Heute in den Feuilletons

18-mal das hohe C

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.04.2008. In Großanzeigen in den Zeitungen wirft die kulturindustrielle Fraktion ihre liberalen Prinzipien über Bord. Schließlich geht es um ihr geistiges Eigentum. Die Blogs antworten schon: "Hören Sie endlich auf, sich in Ihrer beknackten Opferrolle heimisch zu fühlen." Die taz feiert Alexander Kluge, der zusammen mit Kollegen Karl Marx' "Kapital" verfilmen will. Die NZZ gratuliert Google zum Zehnten und findet es ganz schön unheimlich. Die Welt plädiert für den Komponisten Walter Braunfels, der in Berlin wiederentdeckt wird. Außerdem tötet sie Löwen, zu Recht.

TAZ, 25.04.2008

Für recht und billig hält es Cristina Nord auf den vorderen Seiten, dass Filmemacher Alexander Kluge heute abend den Ehrenpreis "für besondere Verdienste um den deutschen Film" der Filmakademie erhält (Begründung). Kluge ruht auch auf den neuerlichen Lorbeeren nur kurz und plant, bald Karl Marx' "Das Kapital" zu verfilmen. "Sergej Eisenstein, der sowjetische Filmpionier, hatte vor 80 Jahren dieselbe Idee. Wo er scheiterte, wollen sich nun Tom Tykwer, Durs Grünbein, Peter Sloterdijk, Alexander Kluge und andere zusammentun, um eine 420-minütige Filmfassung des dreibändigen Werks zu erstellen. Arbeitstitel: 'Nachrichten aus der ideologischen Antike.' Antike deshalb, weil Marx, sagt Kluge, 'einer fernen Zeit' angehöre. Gleichwohl sei er unverrückbar wie ein Gestirn und deshalb Orientierungspunkt für die Navigation in der modernen Welt."

Im Feuilleton verfolgt Ralph Bollmann die Rede des SPD-Mitglieds und Historikers Heinrich August Winkler bei der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Julin Weber erfährt von Larry Gold, warum er zusammen mit seinem Schwager Daniel Felsenfeld die "Dresden Soul Symphony" komponiert hat, die am Wochenende ihre Uraufführung erlebt. Besprochen werden ein Konzert von drei amerikanischen New-Soul-Sängern in Dresden, komplett mit Orchester des MDR und Kinderchor, und ein Auftritt des "Protopunks" Vic Godard und seiner Band Subway Sect in Hamburg.

Und Tom.

Welt, 25.04.2008

Während sich bei der Keulung von Millionen von Hühnern seltsamerweise kein Tierschützer regte, musste sich nun ein Zoodirektor wegen der Tötung von ein paar Löwenbabys rechtfertigen, die in Zoos nun mal nicht immer unvermeidlich ist, meint Cord Riechelmann. Alles eine Folge der Knutolatrie: "Das heißt natürlich nichts Gutes. Es bedeutet, dass es ab jetzt auch im Zoo nicht mehr um die Verbesserung der Haltung und die Erleichterung der Lebensbedingungen von realen Tieren geht, sondern nur noch um Bestseller oder Scoops."

Thomas Vitzthum bricht eine Lanze für den Komponisten Walter Braunfels, der unter den Nazis zum Schweigen verdammt war und nach dem Krieg als gemäßigt Moderner abgetan wurde - erst jetzt wird seine "Johanna von Orleans" an der Deutschen Oper Berlin aufgeführt: "Die Folgen der Dogmen der Neuen Musik der Nachkriegszeit sind bis heute spürbar. Die Auseinandersetzung mit der meisten Musik zwischen 1910 und 1930 fand zu lange nicht statt. Wird heute etwas von diesem Erbe gespielt, dann klebt immer noch das Etikett 'als entartetet verboten' daran. Bei den großen bildenden Künstlern oder Literaten kommt niemand mehr nur darauf, dass sie einmal verfemt wurden. Sie wurden sofort nach dem Krieg rehabilitiert und rezipiert. Bei den Komponisten war das anders."

Weitere Artikel: Vor der deutschen Filmpreisvrleihung fragt Peter Zander einige deutsche Regisseure, was sie von der Filmakademie halten. Sven Felix Kellerhoff befürwortet eine wissenschaftliche Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf". Uta Baier gratuliert Cy Twombly zum Achtzigsten Tilman Krause berichtet von einer Lesung Ulla Berkewicz' in Berlin, die von Christa Wolf eingeleitet wurde.

Besprochen werden die Ausstellung "Gründerzeiten" im Deutschen Historischen Museum, Wilfried Minks' "Meinschenfeind"-Inszenierung in Hannover und eine Ausstellung mit Fotografien Andre Zuccas aus dem Paris der Besatzungszeit in Paris, die in Paris umstritten ist, weil Zucca ein Propagandafotograf der Nazis war.

FR, 25.04.2008

Peter Iden hat sich im Karlsruher ZKM die Ausstellung "Rom - offene Malerei" angesehen, die sich der italienischen Kunst in ihren Aufbruchsjahren widmet: "Zu spüren ist er noch, der alte, radikale Schneid und der verführerische Schwung. Und ist doch sehr vergangen." Hans-Klaus Jungheinrich liefert Eindrücke von der Münchner Musiktheater-Biennale. Tim Gorbauch unterhält sich mit dem Regisseur Axel Weidauer über Leos Janaceks Oper "Die Ausflüge des Herrn Broucek". In Times Mager begutachtet Christian Thomas das Fünf-Punkte-Programm an, mit dem Albert Speer Frankfurt zur "Adresse für den Weltbürger" machen will.

Auf der Medien sinniert Jan Freitag über die Stern-Affäre um die "Hitler-Tagebücher" vor 25 Jahren nach, die Ursachen (Privatfernsehen) und ihre Folgen ("Selbst die FAZ hat nun ein Farbbild auf Seite 1").

Besprochen werden eine Schau des 68er-Fotografen Michael Ruetz in der Berliner Akademie der Künste, ein Tanzstück von Wanda Golonka und Alvin Curran bei den Frankfurter Positionen und Igor Stiks Roman "Die Archive der Nacht" (siehe auch unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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NZZ, 25.04.2008

"Es soll Leute geben, die glauben, Google hätte das Internet erfunden", schreibt Heribert Seifert auf der Medienseite zum zehnjährigen Bestehen des Datenkraken. Und auch wenn er Google nicht so schlimm findet, wie es Gerald Reischl in seinem Buch "Die Google-Falle" darstellt, würde er einige Konkurrenten begrüßen. "Google ist längst mehr als eine Suchmaschine, Google ist ein Medienunternehmen. Ein Medienunternehmen, das die wichtigsten Positionen, die es in einem solchen Haus üblicherweise zu besetzen gibt - Redaktoren und Anzeigenverkäufer -, abgeschafft hat. Google verschenkt Inhalte, die andere erarbeitet haben, und vermittelt die so gewonnene Aufmerksamkeit der Internetnutzer im Rahmen eines vollständig automatisierten Verkaufsprozesses an Inserenten."

Weiteres: Vom Europäischen Zeitungskongress in Wien meldet "ras" einen Trend zur Verbildlichung von Informationen und die Kür einer neuen "Schönheitskönigin unter den Lokalblättern": "Sie heißt 'Mayo News', erscheint in einer Auflage von 10 800 Exemplaren und beschäftigt nur 12 Journalisten, aber 6 Fotografen und 8 Layouter."

Im Feuilleton berichtet Alexandra Stäheli vom Dokumentarfilm-Festival Visions du reel in Nyon. Der Philosoph Michael Hampe denkt über den gestiegenen Bedarf an Ratgeberliteratur nach und die zunehmende Verwissenschaftlichung des alltäglichen Lebens. Richard Wagner schreibt zum Tod der rumänischen Regimekritikerin Monica Lovinescu.

Besprochen werden eine Ausstellung zu Raili und Reima Pietilä im Architekturmuseum von Helsinki, Madonnas neues Album "Hard Candy" (über das Jürg Zbinden verhalten urteilt: "Die Songs sind unterschiedlich, aber kaum gemeingefährlich, das heißt kariös süß.") und das Album "Third" von Portishead.

SZ, 25.04.2008

Der Bundesverband der deutschen Musikindustrie hat in der SZ (auch in der FAZ und der taz) eine Anzeige gebucht. In Form eines Offenen Briefs (Wortlaut), den die Creme de la Creme des deutschen Kulturschaffens unterschrieben hat - von 2raumwohnung über Fatih Akin bis zu Tokio Hotel und Wolfgang Rihm - fordert man die "sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin" auf, den Schutz des geistigen Eigentums im Internet zu verteidigen. "Frankreich und England gehen hier mit beispielhaften Initiativen voran. Dort sind Internetprovider sowie die Musik- und Filmindustrie aufgefordert, unter staatlicher Aufsicht gemeinsam mit Verbraucher- und Datenschützern Verfahren zum fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligten zu entwickeln. Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin: wir wissen, dass auf einem solchen Weg viele politische und rechtliche Hürden zu überwinden sind. Deshalb bitten wir Sie: Nehmen Sie sich dieses Themas an und machen es zur Chefsache."

(Wie man sich einen "fairen Ausgleich" vorstellt, beschrieb kürzlich Konrad Lischka im Spiegel anlässlich der französischen Maßnahmen: "Wenn ein Franzose zu viele Daten aus dem Internet saugt oder hochlädt, kommt er unter besondere Beobachtung: Internetprovider sollen auffällige Kunden einer neuen Behörde melden. Die überprüft, ob die Intensiv-Surfer Raubkopien tauschen. Entdeckt die Urheberrechtsaufsicht solches Material, bekommt der Nutzer eine Warnung per E-Mail. Und wenn jemand zum dritten Mal erwischt wird, klemmt der Internetprovider den Zugang ab." Auch die Briten planen ähnliches, berichtete heise.)

Ijoma Mangold war beim ersten Kultursalon der CDU/CSU-Fraktion im Reichstag, wo es recht lebhaft zuging: "Die Kanzlerin hatte in einem orangenen Designersessel vor der Bühne mit den zwei Bechsteins Platz genommen, während die Sessel daneben abwechselnd von Hannelore Elsner, Mario Adorf, Senta Berger, Elmar Wepper, Hannah Herzsprung und Nadja Uhl besetzt wurden. Die Filmstars saßen eine Handbreit hinter der Kanzlerin und flüsterten ihr so über die Schulter ins Ohr, während sie huldvoll lächelnd sich zurücklehnte und mit ihrer Hand hin und wieder die Schultern der Stars berührte."

Weitere Artikel: An der New Yorker Met sang der Tenor Juan Diego Florez 18-mal das hohe C, meldet Reinhard J. Brembeck: Florez wiederholte auf der Bühne die Arie aus Donizettis "Regimentstochter" (kann man bei youtube hören). Helmut Böttiger kritisiert die jüngsten politischen Romane von Dirk Kurbjuweit, Georg M. Oswald, Bernhard Schlink und Michael Kumpfmüller: Sie hätten kein Bewusstsein "für den Zusammenhang zwischen Stoff und Form". Arne Perras berichtet über einen Streik südafrikanischer Dockarbeiter, die sich weigerten eine Waffenlieferung Chinas an Simbabwes Machthaber Robert Mugabe zu entladen. Caroline von Lotzow betreibt Madonna-Exegese und kommt ganz am Ende ihres Artikels noch auf die neue CD "Hard Candy" zu sprechen, mit dem Madonna zu ihren "Wurzeln" zurückkehre (kann man hier überprüfen). Für Tobias Kniebe sind Doris Dörrie und Fatih Akin die Favoriten beim Deutschen Filmpreis 2008. Der Schriftsteller Claudio Magris befürchtet im Interview, dass die Regierung Berlusconis versuchen wird, den "Tag der Befreiung", den Italien am 25. April feiert, abzuwerten und damit den Faschismus zu rehabilitieren. Till Briegleb war bei einer Hamburger Tagung über "Geistliche in Machtpositionen und als Machtberater". Paul Katzenberger stellt den Philipp Parker vor, der auch für 86.000 Bücher als Autor verantwortlich zeichnet. Jens Hacke hörte Heinrich August Winklers "Berliner Rede zur Freiheit" in der Friedrich-Naumann-Stiftung. Joseph Hanimann berichtet von einer Diskussion der französischen Literaturbranche über die Zukunft des Buchs: Anlass war der Verkauf des Verlagskonglomerats Editis an die spanische Verlagsgruppe Planeta.

Auf der Medienseite erinnert Willi Winkler an den Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher.

Besprochen werden Carola Bauckholts Musiktheaterstück "Hellhörig" bei der Münchener Biennale, eine Aufführung von John Neumeiers Choreografie "Othello" in Stuttgart, die Ausstellung "Vanity Fair Portraits" in der Londoner National Portrait Gallery, Adnan G. Köses Film "Lauf um dein Leben", die Aufführungen von Monique Schwitters "Himmels- W" in Luzern und Sabine Harbekes "Mundschutz" in Basel (Simone Meier ist "als Frau, Zürcherin, Teilzeitfeministin und Theaterfan" äußerst zufrieden) und Bücher, darunter Detlef Kuhlbordts Feuilletons "Morgens leicht, später laut." (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Aus den Blogs, 25.04.2008

Nerdcore antwortet schon auf den Offenen Brief der kulturindustriellen Fraktion: "Liebe Musikindustrie! Restlos alle ihre Bemühungen, Internet-Piraterie zu unterbinden sind gescheitert und werden weiterhin scheitern. Hören Sie endlich auf, sich in Ihrer beknackten Opferrolle heimisch zu fühlen und gleichzeitig zu behaupten, die Zahlen der P2P-Nutzer würde sinken. Denn es stimmt nicht. "

FAZ, 25.04.2008

Brita Sachs unterhält sich mit der Künstlerin Sarah Morris, die gerade einen Film über die Olympischen Spiele in Peking vorbereitet, und feststellt: "Wenn man ein klares Bild vom 'Vogelnest', also vom Stadion, haben will, muss man, wegen der Luftverschmutzung, beispielsweise den 'Photoshop' benutzen."

Weitere Artikel: Patrick Bahners erläutert die juristischen Feinheiten rund um den Bayreuther Stiftungsrat und die Wagner-Nachfolge. Der Sprachwissenschaftler Helmut Glück plädiert für die Treue deutsche Wissenschaftler zur deutschen Wissenschaftssprache. In der Glosse beklagt Dieter Bartetzko die Tendenz der Museen, ihre Kunst zu verleihen, wenn nur die Kasse stimmt. Von der Rebellion gegen eine Straßenbegradigung im Bayerischen Wald berichtet Reinhard Wandtner. Claudia Piancatelli weiß Neues über die Fledermaus: zum Beispiel, dass sie eher mit Walen als mit Mäusen verwandt ist. Abgedruckt wird Klaus Theweleits Nachwort zu Jonathan Littells Essay über Leon Degrelle, das real existierende Vorbild zu seinem fiktiven Protagonisten Max Aue. Jordan Mejias hat in Stanford eine von FAZ-Autor Hans-Ulrich Gumbrecht veranstaltete Tagung zum Thema "Sport total" besucht. Niklas Maak gratuliert dem Maler Cy Twombly zum Achtzigsten. Die von ihm seit Wochen betriebene Auseinandersetzung mit den Online-Expansionswünschen der Öffentlich-Rechtlichen darf Michael Hanfeld heute auf der ersten Seite fortsetzen.

Besprochen werden eine Pariser Ausstellung mit Fotografien aus der Zeit der deutschen Besatzung, die zur Empörung vieler Franzosen kaum etwas von deren finsteren Seiten zeigt, die Ausstellung "Gründerzeit 1848 - 1871" im Deutschen Historischen Museum, der deutsche Expo-Pavillon für Schanghai, ein Turiner Doppelabend mit gleich drei Inszenierungen von Stücken des französischen Autors Alfred de Musset, Eric Guirados Film "Der fliegende Händler" und Bücher, darunter Stieg Larssons Kriminalroman "Vergebung" und Alexander Kisslers Religionskritiker-Kritik "Der aufgeklärte Gott" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).