Magazinrundschau

Die Treppe für Texte

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
13.12.2011. Alles hat sich in den letzten dreißig Jahren verändert, nur in den Künsten herrscht Stillstand, meint Vanity Fair. Manchmal ändern sich die Dinge auch im Untergrund, meint die NYT mit Blick auf das Alphabet N'Ko. In der LRB meldet Jenny Turner den Tod der Schwesterlichkeit. Guernica stellt das Festival LagosPhoto vor. Der Kindle ist ein Buch, freut sich Martin Caparros in Letras Libres. In The Nation setzt sich Jorge Volpi mit dem Liberalismus Enrique Krauzes auseinandern. In Le monde diplomatique feiert Tim Parks die mobilisierende Kraft des Wuchers.

Il Sole 24 Ore (Italien), 11.12.2011

Das Mammutwerk der Classici Ricciardi versucht all jene Bücher zu nennen, die die Italiener in den vergangenen 150 Jahren zu Italienern gemacht haben. Carlo Ossola nutzt seine Besprechung, um über die Berechtigung des Schriftlichen in unserer heutigen multimedialen Zeit nachzudenken. "Es sind Bücher, die gerade wegen ihres schriftlichen Kerns überdauert haben: Ein großer Teil unserer heutigen kollektiven Identität ist von anderen Künsten und Mitteln als der Schrift geprägt: das Kino, das Fernsehen, das Internet, das Mobiltelefon. Diese Prozesse zu ignorieren, ist ahistorisch, sie als einzige Quellen unserer Identität zu betrachten, ist zu kurz gedacht: 'La Costituzione', 'Se questo e un uomo', 'Le citta invisibili', aus ihnen ist kein Fernsehfilm geworden, kein Drehbuch und kein Comic; ihre lebendige Kraft liegt in der Schrift, im eingeschriebenen Immerwährenden und im Nichtdarstellbaren, in der Nähe und der Unendlichkeit, für jeden und für alle: kein Geschehen sondern Gewissen. Ganz einfach, um mit Luigi Pintor zu sprechen, für die Vergangenheit und für die Zukunft: 'Servabo'."

Stichwörter: Mobiltelefon

Letras Libres (Spanien / Mexiko), 11.12.2011

Der argentinische Schriftsteller Martin Caparros freut sich diebisch über seinen Kindle, den "Robin Hood unter den Büchern": "Es gibt Gegenstände, die so vollkommen sind, dass wir nicht auf die Idee kommen, jemand könnte sie erfunden haben: Jahrtausendelang war die Treppe die beste Möglichkeit, um von Ebene x auf Ebene y zu gelangen. Das Buch ist die Treppe für Texte: Seit über 500 Jahren ist es die vollkommene Form, um Wörter zu speichern und zu verbreiten. Heute gibt es allerdings auch Aufzüge - wer in den 38. Stock will, denkt bestimmt nicht als erstes an eine Treppe. Dabei hat der Kindle gar nichts Zukünftiges: Er ist die radikale Gegenwart des Buches und das will etwas heißen: Während ein Kühlschrank heutzutage gleichzeitig als Fernseher dienen soll, ein Telefon als Fotoapparat und ein Laptop als Weltersatz, beharrt ein Kindle stur darauf, dass er einzig und allein zum Lesen da ist. Den letzten Zweifel hieran hat mir neulich ein kleiner Süßigkeitenverkäufer im Zug ausgetrieben: Sehnsüchtig betrachtete der Junge - mit verdrecktem Gesicht, mehreren Zahnlücken und strubbeligem Haar - meinen Kindle: 'Geil, Alter, ein Computer. - Nein, das ist ein Buch. - Ach so (tief enttäuscht), ein Buch.'"

HVG (Ungarn), 30.11.2011

Der Publizist Laszlo Seres sprach mit dem in Berlin lebenden ungarischen Schriftsteller György Dalos über die Situation in Ungarn und fragte ihn, ob die Intellektuellen des Landes zur Lösung der Probleme beitragen können. Heute, meint Dalos, "spielen die Intellektuellen eine geringe Rolle. Einerseits endete mit dem Kommunismus auch eine staatlich garantierte Kultur, so dass sie Handwerker wurden. Andererseits erlosch auch ihre geistige Auszeichnung, weshalb sie, sofern sie sich zur Politik äußern, dies nicht mehr von jener hervorgehobenen Position aus tun, wie in früheren Zeiten, sondern lediglich als Privatpersonen. Dass sich ein Schriftsteller zu Wort meldet, und die Regierung sich am nächsten Tag zu Beratungen darüber einfindet - diese Zeiten sind vorbei. Wir leben in einer Zeit, in der schwerwiegende finanzielle Entscheidungen getroffen werden, ohne vorher die Meinung von Finanzexperten einzuholen. Warum sollten sie dann ausgerechnet die Lyriker befragen?"
Anzeige
Archiv: HVG
Stichwörter: György Dalos

Outlook India (Indien), 19.12.2011

Indien trauert um Dev Anand, eine Ikone des indischen Kinos und gewissermaßen der "indische Gregory Peck". Hier der Nachruf von Namrata Joshi. Madhu Jain fragt sich, wie überhaupt mit dem Tod von Ikonen solchen Ranges umzugehen sei, und findet hierfür einen ganz und gar rührenden Einstieg: "Es war, als wäre Peter Pan gestorben. Dev Anand, dieser starrköpfig optimistische Zeitdieb, hat mit sich ein Gutteil unseres Glaubens an die Unsterblichkeit mit sich genommen. Hier war ein Mann, der den Lauf der Zeit zum Stillstand bringen, der die Zeiger der universalen Uhr anhalten wollte, um ihr Ticken zumindest in seinen eigenen Ohren zum Schweigen zu bringen."

Hier ein Stück, in dem das Spitzbübische Anands ganz wunderbar zum Ausdruck kommt (mehr in dieser Playlist):


London Review of Books (UK), 15.12.2011

Alles nicht so einfach heute mit dem Feminismus, findet Jenny Turner, die sich für einen Text epischen Ausmaßes Gedanken über das Verhältnis des Feminismus zu anderen sozialen Bewegungen macht. Der Blick aufs große Ganze fehlt ihr, zum Beispiel, was die Lohnschere zwischen Mann und Frau betrifft: "Alison Wolf wies nach, dass die 16 Prozent Lohnabstand eine viel heftigere Trennung maskieren, nämlich die zwischen jüngeren Frauen in avancierten Berufen, die etwa 13 Prozent der Arbeitskräfte ausmachen, Karrieren verfolgen und genausoviel wie Männer verdienen, und den anderen 87 Prozent, die einfach nur 'Jobs' nachgehen, die rund um die Bedürfnisse ihrer Familien angelegt sind, und einfach schrecklich viel weniger verdienen. Feminismus war und ist auf überwältigende Weise eine Bewegung dieser 13 Prozent gewesen - meistens Weiße, meistens Mittelschicht, die von, über und zu sich selbst sprechen in einem sich selbst bespiegelndem Milieu."

Weiteres: Dokumentiert sind Mohammed el Goranis Erfahrungen in Guantanamo, der als jüngster Inhaftierter in die Geschichte des Gefangenenlagers einging. Keith Thomas macht sich große Sorgen um die Zukunft der Universitäten, die immer mehr unter dem Diktat der Ökonomie stehen. In eine ähnliche Richtung zielt Michael Wood, der die wissenschaftliche Forschung als Betätigung preist, die ihren eigenen Wert hat. Schön gallig betrachtet John Lancester das Finanzdesaster der letzten Jahre als schöne Kunst. Christopher Taylor liest Haruki Murakamis Triptychon-Roman "IQ84". Jeremy Harding bespricht eine Ausstellung im Victoria & Albert Museum mit Covern und Illustrationen des britischen Satiremagazins Private Eye.

Polityka (Polen), 09.12.2011

Adam Krzeminski kann sie nicht mehr sehen, diese Karikaturen von Angela Merkel mit Pickelhaube. Ganz wie Polens Außenminister Radoslaw Sikorski in seiner historischen Rede in Berlin wünscht Krzeminski sich, dass Deutschlands mehr Verantwortung für die Republik Europa übernimmt: "Wer fürchtet, dass eine EU-Föderation 'deutsch' sein wird, sollte sich nicht nur die positive Handelsbilanz zwischen Polen und Deutschland und unseren - von der EU, also im hohen Maße deutschen Geldern unterstützten - zivilisatorischen Boom der vergangenen Jahre ansehen, sondern auch den deutschen Debatten zum Thema Zukunft Europas gut zuhören... Europa wird nicht 'deutsch', nicht einmal, wenn es die 'deutsche 'Haushaltsdisziplin annimmt. Die Vertiefung der EU bedeutet nicht Verringerung der Souveränität Polens, Frankreichs und Italiens zu Gunsten Deutschlands, sondern aller Länder, einschließlich - und vielleicht in erster Linie - Deutschlands, zu Gunsten der EU, der Exekutive in Brüssel und eines demokratischeren Europaparlaments."
Archiv: Polityka

Economist (UK), 10.12.2011

Der Aufmacher spürt den Rissen in Putins Russland nach. Putin, dessen Popularität in den vergangenen Monaten drastisch gesunken ist, könnte sich als gefährlich für das eigene Land und die Region erweisen: "Sein Regime hat die Sicherheitsorgane hart genug im Griff, um abweichende Meinungen für eine gewisse Zeit zu unterdrücken. Doch wie schon die alte Sowjetunion (und das heutige Weißrussland) herausfand, fällt es schwer, die Repression unter wirtschaftlichen Problemen aufrechtzuerhalten. Und unter dem wachsamen Blick des Internets ist es überdies heikel, weiterhin Wahlbetrug im großen Stil zu organisieren. In Russland herrscht das zunehmende Risiko einer sozialen und politischen Explosion, auch wenn es noch zu früh und die Opposition zu zerrissen ist, um viel Hoffnung auf einen russischen Frühling entstehen zu lassen." Siehe auch dieser Begleitartikel zum "langen Leben des Homo sovieticus", der ein recht düsteres Bild der momentanen Lage in Russland zeichnet.

Ein weiterer Themenschwerpunkt befasst sich mit dem Aufstieg der Computerspieleindustrie zum zentralen Player innerhalb der Unterhaltungsbranche. Einige Erklärungsansätze und erstaunliche Zahlen - so machte das Spiel "Call of Duty: Black Ops" in den ersten fünf Tagen einen Umsatz von 650 Millionen Dollar, während der letzte Harry-Potter-Film in etwa derselben Zeit "nur" auf 169 Millionen kam - liefert dieser Text. Hier erfährt man, was die Unterhaltungsbranche von der Spieleindustrie lernen kann, und dort, wie die Spieleindustrie von stationären Spielekonzepten ins Onlinegeschäft diffundiert ist. Der den Menschen tief innewohnende Spieltrieb wird die Spieleindustrie auch künftig im Brot halten, versichert dieser Artikel. Entwarnung gibt außerdem dieser Artikel: Die moralische Entrüstung über Gewaltdarstellungen in Videospielen und über Gaming-Sucht ist im Abnehmen begriffen (wie auch der Erfolg solcher Spiele und die Zahl der Gewaltverbrechen in den USA).

Weiteres: Der Aufstieg des politischen Islams in Ägypten in Gestalt der Muslimbrüder und der Salafisten muss den Westen nicht beunruhigen, findet dieser Artikel. Außerdem küren die Redakteure ihre Lieblingsbücher des Jahres.
Archiv: Economist

Monde (Frankreich), 11.12.2011

Keine deutsche Zeitung (jedenfalls keine der überregionalen, die der Perlentaucher auswertet) hatte die Korrespondenz einer jungen Deutschen mit dem späten Cioran besprochen. Nur im Perlentaucher hatte Arno Widmann das Buch vom Nachttisch geräumt. Cioran hatte sich also auf seine alten Tage verliebt. Inzwischen ist Friedgard Thomas 2001 erschienenes Buch längst verboten, die Briefe Ciorans waren nicht freigegeben, berichtet Pierre Assouline in seinem Blog, auch in die neue Pleiade-Edition wurden sie nicht aufgenommen. Dafür zitiert er aus dem Tagebuch des Cioran-Freundes Gabriel Liiceanu, das gerade in Bukarest auf Französisch erschien: "'Mich hatte die amour fou Ciorans gleich frappiert. Vor allem weil sie einem Profi-Skeptiker widerfuhr, der sich von allen Illusionen befreit wähnte.' Die langen von Liiceanu publizierten Auszüge lassen keinen Zweifel an Ciorans Qualen (man kann sie nur paraphrasieren, da ihre Wiedergabe verboten ist): Cioran möchte für immer seinen Kopf unter ihren Rock stecken... Die Briefe sind von einer mitleiderregenden Zärtlichkeit, man spürt die Zerbrechlichkeit ihres Autors: 'Cioran konnte nur das Opfer und der tragische Held dieser Geschichte sein. Sie war von der jungen Deutschen von Anfang an in Szene gesetzt worden', meint Gabriel Liiceanu, für den alles ein Missverständnis war: Der eine suchte die totale Vereinigung mit der Geliebten, die andere einige Aphorismen des Meisters." Weitere Informationen finden sich auch auf der Website von thoma.
Archiv: Monde

Vanity Fair (USA), 31.12.2011

Niemand würde beim Blick auf einen Film oder auf Fotos die siebziger mit den fünfziger oder den neunziger Jahren verwechseln. Doch während sich seit 1992 Technologie und Wissenschaft zigfach revolutioniert haben, stellt der Autor Kurt Andersen fest, herrscht in den Künsten, in Mode, Kunst und Musik Stillstand: "Versuchen Sie mal, die großen offensichtlichen Unterschiede zwischen 2012 und 1992 zu bestimmen. Filme und Musik haben sich nie weniger verändert als in den letzten zwanzig Jahren. Lady Gaga hat Madonna ersetzt und Adele Mariah Carey, Jay-Z und Wilco sind immer noch Jay-Z und Wilco. Abgesehen von einigen Details (keine Google-Suche, keine E-Mail, keine Handys) ist die ambitionierte Literatur (Couplands 'Generation X', Neal Stephensons 'Snow Crash', Martin Amis' 'Pfeil der Zeit') in keiner Weise überholt, und die Einfühlsamkeit und der Stil von Joan Didions Büchern erscheinen auch 2012 plausibel."

Bisher hat der Krebs ihn nicht getötet, aber er hat ihn auch alles andere als stärker gemacht, bemerkt Christopher Hitchens mit Blick auf Nietzsches Diktum. "Bis jetzt, habe ich beschlossen, alles einzustecken, womit mich meine Krankheitschlägt, und kampfbereit zu bleiben, während ich meinen unaufhaltsamen Niedergang vermesse."

Und Joseph Stiglitz fürchtet, dass dass nicht allein der Finanzcrash der amerikanischen Rezession zugrunde liegt, sondern eine echte Krise der Realwirtschaft: "Finanzpolitik wird uns nicht aus dem Schlamassel heraushelfen."
Archiv: Vanity Fair

Guernica (USA), 12.12.2011

Azu Nwagbogu hat in Lagos das Fotografiefestival LagosPhoto gegründet und zeigt dort einmal jährlich in einer großen Schau Fotos von nigerianischen und internationalen Fotografen. Es gibt Workshops und eine Modeausstellung. Im Interview erklärt er, warum ihm dieser Mix so wichtig ist: Um den ewigen Elendsansichten von Afrika etwas anderes zur Seite zu stellen. Natürlich seien die Elendsgeschichten nicht unwahr, "aber es ist wichtig, zum Beispiel auch Modefotografie zu zeigen, den Stil der Leute, die Industrie und den Intellekt zu zeigen, die Normalität des Lebens hier. ... Ich glaube es ist wichtig, auch das Positive zu zeigen, ein umfassenderes Bild." Hier die Webseite von LagosPhoto. Links ein Foto von Daniele Tamagni, rechts ein Bild von Misa Irodia.
Archiv: Guernica

New Republic (USA), 07.12.2011

Der Historiker Pertti Ahonen stellt Edith Sheffers Buch "Burned Bridge: How the East and West Germans Made the Iron Curtain" vor. Schaffer beschreibt die innerdeutsche Grenze zwischen den Zwillingsstädten Sonneberg und Neustadt an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen. "Scheffer macht sich daran, 'Aufstieg und Fall des Eisernen Vorhangs' am Beispiel dieser Gegend zu beschreiben und verfolgt dabei gleichzeitig eine ehrgeizige, umfassendere Agenda. Ihrer Ansicht nach verändert das Buch 'die konventionelle Vorstellung vom Eisernen Vorhang in Deutschland. Die physische Grenze zwischen Ost und West wurde nicht einfach von den Supermächten des Kalten Krieges auferlegt, sondern war auch ein ungeplanter Auswuchs der ängstlichen Nachkriegsgesellschaft.'" Dieser Nachweis gelingt ihr nach Ansicht des Rezensenten nicht so ganz, aber dennoch findet Ahonen das Buch sehr interessant und vor allem "klar und robust geschrieben".
Archiv: New Republic

The Nation (USA), 06.12.2011

Dies ist ein Essay, den man gerne in deutscher Übersetzung (NZZ? Lettre?) lesen würde! Der mexikanische Autor Jorge Volpi setzt sich mit Enrique Krauzes neuem Buch "Redeemers. Ideas and Power in Latin America" auseinander. Krauze ist ein Intellektueller in der Tradition von Octavio Paz und Mario Vargas Llosas. In seinem Buch porträtiert er die bedeutendsten Intellektuellen Lateinamerikas. Selbst wer sich mit diesem Kontinent nicht so gut auskennt, versteht bei der Lektüre, wie hingerissen und zwiegespalten zugleich Volpi ist: "Krauze ist ein rara avis [ein seltener Vogel] im Panorama der mexikanischen Intelligentsia: ein Jude unter Katholiken oder der brutal antiklerikalen Mehrheit; ein 'Liberaler' unter Linken, ein Fremder im akademischen und öffentlichen Dienst in einem Land, in dem die Mehrheit von dem einen oder anderen lebt, ein Geschäftsmann in einer kulturellen Umgebung, die von staatlicher Förderung lebt. Aber seine freiwillig marginale Position wurde auf zweierlei Weise kompensiert: durch die ausdrückliche Unterstützung von Paz, die mächtigste intellektuelle Figur in Mexiko im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts, und durch Krauzes Fähigkeit, um sich eine Gruppe zu versammeln, die 'liberale' Ideen vertrat - manche würden sie rechts nennen - in einem Land, in dem die liberale Tradition vom revolutionären Regime praktisch ausgelöscht wurde."
Archiv: The Nation
Stichwörter: Mexiko, Octavio Paz, Katholiken

Guardian (UK), 09.12.2011

Demnächst in Ihrem Kino: Michelle Williams als Marilyn Monroe und Meryl Streep als Margaret Thatcher. Kaum zu glauben, dass die beiden nur ein Jahr auseinanderlagen: Monroe wurde 1926 geboren, Thatcher 1925. Sarah Churchwell mag beide Filme nicht, findet sie aber trotzdem sehenswert, weil man endlos über Frauenbilder nachdenken kann: "Symbolisch mögen Monroe und Thatcher wie entgegengesetzte Spiegelbilder aussehen, die jeweils Opfer und Tyrann repräsentieren, Verletzlichkeit und Unbeugsamkeit, Unsicherheit und Arroganz, Versagen und Erfolg, Selbstzerstörung und Überleben. Aber diese Gegensätzes sind so einfach wie deterministisch. Wenn sie auf ihrem Startum bestand, konnte Marilyn ganz sicher ein Tyrann sein. Sie Versagerin zu nennen, radiert die Tatsache - und die Dauer - ihres triumphalen Erfolgs als Amerikas herausragender Jahrhundertstar aus. Gleichzeitig hatte Thatcher wohl kaum einen leichten Weg zum Erfolg. Sie trat geformt, aber ungebeugt aus den Kämpfen als politische persona hervor."

Und: Philip Henschler liest den zweiten Teil der Beckett-Briefe. Bee Wilson singt ein Liebeslied auf die MGM Musicals im allgemeinen und Judy Garland im besonderen, die "originale Vierfachdrohung: Sie konnte tanzen, spielen, komisch sein und oh, sie konnte singen." Hier zum Beispiel.
Archiv: Guardian

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 09.12.2011

Le Monde diplomatique übersetzt verdienstvoller Weise Tim Parks' Text über die Banken in der Renaissance. Beim Besuch der Ausstellung "Geld und Schönheit" in Florenz hat er erkannt, dass Banken und Geldgeschäfte etwas Positives sind. Besonders die Bilder von Jan Provoost und Marinus van Reymerswaele haben ihm die Augen geöffnet: "Diese besonderen Gemälde mit ihrem Fokus auf der geistigen Welt von Männern, die in der rastlosen Mehrung ihres Vermögens aufgehen, lassen die tatsächlichen Vorbehalte der Kirche gegen den Wucher erahnen: Wenn man derart mit dem Geld spielen, es so verleihen und vervielfachen konnte, dass man es - in den Worten des Bettelmönchs Bernardino di Siena - 'kopulieren und sich vermehren lassen' durfte, dann würden die Menschen kaum noch Zeit für Gott haben. Und noch weniger würden sie sich mit der gesellschaftlichen Stellung zufriedengeben, die ihnen durch die Geburt zugewiesen war. Wucher, Bankgeschäfte und Geldverleih waren Vehikel für soziale Mobilität, für eine von Menschen ausgehende, illegitime Beeinflussung der Gesellschaft - und das konnte nur im Chaos enden."

Außerdem: Stefan Ripplinger verwahrt sich gegen die Rede von der Kunst als Lebensmittel: "Ihre Sinnlosigkeit ist das Andere und Sympathische an der Kunst. Weil sie weder Lehr- noch Lebensmittel ist, erinnert sie daran, wie platt die meisten Lehren sind und wie fade das tägliche Brot schmeckt."

New York Times (USA), 11.12.2011

In einem faszinierenden Artikel für das Sunday Magazine beschreibt Tina Rosenberg am Beispiel von N'Ko - einer westafrikanischen Schrift, die 1943 erfunden wurde, um den Mande-Sprachen ein Alphabet zu geben - wie moderne Technologie zu neuen Alphabeten und damit Verständigungsmöglichkeiten führt: "Für die meisten Menschen auf der Welt ist nicht das Internet, sondern das Handy die coolste erreichbare Technologie. Und sie nutzten es eher zum Texten statt zum Sprechen. Obwohl die meisten Sprachen auf dieser Welt keine Schriftform haben, beginnen die Menschen ihre Muttersprache in das Alphabet einer nationalen Sprache zu transkribieren. Jetzt können sie in der Sprache texten, mit der sie aufgewachsen sind. [Der Linugist K. David] Harrison erzählt von einer Reise nach Sibirien, auf der er einen Lastwagenfahrer traf, der ein eigenes Aufschreibsystem für die vom Aussterben bedrohte tschulymische Sprache entwickelt hat. Dazu benutzt er kyrillische Buchstaben. 'Sie finden überall Leute wie ihn', sagt Harris. 'Wir bekommen Sprachen, deren erste geschriebenen Texte keine Übersetzungen aus der Bibel sind - wie das oft der Fall war - sondern SMS.'"

Etwas fehlt, meint Adam Thirlwell in der Book Review über Ingo Schulzes Roman "Adam und Evelyn", der jetzt in englischer Übersetzung erschienen ist: "In seiner Weigerung, die Zeit der Revolution zu idealisieren, ist dieser Roman, was die unromantischen Fakten angeht, von mutiger Wahrheit. Aber diese Fakten brauchen ihre eigene Form und diese Form, so empfand ich es jedenfalls, müsste barocker sein. Sie müsste näher an der schwebenden Metafiktion Nabokovs sein oder an den bösartigen Aphorismen Ciorans. Mit anderen Worten: Es braucht mehr als eine simple Story."

Besprochen werden außerdem Henry Louis Gates Jr.s Blick auf die Geschichte des schwarzen Amerikas, "Life upon these shores", das David Margolick enttäuscht hat, Will Hermes' Buch "Love goes to buildings on fire" über die New Yorker Musikszene in den Siebzigern und Anita Desais neuer Novellenband "The Artist of Disappearance".