Magazinrundschau

Vom Umschreiben der Regeln

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
26.07.2016. In der NYRB bescheinigt Zadie Smith der weißen Arbeiterklasse einen Hauch von Genie. In der London Review hält John Lanchester vergeblich Ausschau nach einem weißen Ritter. Peter Nadas erinnert sich in Elet es Irodalom an den eisigen Blick Peter Esterhazys. Im New Yorker porträtiert Pankaj Mishra Jean-Jacques Rousseau als den Vater aller Populismen.

New York Review of Books (USA), 18.08.2016

Zadie Smith macht alles und jeden für die Brexit-Entscheidung ihrer Landsleute verantwortlich. Zum Schluss sogar ihr eigenes links-intellektuelles Milieu: "Für viele Menschen in London werden die vermeintlich multikulturellen, klassenüberschreitenden Aspekte des Lebens von ihrem Personal verkörpert - Kindermädchen, Putzhilfen - von den Menschen, die ihnen Kaffee einschenken und ihre Taxis fahren oder von der handvoll unvermeidlicher nigerianischer Prinzen, denen man in Privatschulen begegnet. ... Extreme Ungleichheit zerreißt Gemeinden, und nach einer Weile werden die Risse so groß, dass das ganze Gebäude zusammenbricht. Während dieses Prozesses verlieren alle, am meisten aber die weiße Arbeiterklasse, die wirklich nichts mehr hat, nicht einmal die moralische Erhöhung, die mit anerkanntem Trauma oder Opferstatus einhergeht. Die Linke schämt sich für sie. Die Rechte sieht sie nur als nützliche Werkzeuge für ihre eigenen persönlichen Ambitionen. Diese lästige Revolution der Arbeiterklasse, die wir jetzt erleben, wurde als dumm beschimpft - ich habe das am Tag nach der Abstimmung selbst getan - aber wenn man länger hinguckt, stellt man einen Hauch von Genie fest. Denn sie erkannte intuitiv die Schwäche ihrer Feinde und nützte sie erfolgreich aus."

London Review of Books (UK), 28.07.2016

Auch John Lanchester diagnostiziert anlässlich des Brexits einen Verrat an der weißen Arbeiterklasse: Abgeschoben wurde sie in prekäre Jobs, die weder ein richtiges Einkommen noch ein Gefühl für die eigene Identität anbieten, und der gnadenlosen Konkurrenz durch aufstiegshungrige Einwanderer ausgesetzt. Ja, "die weiße Arbeiterklasse hat recht, wenn sie sich abgeschoben fühlt. Teile des Landes sind schlicht abgehalftert worden. Keine politische Partei hat ihr irgendetwas anzubieten, außer verschiedene Ebenen der Wohlfahrt. Die Menschen in den reichen Teilen des Landes zahlen die Steuern, die die armen Teile subventionieren. Wenn ich ein einzelnes Faktum auswählen müsste, das keine Rolle in der politischen Debatte gespielt hat, aber Britannien derzeit charakterisiert, dann ist es die Tatsache, dass die meisten Menschen im Vereinigten Königreich heute Geld vom Staat bekommen - in direkten Zahlungen und Hilfen für Gesundheit und Erziehung - als sie einzahlen. Die Zahlen sind dem Ergebnis des Referendums fast unheimlich ähnlich: 48 Prozent sind Netto-Einzahler, 52 Prozent Netto-Empfänger. Es ist ein System, das von beiden gleichermaßen verabscheut wird, den Empfängern und Gebern dieser Freigiebigkeit."

Elet es Irodalom (Ungarn), 21.07.2016

Der Schriftsteller Péter Nádas schreibt im Nachruf über seine nicht unkomplizierte Beziehung zu dem verstorbenen Péter Esterházy: "Die Spezialität seiner Erzählung war, dass er in der erster Person Plural schrieb, nicht weil er den Pluralis Majestatis vorzog, sondern um Erfolge unter uns beiden zu teilen. Er wollte nicht alleine bleiben. (...) Wir standen im Regen und ich bat ihn, diesen Plural lieber aufzugeben: Wir sollten der großen stinkenden Realität in die Augen schauen. Ich bin hier ein bürgerliches Element - wie er später in einer Laudatio geistreich und hart ergänzte: ein Bürger ohne Bürgerlichkeit - und er ein bereits vor seiner Geburt seiner Besitztümer beraubter Aristokrat, doch mit einem Namen der eine Ära der ungarischen Geschichte repräsentiert. Mein Name sagt niemandem etwas. Vielleicht, dass er ein magyarisierter Name ist, ein deutscher Name, ein jüdischer Name. Außer mich selbst, vertrete ich nichts und niemanden. Das ist meine Rolle in der bürgerlichen Literatur und ich würde es begrüßen - wenn er das so will, würde ich es aus der Perspektive der Nation begrüßen -, wenn wir beide bei unseren Rollen blieben. (...) Sein Blick wurde eisig und dieses Eisige bedeutete, dass er dann im großen Gemenge alleine blieb."
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Wired (USA), 15.07.2016

An Enthusiasmus und Selbstbewusstsein mangelt es den Leuten hinter dem Start-Up Ryot nicht, wenn man Abe Streeps Reportage folgt: Pikant wird das Sendungsbewusstsein dadurch, dass das Start-Up mit Virtual-Reality-Videos von Krisen und Katastrophen auf dem Markt reüssieren will - darauf setzend, dass VR-Videos geradezu perfekte Empathie-Erzeugungsmaschinen sind, die den Griff zum Spendengeldbeutel besonders schnell erfolgen lassen. Doch Streep ist nicht begeistert von dem, was er sieht: "Diese Vorstellung - dass die Welt schon heilen wird, wenn wir nur alle empathie-erweiternde Headsets aufsetzen und uns den VR-Videos mit ihren von Stars vorgelesenen Voice-Overs hingeben, um schließlich der Hilfsindustrie Geld zu spenden oder das Video zu retweeten - ist nett, aber auch naiv. Ich freue mich darauf, ein VR-Video mit der erzählerischen Durchschlagskraft des [2D-Films] 'Body Team 12' zu sehen. Doch Ryot hat noch keinen Weg gefunden, wie sich das erzählerische Talent, das sie in ihren 2D-Filmen unter Beweis stellen, in eine 360°-Umgebung übersetzen lassen. Vielleicht wird Ryot bald den Zauber finden, den es braucht, um Geschichte, Tonfall und technisches Wissen miteinander zu verschmelzen, doch bis dahin hat man dort sichtlich Spaß daran, ziemlich einfach gestrickten Content zu produzieren. Nehmen wir nur 'The Nepal Quake Proect' als Beispiel. Der Film geht einem durch Mark und Bein, liefert aber nur wenig Kontext, Analyse oder Geschichte und keine Figuren. Am Ende des Films wird der Zuschauer um Geld gebeten. Die guten Absichten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei dem Film im wesentliche um immersive, für das iPhone zugeschnittene Katastrophen-Pornografie handelt."
Archiv: Wired

New Yorker (USA), 01.08.2016

In einem etwas pedantisch die ganze Biografie Jean-Jacques Rousseaus aufrollenden Artikel erkennt Pankaj Mishra im Autor der "Confessions" und des "Contrat Social" den Urvater heutiger Populismen von links und rechts, die sich gegen Globalisierung, Medien und Institutionen auflehnen. Einen Rest von Sympathie mag er dabei nicht verhehlen: "Tocqueville bemerkte, dass die Leidenschaft für Gleichheit 'das Ausmaß einer Raserei' erreichen könne und autoritären Figuren und Bewegungen an die Macht verhelfen könnte. Aber es war der soziale Außenseiter aus Genf, dessen Schriften Tocqueville nach eigenem Bekenntnis Tag für Tag verschlang, der als erster die Moderne attackierte, weil sie die Macht in Richtung vernetzter Eliten verschob."

Außerdem: Héctor Tobar, Professor für Journalismus in Oregon, stellt in einem knochentrocken zu lesenden Artikel die Frage, ob Latino-Wähler den Staat Arizona zum "Swingen" bringen könnten, vergisst aber am Ende, sie zu beantworten. Extrem ausufernd auch die von Rick Perlstein erzählten Gründe, warum Präsident Obama das Gefängnis von Guantanamo immer noch nicht geschlossen hat (wobei man ehrenhalber anmerken muss, dass dort nur noch siebzig statt einst 700 Häftlinge festgehalten werden).
Archiv: New Yorker

Repubblica (Italien), 25.07.2016

In Italien wird im Herbst über ein Gesetzesprojekt zur Legalisierung leichter Drogen abgestimmt: Es soll erlaubt sein, Cannabis zu besitzen, anzubauen und - nach festen Regeln - zu verkaufen. Sehr stark macht sich dafür Roberto Saviano: "Ich werde Skeptiker nicht damit überzeugen, dass Cannabis bei der gleichen Steuer, wie sie auf Tabak erhoben wird, 6 bis 8 Milliarden Euro an Steuern einbringen wird. Aber vielleicht kann ich sie zur Verantwortung rufen, wenn ich ihnen in Erinnerung bringe, dass Drogen ein Tauschmittel zwischen kriminellen und terroristischen Organisationen sind. Wissen Sie, wie das Attentat in Spanien im Jahr 2004 finanziert wurde? Mit Haschisch, den Al Qaida nahestehende Gruppen unter anderem an die napolitanische Camorra verkauft hatten." Hier kann man Saviano einen Joint ziehen und noch beschwingter argumentieren sehen.
Archiv: Repubblica

Huffington Post (USA), 25.07.2016

Michael Yudell von der Drexel University in Philadelphia erklärt im (schon ein bisschen älteren) Interview, warum er dafür plädiert, in der biologischen und genetischen Forschung auf den Begriff der "Rasse" zu verzichten und statt dessen mit ancestry - also Abstammung, Herkunft zu arbeiten. "Rasse" führt einen schlicht nicht weiter, meint er, und erklärt das am Beispiel der Sichelzellenanämie, unter der Afroamerikaner sehr viel häufiger leiden als weiße Amerikaner: "Ein großartiges Beispiel. Sichelzellenanämie ist keine afroamerikanische oder afrikanische Krankheit, obwohl sie in diesen Bevölkerungen mit erhöhter Häufigkeit auftritt. Aber das ist kein rassischer Unterschied, sondern einer der Herkunft, der Geografie und der Evolution. Sichelzellen kommen in größerer Häufigkeit dort vor, wo es Malaria gibt oder einst gab, denn Sichelzellen sind eine Krankheit, die eine evolutionäre Anpassung an die Gefährdung durch Malaria ist. Die Sichelzellen haben sich vermutlich als Schutz vor Malaria entwickelt. Darum tritt die Sichelzellenanämie am häufigsten bei Westafrikanern und Menschen westafrikanischen Ursprungs auf. Es ist also keine 'afrikanische Krankheit'. Sichelzellen gibt es auch in anderen Regionen der Erde, bei anderen Völkern, den Anwohnern des Mittelmeers, auf der arabischen Halbinsel und auf dem indischen Subkontinent, wo die Bevölkerung ebenfalls diese Anpassung zum Schutz gegen Malaria erfahren hat."

Nepszabadsag (Ungarn), 23.07.2016

Anlässlich des sechzigsten Jahrestag der Revolution von 1956 referierte der Schriftsteller György Spiró bei der diesjährigen Schreibwerkstatt vom Bund junger Schriftsteller (FISZ) in Visegrád über die Besonderheiten der historischen Erzählung: "Als Kind erlebte ich zwar einiges während der Revolution, doch das zählt nicht, weil eine historische Zeit nicht unbedingt erlebt werden muss, damit eine gültige Literatur darüber entstehen kann. (...) Ich bevorzuge Werke, die dem Leser die konkrete historische Situation und die Rollen durch Visualisierung und Vitalisierung erklären. Darin besteht der Unterschied zwischen Geschichtsschreibung und Literatur: erstere spricht mit ihrer Wissenschaftssprache Fachkreise an, die Literatur dagegen generiert Emotionen und Leidenschaft und erreicht so, dass beim Leser etwas bleibt und historische Ereignisse zum gemeinsamen Wissen werden."
Archiv: Nepszabadsag

Pitchfork (USA), 18.07.2016

Für Pitchfork erzählt Jason Heller die Geschichte der britischen Beatband The Equals, die man heute noch für den Evergreen "Baby, Come Back" kennt, die aber ansonsten weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Dabei war die Band um Sänger Eddy Grant die erste, die Musiker verschiedener Ethnien vereinte. Mit "Electric Avenue" spielte Grant in den 80ern auch inhaltlich politische Musik ein, "doch bereits seine Arbeit mit den Equals war inhärent radikal, selbst wenn sie über so triviale Themen wie lodernde Liebe und Tanzengehen am Samstagabend sangen. Lange bevor die Brexit-Abstimmung die einwanderungsfeindliche Stimmung im Vereinten Königreich festigte und die jüngste Welle von Polizeibrutalität in den USA die BlackLivesMatter-Bewegung notwendig machte, verkörperten die Equals das Ideal, dass Schwarze und Weiße, im Land Geborene und Einwanderer zusammengehörten. Jedes Foto der beisammen stehenden fünf Musiker in einem Magazin oder auf einer Platte stellte ein Statement dar."
Archiv: Pitchfork

Jungle World (Deutschland), 14.07.2016

Die Jungle World bringt ein umfassendes Dossier von Olaf Kistenmacher über Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", dessen sechster Band gerade in Bernd-Jürgen Fischers Neu-Übersetzung erschienen ist. Kistenmacher durchleuchtet das große Romanprojekt nach Spuren der sich formierenden bürgerlichen Klasse - und kommt dabei auch auf den Antisemitismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts zu sprechen: "Bereits während des Erstens Weltkriegs [schrieb Proust] von 'un antisémitisme bourgeois et latent'. In den zwanziger Jahren gebrauchte der Philosoph Constantin Brunner, der mehrere Bücher über den deutschen Judenhass veröffentlichte, den Begriff 'latenter Antisemitismus' zur Beschreibung der Weimarer Republik. Bei Proust passte die Beschreibung latent vorhandener Einstellungen zu der Darstellung des Erinnerungsvorgangs, bei dem ebenfalls langsam etwas an die Oberfläche kommt. Diese Beschreibung korrespondiert zudem, worauf Brassaï in seinem Buch 'Proust und die Liebe zur Photographie' hinweist, mit der Metapher der Fotografie, die sich auch erst entwickeln muss und von der man früher mitunter als dem 'latenten Bild' sprach."
Archiv: Jungle World

New York Times (USA), 23.07.2016

Gideon Lewis-Kraus sieht eine Chance für einen neuen "New Deal", und die Visionärin, die ihn durchsetzen soll, ist für ihn ausgerechnet Hillary Clinton. Hoffnung gibt ihm ein Treffen mit Felicia Joy Wong vom Roosevelt Institute, einem Thinktank, dessen Chefökonom Joseph Stiglitz ist und der eine von Occupy inspirierte Politik bei den Demokraten durchsetzen will: "Ein großer Teil der Linken, inklusive des großen Blocks, der sich in den Primaries gegen Clinton wandte und lieber Bernie Sanders' Ruf nach 'Revolution' folgte, findet, dass sich Wong und ihre Verbündeten Illusionen machen, wenn sie glauben, dass die Demokratische Partei ihr Papier 'Rewriting the Rules' umsetzen könnte. Aber die Sanders- und Trump-Aufstände zeigen ja eine Lust auf einen ökonomischen Populismus, die niemand vorausgeahnt hat. Nun wetten das Roosevelt-Institut und andere linke Gruppen darauf, dass ein Mandat für einen ökonomischen Wandel bereits besteht und dass es von einer Frau ausgeübt werden kann, die ohnehin immer schon so gut wie Kandidatin war. Wong selbst glaubt, dass die Finanzkrise die amerikanische Wirtschaftspolitik vielleicht für Jahrzehnte von Grund auf destabilisiert hat und dass das Jahr 2016 den Wendepunkt für einen Neuanfang markieren könnte."

In einem zweiten Artikel nimmt Lewis-Kraus die politischen Fantasien des Silicon-Valley-Tycoons Peter Thiel auseinander.