Heute in den Feuilletons

Die Hintertür der Ironie

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.10.2012. Die NZZ berichtet über erbitterte polnische Debatten um das neue Schlesische Museum in Kattowitz. Richard Herzinger zeigt in seinem Welt-Blog wenig Respekt für die Forderung nach Respekt für die Religionen. Die taz hat bei der Affäre Strepp ein ähnlich ungutes Gefühl von Mediengekungel wie seinerzeit bei der Affäre Wulff. Reuters erzählt, wie sich Wladimir Putin vor ausländischen Journalisten über Pussy Riot echauffierte. In der SZ erklärt Peter Sloterdijk den Opernkomponisten des 20. Jahrhunderts, was sie eigentlich hätten tun sollen. In der FAZ erzählt Jochen Hieber, wie Peter Handke ihn vor 25 Jahren wirklich schlug.

NZZ, 26.10.2012

Die angekündigte historische Dauerausstellung des neuen Schlesischen Museums in Kattowitz, das im Sommer 2013 eröffnet werden soll, hat heftige Debatten ausgelöst, berichtet Martin Sander. Während manche die Autonomie Schlesiens fordern, beklagen andere eine zu starke Deutschlandorientierung der Ausstellung: "Statt sich Goethe oder dem aus Oberschlesien stammenden Dichter Joseph von Eichendorff oder den schlesischen Projekten des Architekten Erich Mendelsohn zu widmen, wäre es notwendig, von den polnischen Aufständen gegen die deutsche Herrschaft zu erzählen, um so zu erklären, warum Schlesien heute zu Recht zu Polen gehöre."

Weiteres: Das neueröffnete Bibliotheksgebäude in Spijkenisse bei Rotterdam sieht aus, "als hätte man die Persiflage auf ein niederländisches Einfamilienhaus im Kopiergerät um den Faktor zwei vergrößert", meint Wojciech Czaja. Joachim Güntner meldet die Einweihung des Berliner Mahnmals für die Opfer des nationalsozialistischen Antiziganismus. Besprochen werden neue CDs von West-Coast-Rapper Kendrick Lamar und dem Schlagzeuger Tony Allen.

Aus den Blogs, 26.10.2012

Das hier ist das Architekturmodell eines Hauses. Entworfen hat es das Londoner Studio Softkill Design. Und so soll es dereinst aus einem 3-D-Drucker kommen, berichtet das Architekturblog Dezeen. (Foto: Julia Kubisty)



Welt, 26.10.2012

Unter dem moralisch tremolierenden Titel "Was Zeitung uns wert ist", suggeriert Ulrich Clauss, die deutschen Zeitungen würden bislang ihre Inhalte kostenfrei hergeben, was nun durch Zahlschranken rückgängig gemacht werde: "Wie auch die Welt-Gruppe, werden unter anderem auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und die Süddeutsche Zeitung (SZ) in absehbarer Zeit nur noch einen begrenzten Teil ihres Online-Angebots zur kostenfreien Nutzung im Internet bereit stellen." (Um es an diesem Ort richtig zu stellen: Der Onlineteil einer Zeitung ist das, was sie freiwillig kostenlos hergibt - alles andere ist bei FAZ und SZ bereits jetzt zahlbar. Zweite Frage: Wofür wollen die Zeitungen dann auch noch Leistungsschutzrechte?)

Richard Herzinger mag in seinem Blog (eigentlich in der Zeitschrift Internationale Politik) die Forderung nach "Respekt" für den Islam oder Religion im allgemeinen Herzinger nicht nachvollziehen: "Der verschwommene Begriff 'Respekt' öffnet .. gegenwärtig ein Einfallstor dafür, den Glauben wieder als eine Art unantastbare Sphäre höherer Einsicht zu etablieren, die von kritischer 'Respektlosigkeit' ausgenommen sein und irrationalem Denken und Verhalten einen gewissen Grad an Immunität gewähren soll. Von dieser Tendenz versuchen nicht nur Vertreter des Islam zu profitieren. Im Windschatten islamischer Prediger und Apologeten hofft auch mancher christlicher Konservativer, die Bannmeile für 'Blasphemie' wieder erheblich erweitern zu können."

Außerdem erklärt Robert Spaemann im Gespräch mit Lukas Wiegelmann, warum das Zweite Vatikanische Konzil, das vor fünfzig Jahren stattfand, so eine fatale Angelegenheit war.

Besprochen werden unter anderem eine große Ausstellung über Land Art in München und Konzerte der Donaueschinger Musiktage.
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TAZ, 26.10.2012

Auf der Medienseite fragt Jürn Kruse, warum das ZDF eigentlich nicht gleich selbst über den Anruf des CSU-Sprecher Hans Michael Strepp berichtet hat, statt die Sache erst der Süddeutschen zu stecken: "War der Umweg über die Zeitung nötig? Das ZDF hätte auch einfach in der heute-Sendung den SPD-Beitrag mit einem Hinweis auf die versuchte Einflussnahme durch CSU-Sprecher Strepp anmoderieren können. Stattdessen wählten die Betroffenen den indirekten Weg: Wie einst die Bild in der Affäre um Christian Wulff den Anruf des damals noch amtierenden Bundespräsidenten auf der Mailbox von Chefredakteur Kai Diekmann Journalisten im Wortlaut vorbetete, aber in der eigenen Zeitung nicht druckte, steckte auch das ZDF den Anruf Strepps erst nur an Kollegen durch", statt selbst darüber zu berichten.

Weitere Artikel: Im Kulturteil stellt Tim Caspar Boehme das Wiener Musiklabel Editions Mego vor, das auf Vinyl-Editionen setzt und "Meilensteine der Geräuschmusik" (wieder)veröffentlicht. Stefan Reinecke resümiert die "geharnischte" Kritik deutscher Historiker an Timothy Snyders Studie "Bloodlands" zu den von Nazis und Kommunisten begannenen Massenmorden in Osteuropa, die "über Detailkorrekturen hinaus" gehe. Auf den vorderen Seiten ist ein mehrseitiger Schwerpunkt zu den Wahlen in den USA zu lesen.

Besprochen werden das Album "Lied" des Hambuger Musikers Pit Przygodda, Detlev Bucks Verfilmung von Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt", dem der Rezensent "erzählerischen Obskurantismus" bescheinigt, und das Buch "Prolls - Die Dämonisierung der Arbeiterklasse" des Historikers und Journalisten Owen Jones (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

Weitere Medien, 26.10.2012

Penguin und Random House verhandeln über eine Fusion, melden Rupert Neate und Mark Sweney im Guardian. Falls es dazu kommt, wären sie weltweit der größte Buchverlag: "Pearson, which owns Penguin and the Financial Times, confirmed on Thursday that it has entered into merger discussions with Bertelsmann, the privately owned German company that owns Random House. A merger would bring together two of the world's 'big six' publishers to create a new powerhouse that would publish 25% of all books sold in the UK. ... A Pearson spokesman confirmed the merger talks were active, but said the companies 'have not reached agreement, and there is no certainty that the discussions will lead to a transaction'."

Michael Stott erzählt für Reuters, wie die Valdai-Gruppe, ein Zusammenschluss von Auslandskorrespondenten in Moskau, mit Wladimir Putin zu Mittag aß: "The Valdai members were kept waiting in a separate room for an hour and a half for the meeting, while Putin met a group of factory workers and teachers from the Volga region to discuss religious cults." Dann fragte ein Journalist nach den Frauen von Pussy Riot, die nun in weit von Moskau entfernte Arbeitslager gesteckt wurden. Da guckte Putin so böse, wie es mit gestrafftem Gesicht möglich ist: "'We have red lines beyond which starts the destruction of the moral foundations of our society,' Putin went on. 'If people cross this line they should be made responsible in line with the law." He described Pussy Riot's protest as 'an act of group sex aimed at hurting religious feelings'."

(Via Wolfgang Blau) China soll den Zugang zum Onlinedienst der New York Times gesperrt haben - und zwar wegen dieser Geschichte über den unerhörten Reichtum des chinesischen Premierministers Wen Jiabao.

Benno Stieber von den Freischreibern begrüßt im Interview mit irights.info einen Reformvorschlag der Linkspartei zum Urhebervertragsrecht, das die angemessene Vergütung etwas für freie Journalisten stärker verankern soll: "Den Verlagen ist das bereits gesetzlich festgeschriebene Recht der Autoren auf angemessene Vergütung und ihr Auskommen herzlich egal. Freie Autoren, die auf eine Einhaltung pochen, bekommen Briefe, in denen es heißt 'Wir verzichten künftig auf ihre Mitarbeit'. Dagegen lässt sich juristisch auch wenig machen, weil wir freie Autoren sind. Deshalb ist eine Verschärfung des Gesetzes zwingend erforderlich." Mehr dazu auch hier.

Danke Gema, dass wir in Deutschland dieses Video nicht sehen dürfen, in dem Ai Weiwei gangnamstyle-mäßig die chinesische Zensur aufs Korn nimmt. Wäre ja noch schöner, wenn jeder dahergelaufene chinesische Regimekritiker das Maul aufmachte, ohne bei euch erst um die Rechte nachzufragen. Dankenswerterweise hat jetzt der Guardian das Video bei sich online gestellt.

SZ, 26.10.2012

Die Premiere von Jörg Widmanns Oper "Babylon" im Münchner Nationaltheater begeht das Feuilleton der SZ mit einer ganzen Seite. Anlass für das Hochamt: Peter Sloterdijk hat das Libretto verfasst. Im Gespräch mit Michael Stallknecht erklärt der Philosoph, warum der psychologische Realismus der Oper des 20. Jahrhunderts ein Irrweg war und der goldene Weg im Jahrhundert davor zu finden sei: "Den Mythos aufzulösen, das kann man auch in Prosa machen. Wenn man sich auf das Gebiet der Musik begibt, sind immer auch andere Kräfte angesprochen. Ich halte nichts davon, irgendwelche realistischen oder veristischen Theaterstücke auf die Opernbühne hieven zu wollen. Die wirklich gut funktionierenden Opern selbst des 19. Jahrhunderts sind solche, bei denen eine archetypische Struktur noch durchscheint".

Wolfgang Schreiber würdigt unterdessen den Komponisten und hat sich die Partitur der Oper offenbar schon angesehen: Sie "wird extrem vielfältig klingen, disparat in den Klängen, Formen und Zeitstrukturen. Die babylonische Sprachverwirrung wird in dieser Musik glänzende Auferstehung feiern."

Weitere Artikel: Die neugestaltete Benutzeroberfläche von Windows 8 orientiert sich "offen am modernistischen Bauhaus-Design der Zwanziger-und Dreißigerjahre", bemerkt Bernd Graff erfreut und wundert sich zudem, dass auf der anderen Seite ausgerechnet die kühlen Minimalisten von Apple zuletzt mit allerlei Zierrat "in visuellen Lärm" zurückgefallen sind. Andrian Kreye attestiert dem Jazzrocker Donald Fagen, auf seiner neuen Platte "die Hintertür der Ironie, über die man das Genre retten kann," gefunden zu haben. Eine ironische Hörprobe finden wir bei Youtube:



Besprochen werden Falk Richters Georg-Büchner-Mix am Schauspielhaus Düsseldorf ("Die propagierten Analogien zwischen Büchner und der Bundesrepublik von heute sind gewitzt, auch überspitzt bis ins Kabarett", notiert Vasco Boenisch), eine Ausstellung mit Arbeiten des Bildhauers Richard Tuttle im Kunstverein München und Bücher, darunter Hans-Martin Gaugers "Kleine Linguistik der vulgären Sprache" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 26.10.2012

Was erwirbt man eigentlich, wenn man ein Ebook kauft? Offenbar kein Eigentum, musste kürzlich eine Amazon-Kundin erfahren, der ohne Begründung die Kindle-Bibliothek von Amazon gesperrt wurde. Alle Ebooks waren futsch, Kopien hatte sie nicht. Constanze Kurz plädiert deshalb für eine Stärkung der "Kundenrechte im Digitalzeitalter": "Wer ein digitales Werk kauft, sei es Software, ein Hörspiel oder ein E-Booik, sollte eine DRM-freie Kopie bekommen, ohne dass er sich mit Filesharing-Programmen herumschlagen muss. Und wenn mal die Festplatte den Datentod stirbt, sollte der Anbieter dafür sorgen, dass der Käufer weiterhin Zugriff auf einmal bezahlte Werke hat."

Weitere Artikel: Faustschlag oder Ohrfeige? Tränen oder nicht? Und wer hat eigentlich angefangen? Jochen Hieber jedenfalls erinnert sich völlig anders als Peter Handke kürzlich im Magazin der Süddeutschen an beider gewaltsame Begegnung im Jahr 1987. Ein Jahr nach Berlusconi zeichnet Dirk Schümer ein Bild von Italien in Trümmern. Joachim Müller-Jung berichtet von britischen Erfolgen im Bereich der Genmanipulation menschlicher Keimzellen. Patrick Bahners besucht in den USA die Buchvorstellung von Tom Wolfes neuem Roman. Josef Oehrlein meldet, dass Katharina Wagner nach ihrem spektakulären Abgang aus dem argentinischen Teatro Colón vor einer Woche nun in Buenos Aires über eine Lösung des Problems verhandelt.

Einen großen Gefallen habe Hans Michael Strepp den Öffentlich-Rechtlichen erwiesen, stöhnt Michael Hanfeld auf der Medienseite: Die könnten sich nun billig sonnen, seien aber weiterhin - über Poltiker in Aufsichtsgremien - politisch beeinflusst. Außerdem stellt Hanfeld eine Studie (pdf) der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm vor, wonach Dokumentarfilmer von den Öffentlich-Rechtlichen geradezu schändlich unterbezahlt werden: 1380 Euro netto im Monat verdienen sie im Schnitt. (Morgen vielleicht ein Bericht über den krassen Abstand zwischen dem Einkommen freier und fest angestellter Redakeure im Print?)

Besprochen werden Robert Lepages Shakespeare-Oper "The Tempest" an der New Yorker Met, der Film "Robot & Frank", die Fotoausstellung "Bangkok" von Andreas Gursky im Museum Kunstpalast in Düsseldorf und Bücher, darunter "Pulphead", eine Sammlung von John Jeremiah Sullivans Essays und Reportagen (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).