Bestellen Sie bei eichendorff21!In einem Auszug ihres Buches "True Colour" schildert die Autorin und Lexikografin Kory Stamper, wie sie bei der Revision des dritten Teils des großen Merriam-Webster-Wörterbuchs durch eine skurrile Farbdefinition ihre Faszination für Farbwörter entdeckt. Die schillernde und irgendwie unsinnige Definition der Farbe "Begonie" steht so ganz im Gegensatz zum trockenen, exakten Ton des Wörterbuchs, das Merriam Webster 1961 veröffentlichte, und das beispielweise "Fischstäbchen" als "Stäbchen aus Fisch" definiert, wie Stamper erklärt. Unter "Begonie" stößt Stamper neben zwei botanischen Definitionen auf diese hier:
"'3 - s: ein tiefes Rosa, das bläulicher, heller und kräftiger als durchschnittliches Korallenrot (siehe Koralle 3b), bläulicher als Fiesta und bläulicher und kräftiger als Bartnelke - auch Gaiety genannt - ist.'"
Stamper ist hingerissen: "Die Definition entsprach zwar formal der Definition des Wörterbuchs, war aber völliger Unsinn. Hier wurde eine Farbe - 'ein tiefes Rosa' - mit einer Handvoll Dingen verglichen, von denen ich ziemlich sicher war, dass sie keine Farben waren. 'Bartnelke' kannte ich als Blumennamen, also gab es vielleicht auch eine Farbe namens Bartnelke, die auf der Farbe der Blume basierte. Ich googelte 'Bartnelke', und das erste Bild, das erschien, zeigte eine Hecke aus weißen, leuchtend magentafarbenen, mattvioletten, mittelrosa und sogar einem staubigen, bläulich schimmernden Lila. Welcher dieser Bartnelken entsprach denn nun der Farbe 'Bartnelke'? Das war kein vielversprechender Anfang. 'Fiesta' kannte ich als Party - Mariachi-Bands, Feuerwerk und Piñatas. Eine Fiesta hat keine bestimmte Farbe, außer vielleicht die Farbenpracht, die zu einer Party dazugehört. (...) Was diese Definitionen so faszinierend machte, war unter anderem, dass sie eine eigene Stimme hatten. Das Lexikon war sorgfältig darauf ausgelegt, keine andere Stimme als die des Unternehmens zu haben. Diese Farbdefinitionen - im Vergleich zum nüchternen und starren Stil des restlichen Buchs - waren so auffällig wie eine ganze Truppe vonKabaretttänzerinnen (...) Woher in aller Welt stammten diese ausführlichen Definitionen, die 'Meeresrosa', 'Kupfer' und Tausende anderer Farben erwähnten, von denen ich, eine Frau, deren Aufgabe es war, alles in Reichweite zu lesen, noch nie gehört hatte?" Die Antworten "auf diese Fragen lagen in Stapeln von Korrespondenz, die im Keller von Merriam-Webster vor sich hin gammelten; in Familienpapieren, sicher verwahrt in Archivkartons; in sorgfältig getippten Notizen in Firmenarchiven, in längst vergriffenen Büchern, in Regierungsdokumenten und Berichten an und vom Kongress, in Stoffmustern und chemischen Gleichungen. Jede dieser Definitionen ist das kristallklare, prägnante Ergebnis dutzender sich überschneidender Überlegungen: der Einfluss der Wissenschaft im 20. Jahrhundert, die Kommerzialisierung von Farbe, der Szientismus der amerikanischen Gesellschaft und die unvermeidliche Gegenreaktion, die Rolle von Wörterbüchern in unserem kulturellen Bewusstsein, das staatliche Streben nach Standardisierung, die Unzulänglichkeit der Sprache zur Beschreibung des Abstrakten, die Mühsal des Satzes, die Auswirkungen des Krieges, die Gefahren der Färberei, die Macht der Liebe und die Unbeschreiblichkeit von Meeresrosa."
Ein Japaner durchwandert systematisch die Straßen japanischer Städte, stets vor sich und dicht am Körper: eine Videokamera. Dabei schickt er keine touristischen Video-Postkarten, vielmehr führen seine Wege oft durch Hintergassen und wenig repräsentative Orte, manchmal ist es nachts und es regnet, gelegentlich hält er inne und verweilt an einem Ort. Man könnte sich sicher spannenderes vorstellen, um seine Abende mit solchen oft stundenlangen Videos zuzubringen. Und doch verspürt Aaron Gilbreath in Zeiten der Coronakrise, der Isolation und des Home-Schoolings derzeit keinerlei Interesse an den vollgepackten Archiven der großen Streaming-Anbieter, sondern folgt in den abendlichen Stunden der Stille begierig den meditativen Videos dieses Youtube-Nutzers, der sich hinter dem Pseudonym Rambalac verbirgt und von dem ansonsten so gut wie nichts bekannt ist. In einem melancholischen Essay umkreist Gilbreath dieses sonderbare Interesse an ereignisarmen Videos, die ihn immer wieder auf sich selbst zurückwerfen: "Wir Amerikaner hocken hinter unseren Türen und warten darauf, dass das Virus unsere Gemeinden so dezimiert wie zuvor die Italiens und dass die Leichen Gräber füllen, die nur wenige ausheben wollen. Die aufreibende Erwartung macht einem zu schaffen, sie hinterlässt eine Leere im Magen, die sich mit Gartenarbeit und starken Cocktails kaum füllen lässt. Es gibt keine wirkliche Flucht vor der Realität. Ich sehne mich nach einer kurzen psychologischen Pause am Ende dieser langen Tage, die der Frühling lang und länger werden lässt. ... Ich betrachte diese Videos und merke mir Ecken in Tokios Wohngegenden, die ich wohl nie besuchen werden. Ich studiere Karten mit Flüssen, deren Wasser ich wahrscheinlich nie berühren werde, einfach nur um wenigstens ein kleines bisschen zu begreifen, wie diese unglaubliche, wuselnde Stadt zusammengesetzt ist - dieses Meisterwerk menschlicher Erfindungskraft, wie so viele anderen Städte auch, die nun zum Stillstand gekommen sind. Rambalac hat mir dabei geholfen, mein Bewusstsein zu erweitern, während Angst und Müdigkeit sich einfraßen. All diese Bewegungen, all dieses Lernen belebte mich. Wie sich herausstellt, wollte ich nicht nur meinem Verstand eine Auszeit gönnen. Ich wollte weiterhin etwas über die Welt lernen, ihre Kulturen erfahren und mich unter Leuten bewegen, wenn auch nur in den Korridoren meiner Einbildungskraft. Vielleicht ist es nicht totale Flucht, nach der ich mich verzehre, sondern Hilfe während einer Phase des Übergangs. Vielleicht brauchen wir, während wir uns der nervenaufreibenden Realität noch anpassen, eine Brücke aus der alten Welt in die neue."
Hier Rambalacs Streifzug durchs verregnete Japan bei Nacht:
Naz Riahi erzählt, wie es war als Mädchen im Iran aufzuwachsen - und zwar in einer westlich-säkular orientierten Familie vor und nach der Revolution. Vor der Revolution herrschte in dieser Familie das summende, brummendeLeben: Doch "nach der Revolution war nichts mehr sicher, keinem konnte man vertrauen. Die Welt in unserem Haus war strikt verborgen - Partys, Tanz, Musik, Kartenspiel, Wein, selbstgebrannter Schnaps, Männer und Frauen in engem Kontakt, Jungs und Mädchen, die man alleine in einem Zimmer ließ, amerikanische Musik, amerikanische Filme, kein Hijab, keine Gebete, kein Fasten im Ramadan, die Namen und Wohnsitze von Familienmitgliedern in Übersee. All dies wurde geheimgehalten. Unser wahres Selbst - unsichtbar. Im Alter von fünf Jahren hatte ich die Regeln verinnerlicht: Keiner darf wissen, woher Deine Barbies kommen. Lass niemanden wissen, dass Dein Bruder in den USA lebt. Erzähle niemandem davon, dass wir ihn besuchen. Verrate nichts von dem, was wir tun oder über was wir sprechen. Sage nichts davon, dass Du die Ansichten der Regierung nicht teilst. Sage, dass Du fünfmal täglich betest. Sage, dass Du im Ramadan fastest. Streite nicht, wenn die Revolutionsgraden Dich anhalten. Verstecke Dein Haar unter einem Tuch, jede Strähne. Sag so wenig wie Du kannst. Sei ruhig."
Jeff Gold ist das Trüffelschweinchen unter den Musikarchäologen. Seiner Spürnase und seiner sturen Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass manche Archiv- und Demoaufnahmen namhafter Bands nicht nur wiederentdeckt, sondern auch erstmals veröffentlicht wurden. Im Gespräch erklärt er, wie er zum Beispiel an den Stooges-Song "Asthma Attack" kam: Gefunden hat er ihn in den umfassenden, aber unsortiertern Beständen des früheren Stooges-Managers Danny Fields. Neben den Kisten in seiner Wohnung hatte Fields noch ein ungesichtetes externes Lager, dem wegen Mietrückstands die Räumung drohte: "Ich sagte zu ihm, Danny, zahl Deine Rechnungen, ansonsten knacken die das Schloss und verkaufen das Zeug oder sie werfen es weg, wenn es uninteressant aussieht. Ihn juckte das nicht groß. Dann sagte ich, wie wäre es, wenn ich die Rechnungen bezahle und das Material durchsehe, ob es da irgendwas gibt, was ich dir abkaufen kann? Damit war er einverstanden. ... Das war echt ein ziemlich muffiges Lager. Kein Licht, keine Fenster, ein düsteres Wirrwarr voller Kisten. ... Ich brachte dann meinen Freund Johan Kugelberg mit, einen Musikhistoriker, Archivar und Autor des definitiven Buches über Velvet Underground. Der wollte Danny auch Zeug abkaufen und er brachte das richtige Equipment mit: eine Handkarre und Taschenlampen. Unter den vielen Kisten der Sorte, wie sie Danny auch in seiner Wohnung hatte, fand ich eine voller Magnetbänder, wirklich Magnetbänder als solche. Aufgerollt, keineHüllen, keineBeschriftung. Auf ein paar solcher Kisten stand 'Stooges' drauf, auf einer anderen 'Velvet Underground'. Dann gab es da Kassetten. Etwa ein Viertel davon war gekennzeichnet, der Rest war ohne Vermerk. ... Ich erinnere mich noch daran, wie ich Danny sagte: 'Okay, das ist der Preis, den ich Dir bezahlen kann, auf Grundlage dessen, was ich glaube, was ich hier vor mir habe.' Es war ein bisschen eine Wundertütensituation. Wir wussten nicht, was sich auf den Bändern befand. Wir wussten nicht, ob sie noch abspielbar waren. ... Zwei Tage lang saß ich in einem teuren Studio, nur um diese Dinger durchzuhören und eine Ahnung zu kriegen, was da überhaupt drauf war. Das wurde dann ziemlich klar: einige von ihnen konnten nicht zugeordnet werden, andere klangen nach irgendwelchen Kopien, die Danny mal gezogen hatte. Aber es befanden sich auch John Cales Abmischungen des ersten Stooges-Album darin - soweit ich mich erinnere: unbeschriftet."
Die Laufbahn einiger Objekte im fernen Kuipergürtel, in dem sich auch der vormals als Planet eingestufte Pluto befindet, lässt einige Wissenschaftler, darunter Michael Brown und Konstantin Batygin, darauf schließen, dass dort, weit draußen im Sonnensystem, ein bislang unentdeckter neunter Planet seine Kreise zieht. Shannon Stirone hat die beiden bei ihrer Arbeit in einem der größten Teleskope der Welt besucht: "Wenn der Planet, nach dem die beiden Ausschau halten, wirklich existiert, verfügt er etwa über das Sechsfache der Erdmasse, mit einer Atmosphäre aus Wasserstoff und Helium über seinem Kern aus Stein und Eis. Seine wahrscheinliche Lage macht es schwierig, ihn tatsächlich zu finden: mindestens 400 mal so weit entfernt von der Sonne wie unser Planet und etwa 15 bis 20 mal weiter draußen als Pluto. Als Theoretiker ist Batygin der Ansicht, dass er seine Existenz mathematisch im Grunde genommen schon bewiesen hat. Doch nach gängiger Ansicht in der Welt der Astronomie gilt ein Planet erst dann als entdeckt, wenn seine Existenz durch eine Fotografie belegt wurde." Das ist nicht einfach, weil es da draußen so viel Licht gibt. "Gegen das blaue Licht des Computermonitors erscheint eine riesige Spiralgalaxie mit einem dünnen, geisterhaften Körper, dessen lange, fast quallenartige Ranken um sich selbst geschlungen sind. Wir beugen uns über das Bild und rufen: 'Oh wow', worauf Brown bloß mit einem schnellen, halb witzig gemeinten 'Ach, Galaxien, die sind echt die Pest' antwortet. Das Problem, wenn man im Himmel nach einer einzigen Sache Ausschau hält, ist, dass unsere Galaxie voller Sterne ist, nahezu 100 Milliarden, die Brown ohne Ende auf die Nerven gehen. Sollte Planet Neun existieren, dann ist er so weit entfernt und sein Licht so schwach, dass es ohne weiteres von einem regulären Stern, der es mal so richtig krachen lässt, überstrahlt werden könnte."
Tim Mohrs im vergangenen Jahr zuerst auf Deutsch erschienenes Buch "Stirb nicht im Warteraum der Zukunft" über die Punkszene der DDR erscheint jetzt unter dem Titel "Burning down the House" auch im englischsprachigen Raum. Will Hermes hat sich mit dem amerikanischen Journalisten und Übersetzer Mohr zum Gespräch an einen Tisch gesetzt. Insbesondere auf die Rolle der Punks im Widerstand gegen das SED-Regime kommt Mohr zu sprechen: "Ich denke, eine der größten Leistungen der Punks war es, die Widerstandskraft anderer Gruppen zu stärken. Die Punks verloren nämlich ihre Angst vor der Polizei und dem Sicherheitsapparat. Sie wurden so oft gegängelt und geschlagen. Viele von ihnen saßen ihre Zeit im Knast ab, wurden entlassen und kämpften weiter. Ich denke, das sortierte die Lage für viele andere Gruppen, die das beobachteten, neu. Und als sich der Unmut auf die Straße bewegte, standen die Punks in der ersten Reihe - aufs Neue, weil sie keine Angst mehr vor der Polizei hatten. Sie wussten, dass man sie schlagen würde. ... Ich denke, das ist etwas, was die Diktatur am meisten in Angst versetzte: Die Tatsache, dass sie immer repräsentativ für Protest standen. Andere Gruppierungen konnte man über Nacht ins Gefängnis werfen, danach würden sie wieder in der Gesellschaft aufgehen. Die Punks aber brachten ihre oppositionelle Haltung jederzeit zum Ausdruck, wenn sie auf der Straße waren."
Eine der wichtigeren Ostpunk-Bands war L'Attentat aus Leipzig, der es damals gelang, ein Album auf Kassette außer Landes zu schmuggeln. Bei X-Mist Records erschien es dann auf LP.
Die Dinge, die wir gern riechen, sind nicht unbedingt die, die wir uns dabei vorstellen. Jasmin zum Beispiel - riecht gräßlich in reiner Form. Galle, Fäkalien, animalische Öle dagegen können absolut fantastisch riechen, versichert Katy Kelleher in einer Führung durch die Urstoffe klassischer Parfüme: "Bei meinem Versuch, die Anziehungskraft scheinbar abstoßender Inhaltsstoffe zu verstehen, sprach ich mit Ärzten, die die Nase studieren, Parfümeuren, die das Organ nähren, und sogar mit einer Zooarbeiterin, die während ihrer Arbeitszeit den reinen, unverdünnten Duft der Zibetkatze einatmet [das faulig riechende Sekret aus den Drüsen unter ihrem After wird gern und oft in Parfüms verwendet. Mehr hier, die Perlentaucher-Redaktion]. Während sie verschiedene Theorien darüber hatten, warum Dunkelheit ein wesentliches Element der Schönheit zu sein scheint, waren sie sich alle über eine Sache einig: Es kommt auf den Kontext an. Im richtigen Kontext kann sogar der Geruch des Todes ansprechend sein. Im richtigen Zusammenhang kann Erbrochenes begehrenswerter sein als Gold. Im richtigen Kontext, mit der richtigen Musik im Hintergrund, beginnt man, sich für die glamouröse Killerin oder den sardonischen Drogendealer zu interessieren."
Amerikanischer als Country-Musik kann Musik eigentlich nicht werden - doch die Auffassung, dass Country eine Art reine, ungefiltere Musik des weißen amerikanischen Hinterlands sei, ist falsch, erklärenBillMalone und TraceyLaird im Gespräch. Gerade haben sie eine aktualisierte Neuauflage von Malones Buch "Country Music USA" aus den Sechzigern herausgebracht. "Die frühen Hillbilly-Musiker bedienten sich bei allem, was um sie herum lag", erklärt Malone. "Insbesondere der afro-amerikanische Einfluss war stark, doch auch der Einfluss anderer ethnischer Gruppen fällt an allen Stellen auf. Es versetzt mich bis heute immer wieder in Erstaunen, wie viele der alten Songs der Tin Pan Alley in New York entspringen, wo die hartgesottenen Songwriter ihre Lieder über Gott und die Welt schrieben und deren Musik schließlich in Vaudeville, Minstrel- und Burlesque-Shows aufging. Die Musik wanderte ins Repertoire der Country-Musik, die sie bewusst oder unbewusst veränderte. Und von dort aus kam sie auf uns hernieder, in Form von Aufnahmen, Notenblättern oder Live-Auftritten. Country ist eine sehr eklektische Musik. ... Ich glaube, es war 1915, als in Kalifornien eine internationale Ausstellung stattfand und Musiker von überall her kamen. Auch eine Delegation aus Hawaii fand sich ein und stellte ihren Stil und ihre Instrumente vor. Einige von ihnen tourten anschließend durchs Land. Junge amerikanische Musiker hörten diese Musik, fanden sie beeindruckend und begannen, mit der hawaiianischen Gitarre zu üben. Sie entpuppte sich als hübsche Ergänzung zu den alten Einsamkeitsballaden und kam genau wie all die anderen Instrumente ziemlich dicht daran heran, wenn es darum ging, eine Stimme zu simulieren."
Das Gespräch lässt sich auch als Podcast nachhören:
Lindsay Gellman erzählt in einer langen Reportage, wie Privatkliniken in Deutschland zu Unsummen letzte Hoffnung an Krebspatienten im Endstadium verkaufen. Hunderttausende Euro und kann eine Behandlung kosten. In zahlreichen Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern und Patienten der privaten Hallwang Klinik im Schwarzwald sowie Angehörigen von Krebspatienten lernt sie, wie undurchsichtig die Behandlungsmethoden und -erfolge dort sind. Für sie ist klar, dass hier zu überteuerten Preisen Stoffe verabreicht werden, deren Wirksamkeit fragwürdig ist - vor allem, wenn man sich vor Augen halte, dass das deutsche Gesundheitswesen im Vergleich zum amerikanischen weniger streng reglementiert sei: "Ich habe telefonisch mit Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, gesprochen. Er erklärte, dass alternative Heilmethoden bei approbierten Ärzten an Beliebtheit gewonnen haben, von denen eine zunehmende Anzahl eine Zusatzausbildung in diesem Bereich anfangen. Und in zunehmendem Maße, erklärte Brysch mir, fänden experimentelle Mittel ihren Weg in alternative Behandlungskliniken, wo sie mit älteren unbewiesenen Krebsbehandlungsoptionen wie Ozontherapie (bei der das Gas in die Blutbahn gepumpt wird) und Ganzkörperhyperthermie (bei der die Körpertemperatur des Patienten über längere Zeiträume in den Fieberbereich angehoben wird) angeboten würden." Besonders gut trifft sich das, wenn man - wie ein Teil der Eigentümer der Hallwang Klinik - die Mittel selbst herstellt, so Gellman, die den verzweifelten Patienten verabreicht werden.
Die Paris Review ist - vor allem wegen ihrer langen Interviews - ein weltberühmtes amerikanisches Literaturmagazin. Chefredakteure waren Mitbegründer George Plimpton, Philip Gourevitch und Lorin Stein, der gerade nach Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Angestellten zurückgetreten ist. Es gab jedoch noch einen vierten Chefredakteur, lesen wir jetzt, unmittelbar nach Plimpton: Bridget Hughes. Sie war jahrzehntelang aus dem Impressum gestrichen, so dass selbst New York Times und New Yorker sie in Stories über die Geschichte des Magazins ignoriert hatten. Auch aus der Wikipedia wurde sie immer wieder rausgestrichen. Kurz, der Chefredakteur, der jahrelang mit Plimpton zusammengearbeitet hatte, sein Wunschnachfolger war und das Magazin in der schwierigen Zeit nach dessen Tod leitete, war aus der Magazingeschichte getilgt worden. Weil sie eine Frau war - davon ist A.N. Devers, die auf Longreads Hughes' Geschichte erzählt - überzeugt: "Das hat einen Einfluss auf alle Frauen im Literaturbetrieb, die ernst genommen werden wollen und für ihre Arbeit ebenso gefeiert werden wollen wie ihre männlichen Kollegen und Bosse. Es sorgt auch dafür, dass die Mythologie des Magazins als 'Jungsclub' festgeschrieben wird, wo Frauen als Chef vom Dienst einen Großteil der Schwerarbeit machen, aber niemals eine echte Chance bekommen, Chefredakteur zu werden."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
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