Magazinrundschau

Von Idefix zu Tolkien

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
23.10.2018. The Atlantic beobachtet die Kolonisierung unseres Raums durch Amazons Alexa und unseres Gehirns durch das Pentagon. In der Sydney Book Review lässt sich J.M. Coetzee von drei SchriftstellerkollegInnen den Umgang mit den indigenen Kulturen in Argentinien erklären. Outlook India sieht #metoo in Indien in Gefahr. Der New Yorker sucht ein Konzept für Atheismus. In der London Review hört der Komponist Nico Muhly die Akkorde aufsteigen. Respekt berichtet über einen Streit um den tschechischen Staatspreis.

The Atlantic (USA), 01.11.2018

Im neuen Heft des Magazins erkundet Judith Shulevitz die Möglichkeiten (und Gefahren) von Amazons Voice Service Diensten Alexa und Echo: "Alle Furcht vor dem Unterlaufen der Privatsphäre konnten den Siegeszug dieser Geräte nicht aufhalten. Amazon gibt keine exakten Zahlen heraus, aber ein Sprecher sprach von einigen zehn Millionen Nutzern … Bis 2021, so eine Untersuchung der Firma Ovum, wird es fast so viele Voice-Assistants auf dem Planeten geben wie Menschen. Ein Grund dafür ist Amazons massive Vermarktung zu Discount-Preisen. Es geht um die Kolonisierung des Raumes, Haushalte, Büros, Pkw. In der näheren Zukunft wird alles, von der Beleuchtung über die Klimaanlage und den Kühlschrank bis zum Klo stimmengesteuert sein … Aber diese Geräte haben auch einen Appeal, der über bloßen Konsumismus hinausgeht. Sogar diejenigen unter uns mit einer gesunden Skepsis gegenüber neuen Technologien, kaufen Smart-Speakers … Man könnte denken, Alexa ist nur eine neue Art, das zu tun, was wir ohnehin schon am Bildschirm machen, Einkaufen, Nachrichten lesen, Informationen finden. Doch so einfach ist es nicht. Es geht nicht um den Ersatz von Fingern und Augen durch Mund und Ohren. Wir reden hier von einer Veränderung des Status, den die Technologie bisher hatte, ein Upgrade. Wenn wir mit einem persönlichen Assistenten sprechen, heben wir die Technik auf eine Stufe mit uns."

An anderer Stelle hebt man den Menschen auf die Stufe der Technik, sozusagen. Michael Joseph Gross hat über das Biological Technologies Office von Darpa (Defense Advanced Research Projects Agency, sie ist dem Pentagon unterstellt) recherchiert, dem der Neurowissenschaftler Justin C. Sanchez vorsteht. Hier versucht man, das menschliche Hirn mit haarfeinen Elektroden zu verdrahten. Ursprünglich sollte das Behinderten helfen, aber man kann es natürlich auf für Soldaten im Einsatz nutzen: "Ein Zweck der Abteilung ist es, 'die Fähigkeiten des Kämpfers wiederherzustellen und zu erhalten', und zwar mit verschiedenen Mitteln, darunter auch solchen, die Neurotechnologie benutzen - also technische Prinzipien auf die Biologie des Nervensystems anwenden. So entwickelt das Programm Restoring Active Memory beispielsweise Neuroprothesen - kleine elektronische Komponenten, die in das Gehirngewebe implantiert werden -, die die Gedächtnisbildung verändern sollen, um traumatischen Hirnverletzungen entgegenzuwirken. Betreibt DARPA auch geheime biologische Programme? In der Vergangenheit hat das Verteidigungsministerium solche Dinge getan. Es hat Tests an menschlichen Probanden durchgeführt, die fragwürdig, unethisch oder möglicherweise sogar illegal waren. Das Big Boy-Protokoll verglich zum Beispiel die Strahlenbelastung von Seeleuten, die auf einem Schlachtschiff über und unter Deck arbeiteten, und informierte die Seeleute nie darüber, dass sie Teil eines Experiments waren. Letztes Jahr fragte ich Sanchez direkt, ob eine der neurotechnologischen Arbeiten der DARPA speziell klassifiziert wurde. Er brach den Augenkontakt ab und sagte: 'Ich kann nicht - wir müssen das Thema vergessen, weil ich so oder so nicht antworten kann.' Als ich die Frage persönlich formulierte - 'Sind Sie an einem klassifizierten neurowissenschaftlichen Projekt beteiligt?' - schaute er mir in die Augen und sagte: 'Ich mache keine klassifizierte Arbeit auf der Seite der Neurotechnologie.'"
Archiv: The Atlantic

New Yorker (USA), 29.10.2018

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker stellt Casey Cep zwei neue Bücher über Atheismus in den USA vor: "Antipathie gegen Atheisten in den USA ist so alt wie Amerika selbst. Auch wenn viele Kolonisten kamen, um ihren Glauben frei ausüben zu können, erstreckte sich ihr Freiheitssinn nur auf andere Religionen. Die Idee, ein Atheist könne kein guter Bürger sein, stammt von John Locke … Echte religiöse Freiheit war rar in den Kolonien, Abweichler wurden bestraft, eingekerkert oder erhängt. Überraschenderweise wurde aber nie ein Atheist hingerichtet. Nach den Cornell-Historikern R.  Laurence Moore und Isaac Kramnick ('Godless Citizens in a Godly Republic: Atheists in American Public Life') war der Grund dafür, dass sich kein Atheist je zu erkennen gab. Nichtgläubige waren selten und äußerst vorsichtig … Wie viele religiöse Minderheiten werden sie bedroht und von Vorurteilen verfolgt. Atheismus ist allerdings keine Identität, Ideologie oder Verhaltensweise, und davon zu sprechen, als wäre das der Fall, bedeutet so viel wie über 'Religion' zu sprechen, statt über Judentum, Buddhismus, Christentum oder sogar Reformjudentum, Mahayana Buddhismus und Pfingstbewegung. 'Atheismus', wie der Philosoph John Gray in seinem neuen Buch 'Seven Types of Atheism' ihn definiert, ist jedoch ein Konzept, dass Amerikanern helfen könnte, über ihren hartnäckigen Disput um die Existenz Gottes hinauszugelangen. Gray beginnt mit einer sehr provisorischen und eigenwilligen Definition des 'Atheisten': 'Jeder, der keine Verwendung hat für einen göttlichen Verstand, der die Welt geformt hat.' Wie er zugibt, macht das die Kategorie so umfangreich, dass sie einige der wichtigsten Religionen der Welt umfasst: Weder der Buddhismus noch der Taoismus haben keinen Schöpfergott. Doch diese Weite ist angemessen, weil sie zu Recht suggeriert, dass es nicht nur eine einzige atheistische Weltsicht gibt."

Außerdem: Margaret Talbot entdeckt die Farben auf antiken Skulpturen und deutet ihre Verschweigung als rassistischen Akt.  Janet Malcolm schreibt über den Zusammenhang von Fotografie und Erinnerung. Alex Ross feiert die Musik von Claude Debussy. Peter Schjeldahl ist unbegreiflich, dass die impressionistische Malerin Berthe Morisot, die er als eine der interessanten ihrer Generation ansieht, so wenig Anerkennung durch die Kunstgeschichte erfährt. Amanda Petrusich hört Lonnie Holleys neues Album "Mith". Anthony Lane sah im Kino Luca Guadagninos "Suspiria".
Archiv: New Yorker

London Review of Books (UK), 22.10.2018

Oberstes Gebot beim Komponieren ist es, ein Musikstück zu schaffen, das besser ist als die gleiche Länge an Stille, schreibt der Komponist Nico Muhly und gibt Einblick in seine Vorgehensweise: Alles beginnt mit guter Recherche. Und die führt von einer Pavane des Tudor-Komponisten Orlando Gibbons zu buddhistischen Reliquien, von Lacan zu fixen Ideen, von Idefix zu Tolkien, von fiktiven Sprachen zu Bachs musikalischen Kathedralen. "Von da an kommen schnell die Noten. Wenn man in ein solche Flut von Informationen eintaucht, schafft man eine Umgebung, in der die Akkorde von allein auftauchen und kleine musikalische Strukturen emporsteigen. Wenn das Gibbons-Fragment wie der Oberschenkelknochen eines Heiligen ist, wie klingt die Musik um ihn herum? Ein Kissen von Streichern und Holzbläsern. Wie ist die Umgebung in der Kapelle, die die Reliquie enthält? Verhangen von Wolken aus Weihrauch, mit gelegentlichen Aufheiterungen, wenn Kirchgänger eine Münze klingeln lassen oder ein Priester einen versteckten Lichtschalter anknipst. Wie sie die Kirche aus der Distanz aus? Wirkt ihre Struktur wie die Blechbläser in Puccinis 'Sant'Angela della Valle' oder eher wie die klare Perkussion in John Pawsons 'Abbey of Our Lady of Nový Dvůr'? Auf der Empore sitzt ein Organist - was spielt er? So wird das Konzert zu einer zwanzigminütigen Erkundung dieses Raums: Ein Gang durch die Kirche, Schritt für Schritt, vorbei an einzelnen Kapellen und mancher Ablenkung, bis zur metallischen Kapsel für den Finger des Komponisten: eine Konstruktion aus Celesta, Harfe, Glockenspiel und Vibraphon."

Weiteres: Meehan Crist liest das Genetik-Buch "She Has Her Mother's Laugh" des New-York-Times-Kolumnisten Carl Zimmer, von dem sie unter anderem lernt, dass nicht nur Eltern ihre Gene an die Kinder vererben, sondern auch schwangere Frauen die DNA ihres Fötus aufnehmen. Christopher Taylor bespricht Anna Burns' Roman "Milkman".

Respekt (Tschechien), 21.10.2018

Der tschechische Staatspreis für Kultur ist in der Krise. Nachdem unlängst der Dichter Petr Hruška und andere Juroren aus der Literatur-Jury zurücktraten, um gegen die gegenwärtige, von den Kommunisten unterstützte Koalitionsregierung zu protestieren, bröckelt es auch unter den bereitwilligen Preis-Empfängern, wie Jindřiška Bláhová berichtet. Den renommierten Staatspreis für Literatur, den dieses Jahr der Schriftsteller Jiří Hájíček erhalten hätte, hat dieser mit der Begründung abgelehnt, dass die Juroren durch ihren Rücktritt den seit 1989 neutralen und rein fachlichen Preis nun überhaupt erst politisiert hätten. Auch andere Kulturschaffende sehen den Rücktritt der Jury durchaus kritisch. Hruška hatte seinen Rücktritt damit begründet, dass ein Staatspreis "nicht nur den geehrten Schriftsteller, sondern auch die Regierung repräsentiere", mit der er sich allerdings nicht identifizieren wolle. Mit einer ähnlichen Argumentation hat nun die Familie des Film- und Theaterregisseurs Evald Schorm den posthum verliehenen Staatspreis in der Kategorie Kinematografie für den verstorbenen Filmemacher abgelehnt: "Es wäre eine Ironie des Schicksals, wenn Evald Schorm, der fast sein ganzes Leben lang persönlich und beruflich vom kommunistischen Regime niedergedrückt wurde, einen Gedächtnispreis der gegenwärtigen Regierung empfinge, die mit ausdrücklicher Unterstützung der kommunistischen Partei zustandgekommen ist und von einem Menschen angeführt wird, der mit dem Staatssicherheitsdienst zusammengearbeitet hat", schrieb die Witwe dem Kulturminister, der mit Verständnis reagiert hat (was wiederum die bestehende Jury erbitterte, die bei Nichtverleihung nun ihrerseits zurücktreten will). Kulturredakteurin Jindřiška Bláhová befindet: "Über die Vorgehensweise der zurückgetretenen Juroren lässt sich streiten - Evald Schorms Familie aber ist nicht ganz in derselben Situation, und ihre Haltung ist absolut verständlich und zu respektieren. Gücklicherweise sind die Zeiten vorbei, in denen man einen Staatspreis nicht ablehnen konnte. Ganz im Gegenteil, ein offizieller Preis lässt sich als Anlass begreifen, seine Haltung als Bürger auszudrücken. Auch das ist Teil der Demokratie - und die Fachkommission, so sehr sie auch bedauern mag, dass ihr Urteil nicht respektiert wurde, wird das gewiss verkraften."
Archiv: Respekt