNHCR auf Gesichtskennungstechniken und Passprüfverfahren. Das Ziel ist, sicher zu gehen, dass jemand den Kriterien der Genfer Flüchtlingskonvention entspricht. Darüber hinaus verfügt man dort über Experten, die die Frage der Herkunft klären … Erst wenn der UNHCR die komplette Akte an die US-Behörden übermittelt, wird die Familie zu einem Vorgespräch im 'State Department's Resettlement Support Center' geladen. Jeder einzelne wird mit den Databases des Heimatschutzes, des Antiterror-Zentrums und des F.B. I. abgeglichen und in das weltweite Flüchtlingszulassungsverfahren eingespeist, das den Datenaustausch zwischen Behörden erlaubt."

Außerdem: Peter Andrey Smith befasst sich mit den Mikrobakterien, die uns nach unserem Ableben besiedeln. Und Adam Shatz stellt den genialen Jazz-Saxophonisten Kamasi Washington vor.