Heute in den Feuilletons

Jenseits der Wirklichkeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.07.2008. In Liberation - und noch nachdrücklicher auf YouTube - fordert Ariane Mnouchkine den Boykott der Olympischen Spiele in Peking. In der taz ruft Ulrich Beck zur Gründung von Weltgewerkschaften auf. In der NZZ erinnert sich die russische Dichterin Olga Martynova an die westlichen Achtundsechziger als eine Bande gelangweilter Dummköpfe. In der Literarischen Welt erklärt Dan Diner das wachsende Interesse in Algerien für Albert Camus. Und die SZ trauert um die Überraschungen, die Heath Ledger dem Kino noch hätte schenken können.

NZZ, 19.07.2008

Die Beilage Bilder und Zeiten befasst sich mit 1968 aus dem Blickwinkel der Länder, die noch nicht erschöpfend abgehandelt wurden. Die russische Dichterin Olga Martynova erinnert daran, dass die Studentenrevolten aus offiziell sowjetischer Sicht "zu kleinbürgerlich, zu unproletarisch, zu anarchistisch, zu trotzkistisch, zu maoistisch - kurzum nicht von Moskau organisiert" waren: "Aber auch für die antisowjetischen Intelligenzler in der UdSSR waren die westlichen Achtundsechziger schlicht und einfach noch idiotischer als die eigenen Kommunisten: Sie lebten doch 'in Freiheit' und wollten diese jetzt ruinieren, aus Dummheit und Langweile. Nach allen Verbrechen des Leninismus und Stalinismus war dies ein Schlag ins Gesicht der Millionen von Opfern kommunistischer Experimente. Das auch war in den siebziger und achtziger Jahren ein ernstes Problem für sowjetische Emigranten im Westen: Die, mit denen sie gemeinsame Interessen und Themen hatten - Intellektuelle und Künstler -, standen links. Man konnte deshalb mit ihnen beinahe genauso wenig Umgang pflegen wie mit 'Kalten Kriegern'."

Der Schriftsteller Georgi Gospodinov bemerkt, dass das Jahr 1968 weder über Paris noch über Prag in Bulgarien angekommen ist. Abgedruckt wird auch ein bisher unveröffentlichtes Interview mit Friedrich Dürrenmatt über 1968 in Prag. Arnold Bartetzky schildert außerdem, wie Estlands Hauptstadt Tallinn in die Zukunft baut. Udo Bermbach analysiert das Verhältnis von Festspielen und Politik.

Im Feuilleton berichtet Aldo Keel vom Sprachenstreit in Norwegen, wo das urbane Bokmal und das aus alten Dialekten gefügte Nynorsk miteinander konkurrieren: "Als 1913 die Bauernjugend in Oslo, dem Herzen der Bokmal-Kultur, eine Nynorsk-Bühne eröffnete und diese auch noch 'Norwegisches Theater' nannte, kam es zu blutigen Massenprügeleien. Während sechs Abenden versuchten Gymnasiasten in das Theater einzudringen, das von Bauernburschen verteidigt wurde. Bis heute ist der Verband der Bauernjugend größter Aktionär dieser Bühne, die alles andere als ein Bauerntheater ist. Nynorsk ist die Sprache des Schriftstellers Jon Fosse, der in einem Interview erklärte: 'Die Bühne ist jenseits der Wirklichkeit, das ist diese Sprache auch.'"

Weitere Artikel: Marc Zitzmann besucht die große Ausstellung "Traces du Sacre" im Pariser Centre Pompidou. Zur Frage "Was ist schweizerisch" schreibt Georg Kohler heute über die "bemerkenswert heftige emotionale Seite" der Schweizer, die sich zum Beispile im hemwe äußert..

Besprochen werden die Ausstellung zu deutscher Exportarchitektur "Ready for Take-Off" im Frankfurter Architekturmuseum und Bücher, darunter Elisabeth Bronfens Kulturgeschichte der Nacht "Tiefer als der Tag gedacht" und Yusuf Atilgans Roman "Der Müßiggänger" (mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 19.07.2008

Ariane Mnouchkine hat mit ihrer Theatertruppe und einigen chinesischen Dissidenten drei Youtube-Videos gedreht, um zum Boykott der Olympischen Spiele aufzufordern. Von Präsident Sarkozy erwartet sie zumindest, dass er nicht zur Eröffnung geht, sagt sie im Interview mit Liberation: "Wenn Sarkozy sich mit dem Satz rechtfertigt, man könne nicht 1,2 Milliarden Chinesen boykottieren, dann ist das intellektuell unehrlich. Es geht nicht darum, sich gegen ein Volk zu stellen, sondern gegen seine Anführer."



Die anderen zwei Videos finden Sie hier und hier.

Welt, 19.07.2008

In der Literarischen Welt beschreibt Dan Diner ein wachsendes Interesse in Algerien für Albert Camus. Camus war ein pied noir, in Algerien geborener Sohn eines elsässischen Landarbeiters und einer katalanischen Wäscherin. Den antikolonialen Kampf der Algerier sah er als gerecht an, doch hatten seinem Empfinden nach die pied noirs ein Recht, in Algerien zu bleiben. "Camus' algerisches Grundmotiv war die Konstellation des fremden Eingeborenen. Als solcher beanspruchte er eine Art von Geburtsrecht. Dieses Geburtsrecht sollte dem des Eingeborenen indes nicht nachstehen. Dennoch war dieses Recht nicht natürlich. Es musste erworben werden. Erworben werden konnte es allein durch die Beteiligung an der Aufhebung der kolonialen Ungleichheit. Unter den Bedingungen des schier unauflöslichen Gegensatzes zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten war dies eine unmögliche dritte Haltung. Es war die Haltung einer imaginierten, einer erst in Zukunft zu realisierenden Gleichheit." Diese Haltung war in den fünziger Jahren zwar "wenig realistisch", aber heute, so Diner, ist es Camus' "post-post-koloniale Blick, der ebenjene Vergangenheit in den zu bewahrenden Teilen in einem neuen Licht erscheinen lassen mag".

Weiteres: Für Tilman Krause bezeugen die Debatten über die Stiftung Weimarer Klassik und das Deutsche Literaturarchiv in Marbach "vor allem eins, nämlich die Unsicherheit, wie eigentlich heute zeitgemäß Literatur zu präsentieren und auszustellen sei". Nicola Bardola porträtiert die Schriftstellerin Jenny Downham, die einen Roman über die letzten Monate eines leukämiekranken Mädchens geschrieben hat. Besprochen werden unter anderem Frido Manns Erinnerungen, Leonardo Paduras Roman "Der Nebel von gestern" und eine Ausstellung zum Gebetbuch Karls des Kühnen im Historischen Museum Bern.

Im Feuilleton denkt Wolfgang Sofsky über den Extremsportler nach. Aufbau-Verleger Bernd F. Lunkewitz und der Insolvenzverwalter des Verlags haben sich "auf einen gemeinsamen Verkauf" geeinigt, meldet Florian Stark. Peter Zander huldigt Götz George, der siebzig wird und den die ARD mit drei Filmen feiert. Manuel Brug berichtet über das Hellenic Festival. Holger Kreitling kolportiert amerikanische Gerüchte, wonach Brad Pitt in Quentin Tarantinos Kriegsfilm "Inglorious Bastards" mitspielen soll. Hendrik Werner schreibt zum Achtzigsten des Dramatikers Pavel Kohout. Matthias Heine schreibt zum Siebzigsten der Schauspielerin Diana Rigg.

Besprochen werden ein Konzert von Chick Corea auf Schloss Hardenberg und das Buch "Die Macht der Wahrheit".
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TAZ, 19.07.2008

Der Soziologe Ulrich Beck stellt fest: In Zeiten der ökonomischen Globalisierung brauchen wir auch "Weltgewerkschaften": "Der digitale Kapitalismus ermöglicht das Entkoppeln von sozialer und geografischer Nähe und eröffnet auf diese Weise neue Optionsräume transnationaler Rationalisierung, das heißt die Reorganisation der Produktionsprozesse über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Was zunächst als bloße organisatorische Neuerung erscheint, entzaubert die ihrem Selbstverständnis nach territorial gebundenen Helden der Industriemoderne: Nationalstaat und Nationalgewerkschaft... Erst die grenzenübergreifende Kooperation der Gewerkschaften macht diese gegenüber dem global mobilen Kapital handlungsfähig."

Ben Schwan erklärt, warum unser Datenschutzrecht der Datenkrake Google nicht mehr gewachsen ist: "Die wenigsten Nutzer wissen, was eine Suchmaschine wie Google über sie speichert. Dabei ist es so einfach wie erschütternd: Jede einzelne Anfrage, die in das Suchformular eingetippt wird, behält der Konzern 18 Monate lang in seiner internen Datenbank. Hinzu kommen die Internetadresse, von der aus der Nutzer sich eingewählt hat (die sogenannte IP-Nummer) sowie ein 'Cookie' genannter Datenkrümel. Dieser erlaubt, einzelne Rechner auch dann noch zu identifizieren, wenn sich deren Internetadresse bei der nächsten Onlineeinwahl verändert hat."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Ralf Bönt porträtiert den israelischen Bestsellerautor und Protagonisten des Kulturaustauschs Assaf Gavron. Dirk Knipphals informiert über die jüngste Wendung des Aufbau-Verlag-Dramas: es darf verkauft werden.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers "Hamlet"-Inszenierung in Avignon, Hitoshi Mat(s)umotos Superhelden-Mockumentary "Der große Japaner - Dainipponjin" und Bücher, darunter Wole Soyinkas jüngste Autobiografie "Brich auf in früher Dämmerung" und ein für Peter Unfried durchaus beeindruckender Gesprächsband mit dem nunmehrigen zukünftigen Ex-Kanzler Österreichs Alfed Gusenbauer (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

In der zweiten taz schreibt Cigdem Aykol über Nourig A., die sich nach der Anzeige des von der Familie begangenen Mords an ihrer Schwester bedroht fühlt und nun die ihr zunächst zugesagte Aufnahme in ein Zeugenschutzprogramm einklagen will. Klaus Raab fragt sich, wie lange die öffentlich-rechtlichen Sender noch die wieder einmal von Dopingfällen überschattete Tour übertragen wollen.

Für das Dossier des taz mag stellt der Soziologe Heinz Bude die beiden "Helden der Bundesrepublik" Claus Schenck Graf von Stauffenberg und Rudi Dutschke in analytisch-provokativer Absicht nebeneinander. Vorabgedruckt wird ein Text von Jacques Rupnik, in dem es um Gemeinsamkeiten und Differenzen von 1968 in Paris und Prag geht.

Und Tom.

Berliner Zeitung, 19.07.2008

Im Fall der beiden Stasi-belasteten Redakteure der Berliner Zeitung, Thomas Leinkauf und Ingo Preißler, erklärt der "Ehrenrat" - bestehend aus Thomas Langhoff, Peter Busse, Adolf Endler und Rainer Eppelmann - die beiden für geläutert, wie die Zeitung meldet: "Unter Berücksichtigung der Unterschiedlichkeit zweier Lebenswege wird festgestellt, dass eine Weiterbeschäftigung der beiden Genannten in der Redaktion der Berliner Zeitung möglich ist. Beide haben sich mit ihrer Vergangenheit ernsthaft und nach Meinung des Ehrenrats aufrichtig auseinandergesetzt."

FR, 19.07.2008

Im Gespräch erklärt Sabine Haag, die designierte Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums Wien, warum die Kunstkammern der Renaissance heute wieder so gut in die Zeit passen: "Die Sammelform der Kunstkammern, die auf alle Phänomene der Welt abzielt, ist meiner Überzeugung nach die, die sich am besten mit unserem heutigen Alltag verbinden lässt. In den Kunstkammern ging es auch um die Verfremdung von Materialien, um die Verkünstlichung von Natur und um die Erschaffung neuer, künstlicher Welten. Auch das entspricht genau unserem heutigen Alltag. Wenn der Betrachter eines Kunstkammerobjekts aus dem 16. Jahrhundert genau diesen Vorgang spürt, dann versteht er auch, warum es für einen damaligen Sammler so begehrenswert war."

Weitere Artikel: Judith von Sternburg widmet dem jüngstem Streit zwischen Salman Rushdie und dem Weinbuchautor Malcolm Gluck um Signierstundenrekorde eine Times Mager. Marcia Pally stellt in ihrer USA-Kolumne fest, dass es der amerikanischen Öffentlichkeit von Herzen egal ist, was Barack Obama in Deutschland treibt.

Besprochen werden ein Doppelkonzert mit den Preludes von Claude Debussy beim Rheingau Musik Festival, der jüngste "Schimanski" mit dem wenig alternden Götz George, und Bücher, nämlich Xu Guoqis bisher nur in englischer Sprache erschienene Geschichte "Olympic Dreams - China and Sports, 1895 - 2008" sowie Thomas Hauschilds ethnologische Studie "Ritual und Gewalt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 19.07.2008

Tobias Kniebe hat die neue Batman-Verfilmung "The Dark Knight" gesehen - und es schaudert ihn, wenn er den verstorbenen Heath Ledger als "Joker" beobachtet: "So sehr diese Figur das Potential hat, in unsere Alpträume einzudringen - so sehr gibt sie ihrem Darsteller auch die Möglichkeit, alles mal rauszulassen - die reine Therapie. Das Ergebnis lässt Heath Ledger in neuem Licht erscheinen: als Schauspieler von fast unbegrenzten Möglichkeiten, nach dessen Tod wir nun weniger um eine Generation oder ein Image trauern, wie das vielleicht bei James Dean oder River Phoenix der Fall war, sondern um die vielen irrwitzigen Überraschungen, die er dem Kino noch hätte schenken können."

Johann Schloeman stellt ungläubig fest, dass beim Versuch, den nach der Schulzeitkürzung um ein Jahr überladenen Stundenplan an der Oberstufe in bayerischen Gymnasien zu entlasten, "etwas Bemerkenswertes passiert ist: Der Unterricht über den Nationalsozialismus wurde radikal verkürzt... Auch wenn die offenkundige Fehlplanung der Bayern nicht auf sinistre Absichten zurückzuführen wäre, könnte sie im Ergebnis doch ein Indikator eines allgemeinen Wandels sein."

Weitere Artikel: Ijoma Mangold ist erfreut, dass der Streit um den Aufbau-Verlag jetzt soweit bereinigt ist, dass der Verkauf möglich wird. Der Historiker Hans Mommsen erinnert zum 64. Jahrestag des Hitler-Attentats an Claus Schenk Graf von Stauffenberg und den deutschen Widerstand. Abgedruckt wird Daniel Kehlmanns Eröffnungsrede zum Augsburger Brecht-Festival, in der der Erfolgsautor seiner Erleichterung darüber Ausdruck gibt, dass die politischen Hoffnungen Brechts nicht Wirklichkeit geworden sind. Die in München reüssierende Sopranistin Angela Deloke wird von Reinhard J. Brembeck porträtiert. Anke Sterneborg gratuliert Diana Rigg, die als Emma Peel zur "Queen of Cool" wurde, zum Siebzigsten, Christoph Bartmann dem tschechischen Autor Pavel Kohout zum Achtzigsten. Auf der Medienseite wird über einen gescheiterten Plan zum Verkauf der Berliner Zeitung berichtet, bei dem die Einsetzung von Stefan Aust und Michael Jürgs als Chefredakteure geplant gewesen sein soll.

Besprochen werden die Ausstellung "Home Delivery" zur Geschichte des Fertighauses im New Yorker MoMA, die Ausstellung "Female Trouble" in der Münchner Pinakothek der Moderne, und ein Sammelband zu "Grundlagen und Grundfragen des Geistigen Eigentums" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Im Aufmacher der SZ am Wochenende antwortet Joachim Kaiser auf Martin Walser, der in einer neulich in der SZ abgedruckten Rede (mehr hier) wenig Freundliches über den Zeitgeist zu sagen hatte. Kaiser plädiert für ein komplexeres Bild: "Man sieht die Problematik allzu statisch, falls man sich dem Glauben hingibt, es existierten fein säuberlich getrennt Zeitgeist-Täter und Zeitgeist-Opfer: die einklagenden und die mit entsprechender Bringschuld belasteten. Als ob nicht nahezu alle, die sich in der Öffentlichkeit äußern, alle Journalisten, Schauspieler, Politiker, Autoren, Lehrer, sowohl Täter wie Opfer des Zeitgeistes wären!"

Außerdem: Annette Ramelsberger denkt unter einem großen Günter-Beckstein-Foto über Politiker nach, die im Fernsehen schlecht aussehen. Verena Krebs schildert die Gesellschaftsfähigkeit einstiger Techno-Drogen. In Paris hat Peter Bäldle den Modemacher Marc Jacobs getroffen. Auf der Historienseite wird eine Erinnerung des damals als Legationsrat im Auswärtigen Amt tätigen Wilhelm Melchers an den 20. Juli 1944 abgedruckt. Im Interview spricht der Schock-Rocker Alice Cooper über "Auferstehung" und über den Tag, an dem Groucho Marx seine Show besuchte: "Er sprach: 'Alice ist die letzte Hoffnung für das Variete.'"

FAZ, 19.07.2008

Oliver Jungen berichtet vom Fund einer bisher verschollenen Erzählung Hans Falladas aus dem Jahr 1941: Es handelt sich um eine Auftragsarbeit über das "Entbehrliche und Unentbehrliche" in Zeiten des Krieges, Jungen sieht darin aber die Propagandaabsicht unterlaufen. Online ist die Erzählung an Jungens Artikel angehängt. Zum Jahrestag des 20. Juli verweist Lorenz Jäger auf die recht selbstkritischen Erinnerungen Philipp von Boeselagers, der von sehr unterschiedlich gearteten Motiven der Widerständler zu berichten weiß. In der Randspalte fragt sich Hubert Spiegel, woher der neue Optimismus des Aufbau-Verlags rührt; rechtlich sei noch lange nicht geklärt, bei wem welche Autorenrechte liegen. Jürgen Dollase wünscht sich von deutschen Köchen mehr "Publikumsbewusstsein" und "Hitcharakter". Ingeborg Harms liest deutsche Zeitschriften und stört sich besonders an Felix Philipp Ingolds Essay über die wundersame Wiederauferstehung des Autors. Und schließlich macht Marcus Jauer wieder einen Hausbesuch, diesmal im Hamburger Fotolabor des Nino Mondhe: "Es ist nur so, dass viele Fotografen, mit denen er früher geredet hat, nicht mehr zu ihm nach Hause kommen können. Helen Levitt ist Mitte neunzig, Irving Penn Anfang neunzig, Leni Riefenstahl ist tot."

Besprochen werden auf der Plattenseite Schostakowitschs Streichquartette, von Michael Krücker eingespielte Nietzsche-Kompositionen und das Solo-Album "Pacific Ocean Blue" des einstigen Beach Boys Dennis Wilson.

Für Bilder und Zeiten streift Dieter Bartetzko mal verzaubert, mal bangend durch die Ruinen Pompejis. In einem Rückblick auf drei Generationen deutscher Komiker hält Jörg Thomann den deutschen Humor nicht nur für eine tragische Angelegenheit. Oliver Seppelfricke unterhält sich mit der 1981 geborenen lettischen Geigerin Baiba Skride, die gerade ihr zwanzigjähriges Bühnenjubiläum gab. Auf der Literaturseite werden Leonora Carringtons "Haus der Angst" und Linus Reichlins Krimi "Die Sehnsucht der Atome" besprochen (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

In der Frankfurter Anthologie stellt Andreas Blödern in dieser Woche Andreas Gryphius' Gedicht "Einsamkeit" vor:

"IN diser Einsamkeit / der mehr denn öden Wüsten /
Gestreckt auff wildes Kraut / an die bemoßte See:
Beschau' ich jenes Thal und diser Felsen Höh'
Auff welchem Eulen nur und stille Vögel nisten..."