Heute in den Feuilletons

Welche Botschaft die Botschaft vermitteln will

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.07.2008. In der FAZ traut der Kulturwissenschaftler Thomas Macho dem von Christian Wulff geäußerten Unwillen zur Macht nicht über den Weg. Die SZ findet ihn ebenfalls unfassbar. Hier schildert die Historikerin Diana Pinto auch das Phänomen des neuen Antisemitismus in Frankreich. Die Welt erklärt, wie die Hammond-Orgel dank moderner Software aus Berlin um 200 Kilo leichter wurde. Die NZZ stellt ein "Manifest für eine gemeinsame" Sprache in Spanien vor und verrät auch, welche das sein soll.

NZZ, 18.07.2008

Markus Jakob berichtet über das von namhaften Intellektuellen unterzeichnete "Manifest für die gemeinsame Sprache" Spaniens. In Katalonien hat es Empörung ausgelöst, aber Jakob fragt sich, "ob Katalonien sich mit seinem Übereifer in Sachen Sprachförderung nicht ins eigene Fleisch geschnitten, nämlich der Konkurrenz in die Hand gespielt hat. Denn seine inzwischen fast perfekte Zweisprachigkeit war offenbar weder in kultureller und noch in wirtschaftlicher Hinsicht das beste Verkaufsargument, um in der Rivalität mit der Hauptstadt zu triumphieren."

Weitere Artikel: Paul Jandl bemerkt zum Ende der Kanzler-Ära Gusenbauer, dieser sei "auf österreichische Weise gescheitert, an den landestypisch tückischen Umständen, vor allem aber an sich selbst". Jürgen Tietz fragt sich, welche Botschaft die neue amerikanische Botschaft in Berlin vermitteln will - "außer jene der ausgeprägten Sicherheitsvorkehrungen". Dirk Pilz resümiert die Intendanz von Bernd Wilms am Deutschen Theater Berlin. Andrea Köhler berichtet über die Obama-Karikatur des New Yorker. Olaf Karnik schreibt über Soundtracks als neue Sammlerobjekte.

Besprochen werden das neue Album von Carla Bruni "Comme si de rien n'etait" und die CD des Oud-Virtuosen Rabih Abou-Khalil "Em portugues".

Auf der Medienseite unterhalten sich Stephan Weichert und Alexander Matschke mit Paul E. Steiger, dem Chef des von einer Stiftung gegründeten Recherche-Büros Pro Publica und dessen bisher größten Scoop um den von den US-finanzierten arabischen Sender al-Hurra. "Darin geht es insbesondere um einen al-Hurra-Journalisten, der in einem Bericht über die Holocaust-Leugner-Konferenz in Teheran erklärt hatte, dass diejenigen, die behaupteten, es habe den Holocaust gegeben, keine guten Beweise vorgelegt hätten. Als der US-Kongress davon erfuhr, forderte er die Entlassung des Journalisten - was al-Hurra zusicherte. Wir fanden heraus, dass der Mann immer noch dort arbeitete. Erst als wir nachhakten, wurde er gefeuert. Außerdem spielte man uns kürzlich eine Liste mit Namen von Leuten zu, die von al-Hurra geschmiert wurden. Neben Lobbyisten und früheren Mitgliedern der Bush- und der Clinton-Administration waren auch Journalisten auf der Liste."

Berliner Zeitung, 18.07.2008

Niemandem wurde im Streit um die Lindenoper so unrecht getan wie der Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, schreibt Nikolaus Bernau . "Sie wurde auf eine Weise diffamiert, wie es selbst in Berlin ungewöhnlich ist. Manipuliert habe sie das Verfahren, musste man lesen, sie sei einseitig für 'die Moderne' und den Entwurf von Klaus Roth eingetreten. Der gewöhnlich weltoffene Publizist Friedrich Dieckmann warf ihr vor, dass sie aus der Schweiz stamme und sich in der Jury nicht dem Urteil des Kulturstaatssekretärs angeschlossen habe, der für eine historisierende Variante gestimmt hatte. Wie provinziell. Es ist doch gerade der Sinn einer Jury, dass hier nach Wissen und Gewissen abgestimmt wird. Und kam nicht die Fachfrau aus Zürich, um das Berliner Architekturleben zu beleben?"

Welt, 18.07.2008

Thomas Lindemann stellt die Berliner Firma Native Instruments vor, die reale Instrumente durch Software ersetzt und damit kleinen Bands große Sounds erlaubt und Internethits ohne Studio erst möglich macht: "Mit einer Hammond-Orgel fing alles an. Das legendäre Instrument, geprägt von Jazzern wie Jimmy Smith, ist für Keyboarder ein Traum mit Nachteil: Eine Hammond B3 mit Leslie, dem rotierenden Lautsprecher, wiegt rund 200 Kilogramm. Als Native Instruments 1999 den Sound als Programm herausbrachte, war das Schleppen endlich vorbei."

Weitere Artikel: Eckhard Fuhr kommentiert die jüngst beschlossene Zusammenarbeit zwischen Centre Pompidou und Frieder Burdas Sammlermuseum in Baden-Baden als vielversprechenden Schulterschluss zwischen Region und Metropole. Peter Dittmar berichtet, dass in der koptischen Sammlung des Brooklyn Museums Fälschungen gefunden worden seien. Uta Baier meldet, dass die Kuratorin Sabrina van der Ley von Berlin nach Hamburg geht. Manuel Brug porträtiert den Bariton Erwin Schrott, der nicht nur gut singt, sondern auch zusammen mit Anna Netrebko die (oder das?) Brangelina der Opernwelt bildet (schwanger ist sie ja auch schon). Harald Peters gratuliert dem Regisseur Michael Verhoeven zum Siebzigsten. Die rumänische Autorin Carmen Francesca Banciu antwortet - aber nicht recht klar, wie uns scheint - auf Herta Müllers Offenen Brief gegen die Einladung von Securitate-Mitarbeiren ins Rumänische Kulturinstitut von Berlin. Norbert Lossau erzählt von dem seltsamen Casus des Stammzellforschers Hans Schöler, der Journalisten das Berichten verbieten will, weil er sich von einem FAZ-Artikel falsch zitiert fühlte - im Hintergrund steht allerdings die Angst, dass Fachzeitschriften wie Nature neue Forschungen nicht mehr publizieren, wenn sie bereits in der Presse kursierten (mehr dazu und viele Links bei Spiegel Online).

Besprochen wird ein Konzert der Band Rem in Berlin.

Im politischen Teil berichtet Manfred Quiring über Gerüchte, dass Michail Chodrkowski bald freikommen könnte.
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TAZ, 18.07.2008

Julian Weber berichtet über eine Entscheidung der EU-Kommision, die das Monopol nationaler Rechteverwerter wie der Gema abschaffen soll. Konkret bedeute dies, dass die Gema künftig Musiker nicht mehr daran hindern darf, ihre Rechte von Verwertungsgesellschaften im Ausland vertreten zu lassen. Im Gegenzug müsse sie auch Musiker aus dem Ausland als Mitglieder aufnehmen.

Besprochen werden das REM-Konzert in Berlin, die Alben "Knowle West Boy" von Tricky (hören) und "London Zoo" von The Bug und diverse Pop-CDs.

Schließlich Tom.

FR, 18.07.2008

Ina Hartwig hält staunend, bewundernd, begeistert eine Anthologie der Zeitschrift n+1 in den Händen: "Es ist das Beste, was ich seit langem... Unglaublich. Wie ein Gespräch mit meinem intellektuellen Über-Ich, von dem ich glaubte, es sei gerade dabei abzusterben. Jonathan Franzen hat es so gesagt: Wenn du glaubst, 'du bist intellektuell allein gelassen in dieser Welt, fällt einem eine Zeitschrift wie n+1 in die Hände'. Na gut, nicht alles ist erste Sahne. Die Typen sind immer dann gut, wenn sie geistreich bleiben. (Beim Thema globale Erderwärmung kriegt ein gewisser Chad Harbach einen Moralischen; Gottseidank sein einziger Beitrag.) Für die anderen gilt: Sie hätten von Saint-Simon höchstes Lob erhalten, aber sie hätten sich am Hofe von Louis XIV. vermutlich sehr unwohl gefühlt. Denn sie hassen Angeberei und Bösartigkeit."

Christian Thomas macht uns mit den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft bekannt, wonach sich der Cro-Magnon-Mensch eindeutig genetisch vom Neandertaler unterschied, mithin ein moderner Mensch und wohl der erste Europäer war. Matthias Arning verabschiedet Barbara Distel, die nach 30 Jahren als Leiterin der Gedenkstätte Dachau in den Ruhestand geht. Florian Kessler unterhält sich mit jungen Redakteuren der Zeitschriften-Projekte polar, Edit und sprachgebunden. Hans-Jürgen Linke betrachtet in Times mager die Versuche Bayreuths, mit der Zeit zu gehen, also online.

Auf der Medienseite berichtet Daland Segler von der - jetzt online stehenden - Münchner Erklärung - "unterzeichnet von den Bossen von Springer, Burda, Bauer, Gruner+ Jahr, Madsack und anderen Verlagen" - nach der die freie und unabhängige Presse im Land durch die Expansion der Öffentlich-Rechtlichen bedroht sei.

Besprochen werden Jerzy Ficowskis Bruno-Schulz-Biografie und dessen Erzählungen "Die Zimtläden" sowie der vierte Band "1983" von David Peaces "Red Riding Quartet" über das verheerte Yorkshire (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 18.07.2008

Wenig Sympathie zeigt der Kulturwissenschaftler Thomas Macho für Christian Wulffs Bekenntnis eines Unwillens zur Macht: "Man sollte dieser Rhetorik nicht zu viel Kredit geben. Sie ist dann angezeigt, wenn es gerade aus strategischen Gründen nicht opportun ist, seine Ansprüche auf die Macht in den Vordergrund zu stellen. Im Moment geht es darum, einen diffusen Vorschein von Wahlkampf zu erzeugen. Eine demonstrative Distanzierung von möglichen eigenen Ansprüchen bedeutet in diesem Fall wenig... Nicht Respekt und Demut, sondern Sinn für Verantwortung kennzeichnet den modernen Politiker. Respektvolle Demut bildet allenfalls ein christliches Gegenmodell zur Erotik. In Wulffs Tonfall wird das Verhältnis zur Macht beinah privatisiert."

Weitere Artikel: Der neuen Tönen aufgeschlossene Dirigent Lothar Zagrosek fordert für Bayreuths Zukunft die Revolution: "Schluss mit dem ewig gleichen Repertoire, mehr Probenzeit, endlich eine Festspielidee, die auch das Widersprüchliche in Wagners Werk in einer breitgefächerten Dramaturgie des Szenischen und Musikalischen aufdeckt." Günter Gillessen versucht neuere Thesen zu widerlegen, die dem Verschwörer des 20. Juli Henning von Tresckow unterstellen, seine Wendung zum Widerstand sei nicht aus moralischen Gründen, sondern aus Militärkalkül erfolgt. Hansgeorg Hermann erklärt, warum der Philosoph Paul Virilio das Ende des motorisierten Individualverkehrs für gekommen hält. Einigermaßen entsetzt ist Hans-Joachim Müller von der Richtung, in die sich die vor wenigen Jahren noch sehr erfolgreiche Stuttgarter Staatsgalerie (Website) entwickelt - die neue Hängung verheißt ihm da keine Rettung, im Gegenteil. Dass Neustrelitz so wenig mit seiner Vergangenheit anzufangen weiß, wird von Frank Pergande bedauert. Joachim Müller-Jung macht uns mit der jüngst entdeckten, so "wollenen" wie winzigen (70 g schwer) Unterart der Mausmakis mit Namen Microcebus macarthurii aus Madagaskar als allerkleinsten Primaten bekannt. In der Glosse schildert Hannes Hintermeier ein gerade noch zurückgezogenes fragwürdiges Zuschussbegehren für ein "Lesebuch zur Longlist Deutscher Buchpreis 2008".

Besprochen werden die Shakespeare-Inszenierungen von Thomas Ostermeier und Ivo van Hove in Avignon, Uraufführungen neuer Musik beim Kissinger Sommer, die Ausstellung "Female Trouble" in der Münchner Pinakothek der Moderne, die Franziska-Becker-Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum Hannover, Cedric Klapischs Film "So ist Paris" und Bücher, darunter Franz Doblers Roman "Aufräumen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 18.07.2008

Leider noch nicht online ist in der Jungle World Frank Spilkers Text über Madonna und das Geheimnis ihres Erfolges: "Madonna führt genau das auf, was man vom Rock'n'Roll seit Elvis Presley, und somit also von Anfang an, kennt: Sie verkauft Ästhetik und kulturelle Praktiken einer Minderheit an eine ausgehungerte, von der tradierten Kultur gelangweilte Mehrheit. Was unter dem Hegemonialdruck der White Anglo Saxon Protestants, der amerikanischen Bevölkerungsmehrheit, an Gegenkultur entsteht, wird mit Hilfe einer Galionsfigur, die den Ursprung dieser Kultur vergessen macht, zurück an den Mainstream verkauft. Der R'n'B durch Elvis Presley, schwule Subkultur durch Madonna, HipHop durch Eminem. Und die Show geht weiter. Je mehr Druck, desto besser. jedenfalls für die Kunst."

SZ, 18.07.2008

Im Gespräch schildert die Historikerin Diana Pinto das Phänomen des Neuen Antisemitismus in Frankreich: "Er kommt weniger aus der alten, extremen Rechten, sondern vereint linke, israelkritische Positionen mit islamistischen Tendenzen - ist aber nicht ausschließlich islamisch. Der alte Antisemitismus kam von oben, aus den Eliten, und wurde ausgenutzt, um die Unterschicht zu mobilisieren. Die Leute, die 1938 Synagogen zerstörten, taten das auf Befehl und hatten zu Hause Frauen, die ihre braunen Hemden bügelten. Der Neue Antisemitismus kommt von unten, von aggressiven Schlägern mit einer Gewaltbereitschaft, die auf Juden ausgerichtet, aber nicht auf sie beschränkt ist."

Weitere Artikel: Christian Wulff bekennt sich zum Bundesmachtverzicht - Kurt Kister stellt die aktuellen links-, rechts- und durchdrehenden Deutungsversuche seiner Äußerungen vor und wagt dann, das Unfassbare zu denken: "Vielleicht ist es aber ganz einfach so: Wulff meint in diesem Fall, was er sagt." Sebastian Schoepp stellt das seit Jahren in Bau befindliche Museum für Artenvielfalt in Panama-Stadt vor, das Frank O. Gehry entworfen hat. Der Vatikan möchte, informiert Henning Klüver, zur globalen "Kulturelite" aufschließen - unter anderem durch Teilnahme an der nächsten Biennale in Venedig. Jörg Königsdorf berichtet über die Renaissance der LP bei den Hörern klassischer Musik. Susan Vahabzadeh legt dar, wie ein Dokumentarfilm über Roman Polanski zur Einstellung des in den USA seit Jahrzehnten anhängigen Verfahrens wegen Sex mit einer Minderjährigen führen könnte. Tobias Kniebe gratuliert dem Lustfilmer Paul Verhoeven zum Siebzigsten.

Besprochen werden die von der Künstlerin Collier Schorr kuratierte Ausstellung "Freeway Balconies" in der Deutschen Guggenheim Berlin und Bücher, darunter Patricia Görgs Roman "Meier mit Y" sowie Fritz von Herzmanovskys Roman "Scoglio Pomo oder Rout am Fliegenden Holländer" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).