Michael Kumpfmüller

Nachricht an alle

Roman
Cover: Nachricht an alle
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2008
ISBN 9783462039672
Gebunden, 382 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

"Wir stürzen ab, betet für mich" - diese SMS erhält ein Vater von seiner Tochter mitten in der Nacht, in einem Hotelzimmer in Nordamerika. Was wie ein grausamer Scherz klingt, erweist sich als der modernste aller Albträume: Selbst aus todgeweihten Flugzeugen können wir noch Nachrichten empfangen, Nachrichten an alle. Mit diesem Donnerschlag beginnt Michael Kumpfmüllers Roman, der die Politik zurück in die deutsche Literatur bringt. Denn der Vater, der diese Nachricht bekommt, ist Innenminister eines westeuropäischen Landes, das gerade in eine schwere Krise stürzt. Streiks, soziale Unruhen und diffuse terroristische Bedrohungen lassen Minister Selden keine Zeit für Trauer. In "Nachricht an alle" treibt Michael Kumpfmüller eine Sonde durch die Schichten unserer westlichen Demokratien. Nicht nur Seldens privates und politisches Schicksal interessieren ihn, sondern die monströsen Mechanismen innerer Sicherheit, die gegenseitige Durchdringung von privater und öffentlicher Sphäre.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.04.2008

Als recht gelungene Beschreibung des Zustand der Politik, die sich selbst stets als Zentrum, die Welt und die Gesellschaft jedoch nur noch als Staffage begreifen würde, empfand Rezensent Roman Bucheli diesen Roman, der ihm gleichzeitig ein recht anschauliches Szenario für das viel beschworene "Ende der Politik" geboten hat. Auch technisch überzeugt ihn das Buch mit seinem geschickt konstruierten "vielstimmigen und vielschichtigen" Erzählbogen, aus dem er vor allem das Motiv der Ohnmacht immer "drückender" hervortreten sieht. Allerdings hätte er sich mitunter ein wenig analytische Tiefenschärfe gewünscht. Nicht nur die subtile Draufsicht auf die Verhältnisse, sondern sozusagen auch ihre Durchdringung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.03.2008

Michael Kumpfmüllers Roman "Nachricht an alle" hat Rezensent Martin Lüdke nicht wirklich überzeugt. Das Vorhaben, die Politik in die Literatur zurück zu holen, kann er zwar nur begrüßen. Aber so einfach scheint ihm das heute nicht mehr. Er erinnert an Wolfgang Koeppens Roman "Das Treibhaus" von 1953, dem dies noch vorbildlich gelungen ist. An Kumpfmüllers Roman schätzt er zwar den dramatischen Auftakt und den spannenden Stoff, der für mehrere Thriller gereicht hätte. Aber zu seinem Bedauern bleiben die Figuren weitgehend konturlos, die Sprache des politischen Hardliners und Innenministers Selden formelhaft. Lüdke weiß die Absicht des Autors zu schätzen, hält es aber nicht für verwunderlich, dass der Plan nicht aufgeht. Die Durchdringung von privater und öffentlicher Sphäre lassen sich zwar an der Ehekrise des Ministers sichtbar machen, erklärt er, aber die Erkenntnis, auch Politiker seien Menschen, bleibe trivial. Das Grundproblem liegt seines Erachtens im Nicht-Anschaulichen des Politischen, das den Autor vor die Wahl stellt: Trivialliteratur oder Abstraktion. Dass sich Kumpfmüller für die zweite Möglichkeit entschieden hat, spricht nach Lüdke für den Autor, aber gegen das Buch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2008

Martin Halter hat keinen wirklichen Verriss dieses Romans geschrieben, sichtlich unzufrieden ist er aber doch. Michael Kumpfmüllers Absicht sei es gewesen, einen Roman zu verfassen, der deutlich macht, wie ein Politiker von heute tickt. Genau das aber ist ihm, so Halter, mit der Figur des Innenministers Selden nicht gelungen. Zusammengesetzt ist er aus diversen real existierenden Politikern, von Nicholas Sarkozy bis Oskar Lafontaine, nur leider "bleibt er", bedauert der Rezensent, "so unfassbar diffus, dass er nicht mal beim Sex weiß, ob er drinnen oder draußen ist". Halter ist sich nicht sicher, ob das nicht sogar eine realistische Beschreibung der Politik ist in Zeiten, in denen sie zu einem vor sich hin prozessierenden, nur noch in medialen Vermittlungen fassbaren System geworden ist. Ein Roman sollte jedoch seiner Ansicht nach mehr zu bieten haben.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.03.2008

Ijoma Mangold muss alle enttäuschen, die auf den großen politischen Zeitroman gewartet haben. Michel Kumpfmüllers Roman ist es nicht. Kumpfmüller habe versucht, mit den Mitteln des Romans mehr über die Politiker, ihr Leben und ihren Antrieb herauszufinden. Er scheitert nach Ansicht von Mangold deshalb, weil er auf die Komplexität der Wirklichkeit mit einer "Stoffhuberei der Totalität" antwortet. Kumpfmüller packt in seine 384 Seiten also alles rein, was in den vergangenen zehn Jahren aus der Politik gemeldet wurde. Da wird aber kein Schuh draus, und schon gar kein Roman, wie Mangold bemängelt, der die an Ereignissen überreiche Handlung selbst ausführlich schildert, um das Zuviel zu demonstrieren, dem Kumpfmüller hier verfällt. Formlos werde das Ganze, von Dramaturgie keine Spur. Und die Haltung, dass alles irgendwie zusammenhängt, direkte Kausalitäten aber wegen der Komplexität nicht mehr auszumachen sind, die macht Mangold richtig depressiv. Und verärgert. Weil es im Gegenzug keine Erkenntnis gibt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.03.2008

Das hätte ein großer Wurf werden können, schreibt Rezensent Jochen Jung enttäuscht. Hätte - denn es bleibt für ihn beim Konjunktiv. Michael Kumpfmüllers Buch kumuliert aus Sicht des Rezensenten lediglich Interessantes aus einem Politikerleben, es gelingt ihm aber nicht, aus seinem zweifellos spannenden Stoff einen politischen Roman zu machen. Es gehe um einen Minister, seine Affären, seine zerbrechende Ehe und eine Tochter, die mit dem Flugzeug abzustürzen droht. Getrieben sei die "Personage", mit der Kumpfmüller aus Sicht des Rezensenten einen Aufwand "von geradezu Shakespeare'schen Dimensionen" betreibe, von "ziellosem Aktionismus", allerlei Psychotischem und der dräuenden Ahnung, dass "etwas faul im Staate" sei. Doch über diese, für Jung dann doch etwas vage Erkenntnis komme das Buch nicht hinaus und bleibe deswegen nur ein Roman über einen Politiker. Für mehr hätte Kumpfmüller aus Sicht des Rezensenten die "Leistungsgrenze", die faktengestützes, journalistisches Schreiben vom Literarischen trennt, überwinden müssen.
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