Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.06.2001.

NZZ, 21.06.2001

Stefan Weidner stellt eine neue Literaturzeitschrift vor, die man sowohl von links nach rechts wie von rechts nach links lesen. Denn 'diwan. Zeitschrift für arabische und deutsche Poesie', ist zweisprachig gedruckt". Im deutschen Teil ist ein Dossier "As-Sayyab, dem 1964 mit nur 38 Jahren verstorbenen Begründer der modernen arabischen Poesie" gewidmet, das auch einige Briefe des Dichters mit gewichtigen poetologischen Überlegungen enthält. Eine Bibliographie zu as-Sayyab vermisst man hingegen, ebenso den Hinweis, dass bereits 1995 beim Berliner Kleinverlag Das Arabische Buch eine zweisprachige Sammlung seiner Gedichte erschienen ist. Den Briefen as-Sayyabs im deutschen Teil entspricht im arabischen ein - aus dem Deutschen übersetzter ? 'Brief an Europa' von Said, dem deutschen Pen-Club Präsidenten. Das Gespräch mit Volker Braun auf arabisch findet sein Echo in einem Interview mit dem libanesischen Dichter Wadi Saadah auf deutsch. Bei gleichem Konzept wird so konsequent immer das Andere und Fremde dargeboten."

Weitere Artikel: Hubertus Adam bespricht eine Ausstellung über urbane Gartenarchitektur im Kunstzentrum Witte de With in Rotterdam, und Marli Feldvoss gratuliert Jane Russel zum Achtzigsten.

Besprochen werden heute viele Bücher, darunter Comics von Lewis Trondheim, Bernard Mandevilles "Versuch über die Hurerei" und Akos Domas Roman "Der Müßiggänger" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 21.06.2001

Hans Leyendecker kommt auf den Fall Friedrich-Christian Flick zurück. Der Erbe jener Flick-Milliarden, deren Grundstein von Zwangsarbeitern gelegt wurde, war in die Kritik geraten, als er ein Museum für seine Kunstsammlung in Zürich stiften wollte ? denn seine Familie weigerte sich, in den Zwangsarbeiterfonds einzuzahlen. Nun kursiert eine Petition von Kulturschaffenden. Leyendecker zitiert: "'In keiner Weise hinnehmbar' erscheine es, wenn ein 'namhafter Erbe wie Friedrich Christian Flick den Eindruck erweckt, sich unter anderem durch den Bau eines Ausstellungsgebäudes für seine private Kunstsammlung einer Unterstützung der Initiative und ihres Fonds entziehen zu wollen... Mit aller Entschiedenheit verwahren wir uns gegen jede Form von Kompensationsgeschäften im Zusammenhang mit dem Bemühen um eine Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter." Unterzeichnet haben Günter Grass, Siegfried Lenz oder Christoph Marthaler. Über Unterschriften von bildenden Künstlern hingegen berichtet Leyendecker nichts.

Andrian Kreye stellt die Frage, ob die Hinrichtung durch die Giftspritze "den endgültigen Kompromiss aus Sühne und humanem Sterben" darstellt und kommt zu dem Ergebnis: "Mitnichten. Hinter dem Nebel des bürokratischen Vorgangs lauert auch bei der gar so modernen Todesstrafe durch Vergiften die grausame Realität des Sterbens." Es folgen die entsprechenden Fallbeispiele.

Weitere Artikel: Eckhart Nickel erinnert sich für die Reihe "Das war die BRD" (mit Ekel!) an das Krabbenbrötchen von Gosch. Besprochen werden Giorgio Strehlers alter "Figaro" als Reprise bei den Wiener Festwochen, eine Ausstellung mit Gürtelschließen aus der Zeit des Jugendstils in der Münchner Villa Stuck, eine Ausstellung über das Thema Bauen in der Nürnberger Kunsthalle, und Werner Egks Ballett "Abraxas" im Münchner Prinzregententheater.

Auf der Filmseite finden wir Besprechungen der Filme "Helden aus der zweiten Reihe", "27 Missing Kisses" und "Shadow of The Vampires". Außerdem gratuliert Fritz Göttler Jane Russell zum Achtzigsten.

FR, 21.06.2001

Thomas Wolff hat sich beim ersten Madonna-Konzert in Berlin gelangweilt: "Die Musik spielt heute woanders. Ein paar verzerrte Akkorde über einem belanglosen Disco-Beat sind meilenweit entfernt von der zeitgenössischen Hardrock-Szene, von den glasharten und präzisen Gitarrenriffs von Limp Bizkit und den Queens of the Stoneage. Und was Madonna auf dem Akustik-Sektor zuwege bringt, ist auch nicht gerade der Stand der Dinge." Wenigstens kriegt man davon keinen Haarausfall wie bei Limp Bizkit!

Ursula März fragt sich nach einem Besuch beim Berliner Literaturfestival, "woher das Bedürfnis, ja, die regelrechte Gier der Literatur eigentlich rührt, sich in vergleichbaren Ereignissen mit Festival- und Partycharakter zu inszenieren. Denn das Ausmaß der Lesungen, der Buch- und Dichterpräsentationen, Schriftstellerdiskussionen, Straßenbuchfeste, Wettbewerbe, Poetry-Nächte mit und ohne Disco befindet sich gegenwärtig in einer Aufstiegskurve, deren Steilheit jeden Aktionär neidisch machen muss."

Claus Leggewie zeichnet eine kurze Skizze von der Situation in Israel unter Ariel Sharon. Während die BBC den israelischen Premierminister gerade in einer Dokumentation über die Massaker in Sabra und Schatilla als Kriegsverbrecher hinstellte, vertrauen selbst die israelischen Linken "ihm und seiner Parole 'Frieden (nur) in Sicherheit' mehr als dem Vorgänger Ehud Barak, der auch unter Feuerattacken zu verhandeln bereit war. Die 'zweite Intifada' hat viele israelische 'Tauben' mürbe gemacht, und 'die Situation', wie man das riskante Leben unter dem Eindruck fast täglicher Terroranschläge und Selbstmordattentate nennt, trug dazu bei, dass sie dem erstaunlich friedlich und diplomatisch auftretenden Sharon zögernd folgen."

Weitere Artikel: Carsten Hueck stellt den bosnischen Lyriker Stevan Tontic vor, der heute den Heidelberger Preis "Literatur im Exil" erhält, Gerhard Midding gratuliert Jane Russell zum Achtzigsten.

Besprochen werden ein "Figaro" in Stuttgart, Gorkis "Nachtasyl" im Schlosstheater Moers, die Uraufführung von Simone Schneiders "Springerin" am Stadttheater Duisburg, zwei Ausstellungen: "Wirklichkeit in der zeitgenössischen Malerei" in der Städtischen Galerie Delmenhorst, eine Daniel-Richter-Ausstellung in der Kunsthalle Kiel und Bücher, darunter Marcel Reich-Ranickis "Reden in deutschen Angelegenheiten".
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TAZ, 21.06.2001

Ronald Düker beschreibt die Allianz von Krieg und Film, von Wochenschaumaterial und Bilderbuchhelden im amerikanischen Kino. So ließ John Ford in seinen Dokumentarfilm über Pearl Harbor "The Battle of Midway" eine Großaufnahme des Gesichtes von Major Franklin Roosevelt Jr. hineinschneiden, die vier Wochen vor dem Angriff auf einem Flugfeld aufgenommen worden war. "Die hereingeschnittene Großaufnahme von Franklin Roosevelt Jr. ersparte 'The Battle of Midway' das Schicksal eines Verbots durch die Zensur. Außerdem sorgte Ford dafür, dass sein Film zuerst im Weißen Haus gezeigt wurde. Der schwer kranke Präsident wohnte der Vorstellung im Rollstuhl sitzend bei. Als er seinen eigenen Sohn aufrecht salutierend auf der Leinwand erblickte, verfügte er, dass jede Mutter in Amerika den Film zu sehen bekommen müsse. 'The Battle of Midway' lief mit 500 Kopien in den amerikanischen Kinos an und bescherte Ford seinen vierten Oscar."

Richard Herzinger ist schwer genervt von den moral-philosophischen Argumenten in der Gen-Debatte wie sie die "traditionell dazu berufenen geistigen Avantgarden des bildungsbürgerlichen Milieus" anbringen. An vorderster Front: "Das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das bis vor kurzem noch jeden als Naivling abzustempeln pflegte, der humanistische Werte nicht für hoffnungslos antiquiert und die Universalität der Menschenrechte für mehr als einen Reklamegag der Nato hält". Anlässlich der Bioethikdebatte habe sich die FAZ anscheinend "über Nacht in eine Art intellektuelles Kampforgan des Opus Dei verwandelt".

Weitere Artikel: Tobias Rapp war auch auf dem Madonnakonzert und ist, hm, begeistert: "Begehrensströme fließen durch den Saal. Wir sind da, sie ist da, unser aller Erinnerungen sind da: es ist schön." Falko Hennig führt sein Tagebuch vom Berliner Literaturfestival weiter, Harald Fricke berichtet über den drohenden Abriss von Olaf Metzels "Stammheim"-Skulptur im Innenhof des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart.

Besprochen werden die Filme "Shadow of the Vampire" von E. Elias Merhige (Willem Dafoe spielt darin Max Schreck, wie er in Murnaus "Nosferatu" den Vampir spielt) und "Disneys große Pause" von Chuck Cheetz.

Schließlich Tom.

FAZ, 21.06.2001

Jürgen Kaube kritisiert, dass sich die EU so lange Zeit lässt, die osteuropäischen Länder Polen, Ungarn, Tschechien und die baltischen Staaten in die Union aufzunehmen. Kaube erinnert an den Marshall-Plan, mit dem die Amerikaner nach Kriegsende großzügig den Wiederaufbau Deutschlands unterstützten. "Wie immer man diese Verhandlungen und die Forderungen, die an wirtschaftspolitische Reformen in Osteuropa gestellt werden, im einzelnen beurteilt, von der Erinnerung an die generöse Verfahrensweise nach 1945 sind sie nicht bewegt. Ländern wie den baltischen, deren Importe in die EU nur geringste Prozentsätze von deren gesamten Handelsvolumen betragen, werden behandelt, als drohte dem Westen bei ihrem Beitritt eine Warenschwemme. Eine Wiederholung jener Geste einseitiger Öffnung der Märkte liegt außerhalb der politischen Vorstellungskraft der gegenwärtigen Administrationen im Westen."

Andreas Obst feiert Madonnas Auftritt in Berlin: "Alles, was an diesem denkwürdigen Abend passierte, geschah auf eine Art gleichzeitig, dass man noch Stunden später nicht richtig begriffen hatte, was alles zu sehen, zu hören und zu fühlen war. Im Abstand betrachtet, ist das heute womöglich die eigentliche Bedeutung von Madonna. Was sie in neunzig Minuten bietet, konnte man auf den Bühnen der Welt schon in den letzten zwanzig Jahren sehen - und womöglich wird man es dort auch in Zukunft sehen; doch kaum je wurde es in solch atemloser Perfektion dargeboten, als zirzensischer, nur sich selbst verpflichteter Wirbel mit den Möglichkeiten des Pop."

Heute berät der Bundestag über das Biopatentgesetz. Tobias Gostomzyk erklärt in einem auch für Laien gut verständlichen Artikel, worum es dabei genau geht. Daneben steht ein Interview mit drei Mitarbeitern des Europäischen Patentamts in München: Ulrich Schatz, Rainer Moufang und Bart Claes. Schatz ist "generell ein Gegner einer Tendenz, die sagt, je mehr Patentschutz, desto besser. Ich glaube, dass es dem Sinn des Patentrechts entspricht, nur genau den spezifischen technischen Beitrag zu schützen, den der Erfinder erbracht hat, und dafür einen wirklich starken Schutz zu haben. Spekulative Ansprüche müssen klar abgelehnt werden. Wenn ein Unternehmer offenbart hat, ich habe Stoff X und kann damit Verwendung Y machen, dann sollte das Patent genau darauf beschränkt bleiben. Es entspricht meiner persönlichen Auffassung zufolge dem Zweck des Patents, dass jemand für seinen konkreten Beitrag für die Allgemeinheit zum Ausgleich entlohnt wird - aber nicht mehr."

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko gratuliert Jane Russell zum Achtzigsten, Stefanie Flamm berichtet über die "Potsdamer Begegnungen" des Deutsch-Russischen Forums zur "Revolution der Zeit", bei der sich Boris Groys und Bazon Brock die "Rolle des Theorieclowns" teilten, Arnold Bartetzky schreibt über den zweiten Tag der offenen Baustelle in Leipzig, Dirk Schümer beschreibt in seiner Venedig-Kolumne den Muschelkrieg zwischen Behörden und illegalen Fischern in der Lagune. Joseph Croitoru berichtet über die Reaktionen in Israel auf die Ausstrahlung einer BBC-Dokumentation, die Ariel Sharon für die Massaker in Sabra und Schatilla 1982 verantwortlich machte, Reinhard Kager schreibt über zweihundert Jahre Theater an der Wien, Karol Sauerland schildert den Streit zwischen Adam Michnik und Leon Wieseltier über Jedwabne, und Gina Thomas berichtet, dass das Goethe-Institut in Manchester gern den Libeskind-Pavillon kaufen würde, der zur Zeit im Londoner Hyde Park steht.

Besprochen werden eine Ausstellung der Sammlung Giustiniani im Alten Museum Berlin, der Film "Disneys Große Pause", neue Sachbücher, darunter ein "Atlas der Erlebniswelten", und Reisebücher (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).Die Bücher-und-Themen-Seite ist heute imaginären Schriften gewidmet.

Zeit, 21.06.2001

Ein Outing ganz anderer Art. Jens Jessen entlarvt den Berliner Haushaltspolitiker, der für die Verschleiß der schnell wechselnden Kultursenatoren in der Stadt sorgte: "Denn das ist die bittere Pointe der Berliner Politik, dass der Erfinder des Teufelsspuks, der bisherige Meisterverhinderer aller Initiativen, der sozialdemokratische Fraktionschef Klaus Wowereit, nun Regierender Bürgermeister ... ist... Anmutig verbeugt sich der Folterer vor seinen Opfern."

Hanno Rauterberg teilt mit, dass in der Architektur am "Beginn des 21. Jahrhunderts ein unverhohlener Historismus gesellschaftsfähig" geworden sei. "Die Zeit des freien Formenspiels, einer ironisierenden Postmoderne ist vorbei. In Berlin etwa ist das ornamentüberzuckerte Hotel Adlon zum Exemplum des besseren Bauens avanciert und findet diverse Nachfolger... Da mag die Architektenschaft noch so laut 'Kitsch!' brüllen, sich über 'Disneyfizierung' und 'Selbstbetrug' erregen ? der Neotraditionalismus, der in England von Prince Charles und in den USA vom New Urbanism vorangetrieben wird, ist längst auch in Deutschland angekommen."

Die Pokemons auch. Auf einer ganzen Seite erzählt Michael von Brück ihre Geschichte und schließt: "Es ist offenkundig nicht nur das Marketing, das die Pokemons zu einem Weltschlager macht (einer Welt-Kinder- und Jugendreligion gleich). Es sind die mythischen Muster, in denen die Kinder ihre Sehnsüchte und Fantasien ausleben können, wenn auch reduziert und ohne die psychologische Hintergründigkeit, von der die alten Mythen und Märchen leben." Na, immerhin!

Weitere Artikel: Jörg Lau erklärt Sinn und Zweck der von Staatsminister Julian Nida-Rümelin gegründeten Bundeskulturstiftung. Thomas Groß fragt sich, was die selten Platten vorlegende Band Prefab Sprout "so anziehend macht für spät- und postmoderne Connaisseure". Besprochen werden ferner eine Ausstellung über die Malerei der zwanziger Jahre in der Hypo-Ausstellungshalle in München, die Ausstellung "Hitchcock und die Kunst" im Centre Pompidou, der Film "Shadow of the Vampire", die posthume Uraufführung von Franz Schrekers Oper "Flammen" in Kiel, das Konzert György Ligetis mit Aka-Pygmäen in Berlin und Thomas Ostermeiers Inszenierung von Biljana Srbljanovics Stück "Supermarket" in Wien.

Aufmacher des Literaturteils ist Reinhard Baumgarts Besprechung von zwei Büchern der schottischen Erzählerin A. L. Kennedy (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf kulturfernen Seiten finden wir drei interessante Texte. Herausgeber Michael Naumann behauptet in einem ganzseitigen Essay im politischen Teil, dass eine "Bioethik ohne Gott" möglich sei und fordert "Vorsicht, Toleranz und Skepsis" bei seinen ehemaligen Kollegen aus der Politik. In einem Interview der Wirtschaftsseiten warnt der Ökonom Milton Friedman die Europäer vor Euro und Sozialstaat. Und im Wissensteil fragt Alexander Bogner: Was macht die Frankfurter Schule?