Magazinrundschau - Archiv

Il Sole 24 Ore

14 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 26.06.2012 - Il Sole 24 Ore

Endlich, seufzt Gian Luca Farinelli, kommt die restaurierte Fassung von Sergio Leones Film "Es war einmal in Amerika" nach Italien - zuerst war sie in Cannes gezeigt worden: "Es war nicht einfach, ein so monumentales Werk wiederherzustellen (in einem Interview soll Leone mit Blick auf die jahrelange Arbeit an dem Film ein Zitat von Joseph Conrad gebraucht haben: 'Ich dachte, das wird ein Abenteuer, aber es war das ganze Leben.') Die erste Version des Films dauerte 4 Stunden, 20 Minuten, Milchan und Warner hatten mit 160 Minuten gerechnet. Aber Leone hatte seinen eigenen Film im Kopf. Am Ende des Kampfs dauerte die chronolgisch erzählte amerikanische Version 1 Stunde 34 und die europäische, die in Cannes lief, 3 Stunden 39. Aus der europäischen Version wurden dann noch elf Szenen eliminiert, die nun dank der Familie Leone, der Film Foundation und der Unterstützung von Gucci wieder in den Film integriert werden konnten."

Magazinrundschau vom 13.03.2012 - Il Sole 24 Ore

Überall in den italienischen Medien wird über den Epochenbruch nach Berlusconi und Eurokrise nachgedacht. Ermutigend, auch wenn die Diagnosen manchmal bitter sind. In Il sole 24ore wird Armando Massarenti über zwei gleichzeitig auftretende Phänomene melancholisch: Einerseits, so beobachtet er, wird Italien nach außen immer noch als ein Land mit großartiger Kultur gesehen, von den großen Werken der Renaissance bis hin zum immer noch vitalen italienischen Design. Andererseits verweist er auf die Meldung, dass in keinem Land Europas die Rate "funktionaler Analphabeten" höher ist als in Italien: "Wohin kann das Land mit den meisten Kunstschätzen der Welt gehen, welche Zukunft kann es für seine Jugendlichen ersinnen, wie soll es jenen Circulus virtuosus aus Wissen, Forschung, Kunst und Beschäftigung wieder in Gang setzen, wenn sein Humankapital derart miserabel ausgestattet ist? Wenn ich an dieses Doppelbild denke - das Markenzeichen Italiens als Kulturland und den Analphabetismus -, fällt mir eine Fabel des deutschen Aufklärers Lessing über die modernen Italiener ein. Er vergleicht sie mit Wespen, die aus dem Kadaver eines Pferdes schlüpfen und sagen: 'Dies edle Tier ist unser Ursprung.'"

Magazinrundschau vom 21.02.2012 - Il Sole 24 Ore

Ist Ai Weiwei ein Held oder ein Trittbrettfahrer? Das fragt sich Angela Vettese und versucht es mit dem Besuch einer Ausstellung im Stoccolma Magasin3 zu ergründen. "Das Werk des Künstlers ist auch in der digitalen Sektion der Ausstellung einzusehen, in der man an Ereignissen teilnehmen kann, die an anderen Ecken in Stockholm stattfinden, durch Twitter und verschiedene Mikroblogs. Die Kuratorin versucht zu demonstrieren, dass es keine Kluft gibt zwischen Weiweis objekthaften Werken und seinen Arbeiten für die Infosphäre, die sich vor allem um den Kampf für einen neuen Status des Individuums drehen." Außerdem ist in Italien nun auch die Abschrift von Ai Weiweis Blog erschienen, herausgegeben vom noch jungen Verlag Johan & Levi. "Er ist bestimmt auch ein Schlitzohr, doch scheint Ai Weiwei aus dem gleichen Holz geschnitzt zu sein wie Andy Warhol: ein unermüdlicher Arbeiter, ausgezeichneter Kenner der Medien, ein Zyniker in einer schlimmen Welt. Er findet das Ohr und vielleicht sogar das Vertrauen des Publikums. Was auch immer man von ihm hält, er zeigt jene Missstände auf, die China noch beheben muss, bevor es zu sich kommen kann."
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Stichwörter: Ai Weiwei, Warhol, Andy

Magazinrundschau vom 24.01.2012 - Il Sole 24 Ore

Über die Costa Concordia schweigt sich die Sonntagsbeilage der Il Sole aus, um den Tod geht es aber auch. Der sizilianische Schriftsteller Vincenzo Consolo ist gestorben. Salvatore Silvano Nigro verbeugt sich vor dem letzten der großen sizilianischen Moralisten und Stilisten des 20. Jahrhunderts. "In meinem Arbeitszimmer habe ich ein Bild, das vor dreißig Jahren von Giuseppe Leone geschossen wurde. Es nimmt eine ganze Wand ein. Vincenzo Consolo ist drauf. Mit ihm sind Leonardo Sciascia und Gesualdo Bufalino. Sie lachen, es ist ansteckend. Sie lachen sich krumm. Sie stehen Schulter an Schulter mit Tränen in den Augen. Sciascia ist in der Mitte, Consolo an seiner Seite. Er versucht nicht umgeworfen zu werden von Sciascia, der in die Knie geht vor lauter Lachen. Bufalino fasst an seinen Kopf und hält die Brille fest. Sie lachen so heiter. So will ich sie in Erinnerung behalten, alle drei: die drei großen Meister der sizilianischen Literatur des vergangenen Jahrhunderts."
Stichwörter: Sciascia, Leonardo

Magazinrundschau vom 10.01.2012 - Il Sole 24 Ore

Der italienische Verlag Bompiani hat für Ende Januar eine Version 2.0 von "Der Name der Rose" angekündigt. Mario Andreose weist auf die große Bedeutung des Übersetzens und der Übersetzer für Umberto Eco hin und kann sich Bücher in Zukunft als eine Art Wiki von Autor und Übersetzern vorstellen. "Eco hat ja damit begonnen, seinen Übersetzern eine Art Dossier mit Instruktionen an die Hand zu geben, mit Vorschlägen zu weiterer Literatur für den geschichtlichen, kulturellen und sprachlichen Hintergrund, mit bibliografischen Hinweisen, Zitaten und Formulierungsvorschlägen, möglichen Varianten und Alternativbegriffen, natürlich immer mit Blick darauf, dass jede literarische Tradition ganz bestimmte Lösungen verlangt. Daran schließt sich ein bis zum Erscheinen der Übersetzung fortwährend geführtes Gespräch an, in der die Übersetzer ihre Kritik am Text mit Eco teilen, nachdem sie sich schon untereinander ausgetauscht haben. Die Übersetzer haben seit dem ersten Erscheinen der 'Rose' eine Gemeinschaft gebildet und trafen sich auch zu gemeinsamen Sitzungen. Ich kann mir gut vorstellen dass die Überlegungen der Übersetzer eines Tages als Korrekturschleife in den Originaltext einfließen. Und ich kann mir einen derartigen Mechanismus nicht nur beim 'Namen der Rose' vorstellen."
Stichwörter: Eco, Umberto

Magazinrundschau vom 13.12.2011 - Il Sole 24 Ore

Das Mammutwerk der Classici Ricciardi versucht all jene Bücher zu nennen, die die Italiener in den vergangenen 150 Jahren zu Italienern gemacht haben. Carlo Ossola nutzt seine Besprechung, um über die Berechtigung des Schriftlichen in unserer heutigen multimedialen Zeit nachzudenken. "Es sind Bücher, die gerade wegen ihres schriftlichen Kerns überdauert haben: Ein großer Teil unserer heutigen kollektiven Identität ist von anderen Künsten und Mitteln als der Schrift geprägt: das Kino, das Fernsehen, das Internet, das Mobiltelefon. Diese Prozesse zu ignorieren, ist ahistorisch, sie als einzige Quellen unserer Identität zu betrachten, ist zu kurz gedacht: 'La Costituzione', 'Se questo e un uomo', 'Le citta invisibili', aus ihnen ist kein Fernsehfilm geworden, kein Drehbuch und kein Comic; ihre lebendige Kraft liegt in der Schrift, im eingeschriebenen Immerwährenden und im Nichtdarstellbaren, in der Nähe und der Unendlichkeit, für jeden und für alle: kein Geschehen sondern Gewissen. Ganz einfach, um mit Luigi Pintor zu sprechen, für die Vergangenheit und für die Zukunft: 'Servabo'."

Stichwörter: Mobiltelefon

Magazinrundschau vom 01.11.2011 - Il Sole 24 Ore

Nicht nur die gegenwärtigen Kalamitäten, auch die Aufarbeitung des Faschismus droht zum Stolperstein für Italien zu werden. Anlässlich von Giovanni De Lunas Buch "La repubblica del dolore" über das Erinnern in Italien fürchtet Piero Ignazio, dass Italien als Idee zerreißt: "In Abwesenheit einer gemeinsamen Erinnerung und deshalb an kollektiven Akteuren, die in der Öffentlichkeit im Namen aller Italiener sprechen können, haben wir uns - in vollem Einklang mit dem Nationalcharakter - mit einer 'Privatisierung des Gedenkens' (und auch des Schmerzes) beholfen. Zwei unterschiedliche Einflüsse haben das bewirkt: Die Verfügbarkeit des Fernsehens als Plattform für die Darstellung einzelner Schicksale, einzelner Opfer; und ein Geist des Narzissmus, in dem das Ich über allem anderen steht. De Luna erzählt in den hinteren Kapiteln eine unbekannte Anekdote aus dem Fernsehen, als nach Sendungen wie 'La mia guerra' auf Rai Tre 1990 mehr als 10.000 Briefe eingingen, in denen die Zuschauer anboten, sich interviewen zu lassen (...) Das Italien von heute ist Opfer tausender persönlicher und individueller Bekenntnisse, die den gemeinsamen Boden der Nation aufbrechen, und es weiß nicht, wie es wieder zu sich finden soll."

Magazinrundschau vom 25.10.2011 - Il Sole 24 Ore

Im Augenblick gibt es in Italien ja nicht viel zu feiern. Das war aber mal ganz anders, wie Patrizia Gabrielli in ihrem Erinnerungsbuch an das italienische Wirtschaftswunder, "Anni di novita e di grandi cose", berichtet. In den 50er und 60er Jahren machte die Gesellschaft ähnlich große Änderungen wie in Deutschland durch, kommentiert Emilio Gentile, nur die politische Dimension wuchs nicht mit. "Es war nicht weniger als ein Wunder, mit welcher Geschwindigkeit sich dieser radikale Wandel ereignete - in den Städten wie auf dem Land, in jeder Region Italiens -, der Arbeiter, Bauern, Angestellte, Künstler, Hausfrauen und Studenten erfasste. Millionen von Italienerinnen und Italienern änderten in diesen Jahren ihre Existenz von Grund auf, angefangen mit dem, was sie aßen, über die Fortbewegungsmittel, die sie nutzten, bis hin zur Musik, die sie hörten und die Kleidung, die sie trugen (...) Der neue Wohlstand brachte den 50 Millionen Einwohnern auch eine neue Art zu denken. Er machte sie alle miteinander mehr zu Italienern als sie es in den vorangegangenen Jahrhunderten jemals gewesen waren. Aber er ließ sie nicht unbedingt zu Bürgern des Nationalstaates werden, der 1961 sein hundertjähriges Bestehen feierte."

Magazinrundschau vom 17.10.2011 - Il Sole 24 Ore

Anna Li Vigni empfiehlt Maurizio Ferraris Buch über "Seele und iPad". Ja, Ferrari ist für seine augenzwinkernde Schreibweise bekannt. Doch das Buch ist ein ernstzunehmender Beitrag zu einem uralten Problem, meint Vigni. "'Oh du wechselhafte und anmutige Seele, Gast und Gefährtin des Körpers, wohin gehst du jetzt?'. Diese Verse soll Kaiser Hadrian auf dem Sterbebett ausgerufen haben. Nirgendwo geht sie hin, die Seele. Sie bleibt in der Welt, in der wir gelebt haben, in Form von Dokumenten und Geschriebenem (...) Die Absicht von Ferrari, diesem Autor der Ontologie des Mobiltelefons, besteht nicht darin, eine überschwängliche Eloge auf die Technik zu halten. Anhand des iPads will er belegen, dass der Gedanke im Geschriebenem steckt. Der Humanismus dieser Abhandlung liegt im Mut zum Materialismus, der sich abhebt von der immer verschwommener werdenden Kultur des Dualismus der Gegenwart. Die Seele steckt im Körper, in dem, was wir ihm im Laufe des Lebens eingeschrieben haben. Und wenn das Leben endet, dann bleibt von der Seele nicht mehr übrig als die Spuren in unserem Notizbuch, oder eben dem iPad. Deshalb hat sich Tony Curtis mit seinem iPhone begraben lassen, sozusagen mit dem gesamten Archiv seines Lebens."

Magazinrundschau vom 20.09.2011 - Il Sole 24 Ore

Anna La Vigni empfiehlt einen von Riccardo Manzotti herausgegebenen Aufsatzband über "Situated Aesthetics". Wie auch immer man zur "externalistischen" Richtung der ästhetischen Theorie stehen mag, also der Überzeugung, dass wir Kunst nicht nur mit unseren Augen, sondern in einer Art erweiterten Fühl-Raum wahrhnehmen, La Vigni bringt ein paar ganz interessante Beispiele von Kunstwerken, die das ermöglichen. Zum Beispiel Alexitimia. "Sie hat eine weiche und zarte Haut. Sie spricht nicht, aber wenn sie berührt wird, dann reagiert sie. Sie ist keine Person. Es handelt sich um eine robotische Skulptur von Paula Gaetano Adi (2007): eine rundliche rosa Form, die von einer Schicht künstlicher Haut bedeckt wird. Eine Haut, die schweißnass wird, sobald eine liebkosende Hand auftaucht. Viele im Latex verborgene Drucksensoren registrieren die Berührung durch eine Hand und leiten einen Reiz an Mikrosteuerungselemente weiter, die wiederum kleinste Pumpen für die Wasser-/Schweißabsonderung aktivieren. Für denjenigen, der mit dem Kunstwerk interagiert, ist es eine ungewöhnliche ästhetische Erfahrung, die kein rigides Konzept mit sich bringt, sondern eine unmittelbare und intime Erfahrung mit der Umwelt erlaubt. Auch wenn sie wissen, dass hier ein Robotermechanismus vorliegt, sind die Besucher doch gefangen von der Emotionalität Alexitimias."
Stichwörter: Wasser