Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.02.2002. Die FAZ erzählt die Geschichte des Fotos von dem afghanischen Flüchtlingsmädchens mit den wunderschönen grünen Augen. In der NZZ schreibt Thomas Sprecher einen Nachruf auf Elisabeth Mann-Borgese. Der Frankfurter Schriftsteller Jamal Tuschik sagt der taz, wohin mit der Wucht, wenn der Füller mal verstopft ist.

NZZ, 09.02.2002

In der NZZ ist Roman Bucheli wesentlich ungnädiger mit Grass' Novelle "Im Krebsgang" als die meisten deutschen Kritiker: "Der Text hält mit dem Zeitgeist Schritt, politisch ist ihm nichts vorzuwerfen, literarisch aber ist er bis auf wenige Szenen belanglos." (Ausführlich lesen wir den Artikel für unsere Bücherpresseschau morgen ab elf Uhr.)

Weiteres: Thomas Sprecher schreibt den Nachruf auf Elisabeth Mann-Borgese, das letzte der Kinder Thomas Manns - sie ist an Lungenentzündung gestorben. Andrea Köhler resümiert die Diskussionen um das New Yorker Jüdische Museum, das eine umstrittene Ausstellung über "Nazi Imagery" plant. Dieter Schwarz gratuliert Gerhard Richter zum Siebzigsten. Und Marion Löhndorf fand den Auftakt des Berlinale-Wettbewerbs vielversprechend.

Einige interessante Themen finden wir in Literatur und Kunst. Angela Schader bespricht mehrere in französisch erschienene Bücher eines sehr interessanten afrikanischen Literaturprojekts, in dem Schriftsteller gebeten wurden, zum Völkermord in Ruanda zurecherchieren. Heinz Hug hat sich mit dem guineeischen Schriftsteller Tierno Monenembo über das Projekt unterhalten. Aldo Keel berichtet aus Norwegen über neue Debatten zum Verhältnis Knut Hamsuns zu den Nazis. Hubertus Adam erinnert an Berthold Lubetkin und die Tecton-Gruppe, die die architektonische Moderne in Großbritannien mit begründeten. Mathias Remmele schreibt zum 100. Geburtstag des Architekten Arne Jacobsen. Und Frank E. Strasser hat die Kunsthochschule von Havanna besucht, ein architektonisches Meisterwerk, das zu verfallen droht.

Schließlich unterhält sich Marc-Christoph Wagner mit dem dänischen Autor Klaus Rifbjerg, der in Dänemark ein grand seigneur der Literatur und in Deutschland unbekannt ist, zumindest seit dem Mauerfall - denn bis dahin wurde er in der DDR übersetzt: "Heute frage ich mich: Wo sind diejenigen, denen meine Bücher einst etwas bedeutet haben? Und warum können meine Bücher nicht auch in der Bundesrepublik gelesen werden? Ich habe darauf keine Antwort."

SZ, 09.02.2002

Helmut Rechenberg, Verwalter des Heisenberg-Nachlasses am Max-Planck-Institut für Physik in München, nimmt Bezug auf die Debatte um die "Friedensmission" des Atomphysikers bei Niels Bohr in Kopenhagen und kann keinen Widerspruch erkennen zwischen Heisenbergs Erinnerungen einerseits und Bohrs Gedanken an einen Hinweis darauf, dass sein ehemaliger Schüler selbst an der Bombe arbeitete, andererseits: "Dass Deutschland während des Krieges keine Atomwaffe herstellen würde, war für Heisenberg sicher. Diese Details konnte und wollte er Bohr nur verschlüsselt mitteilen, und das ist ihm eben nicht gelungen."
Warum es kaum gelingen konnte, weiß Ulrich Kühne in einem anderen Beitrag: "Die Verhandlungsposition der Deutschen bei Bohr war von vornherein aussichtslos ... Freundliche Überzeugungsarbeit musste angesichts der Grausamkeit der deutschen Kriegsführung noch sinnloser erscheinen, als der Pokerbluff mit einer Position der Stärke."

Andrian Kreye beschreibt, wie die USA unamerikanische Umtriebe ahnden. Etwa indem sie einen Bürger schickanieren, der nicht die Patriotenmarken mit der amerikanischen Flagge und dem Slogan "United We Stand" auf seine Post kleben wollte und stattdessen andere Marken verlangte. "Die Postbeamtin bat ihn daraufhin, kurz zu warten. Nach zwanzig Minuten tauchten zwei Polizisten auf, die Ausweise verlangten, nach eventuell ausstehenden Haftbefehlen fragten und sich erkundigten, was der Grund für die unpatriotische Motivwahl sei." Dass nur 10 % aller US-Bürger der Meinung sind, die Regierung gehe zu weit mit ihrem Sicherheitsdenken, macht die Sache nur noch gruseliger.

Weitere Artikel: Ulrich Raulff berichtet von einem Berliner Vortrag mit Otto Gerhard Oexle, dem Direktor des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen, der sich ebenfalls dem Thema "Heisenberg und die deutsche Bombe" annahm. Thomas Steinfeld hat Michel Houellebecq lesen hören (er liest "wie eine müde Eidechse"). Henning Klüver verrät die Reisepläne italienischer Autoren zum Salon du Livre. Wir erfahren, wie die katalanische Tänzerin Blanca Li Berlins Komische Oper retten soll. Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer äußert sich ziemlich resigniert zur Vertriebenen-Frage. Michael Struck-Schloen porträtiert Stefan Soltesz, den Kapellmeister des Essener Aalto-Theaters. Uwe Mattheiss attestiert den Wienern ein gestörtes Verhältnis zum Aktionismus. Sebastian Zabel fürchtet ein Revival des Acid House. Und Wieland Schmied gratuliert Gerhard Richter zum 70.

Besprechungen gibt es zu den Berlinale-Filmen "Bridget" von Amos Kollek und "Monsters Ball" von Marc Forster, desweiteren zu Staffan Valdemar Holms Inszenierung von "Was ihr wollt" am Deutschen Theater in Berlin, Haydn und Bruckner, interpretiert von Riccardo Muti im Münchener Herkulessaal, ein Symposium in Vilnius über die Rolle der Buchmessen in Europa, die Ausstellung "Picasso: Figur und Porträt" in der Kunsthalle Tübingen, schließlich noch Bücher: U.a. humoristisch-Satirisches vom frühen Anton Cechov sowie eine Essaysammlung des amerikanischen Philosophen Richard Shusterman (auch in unserer Bücherschau Sonntag um 11).

Soweit. Bleibt noch die Wochenendbeilage, die mit einer Rede aufwartet, die Rolf Hochhuth bei der Entgegennahme des ersten Jacob-Grimm-Preises in Kassel gehalten hat: "Steht man am Grabe der beiden Grimms ? die das einzige Buch schrieben, ohne das kein Deutscher aufgewachsen ist ?, so kann man nur mit einem Stoßgebet die Verpflichtung erneuern, nach Kräften, so schwach die auch sind, diese bedrückende Voraussage von der kommenden Weltherrschaft des Englischen zu sabotieren..."

FR, 09.02.2002

In der FR meldet sich ein sichtlich gerührter Claus Leggewie zurück aus Porto Alegre. Wie ein Wunder kommt es dem Politologen vor, "wenn sich Zigtausende wider alle Evidenz eine bessere Welt auf die Fahnen schreiben". Zu einer machtvollen Willenserklärung sei es am Ende zwar nicht gekommen, so Leggewie, doch eine solche Plattform könnte das diskursive Getümmel von Porto Alegre auch gar nicht abbilden. "Der Konsens liegt im Prozess, nicht in der Struktur, und die Botschaften des globalen Südens sind so vielgestaltig wie die E-Mails, die von den Computer-Terminals der katholischen Universität aus um die Welt gingen" Soviel aber hat Leggewie immerhin gelernt: "Das Volk kann sich durchaus selbst repräsentieren", und die Zeichen stehen auf "Deglobalisierung".

Andreas Essl liefert eine kleine Geschichte der Narretei. Von der Antike über ihren Höhepunkt im Mittelalter bis heute, dem narrentechnischen Tiefpunkt: "Die utopischen Narren sind verschwunden. Haben sich mit Beckett und Konsorten in der Absurdität der Welt eingerichtet. Die Villacher Faschingssnarren sind in ihrer bierseligen Harmlosigkeit ein müder Abklatsch ihrer Vorgänger. Ihre Möglichkeiten sind freilich beschränkt. Die Narrheiten sind in der Zwischenzeit Allgemeingut geworden - man zappt sich förmlich von einer zur anderen. Und wenn dann einmal eine Brezel die Luftröhre verstopft und ein Präsident ohnmächtig vor seinem Baseballspiel zusammensackt, dann bleibt man eben etwas länger."

Ferner zu lesen: Daniel Kothenschulte zeigt sich enttäuscht vom Beginn des Berlinale-Wettbewerbs, Harry Nutt träumt von der allmählichen Verfertigung des Wintersportlers zur quasi göttlichen Skulptur, Roman Luckscheiter sagt, wie die Theater in Paris und Wien nach 1848 auf den freien Wettbewerb reagierten (man erhöhte die Eintrittspreise) Christian Thomas berichtet von der Münchner Stadion-Bauer-Feier mit Herzog & de Meuron und Roland H. Wiegenstein durchstreift neue Ausgaben von Arch+, Merkur, Mittelweg 36, Prokla und Z - Zeitschrift für marxistische Erneuerung.

Und besprochen werden Günter Grass' neue Novelle "Im Krebsgang" sowie das erste umfassende Kompendium zu 50 Jahren DDR-Design (auch in unserer Bücherschau Sonntag um 11).
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TAZ, 09.02.2002

In der taz interviewt Frank Witzel den Frankfurter Schriftsteller Jamal Tuschick ("Kattenbeat") zum Thema Schreiben und zur Frage, wohin mit der Wucht, wenn mal der Füller verstopft ist. Tuschick ist dann immer einfach "mit dem Rad von Frankfurt nach Kassel in elfeinhalb Stunden, ohne einmal abzusteigen", früher jedenfalls. Oder er ist "vier bis fünf Stunden lang 25-Meter-Bahnen geschwommen, zwischendurch nur kurz mal hochgekommen, um Luft zu schnappen ... Dann habe ich angefangen, Bücher zu rezensieren. Jeden Tag eins. Aber wenn du erst einmal auf über 350 Veröffentlichungen pro Jahr kommst, wird das auch absurd."

Weiteres: Falko Hennig war dabei, als eine handverlesene Kritikerrunde im Literarischen Colloquium Berlin die "Positionen der Literaturkritik" diskutierte. In den Tagesthemen fordert Israels Botschafter in Berlin, Shimon Stein, dass die Lehren aus dem Holocaust Teil deutscher Außenpolitik werden, und spielt ua. auf die antiisraelische Politik arabischer Staaten an (hier). Heide Platen checkt ein ? in der VIP-Schleuse des Frankfurter Flughafens.

Auf den Berlinale-Seiten der taz schreibt Andreas Becker begeistert über den Wettbewerbsfilm "Monster's Ball": "Für den Wettbewerb ein zu kontroverser, ein zu großartiger Film, hätte man früher gedacht, und ihn still und leise ins Panorama geschoben." Und das tazmag stellt ein China-Film-Dossier zusammen, u.a. mit Eindrücken aus einem Peking in kultureller Aufbruchstimmung: "Junge Leute schreiten voran, als schlügen sie mit den Flügeln und könnten in den Himmel abheben." Und mit einem Dialog über Zensur und den Erfolg chinesischer Filme im Ausland.

Schließlich noch Tom.

FAZ, 09.02.2002

Das Foto des Mädchens mit den grünen Augen kennt spätestens seit dem 11. September jeder. Sie war eine afghanisches Flüchtlingsmädchen, aufgenommen 1983 vom Fotografen Steve McCurry für National Geographic. Man hat sich auf die Suche nach ihr begeben, erzählt Holger Christmann, der sich auf einen Artikel aus dem Observer bezieht und die Gerüchte kolportiert: "In Pakistan habe sie einst Englisch gelernt, wird erzählt. Nachdem die sowjetischen Besatzer aus Afghanistan abgezogen waren, sei sie mit ihrer Familie nach Afghanistan zurückgekehrt. Doch ihr Haus sei zerstört gewesen, die Felder waren übersät mit Minen. Die Familie habe sich daraufhin in der Nähe jener Höhlenfestung angesiedelt, die den Mudschahedin als Unterschlupf gedient hatte. Ihren Namen kennt heute im Westen jeder: Tora Bora. Im Herbst 1996 soll die Familie von Alam Bibi dort neue Nachbarn bekommen haben: Usama Bin Ladin und seine arabisch-afghanische Terror-Entourage." Dummerweise weiß niemand, ob die Geschichte stimmt. Steve McCurry gehört übrigens zu den Magnum-Fotografen, die am 11. September in New York waren, und präsentiert auf seiner Homepage einige Fotos, die er an diesem Tag machte.

Edwar Luttwak vom "Center for Strategic and International Studies" in Washington unterstützt George W. Bushs Außenpolitik voll und ganz, findet sie gar nicht cowboyhaft, sondern äußerst professionell und weiß auch warum er den Iran, den Irak und Nordkorea als "Achse des Bösen" auserkoren hat. Beispiel Iran: "Die Entscheidung, Iran vor die harte Wahl zwischen Konflikt oder Zusammenarbeit zu stellen, obwohl die internen Richtungskämpfe dort längst noch nicht abgeschlossen sind, beruht auf unangenehmen neuen Tatsachen: den iranischen Waffenlieferungen nämlich, die von den Israelis auf Arafats Schiff 'Karin A' entdeckt wurden, und auf neuen Erkenntnissen über die Versuche des Iran, Nuklear- und Raketentechnologie einzukaufen. Wären die Raketen auf der 'Karin A' in die Hände der Palästinenser gelangt, dann hätten sie jede Hoffnung auf Frieden vollends zunichte machen können."

Weiteres: Eduard Beaucamp gratuliert Gerhard Richter zum Siebzigsten (aber so toll wie die in der DDR gebliebenen Tübkes und Heisigs findet er ihn nicht: "Der empfindsame Besucher seiner Ausstellungen ist von vielen Bildern fasziniert und gefesselt, aber wird auch den Eindruck der brillanten Banalität, der Leere und Sinnlosigkeit nicht los.") Hubert Spiegel feiert Günter Grass' Novelle "Im Krebsgang" als sein bestes Buch seit langem, auch wenn er es sich noch besser hätte vorstellen können. "bat." kommentiert die Meldung, dass das Münchner Fußballstadion nun von den Architekten Herzog und de Meuron errichtet wird. Dietmar Polaczek berichtet, dass Filmmusiken des italienischen Komponisten Luigi Dallapiccola aufgefunden worden seien.

Ferner gratuliert Dieter Bartetzko der Rocksängerin Carole King zum Sechzigsten. "ack." Berichtet von der Jahrespressekonferenz der Münchner Philharmoniker. Andreas Rossmann schreibt über den Umbau der Zeche Ewald in Herten zu einem Gewerbequartier. Wolfgang Schneider resümiert einen Vortrag von Katharina Mommsen in Siegburg über Goethe und den Islam. In Carl Zuckmayers Geheimdienstkolumne geht es um den Schriftsteller Hans Rehberg. In Meldungen erfahren wir, dass die französische Regierung den Philosophen Bernard-Henri Levy in kultureller Mission nach Afghanistan schickt und dass die der FAZ freundschaftlich verbundenen "glücklichen Arbeitslosen" eine Internetadresse eröffnet haben.

Auf der Berlinaleseite bekennt Michael Althen seine Vorfreude auf den Fim "Le depart" von Jerzy Skolimowski mit Jean-Pierre Leaud, der heute in der Sechziger-Jahre-Retrospektive läuft. Peter Körte bespricht die Wettbewerbsfilme des gestrigen Tages. Außerdem geht's um den posthumen Film "Manzan benigaki" des japanischen Dokumentarfilmers Ogawa Shinsuke und um Volker Koepps Dokumentation "Uckermark".

Auf der Medienseite berichtet Jörg Thomann über Verwerfungen auf dem Berliner Zeitungsmarkt. Und Michael Hanfeld kommentiert die aufgeregten Dementis bei Bertelsmann und im Kanzleramt, nachdem man vermutet hatte, dass dort eine Rettungsaktion für das Kirch-Imperium ausgeheckt wird.

Auf dem, was einmal Bilder und Zeiten war, geht Felicitas von Lovenberg mit Jonathan Franzen (und hier) dem Sensationsschriftsteller der Saison, durch Berlin ? hier hat er nämlich mal studiert und ausgerechnet in Reinickendorf gewohnt. "1982 war das, Franzen hatte nach langem Suchen endlich ein möbliertes Zimmer gefunden und konnte seiner Gastfamilie in Schlachtensee den Rücken kehren. Er erzählt, wie er jeden Freitag in Berlin Zoo Schlange stand und wie viele andere auf die Wochenendausgabe der MoPo, der Morgenpost, wartete - kaum war sie da, stürzte sich alles auf die wenigen Wohnungsanzeigen. Bei einer so mühsamen Suche durfte man nicht wählerisch sein. Franzen zog also erst einmal in die Scharnweberstraße - und vergrub sich dort hinter seinen Büchern."

Außerdem erzählt hier Paul Ingendaay die Geschichte seines Freundes Rudolf, "der es sich mit zunehmener Sehschwäche in der Welt der gesprochenen Literatur einrichtet" ? selbst die "Minima Moralia" und Eugen Drewermanns Werke hat er als Abonnent der Westdeutschen Blindenhörbücherei auf Kassette.

In der Frankfurter Anthologie stellt Peter Demetz ein Gedicht von Rolf Hochhuth vor. Besprochen werden Filip Sovagovic Stück "Die Vögelchen" in Bonn, Pierre Audis Inszenierung des "Lohengrin" in Amsterdam und der belgische Film "Jeder ist ein Star" von Dominique Deruddere.