Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.01.2003. Die FAZ feuert mit einer ganzen Batterie europäischer Intellektueller gegen Donald Rumsfelds bösen Spruch vom "alten Europa", der die SZ dagegen entzückt hat. Die FR sagt zum Abschied von Vaclav Havel leise Servus. Die taz wünscht sich einen Proust mit zwölf Zylindern und Scheibenbremsen. Die NZZ analysiert die Krise der Guggenheim-Stiftung.

FAZ, 24.01.2003

Als "alte Länder" und als ein "Problem" hat der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld jüngst Deutschland und Frankreich bezeichnet. Das will die FAZ nicht auf uns sitzen lassen: "Nicht, dass Frankreich und Deutschland als altersschwach geschmäht werden, weckt Widerspruch. Es ist vielmehr der Umstand, dass die Amerikaner in der Kriegsunwilligkeit halb Europas nur Starrsinn, nicht Erfahrung erkennen wollen." Diese Zeitung holte sich den Beistand europäischer Intellektueller, die dem amerikanischen Verteidigungsminister antworten.

Es antworten Jürgen Habermas (Rumsfeld "verantwortet eine Sicherheitsdoktrin, die völkerrechtlichen Grundsätzen spottet. In der Kritik seiner europäischen Freunde begegnen ihm die preisgegebenen eigenen, die amerikanischen Ideale des 18. Jahrhunderts."), Joseph Rovan ("Aus der Äußerung des amerikanischen Verteidigungsministers ergibt sich die Notwendigkeit, dass sich Europa neben den Vereinigten Staaten, China, Russland und Indien als Weltmacht konstituiert und von der Dominanz der Vereinigten Staaten frei macht"), Peter Sloterdijk ("Das alte Europa, durch Frankreich und Deutschland ehrenvoll vertreten, ist die avancierte Fraktion des Westens, die sich unter dem Eindruck der Lektionen des zwanzigsten Jahrhunderts zu einem postheroischen Kulturstil - und einer entsprechenden Politik - bekehrt hat; hingegen sitzen die Vereinigten Staaten in den Konventionen des Heroismus fest"), Luc Bondy ("Vive l'Europe!"), Jacques Derrida ("Schockierend!"), Georg Klein ("Unerträglich werden die Alten, wenn sie behaupten, all das hinter sich zu haben, worauf sich die Jugend zu freuen anschickt") - und außerdem Alice Schwarzer, Paul Virilio, Tahar Ben Jelloun, Durs Grünbein, Crhistian "Napoleon" Clavier, Friedrich Kittler, Max "Napoleon" Gallo, Peter Schneider, Jacques Attali, Jochen Gerz, Michel Tournier, Adolf Muschg, Jorge Semprun, Thomas Hettche, Regis Debray, Robert Menasse.

Nur einer spuckt in die Suppe, Andre Glucksmann: "Die sogenannte gemeinsame Position Frankreichs und Deutschlands ist nur eine scheinbare: Schröder hat erklärt, dass sein Land an einem Krieg gegen den Irak unter keinen Umständen mitmachen werde. Chirac lässt diese Frage offen. Es gibt kein übereinkommendes Engagement - man ist sich nur einig, wenn es um das Abseitsstehen geht."

Weitere Artikel: Christian Geyer findet, dass der Ethikrat, der sich gerade zur PID äußerte, nach dem Motto handelt: "In jedes 'Verbot' baue man die Erlaubnis gleich mit ein." Ilona Lehnart freut sich, dass die Renovierung des Pergamon-Altars voranschreitet. Gemeldet wird, dass der Eichborn Verlag seine Beteiligungen verkauft um sich zu sanieren. Gemeldet wird ferner, dass Günter Grass, Christa Wolf und andere berühmte Künstler zusammen mit beiden Kirchen eine Friedensveranstaltung planen, "entweder in der Frankfurter Paulskirche oder im Kölner Dom". Gemeldet wird drittens, dass Friedrich Ani den deutschen Krimipreis 2003 erhält.

Auf der letzten Seite resümiert Regina Mönch eine von langer Hand vorbereitete Diskussion deutsch-französischer Jugendlicher mit deutsch-französischen Staatspitzen aus feierlichem Anlass. Michael Siebler schreibt ein Profil des Archäologen Hermann Parzinger, der heute in sein Amt als Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts eingeführt wird. Und Kerstin Holm schreibt eine kleine Hymne auf die russische Internet-Zeichenfigur Masjanja: "Mit Ballonkopf, Käferfigur, zweimal drei Haupthaaren und einer angerauten Micky-Maus-Stimme ist sie nicht auf den ersten Blick als weibliches Wesen zu erkennen. Doch durch Witz und Straßencharme kann die mit der Flash-Technik eher primitiv produzierte, alterslose Göre ihre Schwächen in Stärken verwandeln."

Auf der Medienseite schlägt Michael Hanfeld eine neue Seite im Drama um die Wiener Kronen-Zeitung auf. Alexander Bartl bespricht eine Arte-Reportage, die Christoph Schlingensief und Michel Friedman durch die Berliner Nacht begleitet. Außerdem finden wir ein Interview mit Heiner Lauterbach über seine Rolle als Priester in der Fernsehschmonzette "Eine Liebe in Afrika".

Besprochen werden zweimal "Romeo und Julia", in Berlin unter Katharina Thalbach, in Leipzig unter Enrico Lübbe, Steve Becks Horrorfilm "Ghost Ship", Emil Viklickys Oper "Der Ackermann und der Tod" in Prag und eine Ausstellung mit den Nabokov-Porträts des Fotografen Horst Tappe im Frankfurter Literaturhaus.

NZZ, 24.01.2003

Andrea Köhler schildert die New Yorker Museumslandschaft im Umbruch und vor allem die Nöte der Guggenheim-Stiftung, die nach dem Boom nun ins Defizit geraten ist. Ihr Leiter Thomas Krens musste Personal entlassen und das Projekt eines zweiten, von Frank Gehry zu bauenden New Yorker Museums ad acta legen: "Was mit Frank Gehrys ambitioniertem Bau freilich auch noch zu Grabe getragen wurde, ist das 'Guggenheim-Prinzip', wie Hilmar Hoffmann die Idee nannte, ein Museum nach den Gesetzen eines weltumspannenden Kunstkonzerns führen zu können - kurz: das Vermächtnis der neunziger Jahre."

Weitere Artikel: Robert Uhde stellt ein Bürohaus der Architekten Roberto Meyer und Jeroen van Schooten in Amsterdam vor. Marc Zitzmann berichtet über die kommende Versteigerung des Besitzes von Andre Breton, gegen die im Internet ein von prominenten Namen unterzeichneter Aufruf kursiert. Samuel Herzog stellt das neue Programm des Centre Culturel Suisse in Paris vor. Marc Zitzmann berichtet über das in Lyon geplante von Coop Himmelblau entworfene Musee des Confluences.

Besprochen wird die Ausstellung "Indian Times" im Frankfurter Museum der Weltkulturen.

Auf der Filmseite porträtiert Anna Wegelin die Kopenhagener Regisseurin Susanne Bier ("Open Hearts"). Heinz Kersten resümiert den Max-Ophüls-Wettbewerb in Saarbrücken. Besprochen werden der Film "Lilja 4-ever" des schwedischen Regisseurs Lukas Moodysson und der Film "Analyze That" von Harold Ramis.

Auf den Medien- und Informatikseiten finden wir eine ausführliche Analyse der Medienkrise in der Schweiz, wo weitere Entlassungen zu erwarten sind. Auch für Deutschland sagt eine epd-Meldung weiteren Stellenabbau in der Branche voraus.

FR, 24.01.2003

K. Erik Franzen und Matthias Dörr sinnieren zum Abschied und mit viel Wehmut über den Stones-Fan Vaclav Havel: "Kein wahres Leben im falschen: Das ist Rock 'n' Roll. Ob man zur Verfestigung dieser Lebenshaltung früh sterben und schnell leben muss, mag dahingestellt sein: Der Mythos wächst jedenfalls mit dem frühen Tod. Vaclav Havel lebt. Sein verschmitzt lächelndes Gesicht nach seiner Abschiedsrede vor einer Woche im Prager Parlament zeigt vor allem eins: plötzliche Gelassenheit nach dreizehn anstrengenden Jahren als Präsident auf der Prager Burg."

Weitere Artikel: Auf einen Schlag bekommt Berlin zwei neue Kunstsammlungen: Flick und Newton. Martina Meister findet dies eine bemerkenswerte Koinzidenz mit wahrlich historischer Tiefendimension. Eva Schweitzer beklagt die Sparpläne des Guggenheim. Bekanntlich verzichtet das Museum auf den Bau eines neuen Hauses nach den Plänen von Frank Gehry. Ekaterina Beliaeva hat den 17-jährigen Ukrainer Sergej im Abschiebegefängnis Berlin-Grünau besucht, wo sich 60 Häftlinge seit vier Tagen im Hungerstreik befinden.

Besprochen werden die Hommage auf Werner Schwab von Jennifer Minetti und FM Einheit am Schauspiel Frankfurt, Katharina Thalbachs Inszenierung von "Romeo und Julia" am Berliner Maxim Gorki Theater sowie die Konzerttournee der Fehlfarben.
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TAZ, 24.01.2003

Detlef Kuhlbrodt hat in der überarbeitete Übersetzung von Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" geblättert und wundert sich nun, warum ihn die Gesellschaftsszenen auf einmal mehr interessieren als die Liebesgeschichten (vielleicht weil er stramm auf die 40 zugeht). Alles in allem findet er die Frankfurter Ausgabe ganz prima: "In ihr zu lesen ist, wie auf einem neuen Fahrrad zu fahren. Danach findet man das alte nicht mehr so gut, auch wenn man mit ihm ebenfalls an sein Ziel käme, und träumt von der Lederausgabe mit zwölf Zylindern und Scheibenbremsen."

Außerdem besprochen werden die Biografie der kubanischen Saxofonistin Alicia Castro, Lou Reeds Edgar-Allan-Poe-Vertonung "The Raven", Felix Klopoteks Gedanken zur Musik "how they do it" sowie die Ausstellung "Afrikanische Reklamekunst" in Bayreuth.

Auf den Tagesthemen-Seiten beschreibt Ralf Leonhard, wie sich Graz, Europäische Kulturhauptstadt 2003, für das Spektakel herausgeputzt hat. Und auf der Medien-Seite stöhnt Dorothea Hahn über die Berichtslawine zu La Francallemagne, die in den vergangenen Tage über die Franzosen hinweggerollt ist.

Schließlich Tom.

SZ, 24.01.2003

Ganz entzückt von den Tiraden des jungen Amerikaners Donald Rumsfeld zeigt sich der alte Europäer Gustav Seibt: "Großartig, dieser Rumsfeld! Weiß der amerikanische Verteidigungsminister, dass er in Europa eine kleine, aber stetig wachsende Fan-Gemeinde hat? Ja, auch und gerade im 'alten Europa'. Diese Anhänger versäumen nur ungern eine seiner Pressekonferenzen und scheuen dafür auch späte Sendetermine von CNN nicht. Zuschauen, genießen: Rumsfeld tritt eilends ans Podium vor dem Pentagon-Symbol. Rückt nochmal angriffslustig die Brille zurecht. Aasiges Grinsen. Und dann kommt eine dieser gutgelaunten Bosheiten. Zu Deutschland: 'Ich würde sagen, wenn du im Loch sitzt, hör auf zu buddeln.' Danach ein Gelächter, das man nur als dreckig bezeichnen kann. Hoharharahaaa." Bange wird Seibt allein bei der Vorstellung, dass auch Amerika einmal alt werden könnte. "Der Gott der Geschichte möge verhüten, dass die Welt unter diesem Prozess zugrunde geht."

Angst hat auch Claus Koch und zwar vor einem schnellen Sieg der USA im möglichen Irak-Krieg: "Käme Bush auf diese Weise zum Erfolg, käme dies der Erklärung des permanenten Ausnahmezustands gleich. Denn der Präsident wird sich darin bestätigt sehen, dass er den höheren Auftrag zur Säuberung der Welt erhalten habe."

Weitere Artikel: Volker Breidecker weist auf die unrühmliche Vergangenheit der derzeit wieder sehr beliebten Erklärung "Blut für Öl" (Spiegel, Günter Grass) hin. Schon den Ersten und Zweiten Weltkrieg pflegten offenbar Sektierer mit Englands Ölinteressen zu erklären. Trotz aller juristischen Kälte in dem Urteil zum "Schadensfall Kind" macht Jens Bisky nun, da er die Urteilsbegründung gehört hat, doch eine besondere Menschenfreundlichkeit aus. Van Goghs angebliches Selbstporträt, das in Norwegens Nationalgalerie zu sehen ist, gilt nun edngültig nicht mehr als Original, berichtet Stefan Koldehoff. Burkhard Reitz war bei einem Symposium des Karlsruher ZKM zur Zukunft des Theaters.

Der Bühnenverein hat in einer "Nichtbesucherstudie" die Feinde des deutschen Theaters ausgemacht, notiert Reinhard J. Brombeck: Junge Männer. Bei ihnen zeigt sich laut Studie ein "besonders vielschichtiges Profil von kumulativen Ablehnungsbegründungen". Gemeldet wird, dass Christo und Jeanne-Claude nun endlich über dem New Yorker Central Park ihren goldenen Himmel aufspannen dürfen. Fritz Göttler gratuliert dem Partisan, Schafhirten, Taxifahrer, Hilfsarbeiter, Schauspieler und Filmkünstler Vlado Kristl zum Achtzigsten. "jby" weiß, welche Berliner Kulturprojekte in diesem Jahr Geld aus dem Hauptstadtkulturfonds erhalten - etwa der Abschlussgottesdienst des Ökumenischen Kirchentages.

Auf der Medien-Seite feixen Hans-Jürgen Jakobs und Ulf Brychy über Thomas Stein, Plattenchef bei Bertelsmann und Herr über die "Superstars" von RTL, der gerade das Ende seiner eigenen Karriere erlebt.

Besprochen werden Katharina Thalbachs Inszenierung von "Romeo und Julia" im Berliner Maxim Gorki Theater, der Horror-Film "Ghost Ship", die Choreografie "Nerves: A Mental State" von Diane Elshout und Frank Händeler in Amsterdam, die Ausstellung "Femmes fatales 1860-1910" im Groninger Museum und Bücher, darunter Siri Hustvedts New-York-Roman "Was ich liebte", Gedichte von Edith Södergran, die gesammelten Kolumnen von Thomas Friedman und Lewis Lapham, Charlotte von Mahlsdorfs "Ich bin meine eigene Frau" als Hörbuch und Victor Farias Studie "Die Nazis in Chile" (siehe unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).