Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.06.2001.

NZZ, 20.06.2001

Dokumentiert wird die Rede von Peter Nadas zur Eröffnung der Budapester Buchmesse. Der ungarische Schriftsteller denkt hier auch über die Zeit seit der Wende nach: "Eine Haaresbreite trennt die Freiheit vom Chaos. Meine persönliche Meinung ist, dass wir Ungarn jetzt im Chaos gelandet sind. Noch ist nicht abzusehen, was die ungarische Nation letztlich wünscht, aber deutlich ist schon zu erkennen, wer mit der geistigen und mentalen Last von zwei Diktaturen auf dem Buckel in den zehn Jahren was mit seiner persönlichen Freiheit angefangen hat. An den Diktaturen gemessen, eine nicht zu unterschätzende Veränderung. Wo früher ein grauer Niemand auf der Bühne stand, ein bereitwilliger Untertan, sehen wir uns jetzt als Personen wieder. Jeder für sich und wechselseitig erfahren zehn Millionen Menschen, was sie von wem erhoffen beziehungsweise mit wem sie worüber und wie sprechen können."

Bernhard Dotzler stellt die Bremer Günter-Grass-Stiftung vor, die sämtliche Ton- und Bilddokumente des Schriftstellers archivieren und unter anderem im Internet zugänglich machen will: "Dafür freilich ist Grass geradezu prädestiniert. Die Annalen der Gegenwartsliteratur führen ihn spätestens seit dem 'Tagebuch einer Schnecke' (1972) als herausragenden Vertreter dessen, was die 'Cambridge History of German Literature' eine 'specifically political literature' nennt. Dass die Entsprechung von literarischer Form und aufklärerischem Anspruch eine strukturbildende Rolle in seinem Werk einnimmt, geriet zur fixen Wendung der Sekundärliteratur. Dieselbe Wendung birgt aber jene Erweiterung des Werkbegriffs in sich, die der Philologenzunft im gleichen Zeitraum beschert wurde - derselbe Anspruch verlangt, dass nicht nur die literarische Form, sondern sämtliche Formen der Einmischung ins Auge gefasst werden. Politik seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ist ... 'Politik der neuen Medien'." Die Internetadresse der Stiftung haben ist eine der wenigen empfehlenswerten, einem Schriftsteller gewidmeten Websites in Deutschland. Wir präsentieren sie gegen 11 Uhr in einem Link des Tages ausführlicher.

Heribert Seifert bespricht das bisher nur auf englisch erschienene Buch "The Language of Journalism" des Publizisten Melvin J. Lasky ? erschienen ist bisher der erste Band: "Newspaper Culture". "Den größten Teil des Buches nehmen .. sehr differenzierte Fallanalysen zur neuen Selbstzensur des Journalismus im Zeichen der politischen Korrektheit ein. Die gewiss gebotene Umsicht beim publizistischen Umgang mit ethnischen Minoritäten, so Laskys konsequent libertäre Forderung, darf nicht zur Selbstamputation des Journalismus führen. Sehr überzeugend führt er vor, wie zum Beispiel gerade das Weglassen von allen Angaben zur ethnischen Herkunft von Straftätern ein Klima des Verdachts schafft: 'Suspicion by omission' ist aber ein höchst gefährlicher Brennstoff für das Feuer der Vorurteile..."

Besprochen werden eine Daniel-Spoerri-Ausstellung im Tinguely-Museum Basel, Mozarts "Figaro" bei den Wiener Festwochen, ein Mozart-Fest in der Tonhalle Zürich und einige Bücher, darunter Carlos Sauras Roman "Dieses Licht!". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 20.06.2001

Gegen eine angebliche "Kiez"-Ideologie in Berlin zieht Jost Kaiser zu Felde: "'Kiez' ist das Gegenteil von der geistigen Disposition, die eine Metropole oder gar Weltstadt, wie Berlin es gern sein würde, jetzt braucht ? denn 'Kiez' ist in Wahrheit das freiwillige Provinzlertum, das dem erzwungenen noch unterlegen ist. Denn wo Verwurzelung in anderen Regionen als Provinzialität gegeißelt wird, eine Tatsache die unter den so Stigmatisierten derartig wuselige Aktivität und Ehrgeiz auslöst, dass es nicht selten zu ganz brauchbaren, vor allem kulturellen Leistungen führt, war der selbstgefällige Berliner Lokalpatriotismus doch immer der reaktionärste und unproduktivste und führte zum schlimmsten Ergebnis: Wer glaubt, in Berlin zu wohnen, sei alleine schon ein Verdienst, der wird, anders als in seinem Heimatstädten Hamburg, München oder Stuttgart, zumeist jede Anstrengung vermissen lassen, sich aus dem eigenen Mief zu erheben."

Was er der Hauptstadt wünscht, gibt Klaus Harpprecht auf der Berlin-Seite bekannt: "Die Hauptstadt-Kultur darf nicht in Grund und Boden gespart werden, vor allem Forschung und Wissenschaft nicht: Mehr und anderes hat Berlin nicht zu bieten. Die Bundesbürger aber, die für Berlin auf- und niederkommen, werden die teure Hauptstadt nur ertragen, wenn sie mehr ist als aufgedonnerte Provinz. Liebe gibt's trotzdem nicht. Aber Geld. Vielleicht ein Quäntchen Respekt, im Glücksfall einen Hauch Bewunderung. Vom Stolz wollen wir lassen. Mit dem können die Glatzen das einreiben, was statt Kopf auf ihren dicken Hälsen angeschraubt ist."

Der Schriftsteller Ingo Niermann beschreibt das jüngste Werk des bis dato an sich recht unbekannten britischen Künstlers Jeremy Deller, der mit 800 Komparsen die "Battle of Orgreave" nachstellte, also jene Auseinandersetzung zwischen Minenarbeiten und Polizisten, die 1984 die endgültige Niederlage der Gewerkschaften gegen Thatcher symbolisierte. "Hinter der Absperrung, die die Zuschauer vom Geschehen trennte, erzählte die Gattin eines ehemaligen Minenarbeiters, dass die Spaltung in Streikwächter und Streikbrecher noch heute Mitglieder derselben Familie nicht miteinander reden lasse. Man erkannte sie als Gattin an ihren Sandalen und bloßen, vor Kälte blaugefärbten Füßen, denn die Hitze von 1984 ließ sich nicht nachstellen."

Andrian Kreye berichtet von den Fashion Awards in New York. Viel Glamour: "Vergessen waren die ignoranten Controller, die von den Modehäusern verlangen, sich mehr auf Jeans und Sportkleidung zu konzentrieren. Verdrängt die ewigen Minderwertigkeitsgefühle gegenüber Europa und die Sehnsucht New Yorks, als Modemetropole endlich in einem Atemzug mit Mailand, Paris und London genannt zu werden." Kann die Stadt nicht wenigstens in einem Punkt provinziell bleiben?

Konrad Lischka denkt über die Raumerfahrung in neueren Videospielen nach: "Der Raum und die räumliche Erfahrung sind ein zentrales Motiv des Computerspiels. Ein Spiel beschreibt nicht, sondern wird erfahren, was das Experimentieren mit einer Menge von Raumentwürfen ermöglicht. Darum bemisst sich heute auch die Güte aktueller Spiele zu einem großen Teil nach der Anzahl der gleichzeitig darstellbaren Bildpunkte, Farben, bewegten Flächen und Lichtreflexe."

Weitere Artikel: Bei Holger Liebs erfahren wir, dass der Zirkus der Kunst-Biennalen nun nach Lyon zieht. Marianne Heuwagen berichtet, dass Julian Nida-Rümelin für die niedrige Besteuerung ausländischer Künstler kämpft. Auf der Medienseite prangert Hans Leyendecker den rüden Umgang des Verlags Gruner und Jahr mit der Berliner Zeitung an. Besprochen werden das Neue-Musik-Festival "Strings of the Future", das der kanadischen Szene gewidmet ist, Sybille Fabians Dramatisierung des "Gunten" von Robert Walser in Freiburg und der Film "Ohne Worte".

Auf der Schallplattenseite beklagt Jay Rutledge, dass die europäische Weltmusikszene an ethnischen Klischees festhält und empfiehlt einen Plattenladen im Pariser Viertel Barbes, wo man wirkliche Popmusik aus Afrika findet. Barbara Winkler stellt das Bonner Mail-Order-Label "Return to Sender" vor, das auf Raritäten spezialisiert ist. Besprochen werden neue CDs von Brian Eno, Steffen Basho-Junghans, Squarepusher und Manu Chao.

FR, 20.06.2001

Der Philosoph und Psychologe Matthias Kettner klagt: "Die Tumorforscher und Krebstherapeuten seit Anfang der 80-er Jahre haben kaum Versprechungen gemacht. Aber wir verdanken ihnen Resultate, deren Wert nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Anders die Pioniere der medizinisch orientierten (roten) Gentechnologie und, seit neuestem, der Stammzellforschung: Sie haben an Therapieerfolgen für Patienten nichts vorzuweisen, schaffen aber Erwartungen, die an Großartigkeit kaum noch zu überbieten sind."

Petra Kohse meint in einer kleinen Reflexion über das sich angeblich wandelnde "Gesellschaftliche Reden": "Immer mehr Produktpropaganda frisst sich in unser Bewusstsein, lebensweltliche Slogans oder Titel von Filmen, Büchern und Songs, auch wenn man sie nie gesehen, gelesen oder gehört hat."

Weitere Artikel: Bei Gisela Sonnenburg erfahren wir, wie das neue Stiftungsrecht aussehen soll. Adam Olschewski bereitet uns auf die Tournee von Aimee Mann vor. Klaus Bachmann berichtet, dass der "stilisierte Retrolook" in zahlreichen Städten Polens immer beliebter wird. Besprochen werden der Film "Shadow of the Vampire", eine Tagung über Cultural Studies in Mülheim und das Stück "Ein Inspektor kommt" am Schauspiel Bochum.
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Stichwörter: Vampir

TAZ, 20.06.2001

Christiane Kühl porträtiert den amerikanischen Theaterautor Richard Maxwell, der mit seinem Stück "Boxing 2000" nach Berlin kommt: "Als 'Boxing 2000' vergangenen September in New York uraufgeführt wurde, diagnostizierte die New York Times beim Publikum 'diesen beschleunigten, hoffnungsvollen Herzschlag', der von dem seltensten aller Phänomene rühre: 'watching a genuinely original new talent at work'. Eine ganze Seite widmete der Kritiker 'Boxing 2000', und nur vier Tage später erschien eine fast ebenso große Geschichte über den 32-jährigen Autor und Regisseur selbst. A star was born, sollte man meinen. Aber die Metropole ist härter. Wer in New York nicht Broadway-kompatibel arbeitet - und das ist ungefähr der letzte Ort, wo man sich Maxwells phlegmatische Vorstädter vorstellen kann - agiert bis auf weiteres in Rattenlöchern."

Mark Terkessides kritisiert die afrikanische Moderne, die Owui Enwezor auf seiner Berliner Austellung "The Short Century" präsentiert als "hegemonial": "Sein Projekt deckt häufig die Brüche innerhalb des Begriffs Afrika zu - weder die Verstrickung in das Erbe des Kolonialismus noch die Differenzen innerhalb der Befreiungsbewegungen werden letztlich angemessen reflektiert. Das führt auch dazu, dass in einer Ausstellung, deren erste Stationen München und Berlin sind, die Verstrickung Deutschlands in die kulturelle Entwicklung Afrikas nach 1945 überhaupt keine Rolle spielt." Schlimm: Jetzt sind die Deutschen auch noch in eine kulturelle Entwicklung verstrickt!

Weitere Artikel: Oliver Ilan Schulz stellt das Sonar-Festival in Barcelona vor, das der Techno-Musik und den Multimediakünsten gewidmet ist. Falko Henning setzt sein Tagebuch vom Internationalen Literaturfestival in Berlin fort. Und Christian Broecking macht sich Gedanken über die gegenwärtige Lage von Free und Latin Jazz.

Schließlich Tom.

FAZ, 20.06.2001

Mark Siemons wundert sich, dass ein Untersuchungsbericht der chinesischen Regierung über die wirtschaftliche Zukunft des Landes im Westen kaum wahrgenommen wird. Der Bericht entwirft "ein Bürgerkriegsszenario", wie es "desaströser kaum sein kann. Schonungslos werden die wachsende Ungleichheit, die Massenarbeitslosigkeit, die faktische Rechtlosigkeit der Bürger und die Parteikorruption analysiert." Siemons hat den Verdacht, dass man im Westen solche Nachrichten "nicht hören will. Denn die soziale Erosion ist eng mit der 'Modernisierung' verknüpft, die nun einmal positiv konnotiert ist. Der vermeintlich so differenzierende Zweiklang 'Modernisierung und Menschenrechte' bürdet alles Kritikwürdige den anachronistischen Mächten der Vergangenheit (der autoritären Parteiherrschaft) auf und lässt die 'Moderne' unberührt."

Kapitalismuskritik auch von dem Berliner Kultursoziologen Wolfgang Engler. Er denkt auf fast einer ganzen Seite über das ruinierte Ostdeutschland nach: Deindustrialisierung, Arbeitslosigkeit, schleichende Entstädterung lassen sich seiner Ansicht nach nicht aufhalten oder gar rückgängig machen. Vor Augen geführt hat ihm dies vor allem ein Manager, der in einer Diskussion offen erklärte: "Sowohl der Industrialisierungsgrad als auch das Beschäftigungsniveau der alten DDR gehörten unwiderruflich der Vergangenheit an. Die deutsche Wirtschaft denke nicht daran, sich im Osten Deutschlands selbst Konkurrenz zu machen. Wenn sie dort investiere, dann höchst punktuell und zu Sonderkonditionen, unter denen kräftige Finanzspritzen von Bund und Ländern ganz oben rangieren." Was also tun? Hier wird Engler dann leider ziemlich vage: "Statt Sorgenkind zu sein, könnte der Osten die Zukunft repräsentieren; die Lösung der Frage, was der reiche Westen mit seinem Reichtum macht, wenn ihm eines fernen Tages die Arbeit doch einmal ausgehen sollte." Die Frage ist nur: Zahlt das die Miete?

Markus Reiter erläutert eine Studie des Elitenforschers Michael Hartmann, der "die Karrierewege von Juristen, Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern aus vier Promotionsjahrgängen, nämlich den Jahren 1955, 1965, 1975 und 1985, untersucht" hat. Dabei stellte sich heraus, dass unter den Erfolgreichen "die Abkömmlinge des gehobenen Bürgertums und des Großbürgertums weit überrepräsentiert" sind. "Zu diesen Gruppen gehören lediglich drei Prozent der Bevölkerung. Angehörige dieser kleinen Schicht hatten aber eine um rund die Hälfte höhere Chance, in Spitzenpositionen der Wirtschaft aufzusteigen, als jene, die den restlichen siebenundneunzig Prozent der Bevölkerung entstammen. Beim Großbürgertum, zu dem Hartmann nur rund ein halbes Prozent der Deutschen rechnet, steigt die Chance auf einen solchen Aufstieg gar um das Doppelte." Das gilt übrigens auch für die New Economy, schreibt Reiter.

Weitere Artikel: Eva Menasse schreibt über 50 Jahre Wiener Festwochen, Michael Göring von der Bucerius-Stiftung warnt davor, die geplante Bundeskulturstiftung als Stiftung des öffentlichen Rechts zu installieren, Harald Hartung schildert Eindrücke vom Internationalen Literaturfestival in Berlin, in der Reihe "Deutsches Wörterbuch" denkt Christoph Peters über die "Gehbahn" nach, Anja-Rosa Thoming schreibt über das Opernhaus in Manaus, Petra Kolonko stellt den chinesischen Popstar Cui Jian vor, der auf Europatournee kommt, Felipe Gonzalez grübelt, was er in einer Diskussion über die Auswirkungen der "Wahrheitskommission" in Chile sagen soll, ohne wie ein "peitschenschwingender Gerechtigkeitsapostel" dazustehen, Joseph Hanimann schreibt zum Tod des Agronomen Rene Dumont, und Jürgen Otten schildert ein Konzert in der Berliner Philharmonie mit Werken von Györgi Ligeti und einem zehnminütigen Auftritt des "fünfzehnköpfigen Chors der Aka-Pygmäen Nzamba Lela, eingeflogen aus subsaharanischen Gefilden". Ligeti, fasziniert vom "'polyphonen Jodeln'" der Pygmäen, hat das Konzert selbst veranlasst. Peinlich an dieser Veranstaltung, so Otten, war der Vortrag des Musikethnologen Simha Arom, der dem Publikum erklärte, dass die Musik der Aka-Pygmäen "'auf einer impliziten Theorie (basiert), von deren Existenz die Pygmäen nichts wissen.'"

Auf der Stilseite kritisiert Lutz Hieber die "Sittenpolizisten" des Deutschen Werberats.

Besprochen werden Jean-Pierre Jeunets in Frankreich unwahrscheinlich erfolgreicher Film "Amelie", eine Ausstellung mit Werken von Sylvie Fleury im Museum für Neue Kunst in Karlsruhe, eine Ausstellung über den Glanz der Omaijaden-Herrschaft im Madinat al-Zahra in Cordoba und eine Ausstellung zu Ehren von Johann Heinrich Voß in Eutin, die demnächst durch den deutschen Norden zieht.