Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.09.2005. In der FR interpretiert der in Istanbul lebende Günter Seufert die Klage gegen Orhan Pamuk als ein Ränkespiel von Europagegnern im türkischen Staatsapparat. Ähnlich sieht es die Welt. Die NZZ fragt: Ist Google gut oder böse? Die taz empfiehlt Popmusik aus den Zeiten des Kalten Krieges. Allenthalben wird unter Anführung von Schriftstellerzitaten um New Orleans getrauert.

FR, 02.09.2005

Der in Istanbul lebende Schriftsteller Günter Seufert (mehr hier) interpretiert die Klage gegen Orhan Pamuk als ein Ränkespiel von Europagegnern im türkischen Staatsapparat: "Derlei Aktionen verweisen auf tiefe politische Risse im türkischen Staat, in Bürokratie, Militär und Justiz. In der Justiz stehen liberale Strömungen den alten, stramm kemalistisch ausgerichteten Kadern gegenüber, und im Militär muss der pro-EU eingestellte Generalstabschef Hilmi Özkök auf die Anti-EU-Stimmung der mittleren Ränge Rücksicht nehmen. Politische Spaltung herrscht auch in den verschiedenen Geheimdiensten, fünf an der Zahl, die sich bisher einer zentralen Koordination entziehen."

Weitere Artikel: In einem kleinen Essay mit dem Untertitel "Frau Merkel sitzt schon zu lange im Kanzleramt und Herr Kirchhof soll zurücktreten" erklärt Michael Rutschky, inwiefern die Berufung eines ehemaligen Verfassungsrichters mit klaren steuerpolitischen Vorstellungen und deren unverzügliche Zurückweisung "lehrreich" seien. Jamal Tuschik erinnert sich an die Anfänge der Frankfurter Romanfabrik, die es nun seit zwanzig Jahren gibt. Ernst Piper erinnert an die Kapitulation Japans heute vor 50 Jahren. Besprochen wird schließlich eine Ausstellung mit Arbeiten von Lucian Freud im Museo Correr in Venedig.

Welt, 02.09.2005

Boris Kalnoky berichtet aus Istanbul über die Klage gegen Orhan Pamuk: "Die große Frage ist nun, ob im Verfahren gegen Pamuk ein übereifriger konservativer Staatsanwalt als Einzelgänger vorprescht, um den besten geistigen Botschafter der liberaleren Türkei außer Gefecht zu setzen - oder ob dahinter Politiker die Fäden ziehen." Ein ungezeichneter Kommentar im Feuilleton beschwichtigt: "Jener Staatsanwalt, der jetzt Klage gegen Pamuk wegen "Herabsetzung des Türkentums" eingereicht hat, ist nicht viel mehr als ein nationalistischer Beitrittsgegner, dem ein bewundernswerter Mediencoup gelungen ist."

Im Feuilleton äußert sich auch der Historiker Manfred Kittel - Autor eines Buchs zum Thema - über die Vergangenheitsbewältigung in Japan und in Deutschland: "Man kann selbstverständlich nicht sagen, dass die 'Vergangenheitsbewältigung' in Deutschland perfekt gelungen sei - aber sie ist doch deutlich weniger gescheitert als in Japan. Und das hat eben viel mit den Nürnberger Prozessen zu tun, aber auch mit den Zehntausenden Verfahren der Fünfziger und Sechziger Jahre." Schließlich auch im Feuilleton: eine Sammlung von Zitaten berühmter Autoren über New Orleans.

Im Forum schreibt der Philosoph Daniel C. Dennett zum Darwinismus-Streit in den USA: "Hätte ein 'Intelligenter Designer' die Evolution gesteuert, dann wäre nicht so viel schiefgelaufen."

NZZ, 02.09.2005

"Ist Google gut oder böse?", fragt S.B. auf der Medienseite. Bisher, meint er, gebe es keine Hinweise darauf, dass das Unternehmen seine Macht missbrauche, auch wenn es inzwischen als E-Mail-Anbieter, Multimedia-Archiv, geographisches Informationssystem, Software-Anzeigenvermittlung, Mitfahrzentrale, Telefongesellschaft und Heiratsinstitut agiere: "Mit guten Vorsätzen ist es nicht getan, nicht böse sein zu wollen, reicht nicht. Als Medienunternehmen wird sich Google medienrechtlichen und medienethischen Grundsätzen unterordnen müssen. Wo Google dazu beiträgt, harte Pornographie oder rassistische Verunglimpfungen zu verbreiten, kann sich die Firma nicht mit dem Hinweis aus der Affäre ziehen, die entsprechenden Inhalte nicht selber hergestellt zu haben; wo Google durch die Vermittlung von Anzeigen Geld verdient, wird sie auch für deren Inhalt geradestehen müssen; wo mit Google News fast schon redaktionelle Dienstleistungen erbracht werden, kann die publizistische Verantwortung nicht abgeschüttelt werden mit dem Argument, dass hier nicht Menschen, sondern Algorithmen die Arbeit verrichtet hätten."

Heribert Seifert kommentiert den politischen Stellungskrieg in deutschen Zeitungen, dessen Fronten inzwischen innerhalb der einzelnen Ressorts verlaufen: "'Anything goes' heißt offenbar die Devise, nach der zeitgenössische Blattmacher dem Leser die Welt in maximaler Unübersichtlichkeit präsentieren. Soll er doch selber sehen, wie er in dem Gelärm sich zurechtfindet. Die Verwandlung der Zeitungen in Jahrmärkte der Meinungen lässt sich darüber hinaus als Ausweis von Liberalität, als Einübung in Grenzgängerei und offenes Denken vermarkten."

Im Feuilleton bilanziert Fritz Schaub die Schäden, die das Hochwasser in der Schweiz Luzern und dem Lucerne Festival zugefügt hat. "dew" bereitet darauf vor, was uns im nächsten Jahr in Salzburg erwartet: "Für das Mozartjahr 2006 werden 87 Opernaufführungen angekündigt, die unter dem Signum 'Mozart 22' das gesamte Bühnenschaffen des Komponisten umfassen und die auch auf DVD dokumentiert werden sollen."

Bespochen werden die Schau "A kind of magic" im Kunstmuseum Luzern, die Ausstellung "Leon Battista Alberti e Roma" in den Kapitolinischen Museen in Rom, ein Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich bei den BBC Proms.

Auf der Filmseite meldet Robert Richter, dass auch die Schweiz jetzt energisch gegen Raubkopierer vorgehen will. Besprochen werden Samirs Hip-Hop-Märchen "Snow White" (mehr), Alexandra Lecleres Film "Zwei ungleiche Schwestern" (mehr) und "Angry Monk", ein Dokumentarfilm des Zürcher Ethnologen Luc Schaedler über den tibetischen Mönch Gendun Choephel (1903-1951).
Anzeige

TAZ, 02.09.2005

Zunächst einmal gibt es viel Musik. Tobias Rapp staunt über den "Atombomben- und Paranoiapop des Kalten Krieges", den die "großartige Atomic Platters-Box" mit Jingles und Popsongs zur atomaren Bedrohng aus den fünfziger und sechziger Jahren dokumentiert (mehr hier). "Die Paranoia-Erfahrung einer ständigen Bedrohung durch einen Atomschlag (von außen) in Kombination mit die Ordnung untergrabenden Kommunisten (von innen) dürfte für die Entstehung der Gegenkultur der Sechziger genauso wichtig gewesen sein wie der Vietnamkrieg, die Pille und LSD. Mal schauen, was der War On Terror, Springsteens 'The Rising' und der farbige Fernsehalarm plus der Bedrohung durch Monsterwellen und Jahrhundertstürme an kulturellen Langzeitfolgen haben wird." Und Tim Stüttgen porträtiert den "HipHop-Superstar" Kanye West, dessen zweites Album "Graduation Day" gerade erschienen ist.

Bei den Filmfestspielen in Venedig sah Cristina Nord den "überzeugenden" Wettbewerbsbeitrag "Good Night, and Good Luck" von George Clooney und geriet in den Strudel etwas übertriebener Sicherheitsvorkehrungen. In tazzwei geißelt Bettina Gaus die Wiederholung einer Talkshow von Oliver Geissen, in der es um "abzockerische" Hartz IV-Bezieher ging.

Und hier Tom.

FAZ, 02.09.2005

Jordan Mejias erläutert, was jeder in diesen Tagen im Fernsehen sieht - hinter der frivol glitzernden Touristenfassade war New Orleans eine der ärmsten Städte der USA: "Diese dunkle Seite von New Orleans kommt jetzt aber auch in der Katastrophe zum Vorschein. Dass zwanzig Prozent der Einwohner während des Hurrikans in der Stadt blieben, obwohl sie aufgefordert waren, ihre Wohnungen zu verlassen, hat nicht zuletzt etwas mit ihrer finanziellen Lage zu tun. Wohin begibt sich ein Slumbewohner, wenn er kein Auto hat und auch kein Geld, eine Busfahrt in die Sicherheit oder ein Hotelzimmer an geschütztem Ort zu bezahlen?" Theodor Geus singt in einem dazugehörigen Artikel ein Klagelied auf den untergegangenen Charme der Stadt.

Weitere Artikel: Regina Mönch inspiziert im Aufmacher ein Jahr nach dem Brand die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar und schildert die schwierige Lage zahlreicher historischer Bibliotheken in Deutschland, denen die Mittel für die Restaurierung ihrer gefährdeten Bücher fehlen. Hubert Spiegel interviewt den Kiepenheuer & Witsch-Verleger Helge Malchow, der gegen das richterliche Verbot von Maxim Billers Roman "Esra" Verfassungsbeschwerde einlegen will. Heinrich Wefing glossiert die Vorstellung des Kulturprogramms der Fußballweltmeisterschaften durch Andre Heller. In seiner Kolumne "Kunststücke" gibt der emeritierte Kunstkritiker Eduard Beaucamp Reiseeindrücke aus Damaskus wieder. In der Rubrik "Entrümpelung" plädiert der Neurologe Karl Max Einhäupl für eine Abschaffung starrer Arbeitszeitmodelle an Krankenhäusern. Patrick Bahners gratuliert dem Historiker Wolfgang Schieder zum Siebzigsten. Der iranische Autor Amir Hassan Cheheltan versucht in einem recht assoziativen Text, die Lage Irans nach den Wahlen und im Atomstreit zu beschreiben. Michael Althen berichtet - recht wohlwollend - über die neuen Filme von George Clooney und Xavier Beauvois in Venedig. Eleonore Büning gratuliert dem Komponisten Hans-Joachim Koellreutter zum Neunzigsten.

Auf der Medienseite empfiehlt Monika Osberghaus, am Samstag um 7.35 Uhr das Erste einzuschalten, wo die offenbar unschlagbar komische Kinderserie "Blaubär und Blöd" der belgischen Filmemacher Stephane Aubier und Vincent Patar läuft.

Die letzte Seite präsentiert eine Rede Durs Grünbeins über die Anna-Amalia-Bibliothek, die er im letzten Februar gehalten hat. Christian Geyer macht boshafte Anmerkungen über Doris Schröder-Köpf, die boshafte Anmerkungen über Angela Merkel gemacht hat.

Und Jürg Altwegg wundert sich, dass Tony Blair ausgerechnet den muslimischen Intellektuellen Tariq Ramadan in sein Beraterteam aufnimmt, um die fundamentalistischen Anfechtungen britischer Jugendlicher zu befrieden - Ramadan ist so gemäßigt, dass er in der Frage der Steinigungen von Ehebrecherinnen für ein "Moratorium" eintritt, und er fiel in Frankreich durch seine Attacken gegen "jüdische Intellektuelle" auf.

Besprochen werden Greg Marcks' Film "11.14", eine Ausstellung afrikanischer Ganzkörpermasken im Tanzmuseum Stockholm, eine Ausstellung der "Photographie brute" des tschechischen Fotografen Miroslav Tichy in Zürich und Sachbücher, darunter das bisher nur auf englisch erschienene filmtheoretische Standardwerk "Figures Traced in Light" von David Bordwell.

SZ, 02.09.2005

Der "bizarr eskalierende Grabenkrieg", der hierzulande zwischen Kinderlosen und Kinderhabenden stattfindet, gehört "zu den jämmerlichsten Fehlleistungen" unserer Gesellschaft, findet Gerhard Matzig und plädiert für einen unideologischen Umgang mit dem Thema. "Das Einzige, was unserer Gesellschaft aufhelfen könnte, wäre die Wiedererlangung jener Souveränität, die in der Existenz von Kindern eine allgemeine Banalität anerkennt. Stattdessen bemühen wir die Begriffe 'Kinderfreundlichkeit' und 'Kinderfeindlichkeit', um spezifische Grenzen zu ziehen."

Außerdem gibt es ein New-Orleans-Special. Volker Breidecker trauert um die versunkene Stadt, die nicht nur eine amerikanische Stadt war: "Mit New Orleans versinkt aber auch die letzte Kolonie, die letzte Traumstadt des alten Europa, das hier und nur hier - im Delta des Ol' Man River - mit Amerika, Afrika und mit der Karibik verschmolz. Auch Europas eigene Nationen - Franzosen und Deutsche, Briten und Iren, Italiener und Spanier, Polen und Russen - leben 'down by the riverside' schon sehr viel länger in befriedeten Nachbarschaften als dort, von wo sie auswanderten." Gregor Schiegl teilt uns mit, dass Apokalyptiker und Wissenschaftler den Untergang von New Orleans vorausgesagt hatten. Und der Stadtplaner Albert Speer erklärt im Interview, warum die Katastrophe auf einem Grundproblem amerikanischer Infrastruktur beruht: "Alle Elektroleitungen hängen, auch in großen Städten, nach wie vor an Masten, die Vorsorge ist weitaus primitiver als hier, und die Häuser sind viel leichter gebaut, das sind überwiegend Holzkonstruktionen."

Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh schreibt beglückt über die neuen Filme von George Clooney (mehr) und Ang Lee (mehr) beim Filmfestival in Venedig. Riccardo Chailly, der neue Gewandhauskapellmeister von Leipzig, erzählt im Interview, warum er das Angebot der Leipziger angenommen hat: "... ich erinnere mich, was Herbert Blomstedt mir bei einer meiner ersten Begegnungen mit ihm gesagt hat: Nur wer Sachsen kennt, weiß, wie gut in dieser Ecke Europas Musik gemacht wird. Das ist die Wahrheit und gehört zu den Gründen, warum ich hierher gegangen bin. Ich treffe hier viele höfliche und gebildete Menschen, für die die Kultur eine Notwendigkeit des Lebens bedeutet." Holger Liebs beschreibt das neue Max Ernst Museum in Brühl. Jens Bisky war bei einem Wahlkampfauftritt von Edelgard Bulmahn in Berlin: Ein überzeugender Auftritt, meint er und ist dennoch enttäuscht, denn "alle Leidenschaft wird von ordnungspolitischen Fragen absorbiert". Der Wiener Kabarettist Alfred Dorfer beobachtet Joschka Fischer - "in Österreich unliebsam bekannt als Säule jener EU-Sanktionen, auf die man bei Berlusconi zwei Jahre später verzichtete" - beim Wahlhkampf. Klaus Lüber berichtet über einen Streit um die Berliner Graffiti-Ausstellung "Backjumps" in der Galerie Kunstraum Bethanien: Sie wird vom Hauptstadtkulturfond gefördert, während gleichzeitig der Bundestag eine härtere Verfolgung der Sprayer beschlossen hatte.

Besprochen werden Greg Marcks' Thriller "11:14" mit Hilary Swank, Patrick Swayze und Barbara Hershey und Bücher, darunter ein Sammelband über "Popularisierung und Popularität", Martin Amis' Buch "Die Hauptsachen", Denis Demonpions (bisher nur auf Französisch erschienene) Houellebecq-Biografie, Emily Brontes "Sturmhöhe" als Hörbuch und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).