Javier Cercas widerspricht Michel Houellebecqs Lob des Brexit in allen Punkten: "Unfug die Behauptung, Europa habe keine gemeinsame Kultur - Europa zehrt nicht nur von einer gemeinsamen historischen und religiösen Grundlage, seit Jahrhunderten befruchten sich auch seine Künstler, Schriftsteller und Philosophen gegenseitig. Unfug die Behauptung, Europa habe keine gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen - für wen, egal ob innerhalb oder außerhalb Europas, sollte das gelten? Was wiederum die zwischen uns Europäern bestehenden Unterschiede angeht, so wirken sie etwa von China oder Indien aus - wo tatsächlich sehr unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Religionen zusammenleben - winzig, ja, kaum wahrnehmbar. Und wer, außer den verstocktesten Nationalisten, behauptet, kulturelle Unterschiedlichkeit innerhalb einer politischen Einheit sei unmöglich oder nicht erstrebenswert? Unfug auch die Behauptung, je größer ein Staatsgebiet, desto schwieriger ein demokratisches Zusammenleben - genau das Gegenteil ist wahr: Wie Jürgen Habermas geschrieben hat, ist Demokratie nur in einem einzelnen Land wehrlos gegen die Ultimaten eines grenzübergreifenden rasenden Kapitalismus. Es stimmt, ein Schriftsteller soll für Unruhe sorgen, den Finger in die Wunde legen, sagen, was niemand hören will - aber wenn es um Politik geht, ist eine langweilige Wahrheit tausend mal besser als interessanter Unfug."
"Wir sind ärmer geworden. Das hätte noch nicht passieren dürfen", ruft der Schriftsteller György Konrád voll Trauer über den Tod Péter Esterházys. "Aber wann dann? Nie. Also jetzt. Es war ihm gegeben, an der Spitze leidend und lächelnd zurückzuwinken. Er schaffte es, seinem eigenen Tod Form, eine schriftliche Form zu geben. Wer bis zur letzten Sekunde schießt, stirbt angeblich den Heldentod. Und wer bis zur letzten Minute schreibt? Ein lebender Held? Meine krebskranken Schriftstellerfreunde empfingen das gnadenlose Ende mit den zu Füßen gelegten Federn und Schreibmaschinen. Ich schaue zu ihnen und zu ihrem Nachlass auf dem Bücherregal hoch, ich sehe ihre Schattenbilder in meinen Erinnerungen. Weder dort noch hier kann ich ihnen begegnen, nur in mir selbst, nur in uns selbst, wenn wir über sie sprechen."
John Gray hat viel auszusetzen an Richard Englishs Buch "Does Terrorism work?", aber wenn der nordirische Historiker am Beispiel der IRA die interne Logik von Terror-Organisationen untersucht, versteht Gray, welchen Appeal das Terrorleben für junge Männer haben kann: Kameradschaft, Abenteuer, Ruhm, Macht, Geld, Sex - das sei so aufregend wie Krieg: "Wenn wir den gegenwärtigen Ausbruch des IS-bezogenen Terrors in Europa betrachten, kann es nützlich sein, die inneren Belohnungen von Terrorismus zu analysieren. Anders als den Terror der IRA, auch den der ultra-brutalen provisorischen IRA, kann man den IS-Terror kaum mit Begriffen der instrumentellen Vernunft erklären. Selbst im Vergleich mit al Qaida hat der IS nur wenige konkrete Forderungen. Der gegenwärtige Ausbruch ist zum Teil auch eine Reaktion auf die Gebietsverluste der Dschihadisten in Irak und Syrien. Doch wie es English nahelegt, müssen wir uns fragen, für wen sich Terrorismus auszahlt und warum. Wenn wir das in Bezug auf den IS unternehmen, ist die Antwort nicht besonders ermutigend ... Der Terror des IS verleiht dem aus der Bahn geworfenen Einzelnen Identität und Bedeutung, er ermöglicht ihm, seine Ressentiments in den Hass auf eine Lebensweise umzudeuten. Vor dem Hintergrund tiefer Gräben in Europas Gesellschaften, wird die Organisation aus diesen Belohnungen immer größere Anziehungskraft schöpfen."
Moxie Marlinspike ist eine jener Pflanzen, wie sie anscheinend nur in der amerikanischen IT-Branche gedeihen können: Ein Anarchist, Hacker und Aktivist, der sich nicht in die subkulturelle Nische zurückzieht, sondern mit seinen Kryptografie-Tools in den letzten Jahren vor allem auch die Aufmerksamkeit der großen Konzerne wie Google und Facebook auf sich gezogen hat, die sich brennend für die Implementierung seiner Tools in die eigenen Angebote interessieren. Andy Greenberg porträtiert Marlinspike, der nach Stationen in besetzten Häusern unter anderem auch die Sicherheitsabteilung von Twitter leitete: "Dort bewunderte man seine Sachkenntnis, erinnert sich ein Mitarbeiter. Doch sein höheres Ziel war es, die Plattform von innen heraus so umzuwandeln, dass die Nutzer-IPs nicht mehr geloggt werden würden, was es den Ermittlungsbehörden unmöglich gemacht hätte, die Herausgabe der Identität eines Nutzers einzufordern, wie es bei den Occupy-Protesten im Jahr 2012 geschah. Dieses Vorhaben scheiterte an den Prioritäten des Vorstands, so der Mitarbeiter. 'Moxie war es völlig gleich, ob Twitter viel Umsatz machte', erläutert der frühere Kollege. 'Er war vielmehr daran interessiert, die Nutzer zu schützen.'
Wunderbare Anekdoten weiß der tschechische Regisseur und Drehbuchautor Ivan Passer zu erzählen, der zu den Begründern der Tschechischen Neuen Welle gehörte und 1968 gerade noch rechtzeitig vor dem Einmarsch der Russen gemeinsam mit Miloš Forman zuerst nach Frankreich, dann in die USA floh, wo er seither arbeitet und lebt. "Um vier Uhr morgens erreichten wie einen kleinen österreichischen Grenzposten. Ein Offizier kam aus dem Häuschen und hörte sich von uns an, dass wir ein Wochenende in Wien verbringen wollten, kontrollierte unsere Pässe und stellte natürlich fest, dass wir keine Ausreisegenehmigung hatten. Darauf ich, die Papiere müssen im Koffer sein, und obwohl wir keine hatten, tat ich so, als würde ich sie suchen. Und dabei hörte ich plötzlich diesen absurden Dialog: 'Sind Sie Miloš Forman, der Filmregisseur?' - 'Ja.' - 'Wissen Sie, dass ich alle Ihre Filme gesehen habe?' - 'Ich nehme mal an, dass Ihnen keiner davon gefallen hat.' Ich dachte schon, jetzt packt der mich gleich, aber dieser Offizier begann, seine Lieblingsszenen aus 'Die Liebe einer Blondine' vorzuspielen, und sagte schließlich, wir sollten nicht weiter nach den Papieren suchen. Als wir losfuhren, sah man ihm an, dass er wusste, dass wir nicht zurückkehren würden." Seine neue Heimat USA sieht Passer trotz Rassenkonflikten und Trump-Kampagne optimistisch. Als er in den 60er-Jahren in New York einen Taxifahrer auf ein Bier einladen wollte, "entgegnete der mir, er dürfe nicht mit, weil er schwarz sei. Für mich war das ein Schock, dass es so etwas nicht nur im amerikanischen Süden gab, wo ich es von Faulkner her kannte, sondern in einer Metropole wie New York. Das war auch ein Grund dafür, weshalb ich in meinen Filmen dann so viele Rollen mit Schwarzen besetzt habe. Aber wissen Sie was, Karl Marx würde Amerika lieben, er hat ja gesagt, jenes Land sei das beste, wo eine permanente Revolution stattfindet. Und ich habe in den Staaten gleich mehrere miterlebt. Vor allem in der Rassenfrage. Zur der Zeit meiner Einwanderung hätte ich nie gedacht, dass ich einmal den Tag erlebe, an dem ein Schwarzer Präsident wird."
Für das aktuelle Heft des New Yorker dringt Jon Lee Anderson tief in die Wälder am Amazonas ein, wo an der Grenze zwischen Peru und Brasilien noch immer einige isolierte Völker leben: "Eines Tages, nach stundenlanger Fahrt auf dem Fluss, ohne ein Zeichen von Leben, sahen wir eine Frau und ein Kind in einem Einbaum. Als sie uns bemerkten, paddelten sie hastig ans Ufer und schrien 'pishtaco'. Vorsichtig gingen wir an Land. Das Camp, das wir vorfanden, war hastig verlassen worden, ein Fisch röstete noch über dem Feuer. Mein Begleiter schlug vor, lieber nicht weiter flussaufwärts zu fahren, da die Indigenen uns angreifen könnten. Als ich ihn nach dem Wort fragte, das die Frau gerufen hatte, sagte er, es richte sich gegen eine böse Person, jemand, der ihnen das Öl aus dem Leib stiehlt. Monate später erklärte mir ein peruanischer Anthropologe den Ursprung dieser Angst: Der Begriff 'pishtaco' stammt aus dem 16. Jahrhundert, als die spanischen Eroberer wie Lope de Aguirre den Amazonas erkundeten. Die ersten Kontakte mit den Indigenen waren so traumatisch, dass der Mythos fortdauert: Die Spanier, frustriert, dass ihre Musketen und Kanonen im feuchten Dschungel so schnell rosteten, töteten Indigene, um ihre Leiber zu kochen und ihr Fett dazu zu verwenden, um das Metall zu einzufetten."
Der Historiker David Kuchenbuch findet sich nicht mehr zurecht im globalen Koordinatensystem des Moralismus: Früher hat ihm seine Lehrerin was von hungernden Kindern in Afrika erzählt, heute kann er nicht mehr unterscheiden zwischen Gutmenschen und Foodies, zwischen Glokalismus, Selbstermächtigung und Hedonismus: "Mich persönlich nervt im Moment wenig so sehr wie der Glaube vieler Neuköllner Hipster, der Genuss guten - lies: auf tier- wie menschengerechte Weise hergestellten - Essens sei sozusagen schon die sprichwörtliche tägliche gute Tat. 'Was tue ich mir denn heute mal Gutes?' müsste deren Motto aber eigentlich heißen. Da können sie noch so viel Naomi Klein lesen."
Der Schriftsteller György Dragomán versucht in seiner Trauer um Péter Esterházy zu beschreiben, was dieser für seine, Dragománs Entwicklung als Autor bedeutete: "Ich begann mit Sechzehn darüber nachzudenken, wie ein Schriftsteller ist. Was er macht, wie er existiert, wie er an seinem Schreibtisch sitzt, wie er flucht, wie er sich wohl kämmt, wie er Tee trinkt (...). Wie er schreibt. Die beiden Bücher 'Einführung in die schöne Literatur' und 'Ulysses' waren schwindelerregend und umwirbelnd, die Wörter und die Sätze lasteten schwer. Ich begann zu denken, dass die schöne Literatur nicht schön ist, das Schreiben nicht Schreiben. Das Existierende existiert nicht. Die Schriftsteller schreiben nicht. Es gibt sie nicht. Ihre Texte fressen sie auf, sie arbeiten sich in die Texte hinein, so dass sie selbst zu ihren Texten werden und sie können nicht mehr herauskommen, denn selbst die Begriffe wie Innen und Außen hören auf zu existieren, sie selbst werden die Welt. Sie werden zu allem."
Laurie Penny ist total geplättet, nachdem sie erst den völlig übergeschnappten Parteitag der Republikaner und dann den ebenso übergeschnappten Parteitag der Demokraten mitverfolgt hat. Die glauben alle an das Gute, das sie vollbringen können! "So läuft das nicht in Britannien. Haben Sie unsere Politiker gesehen? George Osborne sieht aus, als habe er so lange gelogen, dass seine zwei Gesichter nicht mehr auf dem selben Kopf sitzen wollen. Boris Johnson sieht aus, als hätte man Donald Trump zu früh aus dem Ofen genommen und auf einem englischen Rasen verrotten lassen. Dann sind da unsere Parteitage. In Britannien sind sie spießige, luftlose Affären in Seebädern, wo zerknauschte Menschen in Anzügen an runden Tischen warme Quiche essen und Demonstranten nassgeregnet werden. Ich war auf einigen dieser Dinger und ihre Version einer Show ist meist ein Empfang in einem lokalen Restaurant, mit einem kostenlosen Glas Prosecco mit Orangensaft und boshaften politische Korrespondenten, die vor der Tür stehen und rauchen. In Amerika dagegen ist party [i.S. von Partei] ein Verb."
Alexej Kowalow und Ilja Jablokow leugnen zwar nicht die Beziehungen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin, aber sie finden die Rede von Putins Einflussnahme auf den amerikanischen Wahlkampf reichlich aufgebauscht - und gerade damit im Interesse Putins: "Russland als den globalen Bösen und Putin als den finsteren, allmächtigen Puppenspieler zu malen, ist genau das Image, auf das er zielt. Sein Plan, 'Russlands internationales Bild' zu verbessern, für den er PR-Agenturen mit Millionen von Petrodollars fütterte, war ein döhnender Fehlschlag - Russlands Image befindet sich auf dem tiefsten Stand seit Ende des Kalten Kriegs. Nicht einmal die skrupellosesten PR-Agenturen würden Russland nach der Ukraine noch als Kunden akzeptieren. So bleibt also nur die Rolle des globalen Bösewichts, und das Schlüsselwort ist hier 'global'. Putins unfreiwillige Pressesprecher sind nun jene Experten und Politiker, die gnau das tun, was er selbst jahrelang praktizierte: externe Kräfte für eigenes Versagen verantwortlichen machen."
Im aktuellen Magazin der New York Times dreht sich alles um Olympia. Oder auch darum, wie man es vermeidet. Carly Carioli erzählt, wie es Bostons Bürger geschafft haben, dass ihre Stadt sich nicht um die Spiele bewirbt: "Olympia gilt als Goldmedaille für die besten Städte der Welt, eine Chance, sich der Welt in allem Glanz zu präsentieren und Kasse zu machen: Hunderte Millionen aus dem Ticketverkauf, Milliarden an Langzeitinvestitionen. Aber Olympia bedeutet auch Risiko-Investment. Eine Olympia-Stadt verpflichtet sich, dem Olympischen Komitee finanzwirtschaftliche und ordnungspolitische Macht einzuräumen und einzuspringen, wenn das Budget platzt … Nahezu ohne Geld nahm es ein Team aus drei ehrenamtlichen Helfern der Initiative No Boston Olympics mit der mächtigen Koalition aus Geschäftsleuten, Philanthropen, Politikern und Sportler-Legenden auf und zeigte die schädlichen Effekte der Spiele für die Gastgeberstädte auf. Sie warnten die beteiligten staatlichen Juristen davor, haftbar gemacht zu werden für jegliche Fehlplanung der Olympischen Organisatoren und erklärten den lokalen Geschäftsleuten, dass die Spiele mitnichten den Tourismus ankurbeln oder für Wachstum sorgen. Je mehr das 'No Boston Olympics'-Komitee die Menschen daran erinnerte, dass die Stadt und ihre Bürger das ganze finanzielle Risiko trugen, desto mehr schwand die Unterstützung für die Bewerbung."