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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.05.2006. "Freud ist tot. Es lebt", verkündet die taz und auch alle anderen Zeitungen begehen ausgiebig seinen 150. Geburtstag. Die FAZ kolportiert, dass sich ein Mordkommando nach Dänemark aufgemacht hat, um die Mohammed-Karikaturisten zu töten. SZ und NZZ befassen sich mit den neuesten Debatten um Peter Handke und seinen Serbien-Feldzug. Der NZZ graut es außerdem vor der Kulturpolitik der Hamas, die zuallererst den Bauchtanz verbieten will. In der FR tritt Klaus Staeck den Kampf gegen die geistige und ästhetische Verrohung des Landes an.

FR, 06.05.2006

Im Interview äußert sich Klaus Staeck, der neue Präsident der Akademie der Künste, zu Zielen und Wünschen im neuen Amt: "Wir werden keine ästhetischen Leitlinien für die Gesellschaft erarbeiten können. Aber wir werden auf ästhetische Dimensionen hinweisen. Eine Gesellschaft, die nicht mehr begreift, dass man um das großartige Mahnmal von Micha Ullmann auf dem Bebelplatz in Berlin, diese unterirdische Bibliothek, keine Buddy-Bären herum aufstellen kann, wird sich unsere Stimme gefallen lassen müssen. Im Übrigen geht es ja nicht nur um ästhetische Fragen. Es geht auch um Verrohung. Und die geistige Verrohung ist mitunter viel schwerer auszuhalten als die alltägliche, der wir in der einen oder anderenn Schule oder an einer Tankstelle in Brandenburg begegnen."

Marcia Pally schreibt die Erkenntnisse nieder, die sie auf dem New Yorker PEN-Festival "World Voices" gewonnen hat, auf dem auch unsere englischsprachige Schwesterseite signandsight kulturbildend vertreten war. "Auf den deutschen Partys gibt es besseren Wein als auf den ungarischen, aber bei den Ungarn sind Musik und Tanz besser. Die Unterweisung durch die angesehenen Schriftsteller - Hans Magnus Enzensberger, Salman Rushdie, Felicitas Hoppe, Huang Xiang, David Grossman, Amartya Sen, Necla Kelek neben Hunderten mehr - lehrte mich Folgendes: Dass erstens Podiumsdiskussionen über Revolution geistreich, bewegend, erbittert oder bürokratisch sein können, niemals aber praktisch. Nach Hunderten von Diskussionen weiß ich noch immer nicht, wie man eine am besten anzettelt."

Weitere Artikel: In ihrer "Plat du Jour"-Kolumne kommentiert Martina Meister die französische Clearstream-Affäre als "Geschichte von seltsamen Vögeln". Petra Kohse stellt das Dolmusch-Projekt des Berliner HAU-Theaters vor, bei dem Leute für wenig Geld durch Kreuzberg chauffiert werden.

Besprochen werden eine Ausstellung von Marjetica Potrc und Tomas Saraceno in der Frankfurter Kunsthalle, Scott Walkers neues Album "Drift", ein "prima" Konzert mit Blumfeld und eine Ausstellung über die Geschichte der Fußballreportage in Frankfurt.

TAZ, 06.05.2006

Cord Riechelmann rückt mit Hilfe von schön langen Michel-Foucault-Zitaten ein paar "Mythen in den Bevölkerungsdebatten" zurecht und fordert eine "Entsakralisierung" des Raumes": "Entsakralisierung des Raumes heißt auch, ihn ohne seine darwinistischen Knappheitsschlacken zu denken, die allesamt den 'staatlichen Rationalismen' (Jacques Derrida) des 19. Jahrhunderts entstammen - Rationalismen, die ihre Operationen auf den Staat beziehen; und den Staat kann man nur in Abgrenzung zu einem anderen Staat denken. Den Rationalismus des planetarischen Raumes gibt es (noch) nicht. Möglicherweise wird man auf ihn warten müssen, bevor man Demografen wirklich glauben kann."

Weitere Artikel: Harald Fricke war dabei, als sich die All-Girl-Band The Slits nach 25 Jahren zur Reunion in Berlin traf. Robert Misik findet: "Es gibt eher zu viele Werte." Rolf Lautenschläger hat aus einer Ausstellung zur Geschichte des Berliner Olympiastadions und Reichssportfeldes wenig gelernt.

Besprochen werden die neue Platte "Drift" des enigmatischen Scott Walker und Benoit Delpines und Gustave Keverns Film "Aaltra".

Im Interview mit der taz zwei spricht der Schauspiel-Shooting-Star der Saison, Katharina Schüttler unter anderem darüber, wie es ist, der Schauspiel-Shooting-Star der Saison zu sein: "Es ist schade. Oft passieren einem so tolle Dinge, und in dem Moment hat man gar nicht das Bewusstsein dafür. Und im Nachhinein denkt man sich: Wie blöd war ich eigentlich, dass ich das nicht viel mehr genossen habe?"

Natalie Tenberg stellt die "Achse des Unkaufbaren" (Lidl, Schlecker ...) vor und heißt die Fluggesellschaft Air Berlin nun endgültig auf der Liste der boykottierenswerten Unternehmen willkommen. Kirsten Reinhardt droht: "Der Clog kommt wieder."

"Freud ist tot. Es lebt" verkündet die Titelseite des taz mag. Also alles Freud heute. In die Berggasse 19 in Wien ist Jan Feddersen gepilgert: "Heute befindet sich im Haus von Sigmund Freud ein Museum: ein Besuch enttäuscht immer ein wenig, denn erstens ist Freud nicht mehr da, zweitens aber fehlt es an der Couch, auf der die Patienten zu liegen kamen - aber die findet sich in London, dem Exil der Familie Sigmund Freuds." Markus Völker hat in Zürich Paul Parin besucht, den Mitbegründer der Ethnopsychoanalyse. Reinhard Krause schreibt über die Psychoanalyse im Film.

Auch bei den Rezensionen geht es ziemlich psychoanalytisch zu: Besprochen werden in einer Sammelrezension Bücher und ein Aufsatz zur Wissenschaftsgeschichte der Psychoanalyse, dazu Eli Zaretzkys Bilanz "Freuds Jahrhundert", Iris Hanikas und Edith Seiferts Psychoanalyse-Hommage "Die Wette auf das Unbewusste". Dann aber noch literaturkritischer Normalbetrieb mit einer Rezension zu einem neuen Roman "Letzte Geschichten" (hier eine Leseprobe) und neuen Erzählungen der Polin Olga Tokarczuk und der dritten Lieferung zu "Büchern über Fußball" (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 06.05.2006

"Angesichts des realen Horrors, um den es in dieser Auseinandersetzung letztlich geht, gibt es auch für Übertreibungskunst Geschmacksgrenzen" befindet Andreas Breitenstein zur neuen Kontroverse über Peter Handkes Serbien-Verklärung, die Absetzung seines Stückes "Das Spiel vom Fragen" und die Zensur-Vorwürfe. Elfriede Jelinek hatte gar von einem Verbrechen gesprochen. Allerdings meint Breitenstein auch: "Man wird den Eindruck nicht los, dass Handke mit seinem Serbien-Feldzug am Ende kein politisches, sondern ein privatmythologisch literarisches Projekt verfolgt. Das Heil, das der Dichter enthüllend zu verhüllen versteht, glaubt der Intellektuelle in Serbien gefunden zu haben. Die Folgen sind prekär, denn wer seine Poetik politisch instrumentalisiert, läuft Gefahr, sie ästhetisch zu beschädigen."

Der neue palästinensische Kulturminister Atallah Abu as-Sabah von der Hamas scheint die düstersten Erwartungen zu erfüllen, wie Fakhri Saleh informiert. Bisher "konzentrieren sich as-Sabahs Anstrengungen auf ein Verbot des Bauchtanzes, auf die Segregation von Frauen und Männern in Kulturstätten und öffentlichen Lokalen und darauf, dem seiner Ansicht nach 'grassierenden Hang zur Entblößung' einen Riegel zu schieben."

Weiteres: Samuel Herzog schreibt einen Nachruf auf den niederländischen Maler Karel Appel. Besprochen wird die große Retrospektive zu Caspar David Friedrich im Folkwang Museum in Essen.

Die Beilage Literatur und Kunst ist ganz Sigmund Freud gewidmet, der heute vor hundertfünfzig Jahren geboren wurde. Reimut Reiche erkundet den gegenwärtigen Stand der Psychoanalyse. Stefana Sabin widmet sich Freuds Verdienste um die Literatur. Ludger Lütkehaus preist Freuds Witz in Theorie und Praxis und gibt eine Kostprobe von Freuds Humor: "'Mir geht', schreibt er in seinem Brief vom 13. August 1937 an Marie Bonaparte, 'ein advertisement im Kopf herum, das ich für das kühnste und gelungenste Stück amerikanischer Reklame halte: Why live, if you can be buried for ten dollars?'"
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SZ, 06.05.2006

Die Comedie Francaise hat Peter Handkes Stück "Das Spiel vom Fragen" vom Spielplan genommen, der Milosevic-freundlichen Aussagen des Dichters wegen. In Le Monde hat sich Handke verteidigt, Johannes Willms übersetzt und referiert: "Seine Anwesenheit bei der Beerdigung von Milosevic rechtfertigte Handke mit den Worten, die er bei dieser Gelegenheit wirklich gesagt haben will: 'Die Welt, die vermeintliche Welt, weiß alles über Slobodan Milosevic. Die vermeintliche Welt kennt die Wahrheit. Eben deshalb ist die vermeintliche Welt heute nicht anwesend, und nicht nur heute und hier. Ich kenne die Wahrheit auch nicht. Aber ich schaue. Ich begreife. Ich empfinde. Ich erinnere mich. Ich frage. Eben deshalb bin ich heute hier zugegen." Na, dann ist ja alles gut.

Weitere Artikel: Im Interview sprechen die Pet Shop Boys über ihr neues Album "Fundamental": "Es mag sein, dass die politische Dimension in 'Fundamental' klarer ist als bei früheren Alben." Jörg Häntzschel hat sich auf den "beglückenden" Fußweg durch das neue, vom UN-Studio entworfene Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart (Website) gemacht. Sonja Zekri klärt über die moralischen Probleme mit dem derzeit viel diskutierten Judas-Evangelium auf - es sind allerdings solche archäologischer Beschaffungskriminalität. Den Nachruf auf den niederländischen Maler Karel Appel hat Gottfried Knapp verfasst.

Zwei ganze Seiten sind zu seinem 150. Geburtstag Sigmund Freud gewidmet. Burkhard Müller beschreibt die "hydraulische Welt" der Psychoanalyse. Was von der Psychoanalyse bleiben wird, vermutet der Kulturwissenschaftler Thomas Macho, ist die "Kunst des richtigen Zuhörens". Thomas Steinfeld stellt Freud neben einen anderen Hörer des Neuropathologen Jean-Marie Charcot: Guy de Maupassant. Zum Thema "Freud und die Industrie" schreibt Lothar Müller. Volker Breidecker hat die Ausstellung "Die Couch. Vom Denken und Liegen" im Freud Museum Wien besucht. Auf der Wissen-Seite spricht der Medizinnobelpreisträger Ernst Kandel über die (fehlenden) naturwissenschaftlichen Fundamente der Psychoanalyse. Eine Rezension gibt es zum vollständigen Katalog von Freuds Bibliothek (dazu dann mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Besprochen werden die Londoner Uraufführung von Simon Stephens' Irak-Drama "Motortown", Romuald Karmakars Film "Hamburger Lektionen", der beim Münchner Dokumentarfilmfestival zu sehen ist, der kanadische Film "Sabah", der Auslands-Oscar-Gewinner "Tsotsi" und eine Ausstellung des nunmehrigen Präsidenten der Akademie der Künste Klaus Staeck in Chemnitz.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende beklagt Heribert Prantl das Versagen der Politik angesichts zunehmender Ausländerfeindlichkeit: "So ist der Kampf gegen den Rechtsextremismus in Deutschland eine politische Saisonarbeit. Diese Saison dauert jeweils nicht lange. Sie beginnt damit, dass ein Ausländer ganz oder halb erschlagen wird, oder auch damit, dass eine braune Partei bei Wahlen Erfolg hat und in ein Parlament einzieht. Dann weint und warnt die deutsche Politik, streut sich Asche aufs Haupt, beklagt ihre Defizite, mahnt zur Wachsamkeit und beschwört sich und die Wähler, aufzupassen... Aber dann ist wieder Alltag."

Weitere Artikel: Tanja Schwarzenbach berichtet von einer "Gated Community" besonderer Art: In der geschlossenen Gesellschaft von Wilton Manors in Florida sollen nur Schwule leben. Birgit Ackermann porträtiert das auch in München ansässige japanische Kaufhaus Muji. Von Deutschen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein neues Leben im Kaukasus begannen, erzählt Manfred Hummel. In der Reihe "Es war einmal" erinnert Willi Winkler an habsburgische Thronfolgeprobleme, an denen die Familie Fugger gut verdiente. Jochen Jung besichtigt die Schweiz, die ihm wie "etwas Tirol mit einem ordentlichen Schuss Preußen" vorkommt. Der Fotograf Larry Sultan spricht im Interview über seine jungsten Zyklus "The Valley" über die Porno-Industrie des San Fernando ValleyEs gibt hier zwei Arten von Pornografie: die des Sex und die des Designs. Ich möchte beide verschmelzen."

Berliner Zeitung, 06.05.2006

Ebenfalls zu Freuds Geburtstag würdigt Harald Jähner dessen Verdienst, "das Triebleben im Zusammenspiel mit seiner Verdrängung als Quell unserer schönsten Zivilisationsleistungen zu erkennen". Nur was ist draus geworden? "Die sexuellen Praktiken, die zu Freuds Zeiten auch einem Fachpublikum nur auf Lateinisch zugemutet werden konnten, werden heute im Fernsehen als Hintergrundgeplauder während des Nachmittagskaffees erörtert... Entspannt und ziemlich gelangweilt gehen wir mit der entgrenzten Sexualität um. Aus der anmutig steifen Sprache Freuds ist das Geplapper von Angelika Kallwass geworden, die bei Sat1 den Psychotalk moderiert. Für die blasierte Langeweile im Umgang mit der nimmermüden Libido steht stellvertretend für viele Sexualmelancholiker der Autor Michel Houellebecq ('Elementarteilchen'), der traurige Stilist einer entskandalisierten Swingersexualität."

Welt, 06.05.2006

Bettina Röhls Auseinandersetzung mit ihren Eltern Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl empfiehlt Reinhard Mohr in der Literarischen Welt als Standardwerk der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung. "Wer überhaupt Interesse an jüngster deutscher Zeitgeschichte hat, wird dieses Buch wie einen großen Familiengesellschaftsroman lesen, in dessen Zentrum nicht nur das Ehepaar Röhl/Meinhof und die abenteuerliche 'Konkret'-Story stehen, sondern auch die linksintellektuelle Szene der jungen Bundesrepublik und stalinistische FDJler, die 'Atomtod'-Bewegung und Mao Tse-tung, Kuba und die Toskana, Fidel Castro und Heinrich Lübke, der Ungarn-Aufstand und Mallorca, Sex und Revolution. Eine Achterbahnfahrt durch die fünfziger und sechziger Jahre, ein weiterer Beitrag zur Selbsthistorisierung der Bundesrepublik, der an die jüngsten Werke der Zeithistoriker Gerd Koenen und Wolfgang Kraushaar anknüpft. Ganz nebenbei ist es auch ein sachdienlicher Beitrag zur Irrtumsgeschichte der deutschen Linken."

Da sich keine schlagenden Gründe für den Mangel an weltbekannten deutschen Krimiautoren finden lassen, genießt Uwe Wittstock das Programm der 20. Criminale in Koblenz. "'Mord an Bord' lautet der Titel einer Lesung, wenn sie auf einem Rheinschiff stattfindet, 'Sport ist Mord' heißt sie im Fitness-Studio, 'Mörder in Weiß' im Krankenhaus, 'Tödliche Torten' im Cafe, 'Richter und Henker' im Gerichtssaal, 'Blutgrätsche' in der Sportschule, 'Der Tod steht ihr gut' im Modehaus und was dergleichen neckische Kombinationen mehr sind."

Abgedruckt wird außerdem ein Kapitel aus Manuel Brugs Buch über "Opernregisseure heute", in dem er die Wechselwirkung von Theater und Oper betrachtet. Peter Dittmar hat für das Feuilleton aus der Düsseldorfer Ausstellung zur spektakulären Museumsarchitektur der Gegenwart eine beruhigende Erkenntnis mitgenommen. "Ob Mario Botta, Tadao Ando, Jun Aoki oder Jean Nouvel - sie alle variieren die schöne eindrucksvolle Nutzlosigkeit der Rotunde in Schinkels Altem Museum in Berlin." Die neue Obergrenze für das New Yorker Denkmal zum 11. September 2001 liegt jetzt bei 500 Millionen Dollar, meldet Rainer Haubrich. Gerhard Charles Rump schreibt zum Tod des niederländischen Malers Karel Appel.

Besprochen werden eine Ausstellung über den 1956 enttarnten Spionagetunnel der CIA nach Ostberlin im Westberliner Alliertenmuseum, Nacho Duatos und Tomaz Pandurs von Wim Wenders "Engel über Berlin" inspirierte Choreografie "Alas" in Wolfsburg, Rene Polleschs Konsumstück "Wann kann ich endlich in einen Supermarkt gehn und kaufen was ich brauche allein mit meinem guten Aussehen?" im Schauspiel Stuttgart ("Noch hat er eine Fangemeinde, die ihm gern alles abkauft", schimpft Stefan Kister.).

FAZ, 06.05.2006

Heutzutage fühlen sich die Menschen in der Kultur eher wohl, schreibt Henning Ritter lakonisch im Aufmacher, der sich zum 150. Geburtstag von Sigmund Freud mit dessen Schrift über "Das Unbehagen in der Kultur" befasst: "Das Unbehagen, das Freud registrierte, bezog sich nicht auf einzelne kulturelle Züge, auf dieses oder jenes Element einer Kultur, sondern auf die Kulturanstrengung insgesamt, auf ihren Sinn und das Risiko ihres Misslingens. Seine Kulturerwartungen waren ganz und gar traditionelle: Das 'Unbehagen in der Kultur' ist vielleicht der letzte Traktat über das Glück. Nicht der Lustgewinn aus dem Höheren und Feineren, sondern das schiere Ertragenkönnen des Alltags ist sein Thema. Glücksverheißungen verbieten sich; wer immer sie verkündet, wäre in Freuds Augen ein Betrüger: 'Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben.'"

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld, dass sich nach Informationen des amerikanischen Journalisten Joseph Fahar ein zwölfköpfiges Mordkommando nach Dänemark aufgemacht haben soll, um die Mohammed-Karikaturisten zu töten: "Nachzulesen ist Farahs Information auf seiner Website G2 Bulletin. Demnach befinden sich die zwölf jungen Männer, ausgestattet mit iranischen und afghanischen Pässen, schon auf dem Weg nach Europa. Farah, dessen Website von Geheimdiensten als seriös bewertet wird, beruft sich auf einen pakistanischen Kollegen, der die Information von Taliban-Rebellen im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet erhalten haben will."

Weiteres: Dirk Schümer staunt über den Chic, den Papst Benedikt XVI. nicht nur mit seiner Hermelinkappe, sondern auch mit Adidas-Jacken und Baseballcaps unter Beweis stellt. "till" hat einen Flug von den Kanaren nach Frankfurt mit zwei Pilotinnen und einer Schar aufgeregter Schwaben überstanden. Patrick Bahners war bei einem Vortrag des amerikanischen Historikers Charles Maier über Imperien und die "Macht der Mächtigen". Gina Thomas berichtet von Daniel Barenboims Reith Lecture für die BBC. Jürgen Dollase umreißt in ersten Grundzügen eine Theorie des Kochens. Jürg Altwegg liest aktuelle französische Zeitschriften, darunter das offenbar recht interessante neue Magazin "Philosophie". Timo John beobachtet, dass jetzt auch in Stuttgart Baustellenbesichtigungen in Mode kommen. Michael Lentz gratuliert dem Dichter Franz Mon zum Achtzigsten. Swantje Karich schreibt zum Tod des Malers Karel Appel.

Auf den Seiten der früheren Tiefdruckbeilage rühmt Ingeborg Harms die Kunst des Literaturwissenschaftlers Peter von Matt, durch unmoralische Angebote zu verführen und floretthaft zuzustechen. Zu lesen ist auch ein Text von Bertelsmann-Gründer Reinhard Mohn zu Leistung und Führung.

Besprochen werden das Konzert der Sportfreunde Stiller in der Berliner Volksbühne, Ernst-Toch-Interpretationen des Ensembles Spectrum concerts in der Berliner Philharmonie, Boris Eifmans "Tschaikowsky"-Choreografie mit Vladimir Malakhov, auf der Plattenseite das Album "what the toll tells" der "unrettbar verlorenen" Two Gallants, das Tango-Album "Lunatico" des Gotan Projects, Aufnahmen von Nicolas Gomberts Motetten sowie vierhändige Schubert-Stücke von Evgenyi Kissin und James Levine. Und Bücher, darunter Helmut Lethens Gottfried-Benn-Buch "Der Sound der Väter", Magriet de Moors Roman "Sturmflut" und Joachim Lottmanns "Zombie Nation" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und in der Frankfurter Anthologie stellt Eckart Kleßmann Ludwig Greves Gedicht "Nach dem Regen" vor:

"Die Bäume, glückliche Traufen,
verharren im Dunkel, nass
glänzen die schuppigen Leiber und ihre
Kronen verlängern den Rausch
um Blätter, Blätter und Schatten..."