Magazinrundschau

Die Wälder der Hinterwäldler

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
31.05.2016. Eine Demokratie kann man verlieren, erklärt Pavel Kohout, der es zweimal erlebt hat, in Aktualne. Amerika, das ist ein Muslim aus Afghanistan, der im Wilden Westen mexikanisches Essen verkauft, erklärt der New Yorker. Pädophilie ist das letzte Tabu in der Literatur, verkündet Slate.fr. In der London Review geißelt Naomi Klein den grassierenden Umwelt-Rassismus. In Paste erklärt Regisseur Joe Dante, warum Komödien nur mit anderen funktionieren.

Aktualne (Tschechien), 15.05.2016

Schon zwei Wochen alt, aber deshalb nicht weniger interessant: ein langes Interview von Jiří Leschtina mit dem tschechischen Schriftsteller und früheren Dissidenten Pavel Kohout. Auf die Frage, ob die Tschechen die Demokratie fünfundzwanzig Jahre nach ihrer Rückgewinnung wieder verlieren könnten, antwortet Kohout: "Jederzeit. Ich habe es zweimal erlebt, wie sie gleichsam über Nacht unterging. Die größte Stärke der Demokratie ist zugleich ihre Schwäche: dass sie jedem das Recht zu freiem Tun gibt, was als Erstes ihre Feinde ausnutzen, die mithilfe freier Wahlen an die Macht gelangen können - siehe Hitler. Der Weg aus dem Totalitarismus heraus dauert dann unendlich lange. Deshalb ist unsere Mitgliedschaft in der EU und der NATO essentiell - ja existentiell! (…) Die Europäische Union ist das größte Wunder meines Lebens. Wenn ich einmal weniger euphorisch bin, brauche ich mir nur die Europakarte von 1928 bis 1939 in Erinnerung zu rufen, als die Tschechoslowakei eine Insel der Demokratie und Freiheit inmitten faschistoider Staaten war. Und ich mache mir bewusst, dass das Wunder sich innerhalb eines Menschenlebens ereignet hat. Trotz aller Schwierigkeiten und Mängel der Union, die ich für ihre Kinderkrankheiten und deshalb für heilbar halte, würde ich es als Katastrophe erachten, inmitten bewachter Grenzen der Tschechischen Republik in der Macht der gegenwärtigen Politiker und Oligarchen zu stehen, die mit uns machen würden, was ihnen beliebt. So aber weiß ich, was immer hier einer anstellt, es gibt noch eine weitere Macht über ihm. Und die ist das in Frieden verbundene Europa." - Jiří Leschtina: "Aber die EU könnte zerfallen, und dann sind wir diesen Politikern und Oligarchen ausgeliefert, und nicht nur unseren." - Kohout: "Das ist euer Problem. Wenn unsere Generation irgendetwas Positives mit in die Ewigkeit nimmt, dann gerade, dass sie an diesem großartigen Zusammenschluss aktiv teilgenommen hat. Eure Generation muss der Europäischen Union die endgültige Gestalt geben, ohne dabei das Kind mit dem Bade auszuschütten. Und wenn euch das nicht gelingt, dann gnade euch Gott!"
Archiv: Aktualne

New Yorker (USA), 13.06.2016

In der neuen Ausgabe des Magazins stellt uns Kathryn Schulz den Gründer einer muslimischen Gemeinde in Wyoming vor: Zarif Khan aka Hot Tamal Louie. Seine gefüllten Maistaschen wurden zur Legende. Am Beispiel Khans, der 1909 aus Afghanistan in die USA kam, erinnert die Autorin angesichts von 'Stop Islam'-Slogans daran, was es heißt, Amerikaner zu sein: "Das Versprechen unserer Nation lautet, dass ein Volk aus vielen Völkern bestehen kann. Dennoch finden wir immer wieder Gründe dafür, zu bestimmen und zu beschränken, wer diese 'vielen' sein dürfen, um dann eine Mauer um Amerika zu ziehen, buchstäblich oder bildlich. Dieser Impuls wurzelt in Behauptungen über unser Herkunft. Aber Herkunftsnostalgie ist eine Fantasie. Immer schon waren wir eine pluralistische Nation mit einer viel reicheren und fremderen Vergangenheit, als wir uns das gerne vorstellen. Als die Straßen von Sheridan/Wyoming noch aus Dreck bestanden und Zarif Khan jung war, gab der Muslim, der sein Brot damit verdiente, im Wilden Westen mexikanisches Essen zu verkaufen, eine seiner Maistaschen als Preis aus für den schnellsten Cowboy. Wer damals gewonnen hat, ist nicht überliefert."

Außerdem stellt James Wood den Debütroman von Emma Cline vor, in dem es um Kulte in Kalifornien in den späten 60ern geht. Es gibt Kurzgeschichten u.a. von Zadie Smith (hier) und Jonathan Safran Foer (hier). Und in einem Dossier erzählen Schriftsteller von ihren Kindheitserfahrungen mit Büchern (hier, hier, hier und hier).
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Zadie Smith, Emma Cline

Slate.fr (Frankreich), 29.05.2016

Gibt es heute eigentlich noch verfemte Autoren wie einst de Sade, Baudelaire oder Bataille? Oder darf man heute wirklich alles schreiben? Rémi Guinard denkt in seinem Artikel über Begriffe wie gute Sitten, Selbstzensur und Grenzen nach und macht als eines der letzten Schreibtabus die Pädophilie aus: "Es ist schon paradox: Je mehr die Jugend als solche idealisiert wird - kommerzialisiert, Objekt unausgesetzten Marketings - desto mehr wird der sexuelle Reiz, den sie auf Erwachsene ausübt, mit einem Verbot belegt. Laut [dem Historiker] Jean-Yves Mollier gibt es 'wenige verbotene Themen, aber Pädophilie ist ein solches, und zwar ein sehr bedeutendes'. Er schätzt, dass ein Buch wie 'Les Moins de seize ans', in dem in den Siebziger Jahren ein gewisser Gabriel Matzneff seine Erwachsenen-Jugendlichen-Romanzen idealisierte, 'in der heutigen Zeit keinesfalls mehr verlegt werden würde'." Und Mollier glaubt: "Den verfemten Autor entdeckt man erst im Nachhinein, in dem Moment, wo er zu einem Mythos wird."

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Archiv: Slate.fr
Stichwörter: Pädophilie

London Review of Books (UK), 02.06.2016

Naomi Klein reitet eine angriffslustige Attacke gegen den Zynismus des Klimaschutzes - oder, wie sie es nennt, den Umwelt-Rassismus: Geschützt werden die wohlhabenden Gebiete, verzichten sollen die Armen, und den Dreck bekommen die Schwarzen! Ölkonzerne dürfen von Brasilien bis Uganda die Regenwälder und Flussdeltas zerstören, aber indigene Völker dürfen nicht fischen und jagen. Oder in den USA: "Bis in die siebziger Jahre wurden bestimmte Teile des Landes von Wissenschaftlern im Weißen Haus zum 'Nationalen Opfer' deklariert. Die Berge der Appalachen wurden zur Kohlegewinnung einfach weggesprengt, denn beim Kohlebergbau ist Gipfelsprengung billiger als das Graben im Untergrund. Um eine ganze Landschaft preiszugeben, braucht es ein theoretisches Konzept: die Konstruktion von Andersheit - dadurch werden die dort lebenden Menschen einfach so arm und rückständig, dass ihr Leben und ihre Kultur keinerlei Schutz verdienen. Wenn interessieren schon die Wälder der Hinterwäldler?"

Seit Picassos Wandgemälde "Der Fall des Ikarus" im Unesco-Gebäude enthüllt wurde, rätselt die Welt, was es eigentlich bedeuten soll. Auch T.J. Clark kommt nicht weiter: Siegen die Mächte des Lichts oder der Dunkelheit? Stürzt Europa? Wird Britannien in der EU bleiben? Jan-Werner Müller betrachtet die Lage in Europa.

Respekt (Tschechien), 29.05.2016

"Der Surrealismus ist nicht tot!", konstatiert Jindřiška Bláhová mit Blick auf den tschechischen Filmemacher Jan Švankmajer, für Cineasten seit Jahrzehnten eine feste Größe. Švankmajer sammelt gerade über Crowdfunding Geld für seinen neuen Film "Hmyz" (Das Insekt) mit Motiven des Theaterstücks "Aus dem Leben der Insekten" der Gebrüder Čapek und der Kafkaschen "Verwandlung". "Švankmajer will mindestens 150.000 Dollar einnehmen und hat gute Aussichten auf Erfolg. Innerhalb von zwei Tagen haben sich von Tschechien bis Japan mehr als 800 Leute der Kampagne angeschlossen und 50 Prozent der gewünschten Summe ermöglicht (am Sonntag waren es bereits 70 Prozent, und für den Rest hat der Filmemacher noch mehr als einen Monat Zeit." Švankmajer, einer der Pioniere der Stop-Motion-Technik, ist für seine teils mit Puppen besetzten, skurril-surrealen Filme bekannt. Hier ein Arbeitsbeispiel:


Archiv: Respekt

New York Review of Books (USA), 09.06.2016

Der Osteuropahistoriker Timothy Snyder hat Bücher von Karl Schlögel, von Peter Pomerantsev und von Pawel Pieniazek (leider nicht ins Deutsche übersetzt!) über Putins Russland und die Ukraine gelesen. Für Russland war der Krieg in der Ukraine und die Eroberung der Krim ein guter Vorwand, von den eigenen wirtschaftlichen Problemen abzulenken, lernt er: "Zwar setzt sich der Niedergang fort, aber er kann jetzt als Preis präsentiert werden, den es für die Siege im Ausland zu zahlen gilt. Während des September 2015 blieb die Ukraine das Hauptthema. Im Oktober wurde es Syrien. Die neuen russischen Kriege sind ein Bonapartismus ohne Napoleon, sie lösen mit Hilfe ausländischer Abenteuer vorübergehend Spannungen zu Hause, aber ohne eine Vision für die Welt zu haben. Ideale werden nur zur Kenntnis genommen, um sie verspotten zu können. 'Das ist eine neue Art von Kreml-Propaganda', schreibt Pomerantsev, 'es geht nicht darum, den Westen wie im Kalten Krieg als Gegenmodell anzugreifen, sondern darum, in seine Sprache zu schlüpfen, um von innen mit ihm zu spielen und ihn zu verhöhnen.' Autoritarismus ist das beste aller möglichen System - so der Gedanke dahinter - denn die anderen sind entgegen ihrer Erscheinung auch nicht besser. Lügen im Dienste des Status quo ist vollkommen gerechtfertigt, denn die Lügen der anderen Seite sind noch verderblicher."

Paste (USA), 25.05.2016

Das alte Hollywoodsystem ist gründlich beschädigt, erklärt der einstige Corman-Schüler und Midrange-Blockbuster-Regisseur Joe Dante im Gespräch mit Rick Mele: Wo es einst ein austariertes Ökosystem mit hochpreisigen Produktionen gab, die die Produktion kleinerer Filme im mittleren Bereich gewährleisteten, klafft mittlerweile eine empfindliche Lücke, die viele fähige Regisseure aus Dantes Generation in die Arbeitslosigkeit oder in die TV- und Online-Nischen zwingt. Zwischen den epischen Superhelden-Opern und der kleinen Form bietet die aktuelle Distributionskultur kaum noch Platz für mittlere Formate. Wenn kleinere Produktionen komplett ins private Heimkino-Setting abwandern, hat dies auch für das Publikum Folgen, meint er: Das Gemeinschaftsgefühl geht flöten, "das für Komödien unglaublich wichtig ist. Mein letzter Film, 'Burying the Ex', war eine Komödie und spielte eine Woche lang in zehn Sälen. Dann wanderte er direkt in die Streamingportale, wo er versauert, ohne Geld einzuspielen. Doch Komödien brauchen eben ein tatsächliches Publikum, bis zum gewissen Grad auch Horrorfilme. Man will dafür in einem Kino sitzen, den Film gemeinsam mit anderen Leuten sehen und diese gemeinschaftliche Reaktion erfahren. Komödien sind einfach weniger lustig, wenn man ganz alleine auf einen Computerbildschirm starrt - auch wenn sie brillant sind, so leid es mir tut. Die Marx Brothers sind mit ihrem Material damals auf Tour gegangen, um zu sehen, an welchen Stellen die Lacher kommen. Beim Drehen ließen sie an diesen Stellen Raum. Sieht man sich die Filme heute an einem Computer an, dann gähnt an diesen Stellen bloß gähnende Leere, weil hier nun die Lacher des Publikums sitzen müssten, die aber nicht kommen. Das ist wirklich frustrierend, insbesondere für Leute, die Komödien drehen, weil man diese Reaktionen ohne Kinosaal einfach nicht bewerkstelligen kann."
Archiv: Paste

Guardian (UK), 25.05.2016

Howard W. French blickt recht bitter auf seine Zeit als Reporter bei der New York Times zurück und beklagt Diskriminierung und mangelnde Repräsention von Schwarzen selbst in dieser Bastion des liberalen Journalismus. Die Aufgaben der wenigen schwarzen Reporter waren klar: Mord und Totschlag in Afrika oder in den amerikanischen Innenstädten. Oder Bürgerrechtskram. "Lasst schwarze Leute über schwarze Themen schreiben, die gelten gemeinhin als undurchdringlich, wenn nicht gar gefährlich. In jenen Tagen saß auch häufiger eine kleine Clique von schwarzen Reportern zusammen und ärgerte sich darüber, dass der Wahlkampf 1988 allein von weißen Journalisten bestritten wurde, die Jesse Jackson, den einzigen schwarzen Kandidaten, so herablassend behandelten, dass es an Beleidigung grenzte. Meist beschrieben sie ihn mit Codewörten wie street smart."
Archiv: Guardian

Magyar Narancs (Ungarn), 05.05.2016

Im Interview spricht der Architekturhistoriker András Ferkai über die umstrittene Interpretation und Adaption eines durchaus internationalen Trends durch die ungarische Regierung, nach dem alte, teilweise oder vollständig zerstörte Gebäude nach den ursprünglichen Plänen gänzlich (z.B. die Warschauer Innenstadt nach 1945, die Dresdener Frauenkirche) oder fragmentarisch (z.B. Berliner Stadtschloss) wieder aufgebaut werden. Anlass des Gesprächs ist ein von der Regierung beschlossenes, jedoch umstrittenes Programm, nach dem zerstörte Burgen im Lande rekonstruiert werden sollen. Das Vorzeigeobjekt des Projektes ist die Burg in der Hauptstadt, wobei die herangezogenen historischen Baupläne für den Wiederaufbau, in der ursprünglichen Form nie verwirklicht wurden. "Hierzulande gilt die puristische Wiederherstellung von Denkmälern bei einem Teil der Architekten und Denkmalpfleger als selbstverständlich. Hinzu kommt die weit verbreitete Sicht, dass wir eine schwere Geschichte hatten, die Tataren, die Türken, die Habsburger, die Kriege und nicht zuletzt der Sozialismus zerstörten unsere Gebäude - wir haben es somit verdient, die Zeugnisse unserer Vergangenheit sehen zu können und nicht bis zu den Knöcheln in Ruinen rumlaufen zu müssen. Wir schreiben die Geschichtsbücher um, und bauen die Ruinen wieder auf. (...) Die tragische Geschichte wäre aber gerade durch die Ruinen sichtbar."

Propublica (USA), 23.05.2016

Bei der Strafbemessung verurteilter Straftäter kommen in den USA immer mehr Algorithmen zum Einsatz, die die Wahrscheinlichkeit berechnen sollen, mit der ein Angeklagter erneut straffällig wird. Eine zweischneidige Sache, denn es gab zwar Hoffnungen, die übermäßig hohe Anzahl schwarzer Inhaftierter durch "objektive" Algorithmen zu verringern. Doch diese Hoffnungen erfüllen sich nicht, stellen Julia Angwin, Jeff Larson, Surya Mattu und Lauren Kirchner fest, die die Ergebnisse anhand von 7000 Verurteilten untersucht haben: Danach wurden Schwarze doppelt so häufig fälschlicherweise als künftige Kriminelle eingestuft wie Weiße. Umgekehrt wurden Weiße fälschlicherweise häufiger als risikolos eingestuft als Schwarze. Die Folgen sind niederschmetternd: "Paul Zilly hörte das erste mal von diesen Vorhersagen während seiner Anhörung für die Strafbemessung 2013 in Wisconsin. Zilly war wegen des Diebstahls eines Rasenmähers und einiger Werkzeuge verurteilt worden. Der Staatsanwalt empfahl ein Jahr im Bezirksgefängnis und anschließend Supervision, um ihm zu helfen, 'auf dem rechten Pfad zu bleiben'. Zillys Anwalt war einverstanden. Aber Richter James Babler hatte die Risikobewertung von Zilly gesehen. Northpoints Software hatte Zilly als hohes Risiko eingestuft, künftig Gewalttaten zu begehen, und als mittleres Risiko für einen generellen Rückfall. 'Wenn ich mir die Risikobewertung ansehe', sagte Babler im Gericht, 'dann kann es schlimmer kaum sein.' Babler ignorierte die Vereinbarung zwischen Staatsantwaltschaft und Verteidigung und verhängte zwei Jahre Haft in einem Staatsgefängnis und drei Jahre Supervision."
Archiv: Propublica