Magazinrundschau - Archiv

The Intercept

9 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 23.10.2018 - Intercept

Dramaqueen Glenn Greenwald steht stets mitten im Geschehen, so auch in Brasilien, wo der ehemalige Guardian-Journalist, der einst von Edward Snowdon für seine Enthüllungen auserkoren wurde, sein Refugium gefunden hat. Greenwalds Ehemann ist dort in einer linken Partei tätig. Und Greenwalds Magazin The Intercept publiziert auch viel auf Portugiesisch. Greenwald erzählt, dass Recherchen von The Intercept über die Mediengruppe Record TV, die dem evangelikalen "Bischof" und Milliardär Edir Macedo gehört, zu persönlichen Nachstellungen gegen die Reporter geführt haben. Unter anderem geht's in den Recherchen darum, dass Macedo möglicherweise Spenden seiner Gläubigen abzweigte, um sich davon sein Medienimperium erst aufzubauen: "Erst Macedos Kauf von Record TV, dem zweitgrößten Fernseh-Network nach Globo TV, verwandelte Macedo von einem schwer reichen Bischof zu einem großen Machtakteur in der brasilianischen Politik. Wie Forbes feststellte: 'Es ist unklar, woher er das Geld für den Erwerb der Firma hatte. Offizielle Stellen in Brasilien haben mehr als zehn Jahre lang nach Antwort auf diese Frage gesucht, aber einige Berichte legen nahe, dass er Kirchengelder benutzt hat.'"

Einen sehr interessanten Hintergrundbericht zum Einfluss der Evangelikalen auf die brasilianische Politik bringt auch Chantal Rayes in Libération, die daran erinnert, dass Lula da Silvas Arbeiterpartei eine Gründung linkskatholischer Kreise war. Aber auch Lula wurde eine Zeitlang von Macedos "Universalkirche des Gottesreiches" unterstützt: "Zufall oder nicht, aber Edir Macedo, der des Scharlatanismus und der Veruntreuung von Kirchenspenden beschuldigt wurde, wurde danach nicht mehr von der Justiz verfolgt."

Magazinrundschau vom 09.10.2018 - Intercept

Kurz bevor die saudische Führung das Fahrverbot für Frauen im Land aufhob, warnte sie eine Reihe von Frauenrechtlerinnen telefonisch, sich öffentlich zu dieser Entscheidung zu äußern. So sollte klargestellt werden, dass alle Reformen ausnahmslos vom Staat kamen, also von oben, zitiert Sarah Aziza in ihrer Reportage eine Menschenrechtlerin. Inzwischen sind zahllose KritikerInnen der so erzkonservativen wie religiösen saudischen Politik verhaftet worden oder schlicht verschwunden: "Die Strenge des Staates wird durch die willkürliche Durchsetzung seiner Vorschriften umso erschreckender. Saudi-Arabien fehlt eine offizielle Verfassung, es stützt sich statt dessen auf eine diffuse und dehnbare Konstellation religiöser Urteile - 'fatwas' - sowie auf königliche Erlässe. Für den größten Teil der Geschichte des Königreichs war das Strafgesetzbuch ebenfalls ad hoc, so dass der Staat Aktivisten und Dissidenten nach eigenem Ermessen verfolgen kann. 'Bis vor kurzem gab es keine klaren Richtlinien für Verbrechen und Strafen', sagt ein saudischer Journalist, der darum bat, nicht genannt zu werden, um seine Familie zu schützen. 'Es war schrecklich, aus politischen Gründen verhaftet zu werden. Es gab einem das Gefühl, dass dir alles passieren könnte.'"
Stichwörter: Saudi-Arabien

Magazinrundschau vom 19.06.2018 - Intercept

In seinem Buch "Mistaken Identity: Race and Class in the Age of Trump" kritisiert der Politologe Asad Haider die unter Linken so beliebte Identitätspolitik, weil sie soziale Bewegungen gegen Unterdrückung eher behindert als fördert. Im Interview mit Rashmee Kumar erklärt er das genauer: Schon der Begriff der Rasse sei ein Produkt des Rassismus, nicht umgekehrt, und er diente im 18. Jahrhundert in Virginia dazu, schwarze und weiße Arbeiter auseinanderzudividieren: "Die erste Kategorie von Rasse, die der weißen Rasse, wurde erfunden, um afrikanische Zwangsarbeiter aus einer Kategorie auszuschließen, in die europäische Zwangsarbeiter eingeordnet wurden: die Knechtschaft der Weißen sollte ein Ende haben können, die Versklavung der Schwarzen sollte lebenslänglich sein. Das ist der Beginn der Einteilung von Menschen in rassische Kategorien in den USA. Rassismus begründete in diesem Fall die Einführung verschiedener Formen der wirtschaftlichen Ausbeutung und wurde schließlich zu einer Form der sozialen Kontrolle, die die Ausgebeuteten durch die Einführung von Hierarchien und Privilegien für einige Menschen spaltete. Dies hinderte sie daran, ein gemeinsames Interesse [zwischen europäischen und afrikanischen Zwangsarbeitern] zu erkennen und eine gemeinsame Front gegen diejenigen aufzubauen, die sie ausbeuten."
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Magazinrundschau vom 17.04.2018 - Intercept

Extrem düster und faszinierend liest sich Johnny Dwyers und Ryan Gallagher Rekonstruktion der Ermordung der amerikanischen Reporterin Marie Colvin durch das syrische Regime im Jahr 2012. Die in den USA und Großbritannien (auch durch ihre schwarze Augenklappe, die eine Augenverletzung aus einer früheren Recherchereise in Sri Lanka abdeckte) sehr bekannte Reporterin operierte von einem Medienzentrum in Homs aus, das Journalisten mehrerer Medien, darunter der Fotograf Paul Conroy, mehr oder weniger heimlich aufgezogen hatten, um über den gerade losbrechenden Konflikt berichten zu können. Tausende von Informationen über den Fall wurden vom "Center for Justice and Accountability" in San Francisco zusammengetragen, auch für die Familie Colvins und des französischen Fotografen Rémi Ochlik, der sie begleitete und ebenfalls starb. Die Familien versuchen, Assad für diese Morde vor Gericht zu bringen. Der Bericht zeigt, dass das Medienzentrum mit Hilfe libanesischer und syrischer Geheimdienste aufgespürt und systematisch beschossen wurde - in einer Attacke, die aussehen sollte wie ein Rebellenangriff: "Das Sperrfeuer begann kurz nach 9:30 Uhr, als das Medienzentrum immer genaueres Raketenfeuer abbekam. Die Journalisten versuchten krabbelnd zu fliehen und griffen nach ihren Schuhen, während die Raketen um sie herum einschlugen. Conroy, der in der British Royal Artillery gedient hatte, wusste, dass die Raketen nicht nach einem Zufallsmuster einschlugen. Nach seiner Aussage wurde die Position der Journalisten 'eingeklammert', in dem die Schläge, die durch einen Vorposten geleitet wurden, immer näher zu ihrem Ziel gebracht wurden."

Magazinrundschau vom 23.01.2018 - Intercept

Gegenüber der NSA sind Amazon, Apple und Google mit ihren neuen Stimmerkennungstools geradezu Frischlinge im Metier: Seit geraumer Zeit macht sich der Geheimdienst Stimmanalysen zunutze, um Politiker, Terroristen, aber auch eigene Angestelle zu überwachen, berichtet Ava Kofman. Die Methode fußt darauf, eindeutige Features individueller Stimmen zu analysieren: "Ein Algorithmus erstellt dann ein dynamisches Computermodell der individuellen Stimm-Beschaffenheit. Üblicherweise nennt man das einen 'akustischen Fingerabdruck'. Dieser Prozess - ein paar gesprochene Wörter abgreifen, daraus einen solchen 'Fingerabdruck' erstellen und diese Darstellung dann mit anderen aus einer Datenbank abgleichen - läuft nahezu zeitgleich ab. ... Dokumente aus dem Snowden-Archiv legen offen, dass Analytiker ihre Algorithmen zur Spracherkennung mit einigen dieser Aufnahmen fütterten, um auf diese Weise Individuen mit ihren früheren Äußerungen zu verbinden, selbst wenn diese unbekannte Telefonnummern, geheime Codewörter oder verschiedene Sprachen nutzten. ... Der NSA dämmerte es bald, dass ihre Fähigkeit, Stimmaufnahmen zu verarbeiten, auch genutzt werden könnte, um Angestellte innerhalb der NSA zu identifizieren. Ein Memo aus dem Jahr 2006 erklärt, dass 'Technologien zum Stimmabgleich für die neue 'Insider Threat'-Initiative aufgegriffen werden ein Versuch, um Spione, die sich unter uns bewegen, auffliegen zu lassen.'"

Magazinrundschau vom 09.01.2018 - Intercept

In einem langen Artikel über seine Arbeit zur Zeit des 'War on Terror' erzählt James Risen, Ex-Reporter der New York Times und Autor des Buches "State of War. The Secret History of the CIA and the Bush Administration", wie die Bush-Regierung alles tat, um ihn daran zu hindern, bestimmte Informationen zu veröffentlichen, aber auch über eine Zeit, als es durchaus geduldet war, Regierungsgeheimnisse zu verraten: "Erfolg als Reporter in Sachen CIA bedeutete, sich Hals über Kopf in die geheimen Sumpf Washingtons mit seiner ganz eigenen Dynamik zu stürzen. Ich fand heraus, dass es tatsächlich einen Schwarzmarkt für Geheimnisse in Washington gab, auf dem Mitglieder des Weißen Hauses und andere Bürokraten, Kongressmitglieder, ihre Informanten und Journalisten Informationen handelten. Dieser Markt half dabei, den nationalen Sicherheitsapparat rund laufen zu lassen und unangenehme Überraschungen für alle Beteiligten zu limitieren. Die Erkenntnis, dass so eine geheime Subkultur existierte und dass sie es einem Reporter erlaubte, einen Blick auf die dunkle Seite der Regierung zu werfen, war erschütternd. Es fühlte sich an wie die Matrix. Der Verrat von vertraulichen Informationen an die Presse wurde als unvermeidlich toleriert. Die Presse agierte als eine Art Sicherheitsventil. Die Schlauen unter den Offiziellen erkannten, dass ein Leck helfen konnte, frischen Wind in festgefahrene interne Debatten zu bringen. Und die Tatsache, dass die Presse nur auf das nächste Leck wartete, disziplinierte das System."

Magazinrundschau vom 11.08.2015 - Intercept

Spannend wie ein Thriller erzählt der britische Investigativjournalist Duncan Campbell von seinen wichtigsten Enthüllungen - allen voran dem Five-Eyes-Spionagenetz Echelon - und zieht eine Bilanz seiner Arbeit: "In den vierzig Jahren, die ich über Massenüberwachung berichtet habe, wurde ich dreimal Ziel von Razzien, kam einmal ins Gefängnis; funfmal durften TV-Sendung von oder mit mir auf Druck der Regierung nicht ausgestrahlt werden; mir wurde angedroht, aus einem Helikopter geworfen zu werden; mein Telefon wurde mindestens zehn Jahre lang abgehört, und ich sah dreißig Jahren Haft für angeblichen Geheimnisverrat entgegen. Warum mache ich weiter? Weil meine Ermittlungen ein bis dato unvorstellbares Ausmaß staatlicher Überwachung, Verschwörung und Verschleierung durch britische und amerikanische Regierungen zutage gefördert haben - Praktiken, bei denen es ebenso sehr um Binnenspionage ging wie darum, die Bevölkerung vor angeblichen äußeren Feinden zu schützen und durch die die britische Regierung potenziell die Macht hatte, aus dem Land einen Polzeistaat zu machen."

Magazinrundschau vom 02.12.2014 - Intercept

James Risen ist ein hochdekorierter, mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Reporter der New York Times, der sich vor allem mit seinen Reportagen über die staatliche Bespitzelung der amerikanischen Bevölkerung verdient gemacht hat. Weil er seine Quellen nicht preisgeben will, hat ihn die Regierung Obama vor Gericht gezerrt. In einem - leider über weite Strecken etwas unspezifischen - Interview mit Glenn Greenwald erklärt Risen, warum der Kongress unfähig ist, der rechtswidrigen Überwachung einen Riegel vorzuschieben. Einflussnahme durch Wahlkampfspenden spielt dabei kaum eine Rolle, meint er: "Aber all die Angestellten, all die Kongressmitglieder denken darüber nach, was sie nach diesem Job tun werden. Dasselbe gilt für Offiziere. Was tut man, nachdem man sich vom Militär verabschiedet hat oder vom Untersuchungsausschuss für innere Sicherheit oder was auch immer? Man braucht einen neuen Job als defense contractor. Und deshalb glaube ich, der wahre Anreiz für viele dieser Leute besteht darin, ihre potenziellen künftigen Arbeitgeber nicht zu verärgern."

Magazinrundschau vom 28.02.2014 - Intercept

Glenn Greenwald bringt in The Intercept, seinem von Pierre Omidyar finanzierten Investigativmagazin, die erste größere Geschichte und zeigt "wie verdeckte Agenten der NSA ins Internet eindringen, um zu manipulieren, zu täuschen und den Ruf von Personen zu zerstören." Seine Erkenntnisse basieren auf dem Papier einer Arbeitsgruppe der Five Eyes Allianz: "The Art of Deception: Training for Online Covert Operations". Zu den Techniken gehören "'false flag operations' (man stellt Material ins Netz und erklärt jemand anderen zum Urheber), 'fake victim blog posts' (man gibt sich als Opfer einer Person aus, deren Ruf man zerstören will), und 'negative Informationen' in verschiedenen Formen". Normale Stasi-Arbeit also! Diese Taktiken richten sich laut Greenwald keineswegs gegen feindlich gesinnte Nationen, sondern häufig zum Beispiel gegen Hacker - "jene, die Online-Protestaktionen zu politischen Zwecken nutzen". Solche verdeckten Aktionen, so Greenwald, seien besonders von Obama-Berater Cass Sunstein empfohlen worden, der ironischer Weise gerade von Obama zum Mitglied im NSA Review Panel ernannt worden wurde. (David Cole widmete der Arbeit dieses Panels gerade einen sehr kritischen Artikel in der NYRB.)