Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
17.02.2003. Die New York Review of Books sucht die Moral in Steven Pinkers Genen. Outlook India führt uns durch die faszinierende Welt der Cricket-WM. Im Espresso überlegt Umberto Eco, ob der Duce bei seinen Quickies im Kartenraum wirklich Parfüm trug. Der Express schildert die traditionell guten Beziehungen zwischen Frankreich und dem Irak. Im Nouvel Obs warnt Carlos Fuentes die amerikanische Regierung vor der Arroganz Roms. Der Economist fürchtet den transatlantischen Abgrund. Die NYT Book Review schwärmt von einer neuen Clara-Schumann-Biografie.

New York Review of Books (USA), 27.02.2003

Jede Theorie, die den Kommunismus, Feminismus, die moderne Architektur und Erziehungsberatung elegant unter einen Hut bringen kann, verdient Beachtung, meint Allan Orr und diskutiert deshalb ausführlich Steven Pinkers neues Buch "The Blank Slate: The Modern Denial of Human Nature". Darin zieht der MIT-Psychologe Pinker gegen all jene zu Felde, die glauben, der Mensch wäre bei seiner Geburt eine Tabula Rasa. Denn laut Pinkers "evolutionärer Psychologie" stecken Persönlichkeit, Intelligenz, Geschlecht und Moral in den Genen. "Geschichte und Kultur", so Pinker, "basieren auf Psychologie, die wiederum auf Neurowissenschaft, Genetik und Evolution basiert". Das sei jedoch keine moralische Katastrophe. Im Gegensatz zur linken Propaganda bedeute die Anerkennung der "menschlichen Natur" nicht, dass wir etwa Gewalt oder Ungleichheit akzeptieren müssen. "Biologie ist nicht Moral", zitiert Orr aus dem Buch, "wenn diese Tatsache erst einmal einsinkt, erkennen wir, dass wir beides können - die dunkle, biologische Seite der Menschheit verstehen und verdammen. Die neuen Wissenschaften von der menschlichen Natur sind moralisch neutral." Orr findet das alles bedenkenswert und lobt Pinkers "flotte" und "witzige" Sprache. Dennoch hat er ein ernsthaftes Problem mit dem Buch: Pinker vereinfache die Dinge und biege sie so zurecht, dass sie zu seinen Schlussfolgerungen passen. (Das Video zu Pinkers Vorlesung am MIT finden Sie hier. auf den Button "View" klicken.)

Schon lange wird China vorgeworfen, seine Dissidenten in psychiatrische Anstalten wegzusperren, allein es fehlen handfeste Beweise für diese schwere Menschrechtsverletzung. Jonathan Minsky verweist daher auf eine ausfschlussreiche Studie: "Dangerous Mind", die Robin Munro im Auftrag von Human Rights Watch verfasst hat, belegt für Minsky, "dass seit 1950 nicht nur chinesische Dissidenten, sondern auch einfache Bürger, die bei den Behörden eine Petition eingereicht haben, von der Polizei festgesetzt wurden, von Psychiatern untersucht und schließlich für krankhaft kriminell erklärt wurden".

Weitere Artikel: Finton O'Toole betrachtet anlässlich Ed Moloneys Biografie des Sinn-Fein-Chefs Gerry Adams dessen erstaunliche Zähmung vom "Paten des Terrors" und internationalen Pariah zum weintrinkenden Politiker, der die Titelseiten von Celebrity-Magazinen schmückt. Robert Gottlieb blickt noch einmal auf den Fall Bruno Bettelheim, der sich zu Lebzeiten so viele Feinde gemacht hat, dass diese sich auch dreizehn Jahre nach seinem Tod noch an ihm abarbeiten - vorher haben sie es sich offenbar nicht getraut. John Updike widmet sich dem Maler Marsden Hartley anlässlich einer umfangreichen Retrospektive im Wadsworth Atheneum in Hartford.

Als Leserbrief ist außerdem ein Editorial der New Yorker Zeitung Newsday zu lesen, in der sich die Redaktion gegen den Irak-Krieg ausspricht. Darin heißt es unter anderem, dass es von der Regierung Bush "unverantwortlich, arrogant und politisch stumpfsinnig", wäre, einen Krieg gegen den Irak zu beginnen, ohne zu begründen, warum die finanziellen und menschlichen Kosten eines Krieges geringer sein sollten als die Fortsetzung der Inspektionen.

Outlook India (Indien), 24.02.2003

Vor zwei Wochen erst war die da noch bevorstehende Cricket-WM Titelthema, nun ist sie es schon wieder, unter etwas umfassenderen Gesichtspunkten: "Cricket, Dope & Politics". Manu Joseph fasst zusammen, was bisher geschah. Dass Indien knapp gegen die Niederlande gewonnen hat, ist dabei nur am Rande von Bedeutung. (Update nach Outlook-Redaktionsschluss: Im zweiten Spiel gegen Australien hat Indien am Samstag eine vernichtende Niederlage erlitten.) Wichtiger ist die Weigerung des englischen Teams, im von Robert Mugabe diktatorisch regierten Simbabwe anzutreten; das erste Spiel droht dadurch verloren zu gehen. Außerdem wurde eine der schillerndsten Figuren der Szene, der Australier Shane Warne, wegen der Einnahme von verbotenen Abführmitteln ausgeschlossen - in den australischen Medien gibt es derzeit kaum ein wichtigeres Thema - und ein anderer australischer Spieler beklagt eine (nicht zu belegende) rassistische Beleidigung durch ein Mitglied des pakistanischen Teams. Joseph resümiert vorläufig - denn das Turnier dauert ja noch mehrere Wochen: "In England vor vier Jahren hat die Cricket-WM weniger Eindruck hinterlassen als eine öffentliche Diskussion darüber, ob Mrs. Blair hässlich ist. (...) Südafrika 2003 ist anders." Im Exklusiv-Kommentar des australischen Ex-Spielers Mark Waugh fliegen dem staunenden Laien die wickets und pitches und centuries nur so um die Ohren.

Neues gibt es aus Bollywood zu berichten. Mit Realismus hatte man da bisher wenig im Sinn, das beginnt sich nun zu ändern, jedenfalls auf der Ebene der Dialoge. Nicht nur ist die im Alltag der Oberschicht gerne gesprochene Mischform aus Hindi und Englisch, die "Hinglish" genannt wird, seit längerem allgegenwärtig. Neuerdings wird auch geflucht und mit schmutzigen Worten um sich geworfen, wie es vor wenigen Jahren noch ganz undenkbar schien in einem Kino, das eigene Autoren für die oft sehr kunstvollen Dialoge beschäftigt. "Statt uns rosige Träume zu zeigen, stoßen uns die neuen Filme mit den schlechten Umgangsformen auf die Realitäten einer entwurzelten Jugend, der Gewalt in den Städten, der Umtriebe der Unterwelt, zerbrechender Ehen und sogar der Enttäuschungen der im Ausland lebenden Inder." Fehlt nur noch, dass sie anfangen, sich zu küssen.

Und dann noch ein wenig Innenpolitik: Der Sieg der hindu-nationalistischen BJP-Partei und der damit verbundenen Ablösung der zuvor stets dominierenden Kongress-Partei bei den Wahlen vor vier Jahren war eine demokratische Revolution. Saba Naqvi Bhaumik stellt in seiner Bilanz fest: "Nach vier Jahren an der Macht erweist sich die von Vajpayee angeführte BJP-Koaliton als höchst anpassungsfähiges Gebilde - und der Anspruch, die Kongress-Partei als Indiens natürliche Regierungspartei abzulösen, scheint immer gerechtfertigter."

Espresso (Italien), 24.02.2003

Manchmal übertrifft die Realität einfach jede Fiktion, wie Umberto Eco in seiner neuen Bustina angesichts einer surrealen Mussolini-Seite feststellt. Dort kann man ein Duce-Parfüm mit dem klingenden Namen Nostalgia kaufen, in Duce-förmigen Flakons und zwei Variationen, Gold und Silber. Eco zitiert hingebungsvoll aus der Produktbeschreibung: "Das erste eher süß und weich (GOLD-UNISEX), das zweite frischer und männlicher (SILBER-FÜR DEN MANN): zwei Essenzen für die zwei unterschiedlichen und komplementären Seiten der komplexen Persönlichkeit des Duce: zugleich streng und beruhigend." Eco fragt sich, was der Name Nostalgia soll, da man ja gar nicht weiß, welches Parfüm Mussolini benutzte, ja ob er überhaupt Duftwasser auftrug. "Oder vertraute er auf den Reiz des puren männlichen Odeurs, wenn er seine Quickies im Kartenraum durchzog, nach Aussagen von Zeugen im Stehen, die Frau über den Schreibtisch gebeugt? Das sind, wie man sieht, höchst wichtige Fragen, die ich gerne den historischen Revisionisten überlasse."

Die Globalisierungskritikerin und No-Logo-Autorin Naomi Klein eröffnet ihre Zusammenarbeit mit dem Espresso mit einem recht ausführlichen Beitrag über die Fehler des Neoliberalismus in Lateinamerika und wie diese zu dem Aufstand in Argentinien vor einem Jahr führte: "Eine chaotische Explosion, in der Hunderttausende spontan und aus eigenem Antrieb ihre Wohnungen verließen, sich auf den Straßen versammelten, schrieen und auf Töpfe und Pfannen schlugen. Diese Leute haben gegen die Banken protestiert, gegen die Polizei gekämpft, in den Fußballstadien Chöre angestimmt und schließlich erreicht, dass der Präsident fliehen und seinen Palast mit dem Hubschrauber verlassen musste."

Weiteres: Fabio Gambaro berichtet vom Aufruhr in Frankreich über die provozierenden Thesen der 31-jährigen Juristin Marcela Iacub. In ihrem Buch "Qu'avez-vous fait de la liberation sexuelle? - Was habt ihr aus der sexuellen Befreiung gemacht?" (Flammarion) wirft sie den Feministinnen vor, die Bewegung in eine frigide und konservative Ideologie verwandelt zu haben. Luca Neri stellt uns die neuesten Spielzeuge der Militärs vor: maschinelle Gefechts-Butler für Soldaten und ferngesteuerte Minihubschrauber. Und wer wissen will, welcher Film Robin Williams oder John Woo am meisten beeinflusst hat, muss auf diese Liste hier schauen.

Lieder nur im Print zu lesen ist Andrzej Stasiuks (mehr hier) Kommentar zu Albanien, der "dunklen Grube Europas".
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Archiv: Espresso

Express (Frankreich), 13.02.2003

Aus gegebenem Anlass bringt der Express einen großen Sonderteil über den Irak-Konflikt und die Position Frankreichs. Lesenswert vor allem der lange und spöttische Hintergrundartikel über die Geschichte der französisch-irakischen Beziehungen, die natürlich immer bestens waren: "Erinnern wir uns. Es war gestern: Minister und Oppositionspolitiker, hohe Beamte, Waffenhändler, Ölleute und Bankiers - niemand hätte gern den alljährlichen Empfang verpasst, den die irakische Botschaft jedes Jahr am 17. Juli, dem irakischen Nationalfeiertag, veranstaltete. Das Tout Paris der Politik und der des Business drängte sich hier im Garten der Residenz in Passy."

Der marokkanische Filmemacher Nabil Ayouch ist zur Zielscheibe konservativer Politik geworden, berichtet Fathia Layadi. Dem von Arte in Auftrag gegebenen Film "Une minute de soleil en moins" wird Pornografie vorgeworfen, weshalb der Film in Marokko zensiert wurde. Der einzige Ausweg für den Regisseur: Die Aufführung in Privatvorstellungen für einen ausgewählten Zuschauerkreis. Auch Schriftsteller wie Mohamed Choukri bleiben von solchen Maßnahmen der marokkanischen Regierung nicht verschont.

Weitere Artikel: Aus der Traum vom Schriftstellersein für den Helden in Yasmina Rezas neuem Roman "Adam Haberberg" (einen Auszug lesen Sie hier). Dazu verdonnert , unter einem Pseudonym Science-Fiction-Romane zu schreiben, entschließt er sich eines Tages mit der Schriftstellerei abzuschließen: Er verbringt stattdessen einen netten Abend mit einer alten Schulfreundin. Thierry Gandillot bewundert Rezas scharfe Beobachtungen und ihre musikalische Intimität. Eric Conan freut sich über die Neuauflage einer Auswahl von Briefen von Alexis de Tocqueville, dem Verfechter des demokratischen Individualismus. Gute Idee, findet er, denn die dicke 20-bändige Ausgabe der politischen Korrespondenz herausgegeben von Raymon Aron war einfach abschreckend. Daniel Rondeau stellt zwei neue Bücher über Charles de Gaulle vor, die einem de Gaulle näher bringen und zwar nicht nur menschlich, sondern beinahe allzumenschlich.
Archiv: Express

Nouvel Observateur (Frankreich), 13.02.2003

In seinem Text, der ausschließlich aus "Und wenn?"-Fragen besteht, macht sich der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes Gedanken über Bushs "Kriegsverrücktheit" und die Möglichkeit eines dritten Weltkriegs. Fuentes beginnt mit der Frage: "Und wenn die Reagan-Regierung Saddam Hussein nicht bewaffnet hätte, um den Irak gegenüber den iranischen Ayatollahs zu stärken, die seinerzeit als die eingeschworenen Feinde der Vereinigten Staaten im Mittleren Osten galten?" Und er endet mit den Fragen: "Und wenn das erste hegemoniale Reich nach dem Römischen Reich sich weigert, so wie sie sich Rom geweigert hatte, auf die Stimme der Weisheit des anderen Reichs, die noch immer gültigen Griechen zu hören: 'Hybris, maßloser Hochmut und wollüstige Anmaßung verursachen den Untergang von Menschen und Staaten'? Und wenn die gegenwärtige Situation in Wirklichkeit 'auf Griechisch geschrieben' wäre?"

In einem Interview gibt Claude Chabrol Auskunft über seinen neuen Film "La Fleur du mal", der gerade auf der Berlinale lief (Besprechung hier). Zu seinem filmischen Lieblingsobjekt befragt, den folies bourgeoises, bekennt Chabrol, dass er sich mit "der herrschenden und besitzenden Klasse eben am besten auskenne und "Zärtlichkeit" für menschliche Schwächen empfinde. "Es gibt nur zwei Möglichkeiten, mit dem Sozialen umzugehen: Entweder ist man revolutionär und radikal, oder man schaut sich die Probleme genau an - ohne Anspruch, die Welt zu verändern, sondern einfach zeigend, warum sie sich nicht verändert. Ich wollte nie Skandalfilme machen. Vor dieser Versuchung wurde ich bewahrt, weil ich immer der erste bin, der darüber überrascht ist, was ich erfahre. Ich bin ein echter Optimist." Ergänzend gibt es Hinweise auf Bücher von und über Chabrol, darunter auch eine neue Biografie.

Zu lesen ist außerdem ein Gespräch mit Marc Ferro, Professor an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences sociales, über das von ihm herausgegebene "Schwarzbuch Kolonialismus" (Robert Laffont, mehr hier). Und schließlich wird noch ein Band mit ausgewählten Briefen (Gallimard, mehr hier) des Historikers Alexis de Tocqueville besprochen.

Economist (UK), 14.02.2003

Tony Blair steht unter Druck, erklärt der Economist. Denn auch in der britischen Bevölkerung sei der Wille zu einem Krieg im Irak im Laufe der letzten Wochen drastisch gesunken. Bei einer BBC-Umfrage zu den Gründen für einen Krieg gegen den Irak, habe die häufigste Antwort der Briten gelautet: "Um die Ölversorgung zu sichern". Und so setze nun der sonst so öffentlichkeitshörige Blair zu einer Art Alleingang an, halte er doch an einer offensiven Haltung fest, im Schulterschluss mit den Vereinigten Staaten. Das Problem dabei sei, dass er auch das zunehmend kriegsunwillige Europa nicht aus den Augen verlieren dürfe. Doch "es ist nicht so, wie einige behauptet haben, dass Blair zwischen Europa und Amerika wird wählen müssen. Vielmehr ist das hauptsächliche Ziel britischer Außenpolitik seit 1945, dem Blair sich energischer und leidenschaftlicher gewidmet hat als je ein anderer seit Winston Churchill, jetzt wirklich in Gefahr. Der Premierminister wird weiterhin darauf beharren, dass Großbritannien die Brücke zwischen Europa und Amerika sein sollte. Doch wenn der Abgrund zu breit wird, kann auch die beste Brücke nicht bestehen."

Mehr über den sich auftuenden transatlantischen Abgrund ist auch im Aufmacher zu lesen, allerdings nur in der Printausgabe.

Der Prozess um Slobodan Milosevic ist mit Sicherheit die größte Legitimations-Chance und der größte Prüfstein für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Es ist noch zu früh, meint der Economist, um jetzt schon über den Ausgang dieser Prüfung befinden zu können. Da aber sogar Milosevic mittlerweile in gewisser Hinsicht "mitspiele", und sei es nur, um ausgedehnt vor laufenden Fernsehkameras - denn der Prozess wird in Serbien live übertragen - sich und Serbien als die eigentlichen Opfer darzustellen, stehen die Chancen gut, dass mit diesem Prozess Zeichen gesetzt werden, die auch internationale Wirkung haben könnten. "Der Gerichtshof könnte jetzt schon dabei sein, eine wichtige Lektion zu erteilen: Wenn die zivilisierte Welt wirklich an fairen und öffentlichen Prozessen gegen Personen festhalten will, die entsetzlicher Kriegsverbrechen angeklagt sind, dann kann sie das tun - auch im politisch umstrittensten aller Fälle und mit dem unbehaglichsten aller Angeklagten in der Hauptrolle. Hat das irgendjemand in Bagdad bemerkt?"

Das dürfte sogar die Nicht-Naturwissenschaftler unter uns interessieren: Wie alt ist das Universum? Woraus besteht es? Und stimmt das Inflations-Erklärungsmodell? Der neue amerikanische Satellit WMAP, berichtet der Economist, hat nun die Antwort geliefert: "Das Universum ist 13,7 Milliarden Jahre alt. Es besteht aus drei Substanzen. Und die Theorie über seinen Ursprung, die als Inflations-Theorie bekannt ist, hat sich bestätigt." Doch damit sei bei weitem nicht alles geklärt: "Es scheint, dass lediglich 4,4 Prozent des Universums aus 'gewöhnlicher' Materie (d.h. aus Atomen) bestehen. Etwa 23 weitere Prozent bestehen aus 'kalter, dunkler Materie', deren Beschaffenheit unbekannt ist. Und 73 Prozent stellt die noch mysteriösere 'dunkle Energie' dar, die als Abstoßungskraft wirkt und den Rest auseinander treibt." Nun ja, "scheinbar ist die Wahrheit genauso seltsam wie die Theorie".

Weiter zu lesen: Ein Nachruf auf den deutschen Rennfahrer Manfred von Brauchitsch, der auf der Rennbahn vor nichts zurückschreckte. Außerdem erfahren wir, dass George Bush sich jetzt überraschenderweise für eine umweltbewusste Energiereform einsetzt, warum in Amerika wieder größere Angst vor erneuten Terrorangriffen herrscht und inwiefern eine britische Starhochzeit die Frage nach dem Schutz der Privatsphäre stellt.
Archiv: Economist

Spiegel (Deutschland), 17.02.2003

Auf dem Titel mal wieder George W. Bush, diesmal nicht das Maschinengewehr im Anschlag, sondern das Kreuz im Rücken, umweht von amerikanischen Flaggen. Es geht um den Einfluss der christlichen Rechten auf Bushs Politik: "Selten sind im tiefgläubigen Amerika nationale Machtinteressen und fundamentalistische Frömmelei eine so innige Verbindung eingegangen."

Erinnert wird an eine historische Rede, die nämlich, die Joseph Goebbels vor sechzig Jahren hielt und die in die Frage mündete: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Im Artikel wird es schlecht poetisch so beschrieben: "Die Menschen im Saal waren für ihn ein großes Instrument, dem er mit seiner teuflischen Rednerkunst beinah nach Belieben die gewünschten Töne entlockte." Goebbels selbst, erfahren wir, hatte dagegen ein durchaus zynisches Verhältnis zur Begeisterung, die er unter seinen Zuhörern auslöste:" 'Diese Stunde der Idiotie', mokierte sich, nach Erinnerung seiner Begleiter, der Hetzer anschließend selbst. 'Wenn ich den Leuten gesagt hätte, springt aus dem dritten Stock des Columbushauses, sie hätten es auch getan.'"

Außerdem wird die wahre Geschichte des Bodo F.erzählt, der nach 15 Jahren aus der Haft entlassen wird. Das Ungewöhnliche daran: als er wegen Mordes hinter Gitter kam, war er noch Bürger der DDR, jetzt muss er sich an den "Westen" gewöhnen, der in seiner Heimatstadt Hoyerswerda Einzug gehalten hat. "Entlang der Bundesstraße, die zu seinem neuen Zuhause führt, blitzten Elf-Tankstellen, Autohäuser und Shoppingcenter. F. schaute durchs Seitenfenster und suchte nach einem Wort für das Ziel der Fahrt. 'Neuland' fiel ihm ein. 'Neues Leben'. Oder: 'Wiedergeburt'."

Rezensiert werden zwei zeitgleich erschienene Biografien Katia Manns, der Ehefrau des Literatur-Nobelpreisträgers. Online nachzulesen ist aber nur ein Brief, den sie kurz nach dem Tod ihres Mannes schrieb. Und Gerd Schulte-Hillen, Aufsichtsratschef bei Bertelsmann, äußert in einem Interview gehörige Skepsis gegenüber dem jüngst eingeschlagenen Kurs des Firmenpatriarchen Reinhard Mohn.

Nur im Heft: Eine Besprechung des Romans "Zerbrechlichkeit" von Erich Wolfgang Skwara und ein Interview mit dem "belgischen Malerstar" Luc Tuymans (mehr hier) über das Verhältnis von Ästhetik und Gewalt.
Archiv: Spiegel

Times Literary Supplement (UK), 14.02.2003

"Ist der Mensch nicht viel seltsamer als seine Geschichte?", fragt Gregory Dart. Und ist die Beziehung zwischen Erfahrung und dem, was jemand daraus zieht, nicht immer höchst indirekt? Zur Klärung empfiehlt er Andrew Motions Roman "The Invention of Dr. Cake", der vordergründig die Geschichte zweier Poesie-Liebhaber erzählt, doch zugleich eine erstaunlich intelligente Meditation über die Biografie sei, ein Zwiegespräch zwischen einem Dichter und seinem Biografen.

Christopher Duggans Eloge auf Nelson Moes Buch "The View from Vesuvius" ist leider nur in Auszügen zu lesen. Es geht um Süditalien oder vielmehr um das Bild, das sich Westeuropa über die Jahrhunderte davon gemacht hat. Immerhin war Süditalien, bevor es "rückständig" und "ein ungelöstes Problem" wurde, das Land, das die Freiheit verhieß, erinnert Duggan, Freiheit von sinnlichen Zwängen für Goethe, Byron und D.H. Lawrence, von Krankheit und Schwermut für Keats und T.S. Eliot. "Nach Süden zu gehen, bedeutete in die Urgründe der griechisch-römischen Kultur (und damit der westlichen) zu steigen. Es hieß aber auch, näher an Afrika zu kommen."

Richtig verärgert zeigt sich Stephen Knight über die neue Edition von Philip Larkins Gedichten "Collected Poems" (mehr hier und hier), die offenbar sämtliche Arbeiten chronologisch anordnet und so mit den achtundreißig bedeutungslosesten Gedichten beginnt: Einer der "sechs besten englischen Dichter des 20. Jahrhunderts" hätte besser behandelt zu werden verdient! Und Roger Cardinal schließlich beschäftigt sich mit der Bedeutung des Ariadne-Mythos für das Werk Giorgio Chriricos.
Stichwörter: T.S. Eliot, D.h. Lawrence

New York Times (USA), 17.02.2003

Wie eine selbst aufgenommene Kassette mit den eigenen Lieblingsliedern kommt Gerald Marzorati das "Songbook" (erstes Kapitel) von Nick Hornby (hier mehr) vor, eine Sammlung von 26 originellen und leidenschaftlichen Essays, jeder über ein oder zwei Stücke. "Hornby ist überhaupt nicht an den Trends der Musikwelt interesisiert, geschweige denn an den Karrieren der Musiker. Er interessiert sich für - oder besser, ist fasziniert von - den Songs an sich." Marzorati hat sich mitreißen lassen von der Hingabe, mit der Hornby über seine bevorzugten Aufnahmen schreibt, die er als "Vehikel zum Erlangen von so etwas wie dem Göttlichen" sieht. Genauso wie ihn Hornbys Sinnieren über die Sterblichkeit dazu angeregt hat, sich zu überlegen, was für einen Song er gerne bei seinem Begräbnis gespielt haben würde. Hornby wünscht sich auf jeden Fall "Caravan" von Van Morrison.

Voll des Lobs ist auch Stacy Schiff nach der Lektüre von Janice Galloways "Clara" (erstes Kapitel), einer Biografie über Clara Schumann. Ein "schimmerndes Werk", jubelt die Rezensentin. Denn die Autorin habe es geschafft, nicht der romantischen Selbstinszenierung ihres Objekts zu verfallen. "Galloway, eine schottische Schriftstellerin mit einem scharfen Blick und einer großen, unverzagten Energie, stolpert nicht über" die 47 Tagebuchbände von Schumann, "sondern denkt ihren Weg in sie hinein und um sie herum." Und trotz einiger Missklänge wie der Obsession der Autorin mit Schriftarten oder erzählerischen Brüchen sei Galloways Buch ein großartig "klingendes, wuselndes Universum".

Außerdem: Margo Jefferson reflektiert über Richard Rodriguez' wunderbare Essayerzählungen "Brown. The Last Dicovery of America", die nach ihrer Meinung "das Ende unserer selbstbeweihräuchernden Frömmigkeit" markieren sollten. Die Farbe Braun steht für Rodriguez dabei für alles "Hybride" im amerikanischen Leben, alles was sich nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien einteilen lässt. Richard Eder hält sich im Aufmacher mit einer klaren Wertung über William Boyds "Any Human Heart" (erstes Kapitel) ziemlich zurück, zumindest gesteht er der Hauptfigur, dem "unbedeutenden britischen Autor, Kunsthändler, Spion, Zufallsgefährten von Dutzenden von Prominenten, unglücklichen Ehemann und Liebhaber" eine gewisse "Integrität" zu.