Vom Nachttisch geräumt

Die Bücherkolumne. Von Arno Widmann
Die archäologische Wahrheit über die Bibel, erzählt von Israel Finkelstein und Neil A. Silberman, ein Buch über alte Männer und junge Mädchen von einem alten Mann, ein Buch über alte Männer und junge Mädchen von einem jungen Mädchen, ein Fotoband über die Reichen Mexikos.
Fabeln

"Und die Bibel hat doch recht" hieß vor mehr als vierzig Jahren Werner Kellers Bestseller. Israel Finkelstein, Direktor des archäologischen Instituts Tel Aviv, ist da ganz anderer Ansicht. Seines Erachtens gibt es keinen archäologischen Beleg für die biblische Geschichte der jüdischen Landnahme. Auch deutet nichts auf die Historizität der Großkönigreiche Davids und Salomons hin. Einen Exodus aus Ägypten wird es wohl niemals gegeben haben. In ihrem Buch "Keine Posaunen vor Jericho" schreiben Israel Finkelstein und der amerikanische Historiker Neil Asher Silberman: "Der hier beschriebene Prozess ist genau das Gegenteil von dem, was in der Bibel steht: Der Aufstieg des frühen Israels war ein Ergebnis des Zusammenbruchs der kanaanäischen Kultur, nicht ihre Ursache. Und die meisten Israeliten kamen nicht von außen nach Kanaan - sondern aus seiner Mitte heraus. Es gab keinen Massenauszug aus Ägypten, ebenso wenig wie eine gewaltsame Einnahme Kanaans. Die meisten Menschen, die das frühe Israel bildeten, waren Einheimische - die gleichen Menschen, die im Bergland in der Bronze- und Eisenzeit zu sehen sind. Die frühen Israeliten waren - ein Gipfel der Ironie - selbst ursprünglich Kanaanäer!"

In der Bibel stehen Geschichten, Fabeln, Märchen, Romane, die erfunden wurden. Nicht nur zum Vergnügen der Zuhörer, sondern sie sind Zeugnisse einer engagierten Literatur, einer Literatur "organischer" - so hätte Gramsci sie wohl genannt - Literaten. Der jüdische Monotheismus wurde Jahrhunderte, später Ende des achten, zu Beginn des siebten Jahrhunderts vor Christus in Juda etabliert. Er entstand als Religion eines neuen Staates, der sich einen Gründungsmythos gab, den wir bis heute als die biblische Geschichte kennen.

Finkelstein und Silberman haben ihre Auffassungen in "Keine Posaunen vor Jericho" zusammenfassend dargestellt und einem großen Publikum zugänglich gemacht. Die Fachwelt diskutiert schon seit einigen Jahren darüber. Wer sich über diese Debatte informieren will, der lese auch "Tempelberg und Klagemauer" über die Rolle der biblischen Stätten im Nahost-Konflikt von Amy Dockser Marcus. Die ehemalige Nahost-Korrespondentin des Wall Street Journals macht auch die zentrale aktuelle Bedeutung der Forschungen Finkelsteins klar. Wenn es keine "Landnahme" gegeben hat, dann hat es auch keine göttliche Verheißung gegeben, dann gab es und gibt es keine religiöse Begründung für Gebietsansprüche Israels.

Israel Finkelstein, Neil A. Silberman: "Keine Posaunen vor Jericho - Die archäologische Wahrheit über die Bibel". Aus dem Englischen von Miriam Magall, C. H. Beck Verlag, 381 Seiten, Abbildunge, 26,90 Euro, ISBN 3-406-49321-1


Späte Liebe

Wer von Charles Simmons nur die zarte Elegie "Salzwasser" kennt, den wird das "Das Venus-Spiel" (Leseprobe) schockieren. Es handelt sich um einen der kräftigsten und kuriosesten Beiträge zu einer noch zu schreibenden Geschichte des Küntlers als "dirty old man". Man erinnert sich an die pornografischen Obsessionen des alten Picasso, die den längst in jeden Himmel gehobenen Klassiker der Moderne gegen Ende seines Lebens noch einmal zu einem peintre maudit machten. Die immer wieder so gern thematisierte Diskrepanz zwischen Kunst und Leben - hier ist sie deutlicher als je. Der alte Mann ganz und gar fixiert aufs weibliche Genital. Nichts anderes interessiert ihn mehr. Schamgefühle hat er längst abgelegt. Er kann endlich zeigen, was ist. Ihm gegenüber und - wichtiger noch - in ihm.

Der achtzigjährige Charles Simmons hat mit "Das Venus-Spiel" eine umwerfende Porno-Burleske geschrieben. Ein Meisterwerk der wahnhaften Wunscherfüllung. Ein Buch über männliche Lustangst, der Simmons seitenlang nachgibt, um sich dann über sie lustig zu machen, sich auszuschütten vor Lachen und endlich bildet Charles Simmons das Verlangen nach Verschmelzung und die es immer begleitende Angst davor wieder so beklemmend ab, dass das Lachen nicht nur im Halse stecken bleibt, sondern sich alle Organe wie unter Schmerzen zusammenziehen. Die Handlung zu erzählen, macht keinen Sinn. Man hat dann nur die Burleske. Aber nicht, was Simmons daraus macht. Travestie und Tragödie zugleich. Eines der ganz großen Bücher.

Charles Simmons: "Das Venus-Spiel". Aus dem Englischen von Jörg Trobitius, München, C.H. Beck, 182 Seiten, 18,90 Euro, ISBN 3-406-49317-3


Schamlos

Geld macht nicht glücklich. Geld macht nicht klug. Geld macht nicht einmal schön. Man kann sich zwar alles kaufen für Geld, aber auch nur das, was man will. Und bei den meisten von uns - also auch bei den meisten Reichen - mangelt es zwar nicht an Willen, aber doch am rechten und wahren. Wir wissen das. Aber jetzt gibt es eine wunderbare Gelegenheit, dieses Vorurteil zu bestätigen. "Ricas y Famosas" heißt der Bildband der mexikanischen Fotografin Daniela Rossell. Sie hat die Reichen und Berühmten ihres Heimatlandes exakt so fotografiert, wie die das gerne hatten. Herausgekommen ist ein Klassiker der Kunst der Entlarvung (Fotos hier). Die völlige Geschmacklosigkeit, die widerwärtige Vulgarität eines Gutteils der mexikanischen Oberschicht ist selten so klar, so agressiv aufgedeckt worden wie in dieser Selbstdarstellung. Die Damen der Gesellschaft zeigen voller Stolz, was sie haben, und sie zeigen sich so, wie sie sich am liebsten sehen. Herausgekommen sind großartige Karikaturen.

Der Betrachter des Buches erinnert sich an den Streit der Kunsthistoriker über Goyas Porträts der Madrider Hofgesellschaft (hier ein Beispiel: ein Bild der Königin Maria Luisa). Die einen glauben, Goya habe sie gehasst und sein Auge habe sie zu Lemuren verformt. Die anderen wundern sich, dass der Hof Goya immer weiter beauftragte. Die Fotografien von Daniela Rossell legen den Verdacht nahe, dass auch Goyas Helden exakt so dargestellt wurden, wie sie sich gerne sahen. Sie sind so verliebt in sich, so fasziniert von ihrer Faszination, sich ihrer Macht selbst über die Blicke der anderen so sicher, dass sie nicht merken, wo sie sich zur Kenntlichkeit entstellen. Die Fotografin mag es auch nicht gemerkt haben. So sehr ist sie eins mit ihren Objekten. Aber desto grausam-schöner ist das Ergebnis.

Daniela Rossell: "Ricas y Formosas". 160 Seiten, zahlreiche Farbfotos, 39,80 Euro, Verlag Hatje Cantz ISBN 3-7757-1236-4


Letzte Liebe

Siebzig Jahre alt war der aus Rumänien stammende Pariser Philosoph E. M. Cioran, als Friedgard Thoma ihm einen begeisterten Brief über seine Aphorismen in "Vom Nachteil, geboren zu sein" schrieb. Er antwortete postwendend und schon kurz darauf hatte er, der Meisterdenker der Sinnlosigkeit allen Strebens und Verlangens, sich in die junge Deutsche verliebt. Es kam zu Küssen, zu mehr als Küssen, und dann - als er sich wieder jung, dumm und glücklich fühlte -, da machte ihm Friedgard Thoma klar, dass sie nicht daran dächte, seine Freundin zu werden, dass sie ihn nicht liebte.

Die junge Frau von damals hat jetzt ihren Briefwechsel mit Cioran herausgegeben und es ist ein erschütterndes Zeugnis der Verständnis- und der Lieblosigkeit der Herausgeberin. Ihre Eitelkeit - es tritt in ihren Kommentaren zu den Briefen nicht ein Mann auf, der sie nicht begehrte - machte sie damals und macht sie noch heute blind. Das ist eine, wenn man so will, moralische Schwäche des Buches, aber die steht dessen Erkenntnisgewinnen nicht nur nicht im Wege, sondern fördert sie oft. Friedgard Thoma beschreibt, wie sie Ciorans Lebensgefährtin kennenlernte und ohne dass sie es merkt, beschreibt sie damit, dass sie keine Sekunde in Cioran verliebt gewesen war. Es hatte ihrer Eitelkeit geschmeichelt, dass sie einem von ihr verehrten, von allen ihren Freunden verehrten Philosophen in Nullkommanichts den Verstand geraubt hatte. Sie reflektiert das an keiner Stelle. Desto klarer wird es dem Leser. Als sie Ciorans Lebensgefährtin kennenlernt, da erst begegnet sie dem wirklichen Cioran. Vorher hatte sie - auch als sie ihn küsste, als er ihren Körper streichelte - nichts als seine Imago gesehen. Jetzt hatte er einen Kontext, war - im wahrsten Sinne des Wortes - eingebettet ins wirkliche Leben. Da ertrug sie seine Berührungen nicht mehr. Cioran verzweifelte.

Indem er sie liebte, verriet Cioran nicht nur sich und seine Freundin, sondern auch das Wesentliche seiner Philosophie. Hatte er nicht geschrieben, dass es nichts gebe, wofür zu leben sich lohnte? Und nun zitterte er, wenn der Briefträger kam, wenn das Telefon klingelte, in der Hoffnung, es sei sie. Die Größe des Buches liegt in diesem Blick auf Cioran. Seine Klugheit bewahrte ihn nicht. Nicht einmal seine theoretisch so gut fundierte Verachtung des Lebens schützte ihn davor, ihm auf den Leim zu gehen, der honigsüß Liebe verspricht, wo er wieder nichts als erniedrigendste Enttäuschung parat hält.

Am 2. Dezember 1981 schreibt Cioran der jungen Geliebten: "Ich habe auf Ihren Brief mit einer gewissen Angst gewartet. Die Angst war berechtigt. Ich wußte seit Soglio, dass ich mich in einem Monolog gestürzt habe. Bis dann der Selbstbetrug war noch möglich. Nachher überhaupt nicht mehr. Sie haben nie verstehen wollen was mein Wunsch Sie zu vergessen eigentlich bedeutete. Was bei mir an Verzweiflung grenzte, war bei Ihnen ironische Gefühllosigkeit. Ihr Brief ist wie immer glänzend und - diesmal - gleichgültig. Es ist mir aber unmöglich mit Ihnen gleichgültige Beziehungen zu unterhalten. Ich habe nicht mehr die Lust und auch die Kraft nicht mich umsonst zu quälen. Später werde ich darüber lachen, jetzt ist es mir unmöglich. Von Anfang an, die Enttäuschung war im Grunde unvermeidlich. Schade nur, dass sie keine Illusion ist. Ihr C."

Friedgard Thoma: "Um nichts in der Welt - Eine Liebe von Cioran". Weidle Verlag, 140 Seiten, Fotos, 19 Euro, ISBN 3-931135-60-8