Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
18.11.2002. Das TLS widmet sich heute Johann Sebastian Bach und Gil Evans. In der NY Review of Books ärgert sich Kenneth Maxwell, dass der demokratische Bürgersinn der Brasilianer in den USA gering geschätzt wird. Stephen Holmes fragt in der LRB, warum die amerikanische Linke so schwach ist. Im L'Espresso geißelt Jeremy Rifkin die Feigheit der amerikanischen Presse. Outlook India hat Günter Grass interviewt. In L'Express erklärt Jean-Marie Messier wer am Debakel von Vivendi schuld ist: Alle, nur nicht er! Im Spiegel erzählt John Updike, warum er Franzens "Corrections" nicht gelesen hat.

Times Literary Supplement (UK), 15.11.2002

Kann man, wie dies so oft gefordert wird, "jedes Werk in genau dem Geist lesen, in dem der Autor es geschrieben hat?", fragt sich Peter Williams in einem spannenden Artikel und zieht dazu Bachs Passionen als Beispiel heran. Wie solle ein heutiges Publikum die Kraft und Wirkung einer solchen Passions-Aufführung verstehen, da es im Gegensatz zu damals keine öffentlichen Hinrichtungen mehr gebe, in denen sich die enge Verknüpfung von Rechtsprechung und Kirche offenbaren würde? Denn Bachs Passions-Aufführungen "beschäftigten Personen, die mehr als am Rande in die Hinrichtungen eingebunden waren. (?) Bach war vor der Stadt und den Kirchen einer Stadt verantwortlich, in der der Stadtrat, die Kirche, die weltliche und die kirchliche Rechtsprechung sowie die städtische Kantorei auf eigentümliche Weise miteinander verbunden waren. Die Chorsänger hatten beim Gang zum Schafott anwesend zu sein, und ob nun der Rektor der Kantorei Bach befohlen habe, ebenfalls anwesend zu sein oder nicht (wie der Superintendent es dem geistlichen Stand befahl), so war Bach letztlich als Direktor der ?chori musici lipsiensis' verantwortlich."

Richard Williams beschreibt anlässlich einer Reihe neuer Biografien über Gil Evans, die Geburt des Cool im Modern Jazz. "Sogar als er Hits für Thornhills Musiker schrieb, die in Tanzhallen und Casino-Ballsälen gespielt wurden, vermittelte Evans' Musik einen fast unheimlichen Eindruck von Zeitlosigkeit. Wo andere Arrangeure Trompete brüllen und Trommeln schlagen ließen, überzeugt er sie zu fließen." Leider dürfen wir nur einen Auszug aus der Besprechung lesen. Im Netz findet sich natürlich eine Menge über Evans: eine Biografie hier, hören darf man hier und hier und schließlich audio-Interviews über die Zusammenarbeit mit Miles Davis hier). Aber warum ist John Coltrane auf dem TLS-Cover?

Weitere Artikel: Für Edna Longley vollbringt Ann Saddlemeyers Biografie von George Yeats, der Frau von William B. Yeats, das Kunststück, eine durch ihre Zurücknahme nahezu unsichtbare Frau zur schillernden Muse zu machen. "Die Cecil Beaton Tagebücher - wie er sie schrieb", verspricht der Untertitel der Beaton-Autobiografie, der laut Peter Parker hätte lauten können "wie schlecht er sie schrieb". Nur im Print zu lesen sind unter anderem Paul Barkers "Some Luck", Gregory Darts "Felony" und John Tranters "After Laforgue".

New York Review of Books (USA), 05.12.2002

Viel Ärger um den Irak-Konflikt und das, was um seinetwillen unterschlagen wird.

Zum Beispiel die Präsidentschaftswahlen in Brasilien, wie Kenneth Maxwell fassungslos schreibt: "Die Vereinigten Staaten feierten keineswegs diesen bemerkenswerten Beweis demokratischen Bürgersinns in einer Region, in der weder Bürgersinn noch Demokratie gut verankert sind, und in einem Land, das bis vor gar nicht langer Zeit von einer 22 Jahre dauernden Militärdiktatur regiert wurde." Im Gegenteil, man höre in Washington, dass der gewählte Lula, um das Vertrauen der Märkte und damit der amerikanischen Regierung zu erlangen, "erst beweisen müsse, dass er kein Verrückter sei". Eine solche Haltung, die man laut Maxwell wohl eher für verrückt halten könne, verkenne den großen Gewinn, den Lulas Wahl für sein Land darstelle. "Ironischerweise riskieren die Vereinigten Staaten, während sie darüber beraten, wie nach einem Krieg im Irak eine Demokratie 'aufzubauen' sei, aus Unaufmerksamkeit und falsch gesetzten Prioritäten die Probleme zu verschlimmern, die die größte und erfolgreichste Demokratie, von der die USA gerne als ihrem 'Nachbarn' sprechen", zerfressen könnten."

Ian Buruma hat die Westbank besucht und betrachtet traurig die israelischen Tauben - die es immer noch gibt. "Die Art und Weise, wie mit den Palästinensern umgegangen wird, ist natürlich unvertretbar, doch es hatte auch etwas Trauriges, wenn nicht sogar Tragisches mit ihren wohlmeinenden Sympathisanten auf sich. Denn sie sind die Überbleibsel der alten linksliberalen Elite, der Labour-wählenden Ashkenasischen Intellektuellen, die gehofft hatten, eine anständige, tolerante, demokratische und weltliche Gesellschaft im Mittleren Osten aufzubauen. Manche wurden in Israel geboren, andere kamen später. Doch alle haben für das Überleben ihres Landes gekämpft und in mehreren Kriegen Freunde verloren. Und nun sind sie zwischen fanatischen Siedlern, palästinensischen Selbstmordattentätern und einer von armen orientalischen Juden und halsstarrigen Russen unterstützten rechten Regierung eingeklemmt, und es ist, als lebten sie in einem fremden Land."

Weitere Artikel: In einem umfangreichen Artikel ärgert sich William D. Nordhaus darüber, dass eine finanzielle Einschätzung des Irak-Krieges ausbleibt, und somit die Kongress-Debatte einer wesentlichen Grundlage beraubt wurde. Auch Elizabeth Drew ist über die amerikanische Kriegs-Diskussion verärgert und zeigt, wie die Befangenheit des Kongresses, einerseits vereinnahmt von Beratern und andererseits gebunden an wahlstrategische Überlegungen, den Kriegsbefürwortern dient.

Nach der Lektüre von Timothy Ferris' Lob auf die Amateur-Astronomie hofft Freeman J. Dyson, dass die Wissenschaft bald in ihre dritte Phase eintreten möge, nämlich die, in der Amateure und Profis sich gegenseitig in ihrer Forschung befruchten. (Informationen und Leseproben zu Ferris' "Seeing in the Dark" hier). Gabriele Annan misst Milan Kunderas Roman "Ignorance" (Die Unwissenheit) an seinen theoretischen Schriften und findet ihn literarisch eher nostalgisch als innovativ.

Nur im Print zu lesen ist unter anderem Doris Lessings Besprechung von D. H. Lawrence "The Fox".

London Review of Books (UK), 14.11.2002

Stephen Holmes, Professor für Jura und Politische Wissenschaften in New York, schreibt über zwei Bücher, die, wie er findet, eine wichtige Frage beantworten, ohne sie zu stellen: Warum ist die Opposition der amerikanischen Linken gegen den unilateralen Kurs von Bush in der Irak-Frage derart schwach? Samantha Powers beantworte diese Frage in ihrem Buch "A Problem from Hell" implizit damit, dass die Linke, die in den neunziger Jahren ein humanitäres Eingreifen gegen Völkermord und Repression auch außerhalb des UN-Rahmens unterstützt hat, jetzt im Fall Saddam Husseins nicht dagegen ein kann. In "War in a Time of Peace", dem zweiten Buch, führe Autor David Halberstam, ein ehemaliger Alt-Liberaler, seine Wandlung vor, so Holmes. Das Buch diene als "Fenster in die Gedankenwelt jener, für die ein 'Regierungswechsel' nur heißt, ein übles System zu zerstören. Punkt. Und nicht, eine schlechte Regierung durch eine etwas bessere zu ersetzen, die Aussichten auf ein dauerhaftes Bestehen hätte."

Interessant ist auch die Besprechung von Philip Noyces Verfilmung des Graham-Greene-Romans "The quiet American", mit Michael Caine in der Hauptrolle. Thomas Jones meint, diese zweite Verfilmung biete einen neue Blick auf das alte Thema Amerika-Vietnam, habe insbesondere aber auch zu tun "...mit europäischen - vielmehr englischen oder auch noch französischen - Wahrnehmungen der Vereinigten Staaten. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Film auf sehr interessante Weise von dem Buch."

Weitere Artikel: Die Schriftstellerin Jenny Diski erklärt in einem Essay, warum sie sich nie mit der Vorstellung anfreunden konnte, Mode sei Kunst. Peter Campell stellt drei Ausstellungen über Mode vor: "Rapture: Art's Seduction by Fashion since 1970" und Modefotos von David LaChapelle im Barbican sowie eine Versace-Ausstellung im V&A. James Wood bespricht "Life of Pi", den Roman des Booker-Preisträgers Yann Martel. Leider nur im Print: James Meek über Michel Houellebecqs "Plattform".
Anzeige

Espresso (Italien), 21.11.2002

Die US-amerikanische Presse knabbert noch immer an den Auswirkungen des 11. September. Das attestiert ihr zumindest Jeremy Rifkin, der sich im L'Espresso Sorgen um die Öffentlichkeit in seiner Heimat macht: "Die Politiker und die Medien wollen nicht über die Interessen der Amerikaner im Irak diskutieren; denn dadurch könnten sie als unpatriotisch erscheinen." Im Gegensatz zu Europa werde in den USA die Verbindung zwischen einigen Regierungsmitgliedern und der amerikanischen Ölindustrie einerseits und einem Irak-Krieg und den dortigen Erdölvorkommen andererseits fast völlig unterschlagen. Berichterstattung und Meinungsbildung in den USA und Europa verlaufen deshalb, so Rifkin, in ganz unterschiedlichen Bahnen.

Weitere Artikel: Dina Nascetti beschreibt den türkischen Wahlsieger Recep Erdogan und findet trotz der Metamorphose des ehemaligen Islamisten noch einige Kratzer an seinem sekulären Image. Chiara Valentini unterhält sich mit der Soziologin Dominque Schnapper (mehr hier) über Assistenz-Demokratie und die Ängste, die eine Nation am Leben halten. Außerdem im L'Espresso: Ewig währt am Längsten - Emanuele Pirella beschwert sich über die verstaubten Stereotypen in der Produktwerbung, und Gianni Perrelli da Mosca beobachtet einige Ex-Kommunisten in Wladimir Putins näherer Umgebung. Die Bustina bleibt wie letzte Woche leer.
Archiv: Espresso

Outlook India (Indien), 25.11.2002

Eine Krise ungeahnten Ausmaßes erlebt in diesem Jahr die indische Filmindustrie, die gerne Bollywood genannt wird, weil sie eines ihrer Zentren in Bombay (das jetzt freilich eigentlich Mumbai heißt) und einen mit Hollywood vergleichbaren Ausstoß an Filmen hat. Von den 132 Hindi-Mainstream-Filmen, die dieses Jahr in die indischen Kinos kamen, haben nicht weniger als 124 ihre Kosten nicht einspielen können. Als Gründe nennt der Outlook-Aufmacher in erster Linie das sklavische Haften der Filmemacher an einstigen Erfolgsformeln. Karan Johar, der Regisseur des letztjährigen Blockbusters "Kabhi Kushi Kabhi Gham" (der im nächsten Frühjahr auch in die deutschen Kinos kommt, mehr hier), hat sich geschworen: "I should be kicked if I make another crying, singing, dancing, happy movie.... We need to look within." Am Ende wird ein Vier-Punkte-Plan aufgestellt, der Professionalisierung, Rationalisierung, bessere Drehbücher und die Abkehr vom exzessiven Starsystem fordert.

Außerdem gibt es ein Interview mit "Germany's and perhaps Europe's greatest living writer", mit keinem anderen also als Günter Grass. Der zieht in gewohnter Manier gegen Amerika und den Kapitalismus vom Leder und spricht über seine erste Begegnung mit Indien: "I must confess that my first prolonged encounter with Calcutta robbed me of my words. I turned mute. My silence was the reaction of a closeted West European caught in the vortex of Calcutta for the first time. The contrast was so immense, so bewildering between the world I had left behind and the world I entered that my words failed to capture the difference." Mit Freude wird zudem vom neuesten Klatsch aus dem Königshaus der einstigen Kolonialmacht berichtet ("Did Di Do It?").

New Yorker (USA), 25.11.2002

Elizabeth Kolbert beschreibt in einem Porträt die schwierige Arbeit von Kenneth Feinberg, der zu beurteilen hat, welches Opfer des 11. September mit welcher Summe entschädigt wird. Feinberg muss mit Menschen sprechen, die Angehörige verloren haben, und mit Helfern, die ihre Gesundheit ruinierten - und danach die Summe festsetzen. "I made a very wise decision when I took this job," zitiert Kolbert den "Kalkulator". "I'm doing this for nothing. I love it when senators or congressmen come up to me and go, 'Ken, what a sacrifice that you're doing this for nothing, ? that's fabulous' ? But, as a Machiavellian matter, can you imagine if these families knew I was getting paid for this, on the blood and bodies of the dead? 'You're only giving me three million, what did you make?' As a Machiavellian matter, I just completely undercut that whole line of criticism by telling people, 'I'm not getting paid for this, you know.'"

Ziemlich gründlich gerät die Auseinandersetzung mit "The Blank Slate: The Modern Denial of Human Nature" (Viking), einem neuen Buch des Psychologen Steven Pinker. Über die Entstehung musikalischer Vorlieben referiert der Rezensent: "People learn to enjoy Wagner. They even learn to sing Wagner. One suspects that enjoying Wagner, singing Wagner, anything to do with Wagner, is in gross excess of the requirements of natural selection. To say that music is the product of a gene for 'art-making', naturally selected to impress potential mates - which is one of the things Pinker believes - is to say absolutely nothing about what makes any particular piece of music significant to human beings. No doubt Wagner wished to impress potential mates; who does not? It is a long way from there to 'Parsifal'."

Weitere Artikel: Zu lesen ist die Erzählung "The Ant of the Shelf" von ZZ Packer (mehr hier), flankiert von einem Interview mit der Autorin und der neuerlichen Präsentation ihres Debüts im New Yorker (Juni 2000), "Drinking Coffee Elsewhere". Amüsant kommentiert wird außerdem ein gründlich missglücktes TattooVorgestellt wird außerdem eine Autobiografie des Regisseurs Samuel Fuller, die jetzt postum erschienen ist, außerdem gibt es Kurzbesprechungen. Schließlich bespricht David Denby zwei Filme vor: Neu im amerikanischen Kino sind in dieser Woche Pedro Almodovars "Sprich mit ihr" und "Femme Fatale", der neue Film von Brian De Palma ("elegant nonsense").

Nur in der Printausgabe: ein "Brief aus dem Irak" über "Gespräche mit einem brutalisierten Volk", ein Rundgang durch New Yorker Galerien, ein Porträt von Paul Simon und seinem nächsten Song, eine Reportage über den Baseball-Star Barry Bonds sowie Lyrik von Carl Phillips und Elizabeth Spires.
Archiv: New Yorker

Express (Frankreich), 14.11.2002

Als Titelgeschichte der heutigen Ausgabe - eine skandalöse Story: Seine "unglaublichen Enthüllungen" packt Jean-Marie Messier, der ehemalige Chef der Unternehmensgruppe Vivendi Universal in ein Buch und gibt ihm den Titel "Mon vrai Journal". Alle sind schuld am Untergang von Vivendi, außer ihm selbst natürlich. Willkomen im französisch-amerikanischen Dallas der Wirtschaft, schreibt Denis Jeambar in einem Begleittext. Doch das Ganze ist noch schlimmer, denn Ziel der Anschuldigungen ist auch die französische Presse, genauer Le Monde. Jean-Marie Messier behauptet, Le Monde habe eine Kampagne gegen ihn geführt. Warum? Da er den Express nicht an das Unternehmen Le Monde verkaufen wollte und noch dazu den Chef von Canal Plus, der im Verwaltungsrat der Zeitung saß, vor die Tür setzte. Über die unlauteren Praktiken der Journalisten schreibt Messier in seinem Buch: "Zehn mal innerhalb von zwei Jahren wurde ich von Le Monde gemobbt. Davon sieben mal innerhalb von achtzig Tagen, um genau zu sein, zwischen dem 16. April und 3. Juli 2002. Die Krönung davon waren sechs Karikaturen von Plantu, davon drei in Folge am 17., 18. und 19. April 2002. Ein Rekord! Das Mobbing war permanent." Plantu ist Frankreichs bekanntester Karikaturist, und in Paris gilt bekanntlich die Devise: Le ridicule tue.

Außerdem: Christoph Carriere hat mit Catherine Deneuve anlässlich ihres neuen Films "Au plus pres du paradis" unter der Regie von Tonie Marshall gesprochen. (Mehr dazu auf der Seite toussurdeneuve.) Was sie für den größten Irrtum hält? "Es ist geradezu pervers zu glauben, man muss Filme so machen, dass sie einem großen Publikum gefallen. Denn die Zuschauer sind beeinflussbar, man kann sie dazu bringen, Neues zu entdecken."
Archiv: Express

Nouvel Observateur (Frankreich), 14.11.2002

Anlässlich des 100. Todestages von Emile Zola hat der Nouvel Obs 20 Schriftstellern aus aller Welt zwei Fragen vorgelegt: ob Literatur heute noch eine soziale Funktion habe und wen oder was sie anklagen würden, wenn sie selbst heute ein "J'accuse" schreiben würden. Das Magazin dokumentiert die Antworten von Nadine Gordimer, Tom Wolfe, Michel Butor, Michel Tournier, Ahmadou Kourouma von der Elfenbeinküste, Yasmina Khadra aus Algerien und anderen. Die Meinungen fallen dabei so unterschiedlich aus wie Herkunft, Stile und Stoffe der Autoren erwarten lassen. So hält etwa der Franzose Eric Benier-Bürckel das Schreiben an sich für einen Akt der Anklage; ein "j'accuse" dagegen lehnt er ab, weil der "Schriftsteller nicht für eine bessere Welt" kämpfe. Der Israeli Etgar Keret dagegen klagt "all jene an, die sich entschieden haben anzuklagen". Etwa die Regierung Sharon, die vom "palästinensischen Volk moralische Reinheit und von sich selbst nichts verlangt". Und der Franzose Francois Nourissier würde den Staat anklagen, weil er sich als "monopolistischer Mörder" am tödlichen Gift Tabak bereichert. Ergänzt wird der kleine Themenschwerpunkt durch eine Liste von Büchern und Ausstellungen zum Anlass.

Außerdem sind Auszüge aus einer neuen Publikation des Kardinals von Paris, Jean-Marie Lustiger (mehr hier) zu lesen. In "La Promesse" (Editions Parole et Silence), einer Art vermittelndem Grundsatztext, verhandelt Lustiger die "Unmöglichkeit der christlichen Ablehnung der Juden im Namen der Treue zu Christus". Im hier abgedruckten Textteil geht es um "christlichen Antisemitismus" und die Entwicklung der These, dass das "Mysterium Israels (le mystere d'Israel) im Zentrum des christlichen Glaubens" stehe. Über Auschwitz als ein "Teil des Leidens Christi" schreibt Lustiger: "Wir müssen daran glauben - falls nicht, erschiene Gott selber in Bezug auf seine Verheißung inkohärent -, dass alles Leid Israels durch die heidnischen Verfolgungen aufgrund seiner göttlichen Auserwähltheit ein Teil der Leidensgeschichte des Messias ist, ebenso wie auch der Kindermord von Bethlehem Teil der Passion Jesu ist. Wenn eine christliche Theologie ihrer Vision der Erlösung nicht zurechnen kann, dass Auschwitz ebenfalls Teil des Leidens Christi ist, ist das vollkommen widersinnig." Denn die "Verfolgung der Auserwählten Gottes" sei kein Verbrechen wie alle anderen, sondern hänge direkt "mit der Auserwähltheit und damit mit der condition juive" zusammen.

Spiegel (Deutschland), 18.11.2002

In den Titelgeschichten tutet der Spiegel, wie man das von ihm kennt, ins neoliberale Horn und schimpft gegen den angeblich vom Genossen der Bosse zum Freund der Gewerkschaften gewandelten Gerhard Schröder. Auf dem sozialistisch-realistischen Titelbild trägt er mit aufgekrempelten Ärmeln die rote Fahne in den Händen. Wollen Sie dafür wirklich 85 Cent zahlen?

Und das, wo es doch zum Beispiel ein lesenswertes Interview mit John Updike ganz umsonst gibt. Der Schriftsteller spricht darin über die Leute, die ihn nicht lesen: "Es ist doch ganz hübsch, über Leute zu schreiben, die die Bücher, in denen sie vorkommen, nie lesen würden - und nicht über Leute, die sich in literarischen Zirkeln bewegen. Vielleicht gibt es auch einmal einen Autohändler, der einen Roman liest, aber im Allgemeinen wird in diesem Land hart gearbeitet, dann geht man heim und schaltet den Fernseher ein, isst zu Abend und geht zu Bett." Und Updike spricht über Jonathan Franzens Roman "Korrekturen", den wiederum er (noch) nicht gelesen hat: "Ich war eifersüchtig. Ich habe ihm übel genommen, dass er mit dem Buch reich geworden ist, während ich immer noch arm bin." Entzückende Randnotizen zum Interview gibt es übrigens in Alexander Osangs Kolumne in der Berliner Zeitung, hier und hier.

Weitere Artikel: Nach reinem Jules Verne klingt die Vision eines veritablen Weltraumfahrstuhls. Gespannt werden soll ein Seil aus Nanoröhrchen von der Erde in die, um das mindeste zu sagen: schwindelerregende Höhe von 91.000 Kilometern. Warum das, theoretisch wenigstens, machbar ist, wird im Artikel anschaulich erklärt. Außerdem wird vom Ost-West-Machtkampf bei den Grünen zwischen Joschka Fischer und Werner Schulz berichtet und, unter der Überschrift "Tricksen, tarnen, täuschen", die Frage gestellt, wie lange Hans Eichel wohl noch durchhält.

Nur im Heft und nicht im Netz gibt's unter anderem das Neueste zu den Hirnen der RAF, einen Artikel über neue Hoffnungen für die Mobilfunk-Industrie und Kritiken zum neuen Bond sowie zum neuen Kaurismäki ("Der Mann ohne Vergangenheit").
Archiv: Spiegel

Economist (UK), 15.11.2002

Der Economist fordert, Saddam jetzt endlich "an die Angel" zu bekommen. Hin und hergewendet werden Argumente, wie und ob Saddam sich auf eine wirklich gründliche Abrüstung beziehungsweise Zerstörung seiner illegalen Waffen-Arsenale einlassen wird und was jeweils die Reaktion der Welt, insbesondere Amerikas sein sollte. Der Economist ist da, wie seit Wochen schon, sehr klar auf Seiten eines auch unilateralen militärischen Vorgehens der USA. Er schließt: "Nach 1991 hatte Amerika woanders derart viel zu tun - Ende der Sowjetunion, Wiedervereinigung Deutschlands, Kriege auf dem Balkan - dass es seinen Griff auf den Irak lockerte. Es sollte nicht wagen, diesen Fehler zu wiederholen."

Weitere Artikel: Beschrieben wird Deutschlands stolpernde Regierung: "Nie zuvor ist in der modernen deutschen Geschichte eine Regierung derart fehlgestartet." Wir lesen eine Analyse der Gespaltenheit Frankreichs und einen Artikel der sich mit der Frage beschäftigt, "warum wir Paris lieben" (angeblich, weil die französische Hauptstadt immer schon stand für das Gefühl, dass früher alles schöner war). Schließlich bekommen wir erklärt, warum Viagra den Artenschutz fördert: Es hat nämlich traditionelle Mittel wie etwa Nashornmehl als Aphrodisiak ersetzt- auch eine Art Nebenwirkung ...

Nur im Druck: der special report zu den USA und Irak und ein Nachruf auf Rudolf Augstein.
Archiv: Economist

New York Times (USA), 17.11.2002

Der große irische Schriftsteller (und eminente Kunstkenner) John Banville (mehr hier) bespricht "Seek My Face", den neuesten Roman von John Updike, in dem es um Kunst geht. Genauer: Um einen nur leicht fiktionalisierten Jackson Pollock und dessen Witwe, der Malerin Lee Krasner (mehr hier), die im Roman Hope Chafetz heißt. Erzählt wird deren Lebensgeschichte in Interviewform, manches - nicht nur die Namen - ist hier freilich anders als es sich im wirklichen Leben ereignet hat. Gelungen ist das Experiment nicht ganz, meint jedenfalls Banville. "Updike has attempted to meld art criticism, or at least art history, with fiction. The result is a fascinating but not entirely successful hybrid." Am besten gefällt Banville die Schilderung des Verhältnisses der alten Hope und der jungen Journalistin Kathryn, die das Interview führt (und die der Erzähler, wie wir erfahren, bis auf die Toilette begleitet). Der Haupteinwand richtet sich gegen die Darstellung Pollocks, den überzeugend zu verlebendigen Updike nicht gelinge. Schlimm aber ist das nicht: "In this novel he may not succeed in finding the face he seeks; nevertheless the search throws up other discoveries, other recognitions, other illuminating revelations." Hier eine Leseprobe.

Anlässlich einer soeben erschienenen Biografie (hier das erste Kapitel) wird der Schriftsteller L. Frank Baum (Biografie) vorgestellt, der auch in den USA halb vergessen ist - und zwar nicht zuletzt wegen des überwältigenden Erfolgs, den die Verfilmung seines Romans "Wonderful Wizard of Oz" (1900 erschienen) hatte. Der Film mit Judy Garland ist längst ein amerikanisches Nationalheiligtum, das Buch - beziehungsweise die ganze Serie von Oz-Büchern (alle im Netz zu lesen hier), die bis zu Baums Tod im Jahr 1919 folgte - steht noch immer in seinem Schatten. Zu Unrecht, meint die Rezensentin Brooke Allen, der Roman lese sich, gerade im Vergleich mit dem Film, erfrischend unsentimental.

Politische Bücher: Daniel Levitas Buch "The Terrorist Next Door" über die radikale Rechte Amerikas hält laut Mark Silk auf überzeugende Weise die Erinnerung daran wach, dass gemeingefährliche Irre in den USA nicht arabischer Herkunft sein müssen. (Erstes Kapitel hier.) Und dann hat Al Gore (Sie erinnern sich?) noch ein neues Buch ("Joined At The Heart" - erstes Kapitel hier) geschrieben, gemeinsam mit seiner Ehefrau Tipper. Es geht darin um amerikanische Familienwerte und das ganze hätte, meint Robin Toner, durchaus schlimmer ausfallen können.

Die Krimi-Kolumne: Deutschlands liebster Skandinavier Henning Mankell ist gerade dabei, auch in den USA eine feste Genre-Größe zu werden. Der einflussreichen Rezensentin Marilyn Stasio gefällt er jedenfalls, der "reflective detective" Wallander, den Roman "Firewall" (zu deutsch: Die Brandmauer) lobt sie als "thinking man's thriller". Ebenfalls gut weg kommen Krimis von Andrea Camilleri und Jean-Patrick Manchette.