Magazinrundschau

Sehnsucht nach absoluter Zeitgenossenschaft

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08.05.2012. Die Zukunft der Lyrik liegt im "unkreativen Schreiben", behauptet die Boston Review. Gute Übersetzer beherrschen das Handwerk des Mamporrero, behauptet El Espectador. Seit es Internet gibt, machen Bücher über Musik dem Leser mehr, dem Autor weniger Spaß, behauptet das TLS. Micromega fordert mehr Commons. In Le Monde diskutieren Edgar Morin und Francois Hollande über Multikulturalismus. Was ist in den USA mit dem Säkularismus passiert, fragt der New Humanist. Der Hollywood Reporter meint: Gar nicht so übel, dieser Kim Dotcom.

Boston Review (USA), 01.05.2012

Die Literaturwissenschaftlerin Marjorie Perloff hat einige Lyrikanthologien gelesen und findet das Ergebnis - Gedichte, die der "Kultur der Literaturpreise, Professuren und politischen Korrektheit entspringen - deprimierend. Doch es gibt ein Licht am Horizont: "unkreatives Schreiben". Die Stereotypen vermeidend, mit der konventionelle Dichter heute ihre Befindlichkeit als asiatisch-amerikanischer Dichter, Latina-Dichterin oder behinderter Dichter ausstellen, wenden sich immer mehr Dichter des digitalen Zeitalters "einer Praxis zu, die von den bildenden Künsten und der Musik schon in den Sechzigern adoptiert wurde - Aneignung. Komposition als Transkription, Zitat, Recycling, Permutations- und andere Variationstechniken, Falschübersetzung und Vermischung - solche Formen des Konzeptualismus werfen jetzt harte Fragen auf nach der Rolle, die, wenn überhaupt, Lyrik in der neuen Welt der blitzschnellen und exzessiven Information spielen kann. In Charles Bernsteins Gedichtband 'All The Whiskey in Heaven' (2010) finden wir eine Pseudo-Folkballade, die hart auf eine Liste von absurden Nachrichten folgt, wie zum Beispiel 'An unresponsive person was found lying in a boat on Half Mile Road'. Die Fragen- und Antwortstruktur des Songs verwebt Folk und Motive aus lyrischen Balladen wie Shakespeares 'Sigh no more' - 'Converting all your sounds of woe / Into. Hey nonny, nonny' - bis zu Goethes 'Erlkönig' - 'Who rides so late through night and wind?' - und den Poplyrics 'Every time you see me, what do you see?':

What do you see, Nonny?
What do you see?
A tune & a stain
Waiting for me

Will you go there, Nonny?
Will you go there?
It's just by the corner

Right over the bend

Who'll you see there, Nonny?
Who'll you see there?
A monkey, a merchant, a pixelated man

What will you say, Nonny?
What will you say?
I'm just a nobody making my way
Archiv: Boston Review

El Espectador (Kolumbien), 06.05.2012

Hector Abad denkt über das Handwerk des Übersetzens nach - nur das des Lesens findet er noch schöner: "Elke Wehr, eine große deutsche Übersetzerin, hat einmal gesagt, eigentlich übersetzen wir den ganzen Tag - in diesem Moment übersetzen Sie, liebe Leser, das, was Sie hier lesen, in eine geistige Sprache, ins Mentalische, die stumme Sprache des Denkens, die es möglich macht, dass wir uns verstehen. Nehmen wir zum Beispiel dieses alte Wort aus Kastilien, das ein Handwerk bezeichnet und dessen Bedeutung viele von Ihnen wahrscheinlich nicht kennen: 'Mamporrero'. Nun gut, künftig werden Sie es verstehen und, wer weiß, womöglich sogar bei sich zu Hause benutzen: Die Aufgabe des Mamporrero besteht darin, das Glied des Hengstes zu ergreifen und in die Scheide der Stute einzuführen, um die Befruchtung zu erleichtern - eine Vorstellung bzw. Handlung, die ihren Reiz (oder auch etwas Abstoßendes) hat und durchaus komplex ist, sich jedoch in diesem einen sehr ausdrucksstarken Wort zusammenfassen lässt. Übersetzen bedeutet genau dies: Verstehen, was ein Mamporrero ist, es auf Mentalisch speichern und, falls Sie Manns genug sind, ebenso treffend und ausdrucksstark in eine andere Sprache übertragen."
Archiv: El Espectador
Stichwörter: Abad, Hector