Ausschnitt aus Diane Arbus, Selbstporträt, 1945
Zum Tod von Péter Esterházy (nach Redaktionsschluss) veröffentlichte die Redaktion der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom eine erste Stellungnahme. "Wenn es eine der größten Anklage gegenüber der Postmoderne ist, dass sie alles relativiert, dass sie Gutes und Böses verwischt, dann tat er - gerade er - das Gegenteil: im fortwährend überschriebenen, kommentierten, hinterfragten, zitierten Text war immer der Goldstandard von Moral und Klarsicht vorhanden. (...) Freilich war er nur ein Schriftsteller, doch kaum jemand tat konkret mehr, damit dieses Land freier, lebenswerter wird. Jede seiner Regung war ein Ereignis. Um Himmels willen, mit welcher Haltung ist er durch dieses letztes Jahr geschritten! Wir trauern."
Auch der Kunsthistoriker und Medienwissenschaftler Péter György trauert um Péter Esterházy: "Dass die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt sind, sagte nicht er, sondern Wittgenstein. Und Esterházy zeigte, um welch eine weite Grenze es sich handelt. (...) Von ihm lernten mehrere Generationen, wie viel ein Schriftsteller geben kann, der in den jahrhundertalten philosophischen und ästhetischen Debatten keine Position bezieht, sondern zeigt, wie eine Sprache funktioniert, dessen Natur ebenso transparent, wie undurchschaubar ist."
Über Al Qaida zu berichten, war lange Zeit ziemlich langweilig, meint New York Times Reporterin Rukmini Callimachi, damals in Daka stationiert, im Interview. Man konnte immer nur ein paar Diplomaten zitieren, an Originalquellen kam man nie heran. "Aber alles veränderte sich für mich im Januar 2013, als die Franzosen in Mali einmarschierten. Drei Tage, nachdem sie die Dschihadisten vertrieben hatten, war ich in Timbuktu. Ich kam mit der ersten Welle der Reporter. Es waren so viele nach wenigen Tagen. Zuerst zogen wir alle los und interviewten die Einwohner. Wie war es unter der Sharia zu leben? Wir sahen uns die Orte an, wo Menschen hingerichtet wurden und den Platz, wo sie jemandem die Hand abgehackt hatten. Die Bewohner zeigten mir dann die besetzten Gebäude. Unglaublicherweise hatte die Al-Qaida-Zelle tausende Seiten interner Dokumente zurückgelassen. ... Woher ich das weiß? In dem ersten Gebäude hob ich ein Papier auf und dachte, 'Das ist Arabisch, ich kann es nicht lesen' und ließ es wieder fallen. [Lacht] Ich ging bis ins Hotel zurück, ehe ich begriff: Mein Gott, dies ist Mali. In Mali sprechen die Leute Französisch. Sie lernen es in der Schule. Nicht Arabisch. Also stammt per definitionem alles, was auf Arabisch geschrieben ist, von den Besatzern. Ich lief mit Plastiktüten zurück und sammelte jedes Papier ein, was ich finden konnte."
Aus Anlass des Todes von Michel Cimino bringt Micromega ein langes Interview, das Fabrizio Tassi und Emilio Cozzi vor fünf Jahren mit dem Regisseur geführt haben. Auf die Frage, ob er heute "Heaven's Gate" nochmal drehen würde, antwortet er nur auf Umwegen: "Nein. Ich hasse es dieselbe Sache zweimal zu machen. In meiner ganzen Karriere habe ich niemals eine Szene neu geschnitten. Das ist eine der nervendsten Sachen, die dir passieren können. Ich sage nicht, dass beim Drehen alles von vornherein perfekt ist. Aber wenn ich eine Idee über eine Szene im Zusammenhang mit der Geschichte habe, dann drehe ich, bis ich sie realisiert habe. Diese Szene und keine andere. Ich klebe nicht verschiedene Versionen der selben Sequenz zusammen, um dann die vielleicht die besten Teile auszuwählen und sie zu montieren. Damit riskiert man den Zusammenhalt des Films."
Die gerade in Großbritannien erschienene Sammlung "The Storyteller: Short Stories" mit fiktionalen Texten aus der Feder Walter Benjamins ist zwar in gewisser Hinsicht eine Mogelpackung, da der Philosoph und Essayist nicht besonders viele, im engeren Sinne belletristische Arbeiten hinterlassen hat, schreibt Adam Kirsch. Doch die im Band versammelten verstreuten Schriften kommen der Belletristik in Benjamins Werk noch am nächsten. Die Traumprotokolle zum Beispiel: Sie "entziehen sich der sprichwörtlichen Verschlafenheit anderer Leute, wenn Benjamin die unheimliche Art und Weise auf den Punkt bringt, in der Traum-Dinge sowohl sie selbst, als auch etwas völlig anderes sein können. ... Die Erscheinung Sowjet-Russlands in einem Spielzeug etwa ist auf surrealistische Weise evokativ. Sie vermittelt nicht nur die Tiefe des psychischen Engagement des Träumers in der Politik, sie stellt auch unbequeme Fragen danach, welchen ontologischen Status das kommunistische Utopia tatsächlich hat. Ist die UdSSR ein echter Ort oder bloß eine Projektionsfläche für Fantasien? Was versucht Benjamin, ein leidenschaftlicher, wenn auch exzentrischer Marxist, uns und sich selbst mit diesem Bild zu erzählen?"
Interessante Debatten auf dem Diskussionsforum "Melting Pot" des Festivals Colours of Ostrava: Zur Frage, warum die Öffentlichkeit den Medien nicht mehr vertraue, bemerkte dort der amerikanische Historiker Timothy Snyder: "Das größte Problem der gegenwärtigen Medien ist nicht, dass sie nicht genug Fakten hätten, sondern dass sich immer mehr von ihnen auf Emotionen statt auf Fakten konzentrieren" und führte als Beispiel das britische Referendum zum EU-Austritt an. Die Brexit-Befürworter hätten eher dadurch gewonnen, dass es ihnen gelungen sei, an die Gefühle der Wähler zu appellieren, als dass sie die besseren Argumente vorgelegt hätten. Der ebenfalls teilnehmende tschechische Außenminister Lubomír Zaorálek meinte, es sei schwer geworden, heute Debatten rein auf der Grundlage von Fakten zu führen. "Selbst die präzisesten und fundiertesten Argumente garantieren keinen Erfolg mehr, denn wir leben in einer Welt, die zunehmend von Bildern beherrscht wird." Er erinnerte daran, dass die allgemeine Medienskepsis auch durch gezielte Desinformation wie im Phänomen des Hybridkriegs verstärkt und ausgenutzt werden könne: "Indem irgendwo Soldaten ohne genaue Kennzeichnung aufmarschieren und von Anfang an Ungewissheit besteht, wer eigentlich wer ist, ergeben sich die verschiedensten Interpretationen" - eine klare Anspielung auf die russische Krim-Annexion.
erhellenden Buzzfeed-Reportage porträtiert Reggie Ugwu die Kuratoren, die hinter den Kulissen der großen Streamingdienste handverlesene, thematisch stimmige Playlists zusammenstellen: Die größten Dienste haben sich in den letzten zwei Jahren zunehmend auf Playlists fokussiert, "um zwei wichtige Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Erstens, Nutzer, die von einem 30 Millionen Stücke umfassenden Katalog erschlagen sind, das finden zu lassen, was sie tatsächlich wollen, und zweitens, sich in einem Markt, in dem jeder mehr oder weniger dasselbe Produkt anbietet, zu profilieren. Doch bessere Playlists zusammenzustellen ist schwieriger als man meinen würde. Der Algorithmus, der die Verdiente des neuen Gucci Mane erkennt, oder intuitiv weiß, dass man 'A Thousand Miles' von Vanessa Carlton in der Dusche singen möchte, muss erst noch erfunden werden. Bis dahin übernimmt eine Eliteklasse von Musicnerd-Veteranen diese Aufgabe. ... Während Streaming Mainstream geworden ist, haben sich auch diese Kuratoren, von denen viele als Blogger oder DJs begonnen haben, einen ungewöhnlich hohen Einfluss erarbeitet. Den Regeln folgend erledigen sie Ihre Arbeit zwar anonym - für die Dienste ist es besser, wenn sie sich wie Magie anfühlt. Aber ihrer Reichweite lässt sich immer weniger entgehen. Spotify gibt an, dass 50 Prozent ihrer weltweit mehr als 100 Millionen Kunden von Menschen zusammengestellte Playlists nutzen."
Auch in Graphic Novels wird der Terrorismus behandelt, und dies schon seit längerem, erzählt Patrick de Jacquelot. Lange vor den Attentaten von Paris oder Nizza hat das Thema eine Rolle gespielt: 'Léna et les trois femmes' (Text von Pierre Christin, Zeichnungen von André Juillard) ist 2009 erschienen, 'L'attentat' (Text von Loic Dauvillier, Zeichnungen von Glen Chapron) 2014. Für die neue Saison sind mehrere Neuerscheinungen vorgesehen, etwa 'L'appel' (Text von Laurent Galandon, Zeichnungen von Dominique Mermoux) und 'Kobané Calling' (Text und Zeichnungen von Zerocalcare). "Es gibt eher realistische und eher fiktionale Annäherungen an das Thema. 'Léna et les trois femmes', 'L'Attentat' ou 'L'Appel' verfolgen einen völlig realistischen Ansatz. Hier wäre man kaum erstaunt einen Hinweis zu finden 'In Anlehnung an reale Ereignisse - nur die Namen sind erfunden'. Diese bandes dessinées sind solide dokumentiert und liefern absolut plausible Geschichten, auch wenn Fiktion, kreative Freiheit und das Lesevergnügen von den Autoren durchaus gewollt sind. Andere nähern sich dem Gegenstand eher in imaginativer Weise."
Chuck Close, Self-Portrait I, 2014