Magazinrundschau

Sprengen sich zwei Termiten in die Luft

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
26.10.2021. The Atlantic beobachtet, wie der Hedgefonds Alden Global Capital ungeniert Lokalzeitungen aussaugt. So mutig kann ungarisches Theater sein, staunt HVG über die neue Inszenierung von Béla Pintér. In Eurozine erklärt Myroslaw Marynowytsch den Unterschied zwischen russischen und ukrainischen Dissidenten. In der NYRB zeichnet Alma Guillermoprieto ein vernichtendes Porträt von Nicaraguas Daniel Ortega. Die London Review lernt, warum die Regierung im Libanon Auswanderer liebt. Der New Yorker bewundert Ohrwürmer mit zwei Penissen.

The Atlantic (USA), 01.11.2021

McKay Coppins ist dem dubiosen Hedgefonds Alden Global Capital auf der Spur, der vergangenen Mai unter adnerem die altehrwürdige Chicago Tribune kaufte, ein Viertel der Nachrichtenredaktion feuerte und das Blatt regelrecht ruinierte. Welche Strategie steckt dahinter? "Was Lokalzeitungen heute bedroht, ist nicht nur die Digitalisierung oder abstrakte Marktkräfte. Sie werden von Investoren attackiert, die herausgefunden haben, dass man reich wird, indem man lokale Nachrichtenblätter ausnimmt wie eine Weihnachtsgans. Das Modell ist einfach: Personal entlassen, Immobilien verkaufen, Abo-Preise hochtreiben und so viel Geld wie möglich aus dem Unternehmen ziehen, bis die Leser schließlich die Abos kündigen und das Blatt am Ende ist oder nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Männer, die dieses Modell entwickelt haben, sind Randall Smith und Heath Freeman, Mitbegründer von Alden Global Capital. Seit sie vor einem Jahrzehnt ihre ersten Zeitungen gekauft haben, war kein anderer Investor weniger daran interessiert so zu tun, als würde er sich um die langfristige Gesundheit seiner Publikationen scheren. Forscher der University of North Carolina fanden heraus, dass Zeitungen im Besitz von Alden ihr Personal doppelt so stark reduziert haben wie die Konkurrenz. Nicht zufällig ist die Auflage auch schneller zurückgegangen, so Ken Doctor, Analyst der Nachrichtenbranche, der die Daten einiger der Zeitungen überprüft hat. Diese Zeitungen müssen nicht zu nachhaltigen Unternehmen werden, damit Smith und Freeman Geld machen. Mit aggressiven Kostensenkungen kann Alden seine Zeitungen jahrelang mit Gewinn betreiben und gleichzeitig ein immer schlechteres Produkt anbieten, gleichgültig gegenüber empörten Abonnenten. 'Das ist die Gemeinheit und die Eleganz des kapitalistischen Marktes, die da in die Presselandschaft gelangt', sagt Doctor. Bisher hat Alden seine Strategie hauptsächlich auf Wochenzeitungen beschränkt, aber Doctor gleubt, es sei nur eine Frage der Zeit ist, bis die Reihe an die Tageszeitungen kommt."
Archiv: The Atlantic

HVG (Ungarn), 26.10.2021

Der Kritiker und Kulturjournalist Bálint Kovács ist hin und weg von "Marshal Fifty-Six", der neuen Inszenierung des Autors und Regisseurs Béla Pintér: Denn "Pintér zeigt endlich, dass es möglich ist, über das Ungarn des Jahres 2021 im Theater konkret, gültig und prägnant zu sprechen, ohne zum sechshundertfünfundfünfzigsten Mal 'Richard III.', 'Cabaret' und andere Klassiker hervorzuholen und darin ein paar ironische Anspielungen auf das aktuelle System zu verbergen, wie es - mit Ausnahme einiger weniger Ausnahmekünstler - der kleine Teil des ungarischen Theaters tut, der sich überhaupt für das interessiert, was ihn hier und jetzt umgibt. Pintér beweist auch, dass eine Aufführung über die aktuellsten Themen des öffentlichen Lebens nicht automatisch zu einem politischen Kabarett werden muss." Und er ist sehr hart zu den Goldjungs von Orbáns System der "nationalen Kooperation" (NER), "in einer Art und Weise, die in diesem Land, das stark durch Selbstzensur belastet ist, nicht üblich ist. Die meisten würden sich das nicht mal in einer Vorlesung oder einem Interview trauen. Ob das alles mutig von Pintér ist, ob jemand, der so offen seine Meinung vertritt, wirklich den Kopf hinhält, oder ob im Gegenteil eine ständige Selbstzensur im heutigen Ungarn unnötig ist, sei dahingestellt, aber es sagt auf jeden Fall viel über den gegenwärtigen Zustand der öffentlichen Angelegenheiten in Ungarn aus, dass die erste Option überhaupt in Erwägung gezogen wird - denn natürlich wird sie das."
Archiv: HVG

Eurozine (Österreich), 25.10.2021

Timothy Snyder unterhält sich mit Myroslaw Marynowytsch, der gerade die "Memoiren eines ukrainischen Dissidenten" veröffentlicht hat. Sechs Jahre verbrachte er unter Breschnew in Lagerhaft. Dissident sein in der Ukraine war nicht ganz das gleiche wie Dissident sein in Moskau, erzählt er unter anderem. Zwar gab es überall Helsinki-Gruppen, aber in der Ukraine oder in den baltischen Staaten war mit der Dissidenz auch der Wunsch nach Souveränität verbunden. Eine Szene macht deutlich, warum: "Jedes Bestreben, das Ukrainische zu bewahren, wurde als die schwerste Sünde nationalistischer Ukrainer angesehen. Wenn zwei junge Männer - ganz zu schweigen von einer größeren Gruppe von Menschen - offen und ohne Hemmungen Ukrainisch sprachen, wurde das an sich schon als Rebellion empfunden. Ich kann mich noch gut an die strengen Blicke meiner Kiewer Mitbürger in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Straße erinnern. Sie versuchten, sich von uns zu distanzieren, weil sie Angst hatten."
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Archiv: Eurozine
Stichwörter: Ukraine, Dissidenten

New York Review of Books (USA), 25.10.2021

Mit immer groteskeren Mitteln klammern sich Daniel Ortega und seine Frau Rosario Murillo in Nicaragua an die Macht. Vor den Wahlen am 7. November wurde alle Gegenkandidaten von den Listen gestrichen oder gleich ins Gefängnis geworfen. Und vor allem schonen Ortega und Murillo auch nicht die alten sandinistischen Kampfgefährten, wie Alma Guillermoprieto erzählt: "In Nicaragua kursieren Spekulationen, dass Ortega mit seinen 76 Jahren schon längst dement sei und völlig unfähig zu regieren: Bei seinen seltenen Auftritten erscheint er oft verwirrt und tatterig. Vielleicht hat er auch schon vergessen, was in der Nacht vom 27. Dezember 1974 geschah: Kurz vor Mitternacht stürmten dreizehn Mitglieder der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN), einer kleinen Rebellengruppe, die den bewaffneten Kampf gegen den rechten Diktator Anastasio Somoza aufgenommen hatte, eine Party, die zu Ehren des amerikanischen Botschafters in Nicaragua gegeben wurde. Der Botschafter war bereits gegangen, aber viele von Somozas Würdenträger waren noch da. Diese Gesellschaft - darunter José María Catillo, ein Minister verschiedener Ressorts, Somozas Onkel, der lange in Washington als Botschafter des Landes fungiert hatte, ein oder zwei weitere Botschafter, noch ein Minister, die Gattinnen - wurden Geiseln der Rebellen. Es war ein außergewöhnlicher Coup der Guerilla, wenn man bedenkt, dass nur einige wenige des Kommandos gestandene Kämpfer waren; die anderen waren Jugendliche mit wenig oder gar keiner Erfahrung. Nur wenige Sandinisten des Trupps sollten die Kämpfe überleben, die schließlich zum Sturz Somozas im Juli 1979 führten, aber zu ihnen gehörte Hugo Torres, der Stellvertretende Kommandeur der Operation, früherer Jurastudent von 26 Jahren mit einem verschmitzten Auftreten und einem Hang zu tollkühnen Taten. Angesichts dieser Geiselnahme, die seine eigene Familie betraf, erklärte sich Somoza mit Verhandlungen einverstanden. Schon am folgenden Tag versprach er eine Million Dollar Lösegeld, die Verlesung eines FSLN-Kommuniqués und - am wichtigsten -  der Freilassung von vierzehn sandinistischen Gefangenen. Zu denen, die Torres und seinen Gefährten auf ewig ihre Freiheit verdanken würden, war ein ernster 29-jähriger Militanter namens Daniel Ortega, der bis dahin den Großteil seines jungen Erwachsenenlebens damit verbracht hatte, in einem von Somozas schrecklichen Gefängnissen zu schmoren. Die Zeiten ändern sich: Ortega wird sich demnächst als Präsident wiederwählen lassen, und der Mann, der ihn einst befreite, Hugo Torres, ist jetzt 73 Jahre alt und Ortegas Gefangener."

Aktualne (Tschechien), 24.10.2021

Der Lyriker, Übersetzer und Essayist Miloslav Topinka hat soeben den tschechischen Staatspreis für Literatur erhalten, und Daniel Konrád versucht diesem Dichter auf die Spur zu kommen, der eigentlich viele Lebensabenteuer zu verzeichnen hätte: Topinka hat als junger Student "die Wüste durchquert, mit Einsiedlern und Grabräubern gesprochen. Er ist den Kilimandscharo hinaufgestiegen. Er sah die brennende Savanne. Und fast wäre er von kongolesischen Soldaten umgebracht worden, von denen einer ihm mit dem Gewehrkolben einen Zahn ausschlug. Und dennoch finden wir in Topinkas lyrischem Werk (…) nicht die Andeutung von Abenteurertum." Aus seiner neunmonatigen Afrikaexpedition im Jahr 1968 schöpfe er nicht, "was er gesehen, sondern im Innern erlebt hatte." Sie habe sein Schreiben allenfalls als Initialerlebnis beeinflusst, für die jahrzehntelange Suche nach etwas schwer Benennbarem. Denn für Topinka sei Poesie dafür da, "Empfindsamkeit für Dinge zu erzeugen, die der Mensch nicht mit den Sinnen wahrnimmt." Auch seine lange Beschäftigung mit Astrophysik schärfte den Blick für das "andere Sehen": "Ein Molekül des Blatt Papiers, das ich in der Hand halte, ist ein Überrest der Photosynthese, die sich in einem Baum vollzogen hat. In unserem Körper befinden sich Atome, die bei der Explosion einer Supernova entstanden sind. Der Kern des Sauerstoffs in der Luft, die wir atmen, ist Überbleibsel einer thermonuklearen Verbrennung, die sich vor einigen Milliarden Jahren in einem Stern ereignet hat", wie der Dichter selbst erklärt. Weshalb der Mensch "buchstäblich aus Sternenstaub entstanden" sei.
Archiv: Aktualne

London Review of Books (UK), 25.10.2021

Einem Bericht der Weltbank zufolge macht der Libanon eine der zehn schwersten Wirtschaftskrisen durch, die die Welt seit Mitte des 19. Jahrhunderts erlebt hat: Siebzig Prozent der Bevölkerung hat nicht mehr genug zu essen, Strom gibt es nur noch eine Stunde am Tag, die Lira ist im freien Fall. Die Not ist politisch selbstverschuldet, aber inzwischen so groß, dass die Proteste gegen die Regierung zusammengebrochen sind, berichtet Stefan Tarnowski aus Beirut. Und schlimmer noch: "Als die Proteste vor zwei Jahren begannen, fragten die Menschen: 'Wie bekommen wir unsere Politiker weg?' Heute fragen sie: 'Wie bekommen wir uns selbst weg?' Der Libanon hat eine lange Geschichte der Auswanderung: Im Land selbst leben ungefähr sechs Millionen Libanesen, allein in Brasilien sind es dagegen sieben Millionen. Schätzungsweise vierzig Prozent aller Ärzte und dreißig Prozent der Krankenschwestern haben das Land seit 2019 verlassen. Gewöhnlich wird eine solche Emigration als Brain Drain beklagt, aber ich glaube, dass sie für Generationen von Herrschern als ökonomisches Modell herhält: Vermeide progressive Steuern, verhindere eine öffentliche Versorgung und die Menschen werden das Land in Scharen verlassen, was okay ist, solange die Diaspora genug Anreize behält, ihr Geld hier zu parken. Dafür haben die jahrzehntelang künstlich hochgehaltenen Zinsen gesorgt. Libanesische Politiker haben in jüngster Zeit auch die Emigration als Faustpfand benutzt: Europäischen Regierungen wird gesagt, dass sie mit Flüchtlingen überflutet werden, wenn sie kein Geld für Syrer im Libanon locker machen. Auf dem Höhepunkt der Proteste verkündete Staatspräsident Michel Aoun mit Blick auf die Demonstranten: Wenn sie nicht glauben, dass es in der Regierung anständige Leute sind, dann sollen sie doch gehen."
Stichwörter: Libanon, Emigration

New Statesman (UK), 21.10.2021

Im Aufmacher des New Statesman malt John Gray die "Dämmerung des Westens" in unnachahmlich düsteren Farben. Der Abzug aus Afghanistan war nur ein Symptom. Der Westen glaubt längst nicht mehr an sich selbst, ausgehöhlt vor allem von einem Diskurs der Moderne, der die Solidarität (linke Version) und Tradition (rechte Version) zersetzte und in die Abgründe der Postmoderne mündete: "Einander scheinbar feindlich gesonnen haben Neoliberalismus und progressives Denken ihre gemeinsame Wurzel in der Privilegierung der individuellen Entscheidung gegenüber anderen menschlichen Werten. Gemeinsam erodieren sie die sozialen Bindungen, die der Einzelne braucht, um sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Das Ergebnis ist eine akute Form der Anomie. Der esoterische Liberalismus der Sprachpurifizierung, der die Kontrolle über viele amerikanische Universitäten und Institutionen übernommen hat, kann als ein Versuch verstanden werden, wieder eine Art Solidarität im entstandenen Chaos zu schaffen. Vor allem die Universitäten sind Bühnen von Kampfsitzungen im maoistischen Stil, während die Medien Agitprop betreiben. Fast alle amerikanischen Institutionen sind politische Kriegsschauplätze. Unter diesen Bedingungen erscheinen Versuche, amerikanische Ideen der Regierungsführung zu exportieren als Globalisierung amerikanischer Geistesstörungen." Gray rät den westlichen Ländern den Rückzug auf sich selbst, den sie ja angeblich längst angetreten haben.

Tablet (USA), 21.10.2021

Eric Zemmour ist in Frankreich seit Jahren eine Medienberühmtheit. Im Lauf der Jahre ist er, der Sohn algerischer Juden, die 1958 nach Frankreich eingewandert sind, immer weiter nach rechts gerückt und zwar im Sinne des klassischen, stark katholisch geprägten Rechtsextremismus, der in Frankreich seit der Dreyfus-Affäre stets präsent war. Er hat seine Kandidatur für die französischen Präsidentschaftswahlen 2022 noch gar nicht annonciert, aber seiner Konkurrentin Marine Le Pen, die ihren Rechtsextremismus kompatibel machen möchte, in den Umfragen schon das Wasser abgegraben. Mitchell Abidor und Miguel Lago schreiben ein kundiges Porträt der Figur. Wie bei der modischen Linken, für die es zentral ist, Hass auf Israel als "nicht per se" antisemitisch zu verharmlosen, spielt auch bei Zemmour die Relativierung des Holocaust eine wichtige Rolle - eine unheimliche Parallele! "In seinem 2014 erschienenen Bestseller 'Le Suicide français' behauptete Zemmour, die Vichy-Regierung (1940-1944) habe die französischen Juden tatsächlich geschützt. Dass diese Behauptung schlichtweg falsch war, wurde von Historikern hinreichend belegt; dass dies nichts an Zemmours Meinung änderte, wurde überdeutlich, als er die Behauptung erst im September 2020 wiederholte. Aber Vichy war nicht alles. Zemmour beklagt auch den angeblichen Fokus der französischen Schulen auf den Holocaust und behauptete, dieser sei kein 'zentrales' Ereignis des Krieges gewesen. Dass sich eine solche Bemerkung für einen Nicht-Juden verböte, beweist die Geschichte Jean-Marie Le Pens, der 1987 den Holocaust als 'Detail' des Krieges abtat. Le Pen (und damit auch seine Partei) wurde als Antisemit verurteilt, ein Etikett, das er bis heute nicht abschütteln konnte."
Archiv: Tablet

Science (USA), 14.10.2021

Hunde gelten als wahre Wunderwaffen, wenn es darum geht, ungeklärte Mordfälle anhand von Geruchsspuren aufzuklären. Mitunter kann die Aussage eines Hundeführers über Schuld- oder Freispruch entscheiden. Doch in jüngster Zeit häufen sich gut begründete Zweifel, schreibt Peter Andrey Smith. "Australische Daten belegen, dass die Polizei 10211 mal von nach Drogen schnüffelnden Hunden Signale bekamen. 74 Prozent der Fälle stellten sich als falscher Alarm heraus. ... Zwar gibt es dazu keine erschöpfende Datengrundlage, doch nach dem National Registry of Exonerations, einem Projekt der University Michigan Law School, wurden mindestens 17 Unschuldige wieder auf freien Fuß gesetzt, nachdem durch einen Schnüffelhund gewonnene Beweise sie irrtümlich hinter Gitter gebracht hatte. ... Die Anwälte Fabrican und Delger argumentieren, dass das Verhalten eines Hundes die Erwartungen seines Führers spiegeln könnten, und berufen sich damit auf eine Studie der Tierkognitionsforscherin Lisa Lit, damals an der UV Davis, aus dem Jahr 2011. Lit fand heraus, dass die Führer ihren Hunde unwissentlich Signale gaben, falsche Indikationen zu erstellen. In einem Experiment legte Lit jeden Morgen Beweistaschen mit Cannabis und Schießpulver vor und erklärte 18 Teams, dass diese Zielgerüche in einer Kirche aufzufinden sein könnten. Allerdings war die Kirche nicht entsprechend präpariert. Dennoch indizierten die Hunde in 85 Prozent aller Fälle positiv. ... Hundeführern mag es tatsächlich unmöglich sein, solche Beeinflussungen zu vermeiden, argumentierten Fabricant und Delger in ihrem Versuch, die Aussage eines Hundeführers im Redwine-Fall zu unterbinden. Ein Hund ist 'als Tier ein treuer Begleiter mit einem ausgeprägten Interesse daran, seinem Herren zu gefallen', sagten sie. Hinzu kommt: Hunde sind gerissene Beobachter unwillentlich ausgesendeter menschlicher Signale und unbeabsichtigter Hinweise. Sie beobachten die Gesichter von Menschen genau, insbesondere ihre Augen."
Archiv: Science
Stichwörter: Kriminologie, Hunde, Geruch

New Yorker (USA), 01.11.2021

In einem Brief aus Israel porträtiert Ruth Margalit den 47-jährigen israelischen Politiker Mansour Abbas, Mitglied der neuen Regierung Bennett-Lapid und Vorsitzender der arabischen Ra`am-Partei (Vereinigte Arabische Liste), die wegen ihrer Verbindungen zu den Muslimbrüdern von jüdischen Israelis mit Misstrauen beäugt wird. Einige Abgeordnete haben ihn deshalb beschuldigt, den Terror zu unterstützen. Auf der anderen Seite bezeichnet die palästinensische Presse Abbas regelmäßig als Verräter: "Ein altgedienter Verhandlungsführer meinte, sein Aufstieg in der Knesset habe eine 'Vichy-Regierung' hervorgebracht. Ihm wird vorgeworfen, sich zu wenig im langen Kampf für die palästinensische Eigenstaatlichkeit zu engagieren. Im Westjordanland leben 2,3 Millionen Menschen unter israelischer Besatzung, weitere zwei Millionen sind im Gazastreifen blockiert. Doch Abbas konzentriert sich stattdessen auf die Verbesserung der Bedingungen für die palästinensischen Bürger Israels, eine Bevölkerung von fast zwei Millionen, die jahrzehntelang diskriminiert und vernachlässigt wurde. (Die traditionelle Bezeichnung für diese Gruppe, arabische Israelis, ist zunehmend umstritten, wird aber von Abbas bevorzugt.) Als Abbas im März an einer Demonstration gegen die israelische Polizei in der arabischen Stadt Umm al-Fahm teilnahm, schlugen ihm zwei seiner Mitdemonstranten auf den Kopf. Obwohl er sehr gläubig ist, hat er aus Angst um seine Sicherheit aufgehört, die Predigten in der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem zu besuchen. 'Für ihn ist das so, als würde er nicht nach Hause gehen', sagte mir sein Bruder." Dass die Reportage am Ende mit einem Hoffnungsschimmer endet, hat Abbas nur sich selbst zu verdanken.

Elizabeth Kolbert  berichtet über das Insektensterben und was es für uns bedeutet. Der Insektenforscher David Goulson hat mit "Silent Earth: Averting the Insect Apocalypse" das Buch zum Thema geschrieben: "Goulson beklagt, dass viele Menschen Insekten für Schädlinge halten. Er möchte, dass die Leser erkennen, wie erstaunlich sie wirklich sind, und beginnt seine Kapitel mit Profilen sechsbeiniger Wesen. Die männlichen Vertreter vieler Arten von Ohrwürmern haben zwei Penisse. Werden sie während der Paarung gestört, knicken sie den in Verwendung einfach ab und flüchten. Weibliche Juwelenwespen stechen ihre Beute - große Kakerlaken -, um eine zombieartige Trance hervorzurufen. Dann kauen sie die Antennenspitzen der Kakerlaken ab, führen die verblüfften Kreaturen an den Stümpfen zurück in ihre Höhlen und legen ihre Eier darin ab. Ältere Termiten der Art Neocapritermes taracua entwickeln an ihrem Hinterleib Taschen, die mit kupferreichen Proteinen gefüllt sind. Gewinnt ein Eindringling im Kampf die Oberhand, sprengen sich die Termiten in die Luft, um die Kolonie zu schützen, eine Praxis, die als selbstmörderischer Altruismus bekannt ist. Die Proteine reagieren mit Chemikalien, die in ihren Speicheldrüsen gespeichert sind, und werden zu hochtoxischen Verbindungen … Aber Insekten sind auch lebenswichtig … Sie unterstützen einen überwiegenden Teil der terrestrischen Nahrungsketten, sind die fleißigsten Bestäuber des Planeten und wichtige Zersetzer."

Und in einem anderen Artikel untersucht Parul Sehgal, wie Amazon und Kindle Direct Publishing (K.D.P.) den Roman zur Instant-Ware degradieren: "Die Plattform bezahlt den Autor nach der Anzahl der gelesenen Seiten, was einen starken Anreiz für dauernde Cliffhanger schafft und dafür, möglichst schnell möglichst viele Seiten vollzuschreiben. Der Autor wird dazu gedrängt, nicht nur ein Buch oder eine Serie zu produzieren, sondern etwas, das einem Feed gleicht - was Mark McGurl (in seinem Buch 'Everything and Less: The Novel in the Age of Amazon', d. Red.) eine 'Serienserie' nennt. Um die Werbealgorithmen von K.D.P. vollständig nutzen zu können, muss ein Autor laut McGurl alle drei Monate einen neuen Roman veröffentlichen. Um bei dieser Aufgabe zu behilflich zu sein, gibt es schon Regalmeter von Lehrbüchern, darunter Rachel Aarons '2K to 10K: Writing Faster, Writing Better, and Writing More of What You Love', das dazu anleitet, einen oder zwei Romane pro Woche auszuspucken. Obwohl sich K.D.P. vor allem um Quantität sorgt, stellt es auch gewisse idiosynkratische Standards auf. Amazons 'Guide to Kindle Content Quality' warnt den Autor vor Tippfehlern, 'Formatierungsproblemen', 'fehlenden oder enttäuschenden Inhalten' und nicht zuletzt vor 'Inhalten, die kein angenehmes Leseerlebnis bieten'. Literarische Enttäuschung hat zweifellos immer gegen den vermeintlichen Vertrag mit dem Leser verstoßen, doch in Bezos' Welt ist das buchstäblich gemeint. Der Autor ist tot, es lebe der Dienstleister."

Weitere Artikel: Olufemi O. Taiwo macht Kolonialismus und Kapitalismus für den Klimawandel verantwortlich und fragt, warum die Politik so wenig dagegen tut. Peter Schjeldahl schwärmt von der Surrealismus-Ausstellung im Metropolitan Museum in New York. Anthony Lane sah im Kino Wes Andersons "The French Dispatch". Alex Ross hörte Jonas Kaufmann in der Carnegie Hall.
Archiv: New Yorker