Magazinrundschau

Weiße Magie

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
26.02.2019. Im New Yorker blickt Jill Lepore auf ihren Konkurrenten: den Roboter. Die New York Times seufzt: gut bezahlt macht auch nicht glücklich. In Aeon erinnert der Arabist Bruce Fudge an eine Hauptfigur aus Salman Rushdies "Satanischen Versen": Ibn Abi Sarh, der seine Autorschaft über die des Propheten stellte. In Eurozine huldigt Javier Cercas dem allesfressenden, mutierenden Monster Roman. Hyperallergic erzählt, wie Aserbaidschan die Spuren der Armenier ausradiert. In Ceska pozice blickt David Runciman ins faltige Gesicht der Demokratie.

Hyperallergic (USA), 18.02.2019

Eine Panoramaaufnahme von Agulis, ca. in den frühen 1900er Jahren (courtesy Historisches Museum Armenien)


Simon Maghakyan und Sarah Pickman erzählen die Geschichte des armenischen Fotografen und Forschers Argam Ayvazyan, der über Jahrzehnte in Nachitschewan armenische Kirchen und Kulturstätten fotografierte - Nachitschewan ist eine von Iran und Armenien umschlossene, an die Türkei grenzende Exklave der Republik Aserbaidschan, die einst von Armeniern bewohnt war. Heute kann Ayvazyan durch seine Fotos nachweisen, dass sehr viele dieser Stätten vom Regime Aserbeidschans spurlos ausradiert wurden. Bei seiner Arbeit war Ayvazyan häufig zuerst von sowjetischen, später von aserbaidschanischen Beamten behindert worden. Er war nicht der einzige: "Im August 2005 nahmen die Behörden der Region einen weiteren durchreisenden Wissenschaftler fest. Der schottische Forscher Steven Sim war ins postsowjetische Nachitschewan gereist, um den Zustand der armenischen Kirchen zu begutachten, die zuvor von Ayvazyan fotografiert wurden. Anstelle von mittelalterlichen Kirchen fand Sim leere Parzellen ohne Vegetation. Die ihn verhörenden Polizisten hatten eine Antwort, warum es da für Sim nichts zu sehen gab: 'Die Armenier kamen hierher und machten Fotos.... dann gingen sie zurück in ihr Land und montierten Fotos von Kirchen in Armenien ein... Hier haben niemals Armenier gelebt - also wie könnte es hier Kirchen gegeben haben?!', wurde ihm gesagt." Der Artikel bringt viele Fotobeweise.

New Yorker (USA), 04.03.2019

In der neuen Ausgabe des New Yorker überlegt Jill Lepore, ob Roboter uns wirklich die Jobs streitig machen: Die Angst, dass neue Technologien Arbeitsplätze vernichten, ist so alt wie die Angst vor Einwanderern, meint sie, die beide Ängste als die zwei Seiten einer Medaille betrachtet. Aber diesmal ist es anders, sagen Wissenschaftler wie Martin Ford in seinem Buch 'Rise of the Robots' von 2015. Ford gibt zu, dass alle früheren Paniken vor neuen Techniken unbegründet waren: am Ende standen immer mehr und besser bezahlte Jobs. "Das war damals. Der Grund dafür, dass die Dinge diesmal anders sein werden, so Ford, hat mit dem sich ändernden Tempo des Wandels zu tun. Der Übergang von der landwirtschaftlichen zur industriellen Wirtschaft verlief linear; die aktuelle Beschleunigung ist exponentiell. Das erste folgte dem Newtonschen Gesetz, das zweite folgte Moores. Die Beschäftigungsapokalypse wird, wenn sie kommt, so schnell geschehen, dass die Arbeitnehmer keine Zeit haben werden, sich durch die Verlagerung auf neue Beschäftigungssektoren anzupassen, und selbst wenn sie Zeit zur Anpassung hätten, gäbe es keine neuen Beschäftigungssektoren, in die sie gehen könnten, denn Roboter könnten fast alles tun. Es ist durchaus möglich, dass diese These richtig ist; es ist nicht möglich zu wissen, dass sie richtig ist."

Außerdem: Oliver Sacks fragt, wieviel Wirklichkeit ein dementer Patient verträgt. Peter Schjeldahl geht der rätselhaften Kunst von Jasper Johns auf den Grund. Lidija Haas liest die Autorin Rachel Ingalls vor. Adam Gopnik stellt uns Denis Diderot als Pornograf und Häftling vor. Und Anthony Lane sah im Kino Ty Roberts' Film "The Iron Orchard".
Archiv: New Yorker

HVG (Ungarn), 17.02.2019

Der junge Dichter Márton Simon veröffentlichte vor kurzem seinen zweiten Gedichtband (Rókák esküvője, Hochzeit der Füchse, Jelenkor, Budapest, 2018, 101 Seiten). In der Wochenzeitschrift HVG spricht er mit Adél Hercsel unter anderem über die Veränderung der Sprache durch den Einfluss verrohter öffentlicher Debatten. "Meine älteren Texte waren sehr wütend und handelten von öffentlichen Angelegenheiten, obwohl ich selbst 2017 einige Slams und Texte schrieb vom Typ "Alle können mich mal". Das Problem ist, dass heute von der Rentnerin bis zum Teenager jeder nur in diesem Stil kommunizieren kann. Das verunsichert mich. In einer Situation, in der jeder sehr wütend ist, sehe ich keinen Sinn darin, wütend zu sein. Und dasselbe gilt fürs Witzemachen. (...) Wir sind soweit, dass langsam die sauber Atemluft zu Mangelware wird, die Eisberge schmelzen, Müllberge in Kontinentalgröße auf den Ozeanen schwimmen (...). Die Liste könnte lange fortgesetzt werden. Das Haus über unserem Kopf brennt. Und statt dass wir etwas unternehmen, unterhalten wir uns über die Dummheiten von dilettantischen Idioten, ob die Erde flach sei, ob dein Kind geimpft werden soll, ob es ein Problem sei, wenn du mit einem LkW auf die Toilette fährst, oder ob Homosexuelle geheilt werden können. Ich kann nachvollziehen, dass ein Art der Machtausübung in der gezielten und bewussten Spaltung der Gesellschaft entlang solcher Fragen liegt. Dafür muss man kein politisches Genie sein, man muss nur ausreichend niederträchtig und skrupellos sein."
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Archiv: HVG
Stichwörter: Simon, Marton, Ungarn

La Jornada (Mexiko), 19.02.2019

Was bedeutet eigentlich "ganz normale Korruption" im Altag? La Jornada, sozusagen die mexikanische taz, illustriert es am Beispiel der Zustände in Coyoacán, dem gutbürgerlichen Viertel im Süden von Mexiko-Stadt, wo sich auch das ehemalige Wohnhaus und heutige Museum von Frida Kahlo und Diego Rivera und, gleich um die Ecke, das Haus, in dem Trotzki ermordet wurde, befinden. Vier Monate, nachdem die dortige Bezirksverwaltung gewechselt hat, "toben Kämpfe im neuen Kabinett um die Kontrolle über das Eintreiben von illegalen Zwangsgeldern bei den Betreibern von Verkaufsständen im historischen Kern des Bezirks. Besonders tut sich dabei offenbar Eduardo Ramírez Vallejo hervor, der die Berater des neuen Bürgermeisters koordiniert. Ramírez Vallejo war bereits inhaftiert wegen Erpressung eines Tankstellenbetreibers; aktuell läuft eine Anzeige gegen ihn und seinen Schwager, weil sie eine Million Pesos (ungefähr 45000 Euro) für die Genehmigung eines Kunsthandwerkmarkts am letzten Totentag verlangt haben sollen. Weitere Berater des Bürgermeisters wurden aus ähnlichen Gründen angeklagt, sie sollen sich allerdings mit einer halben Million Pesos zufrieden gegeben haben. Der für die Märkte im Bezirk zuständige Beamte wiederum soll die Einnahmen aus den dort befindlichen öffentlichen Toilettenanlagen in die eigene Tasche stecken. Und auf einmal werden wieder in großen Mengen Genehmigungen für Verkaufsstände an geschützten Grünflächen ausgegeben, wo dies schon seit Jahren verboten war, Kosten:10000 Pesos pro Tisch."
Archiv: La Jornada

New York Times (USA), 24.02.2019

Für einen Beitrag der aktuellen Ausgabe schaut sich Charles Duhigg in seinem Bekanntenkreis um und stellt fest, dass die oberen Zehntausend zwar immer reicher und privilegierter werden, aber noch lange nicht glücklicher: "Sogar in einer Hochkonjunkturwirtschaft ist ein überraschender Teil der Amerikaner beruflich unglücklich. Mitte der 80er Jahre versicherten ca. 61 Prozent der Beschäftigten, mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden zu sein. Seitdem ist die Zahl deutlich zurückgegangen, sie liegt etwa bei der Hälfte. Der Tiefpunkt war 2010, als nur 43 Prozent der Arbeitnehmer zufrieden waren, so die Daten des Conference Board, einer gemeinnützigen Forschungsorganisation. Der Rest beteuerte, unglücklich zu sein oder bestenfalls neutral darüber zu denken, wie sie den Großteil ihrer Tage verbrachten. Selbst unter Facharbeitern wie Medizinern oder Juristen mit einem starken Selbstbild wurde ein Anstieg der Unzufriedenheit verzeichnet. Was sind die Gründe? Meine Gespräche und Nachforschungen ergaben, dass es mit politische Auseinandersetzungen, verstärktem Wettbewerb und der '7/24-Kultur' am Arbeitsplatz zu tun hat, aber auch mit etwas, das schwer zu erfassen ist, ein grundlegendes Gefühl, dass die Arbeit nicht die Mühe wert ist. Diese Welle der Unzufriedenheit ist besonders unverständlich, da Unternehmen heute Zugang zu jahrzehntelanger wissenschaftlicher Forschung darüber haben, wie Arbeitsplätze besser zu gestalten sind … Finanzielle Sicherheit ist entscheidend, ebenso das Gefühl, dass der Job nicht plötzlich verschwindet. Interessant ist der Umstand, dass Extragehälter und zusätzliche Leistungen nicht unbedingt zur Mitarbeiterzufriedenheit beitragen, ist die finanzielle Grundversorgung erstmal gegeben. Viel wichtiger ist das Gefühl der Autonomie - die Möglichkeit, über die Arbeitszeit frei zu verfügen und auf die eigene Expertise zu vertrauen. Menschen wollen mit Menschen zusammenarbeiten, die sie respektieren und mit denen sie gern Zeit verbringen. Und schließlich brauchen sie das Gefühl, dass ihre Arbeit sinnvoll ist."

Außerdem: David Marchese interviewt den R&B Musiker John Legend zum Thema Politik und Moral in der Musik (Stichworte: R. Kelly, Donald Trump). Und Matthew Desmond erklärt, was 15 Dollar Mindestlohn alles bedeuten kann: mehr Schlaf, weniger Übergewicht, weniger Stress, Schutz vor ungewollter Schwangerschaft und Missbrauch.
Stichwörter: Arbeitswelt

Ceska pozice (Tschechien), 24.02.2019

"How Democracy Ends" - so heißt die aktuelle Publikation des britischen Historikers und Philosophen David Runciman. Darin erkennt er einen schleichenden Schwundprozess des alternden Demokratiesystems. Im Gespräch mit ihm fragt Přemysl Houda besorgt nach Alternativen. Das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen, müsse nicht unbedingt der Faschismus sein, so Runciman. Denn trotz der häufigen Vergleiche mit der Weimarer Republik und den Dreißigerjahren sei doch der gesellschaftliche Kontext heute ein völlig anderer. Die Menschen seien wesentlich reicher, im Altersdurchschnitt älter und weit technologischer als damals. "Womöglich entstehen Flickwerke aus scheinbar unhomogenen Elementen. Ein wenig Demokratie hier, etwas Technokratie dort … Einige Elemente der Demokratie können sich verstärken, andere allmählich schwinden und in Vergessenheit geraten." (…) "Falls die Demokratie zugrunde geht, dann nicht, weil es ein anderes und bessere Ideensystem geben würden - zumindest bisher nicht. Der größte Rivale der Demokratie ist heute China, aber welche große Idee verbirgt sich dahinter? Keine, würden viele sagen, allenfalls chinesischer Nationalismus. Aber dieser Idee werden wir wohl eher nicht folgen." Auch der amerikanische Präsident Trump wird laut Runciman die Demokratie nicht abschaffen. "Trump bedroht die Demokratie nicht, denn - so seltsam es auch klingen mag, wenn wir uns all seine Dummheiten anhören -, er ist nicht ihr Feind. Er spricht sich für kein anderes Ideensystem aus. Er ist nichts anderes als eine der späten Blüten der Demokratie - er ist ein Anzeichen ihres Alterns." Runciman ist sich sicher, dass Trump bald abgewählt sein wird. "Trump ist nicht Orbán. Im Unterschied zu ihm schafft er es nicht, den institutionellen Rahmen der USA umzubilden, der unglaublich stark ist, viel stärker als die osteuropäischen Systeme. Und er schafft es nicht, die Medien zu beherrschen." Vorstellbar ist für ihn allerdings auch das Szenario, dass Trump die Wahlen nur sehr knapp verliert und das Ergebnis dann nicht anerkennt. Und was das für Folgen haben könnte, bereitet dem Historiker durchaus Sorgen.
Archiv: Ceska pozice

Pitchfork (USA), 23.02.2019

Am Sonntag wurde Peter Farrellys "Green Book" als bester Film mit dem Oscar ausgezeichnet. Der Film erzählt, wie der schwarze Jazzpianist Don Shirley und sein von rassistischen Vorbehalten geprägter Chauffeur sich bei einer Tour in den 60ern durch die Südstaaten näher kommen. Ganz so locker ging das damals alles nicht vonstatten, schreibt Natalie Weiner in einer Reportage, für die sie die letzten verbliebenen schwarzen Musiker dieser Jazz-Ära nach ihren Erfahrungen befragt hat. "Womit schwarze Musiker auf Tour in der Zeit vor dem Civil Rights Act besonders zu kämpfen hatten, war die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Im Film bleiben Shirley und Drehbuchautor Vallelonga im selben Hotel, solange die Reise durch den Norden geht. Sobald sie den Süden erreichen, muss Shirley sich mit schäbigeren Unterkünften zufrieden geben. Ich habe mit fünf legendären Jazzpianisten gesprochen und alle gaben sie an, dass das Problem deutlich umfassender war und auch nicht von einem 'Green Book' zu bewältigen war, wie das 'The Negro Motorist Green Book' verkürzt genannt wurde, eine bis ins Jahr 1966 veröffentlichte, echte Reihe von Reiseführern für schwarze Reisende. 'Man wusste einfach, wohin man gehen konnte', erinnert sich der 92-jährige Jimmy, der ältere Bruder von Albert 'Tootie' Heath und Bandleader sowie früherer Gastmusiker bei Miles Davis und Freddie Hubbard. 'Viele der großen Hotels blieben uns versperrt. Sie sagten uns einfach, sie hätten keine Zimmer mehr frei', sagt Tootie, der in dieser Zeit hauptsächlich durch den Norden und mittleren Westen tourte. 'Wir riefen an und machten eine Reservierung. Als wir dann auftauchten und sie uns sahen, sagten sie, dass es ihnen wirklich leid täte, aber sie wären bereits voll belegt und dass irgendwer wohl einen Fehler gemacht habe. Was natürlich nicht der Wahrheit entsprach.'"

Außerdem geht Daniel Dylan Wray der Frage nach, ob wir in einem goldenen Zeitalter für experimentelle Film-Soundtracks leben.
Archiv: Pitchfork
Stichwörter: Jazz, 60er, Rassismus, Segregation

Elet es Irodalom (Ungarn), 22.02.2019

Der Dichter, Übersetzer und Schriftsteller Dezső Tandori, einer der bedeutendsten ungarischen Lyriker der Gegenwart, ist am 13. Februar verstorben. Der Literaturwissenschaftler István Margócsy verabschiedet den Dichter. "Schweren Herzens, doch ohne Risiko kann die nicht beweisbare, aber auch nicht unglaubwürdige Aussage getätigt werden: im letzten Viertel- oder halben Jahrhundert war er der größte Dichter, der Initiator und der Vollender, der ununterbrechbare Erneuerer, der mit seinen steten Selbstwiederholungen immer für unerwartete, erstaunliche Überraschungen sorgen konnte. Er war der Unerschöpfliche. (…) Dezső Tandori schuf ein undurchsichtiges und unglaublich umfangreiches Lebenswerk, seine Variationen und Selbstkommentare, die Übergänge in seinen Übersetzungen und eigenen Werken zwingen den Leser zu unglaublichen Fragestellungen, denn Tandori - insbesondere in seinen späten Jahren - tat so, als hätte er sich von einem geschlossenen, vollkommenen, ganzen - wir könnten sagen: kompletten - Kunstwerk losgesagt und er hätte kein Werk mehr geschrieben, sondern der Akt des Schreibens selbst wurde zum Werk: seine Bücher existieren nicht in ihren Einzigartigkeiten, sondern in ihrer Prozesshaftigkeit und Zusammengehörigkeit. Ihre Bedeutung und Stellung steckt in erster Linie (oder ausschließlich?) in ihrem gegenseitigen Verweis."

Aeon (UK), 21.02.2019

Der Arabist Bruce Fudge liest dreißig Jahre nach seinem Erscheinen nochmal Salman Rushdies Roman "Die Satanischen Verse", der über der Rushdie-Affäre fast in Vergessenheit geriet und doch ein epochales Werk war. Rushdie schrieb ihn noch mit einem fast ans 18. Jahrhundert erinnernden Aufklärungsoptimismus, so Fudge. Eine seiner Ideen ist, dass sich das fiktionale Erzählen als weiße Magie gegen die schwarze der heiligen Texte stellen sollte. Und es gibt sozusagen eine Vorläufer-Figur des Erzählers im Roman selbst: "Die 'Satanischen Verse' erzählen unter anderem in stark fiktionalisierter Weise die Geschichte des Ibn Abi Sarh, des Schreibers von Mohammed, der die Offenbarung aufschrieb, wenn der Prophet sie rezitierte. Verschiedene Quellen sagen uns, dass Ibn Abi Sarh beim Diktat noch weiterschrieb, nachdem Mohammed aufgehört hatte zu sprechen, um Sätze mit Wörtern zu beenden, die er für die richtigen hielt. Als seine Ergänzungen entdeckt wurden, schüttelte man ihn. Wie sollten dies die Worte Gottes sein? Sie waren seine eigenen! Er verschwand und lief über zu den Feinden des Propheten. Nachdem die Muslime Mekka erobert hatten und der Islam triumphierte, verlangte Mohammed, dass Ibn Abi Sarh neben anderen Apostaten getötet werden sollte. Man überzeugte ihn, gegenüber seinem ehemaligen Schreiber Gnade walten zu lassen, aber später drückte er sein Bedauern aus, dass seine Gefolgsleute ihm nicht einfach den Kopf abgeschnitten hatten."
Archiv: Aeon

Eurozine (Österreich), 21.02.2019

In einem aus der albanischen Zeitschrift Symbol übernommenen Interview mit Ag Apolloni spricht der spanische Schriftsteller Javier Cercas über seine Romane ohne Fiktion, die Dämonen der Geschichte und wie die spanische Literatur eine lateinamerikanische wurde: "Spanien hat keine substanzielle Romantradition - verglichen mit der englischen oder der französischen -, wir haben Cervantes, der nahezu ein Wunder war, nicht nur weil er den modernen Roman mehr oder weniger aus dem Nichts schuf, sondern auch weil er ihn praktisch ausschöpfte, wir finden im 'Don Quixote' in embryonischer Form alle oder fast alle zukunftigen Möglichkeiten der Gattung ... Zum Glück ist meine Tradition nicht Spanien, sondern, neben dem Universalen natürlich, das Spanische. Das heißt, dass der Argentinier Borges zu meiner Tradition gehört, der Mexikaner Rulfo und der Kolumbianer Garcia Márquez, denn sie alle schreiben in meiner Sprache. Ich halte mich für daher für ziemlich privilegiert, die narrative Tradition des Spanischen ist durch die lateinamerikanischen Erzähler im zwanzigsten Jahrhundert unermesslich bereichert worden. Tatsächlich haben ja erst diese großen Schriftsteller - angefangen bei Borges, der für mich der größte überhaupt ist - das spanische Erzählen so herausragend gemacht haben wie es zuvor nur unter Cervantes war." Cercas sagt auch, dass die "Garantie für das Überleben des Romans in seiner eigenen Natur liegt, einer Natur, die endlos frei, formbar, anpassungsfähig ist, was bedeutet, dass sich der Roman kontinuierlich verändern kann, während er gleichzeitig von anderen Formen genährt wird. In der Tat kann man die Geschichte des Romans so lesen: Mit Balzac assimilierte er die Geschichte, mit Flaubert die Poesie, mit den großen deutschen Schriftstellern der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts den Essay, und in letzter Zeit scheint es, als wolle er den Journalismus assimilieren, usw. Das ist der Roman: ein allesfressendes, mutierendes Monster, das sich verändert, wenn es andere Genres assimiliert, und seine eigenen Grenzen erweitert. Man sagte mir, meine Romane hätten etwas von Chroniken, von Philosophie, von Geschichte, von Biographie, von Autobiographie, und das ist alles wahr, aber es liegt eben daran, dass der Roman von sich aus das Miteinander der Genres zulässt, die sich dann gegenseitig nähren."
Archiv: Eurozine

spiked (UK), 21.02.2019

Der Schauspieler Jussie Smollett hat eine angebliche rassistische Attacke auf sich offenbar selbst inszeniert. Der Fall wird seit einigen Tagen in Amerika diskutiert. Brendan O'Neill fragt in Spiked online, wofür diese Art der Selbstviktimisierung in Zeiten der Identitätspolitiken ein Symptom ist: "Je mehr unsere Gesellschaft das Opfer hochhält, je mehr sie soziales Kapital an die Erfahrungen von Leid und Trauma bildet, desto mehr stellt sie Schwäche über Autonomie, desto mehr bringt sie Menschen dazu, ihren Opferstatus hochzuspielen oder ihn sogar selbst zu erfinden."
Archiv: spiked
Stichwörter: Identitätspolitik

Infobae (Argentinien), 19.02.2019

"Countdown für die Librería 'Clásica y Moderna'", meldet u. a. infobae, das Stadtmagazin von Buenos Aires. Genau 30 Tage Zeit hat demnach einer der emblematischen Buchorte der argentinischen Hauptstadt, zu dessen Stammkunden Autoren wie Jorge Luis Borges, Manuel Mujica Lainez, Adolfo Bioy Casares oder Alejandra Pizarnik gehörten, um jemanden zu finden, der hilft, die aufgelaufenen Schulden - umgerechnet etwa 16.000 Euro - für Miete und andere Kosten auszugleichen (liebe deutsche Bücherfreunde, ob sich das mit einem Crowdsourcing nicht lösen ließe?). Die 1938 von spanischen Emigranten gegründete Buchhandlung wurde 1988 in die Reihe der Kulturdenkmäler von Buenos Aires aufgenommen, die Folgen der aktuellen Wirtschafts-, Buchhandels- und Verlagskrise könnten nun ihr Ende bewirken. 'Nimm dir mit, was noch im Kühlschrank steht, wir haben kein Geld mehr, um dich auszuzahlen', erklärte man angeblich dem Koch des Unternehmens, zu dem auch eine Café-Bar gehört, in der regelmäßig Tango-Konzerte stattfinden. Eine vage Hoffnung besteht vielleicht noch in der Möglichkeit, dass die Kulturverwaltung der Stadt dem geschichtsträchtigen Ort unter die Arme greift."
Archiv: Infobae

New York Review of Books (USA), 07.03.2019

Roberto Saviano ist zutiefst empört, dass Donald Trump die Migranten, die sich aus Lateinamerika auf den Weg in die USA gemacht haben, als Drogendealer und "eiskalte Kriminelle" denunziert. Im Gegenteil, das sind alles Menschen, sagt er, die vor einem unerträglichen Leben fliehen: "Honduras bildet zusammen mit El Salvador und Guatemala das sogenannte nördliche Dreieck Mittelamerikas, eine der gefährlichsten Nicht-Kriegszonen der Welt. Was diese Region zu einer solchen Hölle auf Erden gemacht hat, ist die Tatsache, dass sie zwischen den wichtigsten Produzenten von Kokain - Kolumbien, Peru und Bolivien - und dem Hauptanbieter Mexiko liegt. Honduras hat außerdem zwei Küsten, eine in der Karibik und eine am Pazifik, was es zu einem bequemen Ankunfts- und Abfahrtsort für Kokainlieferungen und damit zu einem sehr attraktiven Ausgangspunkt für Menschenhändler macht. Die Migrantenkarawane folgt dem gleichen Landweg wie das Kokain, das jeden Tag in die USA gelangt. In den letzten Monaten haben einige über die Migranten gesagt: 'Anstatt wegzulaufen, sollten sie versuchen, die Situation in ihrem Land zu ändern'. So etwas kann nur sagen, wer mit der Situation in Honduras nicht vertraut ist. Jeder, der sich ihr widersetzt, der sie kritisiert oder zu ändern versucht, riskiert den Tod. Zwischen 2010 und 2016 wurden in Honduras mehr als 120 Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten getötet."

Weitere Artikel: E. Tammy Kim berichtet über die #metoo-Bewegung in Südkorea. Jed Perl liest Roswitha Mairs Biografie über "Sophie Taeuber-Arp und die Avantgarde". Und Lynn Hunt vertieft sich in zwei Diderot-Biografien.