Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.02.2002. Die SZ setzt ihre Berichterstattung über die "Friedensmission" Werner Heisenbergs fort. Eine Frankfurter Zeitung findet: Das ist ja doch nur die Sensationmache "einer süddeutschen Zeitung". Die NZZ sieht keine Erbfeindschaft zwischen Hinduismus und Islam. Auf den Berlinale-Seiten der Zeitungen ist Francois Ozons Film "8 femmes" der bisherige Favorit

NZZ, 11.02.2002

Ilja Trojanow, in Indien lebender Schriftsteller, sieht "keine Erbfeindschaft zwischen Islam und Hinduismus": "Durch die Jahrhunderte waren Konflikte überwiegend politisch, materiell begründet. Die Behauptung eines zivilisatorischen Grabens zwischen Islam und Hinduismus, zuerst von britischen Kolonialhistorikern proklamiert und später von rabiaten Nationalisten auf beiden Seiten aufgewärmt, hat sich als 'self-fulfilling prophecy' erwiesen. Mit der Teilung des Subkontinents 1948 in einen hinduistischen und einen muslimischen Staat wurde ein starrer Status quo etabliert, der die historischen Vermischungen und Verflechtungen auseinander reißt und die religiösen Gemeinschaften hüben und drüben ins Korsett der Homogenität presst."

Weiteres: Marc Zitzmann stellt in einer längeren Recherche die Arbeit des zugleich so bedeutenden und politisch so fragilen "Institut du monde arabe" in Paris vor. Besprechungen gelten drei Shakespeare-Stücken in Berlin, Marschners Oper "Der Vampyr" in Freiburg (im Breisgau), ein von den Churer Architekten Bearth & Deplazes im Allgäu entworfenes Künstlerhaus, Janaceks "Jenufa" in Sankt Gallen. Ferner stellt Andreas Rüesch zu unserem vergnügen fest, dass Vladimir Putins Jugendorganisation "Gemeinsam gehen" mit ihrer populistischen Literaturaktion ("schädliche" Literatur soll gegen "gute" umgetauscht werden) auf echte Schwierigkeiten stößt.

SZ, 11.02.2002

Der Besuch von Werner Heisenberg und Carl Friedrich Weizsäcker bei Niels Bohr in Kopenhagen 1941 beherrscht auch weiterhin das Feuilleton der SZ. Für Gustav Seibt ist er Anlass, über die dritte herausgehobene Familie Deutschlands nachzudenken: die Weizsäckers. "Die Wagners mit ihrem Bayreuth haben von Anfang an geholfen, Hitler groß zu machen und sind ihm treu geblieben bis zum Untergang. Die Manns haben den Diktator ebenso konsequent bekämpft und stehen daher für alle guten Traditionen Deutschlands, die Kultur, die Freiheit, die Bürgerlichkeit, die Aussöhnung mit der Welt. Auf die Weizsäckers trifft ein zu häufig gebrauchtes Wort zu: Verstrickung." Der Stil der Weizsäckers lasse sich aus den Büchern herauslesen: "Dieser Ton ist gekennzeichnet von Ruhe, Bedächtigkeit, zarter Weltfrömmigkeit und der stoischen Abwesenheit von Gefühlsausbrüchen, einer ernsten Gefasstheit, die wohl die deutscheste Form der Vornehmheit ist. Was dieser deutschen Version des Vornehmen fehlt, sind Wagemut und Ritterlichkeit."

Zum selben Thema bemerkt der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner, dass Heisenbergs Besuch in Kopenhagen auf Bohr zwangsläufig wie der Auftritt eines "Herrenmenschen" gewirkt haben muss. Und Jeanne Rubner sieht David Cassidys Heisenberg-Biografie bestätigt, in der schon 1992 dargestellt wird, dass Heisenberg kein "Saboteur des deutschen Atomwaffenprojekts" war.

Weiteres: Petra Steinberger hat sich mit dem früheren CIA-Agenten Robert Baer getroffen, dessen gerade erschienenes Buch "See No Evil ? The True Story of A Ground Soldier in the CIA's War on Terrorism" für mächtig Wirbel sorgt (vorabgedurckt im Vanity Fair, Steven Soderbergh und George Clooney haben sich schon die Filmrechte gesichert). Trotz der vielen schwarzen Balken wirft das Buch kein gutes Licht auf die Agency (hier mehr). Der ehemalige CDU-Politiker Jürgen Tödenhöfer fragt, warum auf der Münchner Sicherheitskonferenz niemand darauf hingewiesen habe, dass 'man auf Dauer der Hydra des Terrorismus mit militärischen Mitteln nicht begegnen kann', wie dies der damalige Bundeskanzler Kohl schon 1986 nach den amerikanischen Luftangriffen auf das Terroristennest Libyen unter dem Beifall aller Fraktionen im Deutschen Bundestag erklärt hatte". Willy Winkler schreibt einen Nachruf auf Elisabeth Mann Borgese

Vom Wettbewerb der Berlinale berichtet Tobias Kniebe über Dominik Grafs "Felsen", hat aber vor allem Mühe, über die "Huit Femmes" von Francois Ozon hinwegzukommen. Fritz Göttler widmet sich Bertrand Taverniers "Laissez Passer" und Silvio Soldinis "Brucio nel vento". Anke Sterneborg hat mit Marc Forster über dessen Film "Monster's Ball" gesprochen.

Besprochen werden Installationen des Künstlerpaares Janet Cardiff und George Bures im Hamburger Bahnhof in Berlin, Volker Koepps Dokumentarfilm Kurische Nehrung", Ingmar Bergmans Inszenierung von Ibsens Gespenstern" in Stockholm, sowie das Schauspiel Die Vögelchen" des kroatischen Dramatikers Filip Sovagovic in Bonn. Und Bücher, darunter Aufzeichnungen des Architekturhistorikers Julius Posener, Erzählungen und Stücke aus dem Nachlass von Veza Canetti (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Medien-Seite porträtiert Christiane Schlötzer den Zeichner Metin Üstündag, "spiritus rector der berühmtesten türkischen Karikaturzeitschrift Leman, dessen Karikaturen in der Türkei gerade wieder einmal verboten wurden.

FR, 11.02.2002

Ulrich Müller-Schöll hat den italienischen Regisseur Mauro Berardi interviewt, der sich mit rund 35 anderen Regisseuren zusammengetan hat, darunter Ettore Scola, Mario Monicelli, Francesco Maselli, Gillo Pontecorvo und Damiano Damiani, um einen anderen" Blick auf Attac (hier mehr) und die Globalisierungsgegner beim G8-Gipfel in Genua zu werfen. Herausgekommen seien zwei Filme, erzählt Berardi: "Der erste, 'Genua per noi', ist ein anklagendes Video von Paulo Petrangeli, Wilma Labate und anderen. Darin finden sich die härtesten Szenen und die Auseinandersetzungen. Der andere ist 'Un mondo diverso e possibile' von Maselli, Scola, Monicelli, Pontecorvo, Soldini und vielen anderen und betont mehr den verbindenden internationalen Charakter. 

Martina Meister berichtet über die Berlinale. Sie ist begeistert von Francois Ozons "Acht Frauen", und wie die meisten ihrer Kollegen recht enttäuscht von Bertrand Taverniers "Laissez Passer".

Den Nachruf auf Elisabeth Mann Borgese schreibt Marius Meller. Besprochen werden politische Bücher: Elisabeth Timms "Ausgrenzung mit Stil" und ein Band über das Militär im Kaiserreich (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Anzeige

TAZ, 11.02.2002

Die Berlinale lässt dem taz-Feuilleton kaum Platz für andere Berichte. Tief im Osten Berlins, im Kunst- und Medienzentrum Adlershof, hat Brigitte Wernebrugs die "bei weitem attraktivste" Ausstellung der Stadt entdeckt: "t.i.a. ? This is America". Jan Feddersen erinnert an Elisabeth Mann Borgese, Thomas Manns geliebtes Kindchen und "Mutter der Ozeane"

Auf den Berlinale-Seiten selbst nun lobt Christina Nord Francois Ozons "Huit Femmes" als "Krimi, Screwball-Comedy, Musical und Melodrama in einem, eine Mischung von Genres jener Zeit, in der das Studiosystem prosperierte und Schauspielerinnen noch Göttinnen gleich waren." Vom Forum berichten Diedrich Diederichsen über James Bennings Kalifornien-Trilogie und Christian Semler über Atlantic Drift" von Michel Daeron. Außerdem hat Cristina Nord die Schauspielerin Anna Thomson interviewt, und Andreas Becker porträtiert den Regisseur Ulrich Köhler. Mehr hier.

Und schließlich Tom.

FAZ, 11.02.2002

Heinrich Breloer erinnert sich an Elisabeth Mann Borgese, die die heimliche Hauptifigur in seinem gefeierten Fernsehfilm über die Manns war: "Es war ein Glück für mich (und nebenbei auch ein großes Vergnügen), mit dieser großen alten Dame 1998 und 1999 für mehrere Wochen den Stationen ihres Lebens, und damit auch der Lebensgeschichte der Manns, zu folgen. Die Arbeit mit ihr war für mich viel mehr als ein langes Interview - es war fast wie ein Adoptionsverfahren. Auch für sie gab es immer wieder bewegende Momente, wenn etwa Erinnerungen in ihr wach wurden, die ihr sonst verloren geblieben wären, oder wenn sie auf dieser Reise Menschen und Orten aus ihrem Leben begegnete, die sie sonst vielleicht nicht wiedergesehen hätte."

Christoph Albrecht kommentiert den neuesten Stand der Diskussion um Werner Heisenberg und Niels Bohr, die in der letzten Woche von der SZ mit neuen Dokumenten vorangebracht wurde. Ohne die Konkurrenz zu erwähnen - er spricht nur von "einer süddeutschen Zeitung" -, schließt er in Anspielung auf Michael Frayns Stück über die beiden Forscher: "Die Kunst taugt für Fragen der Unschärfe allemal mehr als feuilletonistische Sensationsmache." (Verstehen kann das nur ein Leser des Perlentauchers, denn die beiden einander so zickig verbundenen Zeitungen sind ja nicht souverän genug, übereinander zu informieren.)

In seinem Resümee des bisherigen Berlinale-Wettbewerbs erzählt Michael eine sehr hübsche kleine Episode aus der Pressekonferenz zu Francois Ozons Film "8 femmes", bei der auch Catherine Deneuve zugegen war: "Irgendwann steht eine Französin auf und stellt eine Frage, die - wie bei Pressekonferenzen so üblich - eigentlich keine Frage ist, sondern eher ein Kommentar oder in diesem Fall geradezu eine Liebeserklärung an den Regisseur. Und weil die Dame überhaupt nicht mehr aufhören will, fragt die Deneuve irgendwann, was sie denn von Beruf sei. Als Antwort kommt kleinlaut: Schauspielerin. Das habe sie sich gedacht, sagt die Deneuve, und aus ihrem maliziösen Lächeln kann man nahezu alles herauslesen, was es über Schauspielerinnen - oder Frauen - zu wissen gibt."

Weiteres: In einer Meldung erfahren wir, dass die Erben Pierre Bourdieus gegen den NouvelObs klagen werden, zu dessen kritischem Dossier über den Soziologen auch ein Abdruck aus einer späten soziologischen Selbstanalyse gehörte, den die Erben wohl nicht genehmigt hatten. Jürgen Kaube stellt ein Papier der Bertelsmann-Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz über die Zukunft der Universitäten vor. Achim Bahnen und Jürgen Kaube unterhalten sich mit dem ehemaligen Verfassungsreichter und jetzigen Chef des Berliner Wissenschaftskollegs über das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit und Stammzellforschung. In Carl Zuckmayers Geheimdienskolumne über deutsche Kollegen, die nicht ins Exil gegangen waren, geht es heute um den Theater-Enthusiasten und Erbprinzen Heinrich von Reuss-Gera-Ebersdorff.

Ferner liest Ingeborg Harms deutsche Zeitschriften (Wir erfahren unter anderem, dass Jan Assmann in Psyche eine neue Interpretation von Freuds Spätschrift "Der Mann Moses" vorlegt). Der Mittelalterhistoriker Kurt Flasch lobt sehr eine kleine Ausstellung über den Beginn des historischen Denkens im Mittelalter in Wolfenbüttel. Auf der Berlinaleseite stellt Mark Siemons den Film "Tiexi District" von Wang Bing als "erstes Meisterwerk" des neuen chinesischen Kinos vor. Außerdem geht's um DDR-Filme in der Sechziger-Jahre-Retro. Auf der Medienseite gibt's einen Drehbericht zu einem "Tatort" mit Ulrike Folkerts. Jürg Altwegg erzählt vom Verkauf der Weltwoche an ein anonymes Konsortium aus Wirtschaftskreisen. Und Achim Bahnen informiert, dass Silvio Berlusconi die RAI offensichtlich am liebsten an Rupert Murdoch verkaufen will. Auf der letzten Seite schließlich informiert uns Dietmar Dath, dass "der Mormonenglaube von Beginn an Nährboden uramerikanisch-technovisionärer Dichtung" gewesen sei. Außerdem profiliert Patrick Bahners den Karnevalskomiker Herrmann Schwaderlappen. Und Matthias Oppermann stellt eine CD mit verschiedenen Marseillaise-Versionen ? von Berlioz bis House ? vor, mit der Bildungsminister Jack Lang die Nationalhymne bei den Schülern populär machen möchte.

Besprochen werden "Leonce und Lena" in Hamburg, Laurent Petitgirards Oper "Joseph Merrick, genannt der Elefantenmensch" in Prag, ein Konzert zum 50. Jubiläum der Berliner Symphoniker mit Mahlers Fünfter und Tankred Dorsts "Merlin" in Dresden.