Magazinrundschau

Fotografie mit Aura

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
07.06.2016. Propublica lernt in Guatemala, warum man bei den Einwanderungsbehörden so gut verdient. Die Österreicher werden ganz gern parafeudal regiert, erklärt der Merkur. In La vie des idees erläutert der Sozialtheoretiker Marc Angenot die Vorzüge der Ideengeschichte. In Guernica beschreibt Magnum-Fotograf Stuart Franklin den verheerenden Einfluss des Kunstbetriebs auf den Fotojournalismus. The Nation betrachtet die letzten nicht kopierbaren Fotos. Aktualne feiert das tschechische Familienhaus "Typ V". Superreiche wollen keine Nachbarn, erzählt die New York Times.

Merkur (Deutschland), 01.06.2016

Österreich hält nicht nur ein bisschen an seinem höfischen Zeremoniell fest, erklärt Peter Stachel, das ganze Land wird parafeudal regiert, mit den Parteien als absolutem Souverän und dem Staat als ihrem Besitz: "Der Umgang der Bürger mit diesem System ist in der Theorie distanziert und ablehnend, in der Praxis pragmatisch bis zynisch: Wer die Möglichkeit sieht, die Rahmenbedingungen für seine Zwecke zu nutzen, tut dies ohne schlechtes Gewissen; wo diese Möglichkeiten nicht bestehen, wird das System als ungerecht kritisiert. Der Aufstieg der FPÖ ab Mitte der 1980er Jahre verdankte sich wesentlich dem Umstand, dass es Parteichef Jörg Haider gelang, seine Partei erfolgreich als Alternative zu diesem politischen System der von ihm so genannten 'Altparteien' SPÖ und ÖVP zu präsentieren; unterstützt wurde diese Selbstvermarktungsstrategie paradoxerweise auch dadurch, dass die Massenmedien des Landes sich in teilweise fast hysterischer Form einhellig gegen Haider positionierten."

Matthias Dell fällt auf, wie herablassend die deutsche Kritik über Ai Weiwei berichtet, seit er nicht mehr in China lebt und Pekings Politik angreift, sondern die westliche Flüchtlingspolitik. Ob das etwas mit Dissidenz und Konformität zu tun hat? "Ais Suche nach einer neuen Rolle unter veränderten Vorzeichen fällt vermutlich auch deshalb schwer oder wird von Teilen der hiesigen Kritik mit Ignoranz quittiert, weil diese Suche zum einen der Kritik selbst ihren Platz streitig machen würde. Zum anderen macht sie sichtbar, dass es bei einem Transfer wie dem von Ai - von China nach Deutschland, von der Repression in die Freiheit - zu Übersetzungsschwierigkeiten kommt. Dissidenz ist keine Kategorie, in der Künstlertum hierzulande gedacht würde."
Archiv: Merkur

Guernica (USA), 01.06.2016

In einem ausführlichen Interview mit Ratik Asokan spricht der Fotograf und frühere Magnum-Präsident Stuart Franklin über die Subjektivität in der Fotografie, den dokumentarischen Impuls und heutigen Fotojournalismus: "Fotos in Zeitungen sind heutzutage zutiefst tautologisch. Wenn es in einem Artikel darum geht, einen Krieg zu beenden, dann ist das Foto daneben eigentlich nur ein Poster mit der Parole 'Stoppt den Krieg'. Bei einer Geschichte über eine Cash-Krise in Barcelona, bekommen wir als einziges einen Bankautomaten in Barcelona zu sehen. Das Problem liegt im System. Auf der einen Seite gibt es das Foto mit einer Limonaden-Büchse, um die Gefahr gezuckerter Getränke zu illustrieren. Auf der anderen Seite wird alles Vernünftige im Fotojournalismus von der Kunstwelt weggeschnappt und wir sehen es nie wieder. Guy Tillims Bilder wurden von der Tate gekauft, aber nie der Öffentlichkeit gezeigt."

Außerdem: Dwyer Murphy rekapituliert das jahrelange Tauziehen um eine Auslieferung des mexikanischen Drogengangsters El Chapo an die USA, seine Fluchten aus dem Gefängnis und seinen anhaltenden Marktwert: "Univison und Netflix kündigten an, dass sie zusammen eine Serie für 2017 produzieren, mit dem 'El Chapo'. Telemundo entwickelt auch eine." Und der dänische Filmemacher Andreas Koefoed spricht über seine Dokumentation "At Home in the World", die einen zehnjährigen Flüchtlingsjungen aus Tschetschenien porträtiert.
Archiv: Guernica

La regle du jeu (Frankreich), 04.06.2016

David Isaac Haziza sieht in La Règle du Jeu einige israelische Tendenzen zu einer Blut-und-Boden-Ideologie, die er gerade bei einigen Rabbis aufblühen sieht und die zu einer Fetischisierung des Heiligen Landes zu führen drohe, und er fragt glatt, ob ein jüdischer Faschismus drohe. Dagegen setzt er die Idee der Diaspora als Ergänzung Israels: "Die Diaspora hat eine Rolle zu spielen, damit Israel seine Seele behält - sofern sie überhaupt gefährdet ist. Nur die Diaspora kann dem jüdischen Staat in Erinnerung bringen, dass man sich selbst nicht genug ist. Nur sie kann dies kleine Land mit dem befruchten, was es so groß gemacht hat: seinen Bezug zum Anderen und seinen Bezug zur eigenen Andersheit."
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Stichwörter: Israel, Faschismus

Guardian (UK), 03.06.2016

Die Schriftstellerin A.L. Kennedy verlässt London, verrät sie Sarah Crown, die Luft in Wivenhoe im noblen Essex sei doch viel besser. Dass es in der Metropole aber nicht nur schlimm war, kann man auch ihrem Roman "Serious Sweet" entnehmen, der London als Ort charakterisiert, an dem Geld, Wettbewerb und Armut regieren, sich Humanität und Liebe jedoch immer wieder ihren Weg bahnen. Über ihr Buch sagt Kennedy: "Alle Begebenheiten sind real. Ich habe sie über Jahre hinweg gesammelt. Ich hatte am Ende mehr als ich gebrauchen konnte. London ist so ein riesiger Ort und die Menschen stehen unter einem enormen Druck, sie sind erschöpft und ausgebrannt, aber im Wesentlichen sind sie doch tolerant. Die Zeitungen verbringen all ihre Zeit damit zu erzählen, wie schrecklich die Leute sind, aber tatsächlich sind hier die Menschen erstaunlich freundlich und gehen recht sanft miteinander um."

Rachel Aspden erzählt am Beispiel der jungen Ägypterin Ruqayah die Geschichte einer jungen Generation von Mursi-Anhängern, die die Proteste gegen Mubarak und dann gegen die drohende Absetzung von Mursi angeführt und dabei ihr Leben riskiert hatten. Nach ihrer Rückkehr an die Macht säte die Armee unter den gerade erst geeinten Ägyptern wieder Zwietracht, befeuerte die Angst vor Terrorismus und erstickte das Bedürfnis nach Freiheit, schreibt Aspden, die dennoch auf die Generation der Protestierer setzt: "Sie hatten mit vereinten Kräften einen Diktator gestürzt, sie hatten die ersten echten Wahlen in Ägyptens Geschichte miterlebt und sie hatten, wie kurz auch immer, Freiheit und Selbstrespekt gekostet. Als sie älter wurden, konnten sie den Handel, den ihre Eltern und Großeltern mit dem Staat gehabt hatten - Repression im Tausch gegen scheinbare Sicherheit und Stabilität - nicht akzeptieren. Beim Versuch sie zu unterwerfen, hatte die Armee eine Zeitbombe geschaffen. Wie stabil das Land auch schien, es würde es in der Zukunft nicht mehr sein."
Archiv: Guardian

HVG (Ungarn), 25.05.2016

Bei einer Wahlkampfveranstaltung vor einigen Wochen bezeichnete der ehemalige US-Präsident Bill Clinton Ungarn und Polen als zwei Länder, die genug von der Demokratie hätten und eine autokratische Führung à la Putin bevorzugten (mehr dazu im Handelsblatt). Diese Aussage löste in Ungarn zumal auf der Regierungsseite eine Welle der Entrüstung aus, wobei hinter den Aussagen des Ex-Präsidenten der ungarischstämmige Geschäftsmann George Soros vermutet und mit dem Begriff "Schattenmacht" bezeichnet wurde. Schon klar, spottet der Philosoph Gáspár Miklós Tamás: Dahinter könne ja nur eine jüdische Weltverschwörung stecken! "Ein betagter, israelitischer Mäzen namens György Soros bringt teuflischerweise alle Großmächte, die meisten Mittelmächte und die Mainstream-Medien weltweit dazu, dasselbe über Orbáns System zu sagen, was dieser selbst darüber sagt. Horror! Die 'globale Schattenmacht' betreibt den Kapitalismus, den Sozialismus, den Liberalismus, den Anarchosyndikalismus, den Feminismus, den Marxismus, den Vegetarismus, die subjektive Lyrik, die Buchverlage, die Mikrophysik, das bedingungslose Grundeinkommen, das Küssen, die Erkenntnistheorie, den Poker und das Bridge, die Rosé-Schorle und all die weiteren satanischen Praktiken. Darüber hinaus wollen die Juden Europa mit ihren altbekannten Unterstützern überfluten: den Muslimen."
Archiv: HVG

Eurozine (Österreich), 03.06.2016

In einem langen, anregenden Interview analysiert der derzeit im Exil lebende Garri Kasparow die Lage Russlands und Putins verheerende Politik. Aber das Verhalten der Europäer macht ihm zu schaffen: "Indem sie die Annektierung der Krim akzeptiert hat, hat die freie Welt, vor allem die EU und die USA, de facto Putins Behauptung akzeptiert, die traditionelle Weltordnung, die den Frieden garantiert hat, sei am Ende. Ich finde es erstaunlich, dass die Länder, die am meisten von dieser Ordnung profitiert haben, die europäischen Nationen, das nicht zu verstehen scheinen. Ich habe mich für das Ergebnis des niederländischen Referendums geschämt. Ob man die gegenwärtige Regierung der Ukraine mag oder nicht, die Ukrainer haben jedenfalls bewiesen, dass sie es wert sind, in die EU aufgenommen zu werden. Sie haben für deren Werte gekämpft, eine überlegene Armee bekämpft, bereit, ihr Leben zu geben, um Teil der europäischen Integration zu werden. ... Die nächste Schlacht wird der Brexit. Ich bin wahrlich kein Fan der Brüsseler Bürokratie, aber das schreit zum Himmel. Es geht hier nicht darum, die Brüsseler Bürokratie zu unterstützen, sondern die Einheit Europas gegen Kräfte zu verteidigen, die seine Grundwerte ablehnen."
Archiv: Eurozine

The Nation (USA), 27.05.2016

Frances Richard liest Peter Buses Buch "The Camera Does the Rest" über die Geschichte der einst so berühmten Polaroid-Kameras, die am Ende an der Digitalisierung scheiterten - und nun wie alle Objekte aus unmittelbar vordigitaler Zeit wieder Sehnsucht wachrufen. Im Fall Polaroid liegt es an einer ganz paradoxen Besonderheit, meint Richard: Polaroid ist Fotografie mit Aura. Denn "wie ein Gemälde, ein Gebäude oder ein Manuskript ist das nur im Positiv existierende Polaroid-Foto mit seinen glänzenden, satten Tiefen entweder da, oder es ist nicht. Es kann nicht kopiert werden - oder es kann, aber die Kopie ist nicht dasselbe. Die Kopie hat keine Aura, denn der Mehrwert des menschlichen Impulses, der in das auratische Original einging, kann nicht reproduziert werden. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose, aber nur sofern sie jedes mal neu und einzeln fotografiert wird."
Archiv: The Nation

Slate.fr (Frankreich), 04.06.2016

Henri Tincq ordnet den bevorstehenden Ramadan in die konfliktbeladene Geschichte des Islam ein, der für Schiiten und Sunniten im Mittleren Osten auch diesmal von Terror und Glaubenskriegen geprägt sein wird. "Bei dem Wettkampf, den sich Saudi-Arabien und der Iran auf einem bisher unerreichten Niveau liefern - mit Tausenden von Toten im Irak, Syrien und Jemen -, steht die Führung im Islam auf dem Spiel, die Auseinandersetzung der zwei Geschichten, der zwei Visionen und der zwei eschatologischen Versionen des Menschen ... Dieser historische Hintergrund mit seinen dogmatischen Differenzen dient dazu, die diplomatische, wirtschaftliche und militärische Erbittertheit zu verstehen, mit der die heutigen Kämpfe geführt werden, in denen sich überall im Nahen Osten die beiden großen Islam-Familien gegenüberstehen."
Archiv: Slate.fr

Aktualne (Tschechien), 03.06.2016

Mit dem Serien-Familienhaus "Typ V", im Volksmund "Šumperák" genannt (nach der Stadt Šumperk/ Mährisch Schönberg), zog in der Tschechoslowakei auch auf dem Land die Moderne ein. Der Planer Josef Vaněk entwickelte in den Sechzigerjahren den schlüsselfertigen Bau, der sich noch bis in die achtziger Jahre hinein verbreitete. Der tschechische Kunsthistoriker Tomáš Pospěch hat sich auf die Spuren der immerhin über viertausend Exemplare dieses Hauses begeben, das mal mehr, mal weniger von seinen Bewohnern modifiziert wurde: "Ich wollte von den Besitzern wissen, wie ihre persönliche ganz physische Erfahrung mit diesem Gebäude und die teils fünfzig dort verbrachten Jahre waren. Fast alle halten es nach wie vor für etwas Außergewöhnliches und leben gerne darin. Das Haus ist so konzipiert, dass im Erdgeschoss Nutzräume liegen und im oberen Stock die Wohnräume. Aber die Leute sind heute im fortgeschrittenen Alter und meinen zumeist, sie würden sich nie wieder solche Treppen anschaffen. Viele haben sich deshalb die Garage oder die ursprünglich offene Terrasse zum Wohnen umgebaut, und oben wohnen dann ihre Kinder." Auch Pospěch kann dem "Typ V" etwas abgewinnen - solange er seine Reinform bewahrt. "Hat man den richtigen Ort dafür gefunden und sich an den Plan und die Proportionen gehalten, hat das Haus eine gewisse Eleganz und Zierlichkeit. Wenn ich so einen Šumperák von Weitem erblickt habe, war es immer eine Freude, sich ihm zu nähern." (Bild: Sumperak 2013. Foto: Vít Švajcr / Wikipedia)
Archiv: Aktualne

New Republic (USA), 31.05.2016

Malcolm Harris kann in der New Republic nicht wirklich etwas mit der von Timothy Garton Ash in seinem neuen Buch verfochtenen Idee der "Free Speech" anfangen. Seine Kritik liest sich linksradikal, als käme sie aus den frühen Siebzigern. Schon dass Ashs Buch von der reichen und konservativen Hoover Institution finanziert wurde, wird zum Gegenargument: "Für Ash ist die Welt nicht aus Klassen zusammengesetzt, die im Konflikt stehen. Wenn es keine Klassen gibt, sondern nur viele Indviduen, die alle ihr Bestes versuchen, dann kann man von Meinungsäußerungen nicht mehr als einem Klassen-Instrument reden. Aber wie sollen wir die Hoover Institution und andere solche Organisationen denn sonst sehen? Ideologen der freien Meinungsäußerung mögen zum Beispiel die Idee des Internetzugangs für alle verfechten, aber die Mittel der Ideenproduktion - inklusive freier Zeit - gerecht zu verteilen, kommt ihnen nicht in den Sinn."
Archiv: New Republic

Letras Libres (Spanien / Mexiko), 04.06.2016

Der mexikanische Wirtschaftspolitiker Jaime Zabludovsky Kuper rechnet kühl vor, wie gigantisch teuer die Umsetzung der großmäulig angekündigten wirtschaftspolitischen Vorhaben Donald Trumps die USA kämen: "Als gewählter Präsident würde Trump sich wundern, wie gering die Spielräume etwa für seine zwei Lieblingsprojekte sind, Einfuhrzölle für in Mexiko und China hergestellte Autos einzuführen und die Grenzmauer zu Mexiko von den Mexikanern bezahlen zu lassen - die Bestimmungen des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA wie auch zahlreiche Vereinbarungen mit der WTO stehen dagegen und stellen gewissermaßen die Schutzmauer der Mexikaner gegen Trumps Zumutungen dar. Noch teurer wäre bloß noch eine einseitige Aufkündigung des NAFTA durch die USA.“

Der Politikwissenschaftler Esteban Salmón Perrilliat wiederum fragt sich und viele illegal in den USA lebende Mexikaner, warum Trump die Mexikaner wohl so hasst: "Ist womöglich die am wenigsten irrationale Erklärung für diesen Hass, dass Trumps erste Ehefrau ihn wegen eines Mexikaners verlassen hat, wie Miguel meint, der seit zehn Jahren ohne Papiere für eine Autowaschanlage in New York arbeitet?" (Hm. Vielleicht weiß Trump aber auch nur, wie gut die Attacken gegen Mexikaner all denen gefällt, die ihre Jobs verloren haben: "Nach dem Motto: Immigranten, Schwarze, Frauen werden gefördert - wo bleibe ich, der weiße Mann?", wie der Autor Stewart O'Nan heute in der Welt erklärt.)

Vanity Fair (USA), 01.06.2016

Ständige Führungsspitzenwechsel, keine klar ersichtliche Unternehmensstrategie, eine von Turbulenzen gekennzeichnete Unternehmenskultur im Innern, dazu seit Jahren stagnierende Nutzerzahlen und fallende Aktienkurse - das Bild, das Nick Bilton von Twitter als permanent krisengeschüttelter Plattform zeichnet, könnte kaum schlechter ausfallen. Den Karren aus dem Dreck ziehen soll nun ein alter Bekannter: Twitter-Mitbegründer Jack Dorsey, vor einigen Jahren in einer Phase interner Streitigkeiten geschasst, wurde im vergangenen Oktober zurück an die Spitze geholt. Bescheiden sind seine Pläne nicht: Er ziele darauf, "dass die Leute morgens als erstes Twitter genauso selbstverständlich checken wie sie sich fragen, ob sie heute wohl einen Regenschirm brauchen. Auf die Frage, wie er das erreichen will, antwortet Dorsey, dass er jenen Bereich, in dem das Unternehmen am besten sei, beträchtlich ausbauen wolle, schließlich sei Twitter jene Plattform, die man in erster Linie dafür nutze, um seine Meinung zu einem Live-Event zu posten. ... Als ich mich vor kurzem mit einigen hochrangigen Vorstandsmitgliedern traf, schien es stets dieselbe Nachfrage zu sein, die sie unvorbereitet traf. Wie lautet Plan B, fragte ich, wenn Dorsey keine Trendwende herbeiführt? 'Es gibt keinen Plan B', sagten sie, 'Wir haben nur diesen.' Die Lösung aller Probleme liegt in dem Wort 'live', wiederholten sie allesamt im Einklang mit Dorsey. 'Wir wissen jetzt, was die Leute davon abhält, Twitter zu nutzen, und was nicht', erklärt Dorsey und kündigt diverse neue Features an, darunter Live-Videos der Spiele der N.F.L., die die Zuschauer dann kommentieren können. Damit soll die Nutzerzahl steigen und der Live-Aspekt in den Mittelpunkt gerückt werden. Twitter setzte einiges auf dieses verhältnismäßig simple Vorhaben."

Außerdem: Lisa Birnbach erklärt anhand einiger Beispiele, warum reine Mädchenschulen wieder angesagt sind. William Stadien porträtiert die 99-jährige Olivia de Havilland, letzte noch lebende Schauspielerin der "Vom Winde verweht"-Ära. Antonio Garcia Martinez erklärt, wie Mark Zuckerberg seinerzeit GooglePlus den Garaus machte. Bruce Handy porträtiert Covergirl und Komikerin Amy Schumer.
Archiv: Vanity Fair

La vie des idees (Frankreich), 03.06.2016

Kann uns ein Rückgriff auf die Ideengeschichte heute noch etwas geben, unser Gesellschaftswissen bereichern? Der kanadische Sozialtheoretiker Marc Angenot bejaht dies in einem Gespräch. Denn einer ihrer Vorzüge bestehe darin, dass Ideengeschichte oft das Auftauchen von etwas sichtbar mache, gelegentlich lange bevor es sich tatsächlich manifestiert. "Die Ideengeschichte dient allgemein dazu, Polemiken anderer Arten Intellektueller und Historiker auszulösen, die Ideen als Epiphänomene ansehen ... Die Ideengeschichte bringt jedes Mal das alte Problem von Robin George Collingwood aufs Tapet, ihrem englischen Begründer. Er sagte: 'Alle Geschichte ist eine Ideengeschichte'. Dem stimme ich im heuristischen Sinne zu. Es gibt keine politische Bewegung, keine soziale Veränderung, die nicht logischerweise zwingend und vorab an bestimmten Ideensystemen hängt."

Lucky Peach (USA), 24.05.2016

Diese Ausgabe ist ganz der vietnamesischen Pho-Suppe gewidmet, deren Geschichte Andrea Nguyen hier erzählt. Entstanden ist die Suppe um 1910, als nordvietnamesische Köche ihre Suppen mit den Abfällen der steakliebenden französischen Besatzer verfeinerten (Rind war für die Vietnamesen eher ein Nutz- als ein Schlachttier). Chinesische Einflüsse kamen hinzu, es wurden Nudeln statt Reis benutzt und so entstand die Pho-Suppe, die bald in speziellen Pho-Suppenküchen angeboten wurde. Schluss mit lustig war für die Pho-Köche allerdings, als die Suppe Südvietnam erreichte: "Im landwirtschaflich reichen und lockeren Süden bekam die Pho-Brühe einen süßen Beigeschmack durch Beigabe von chinesischem Kandiszucker. Im Süden liebte man außerdem jede Menge Beigaben: Bohnensprossen, thailändisches Basilikum, eine Hoisinsauce ähnliche fermentierte Bohnensauce. Im Norden war man entsetzt. Die neuen Zutaten entweihten die ausbalancierte delikate Suppe. Bis zum heutigen Tag dauert der Pho-Krieg zwischen Hanoi und Saigon."
Archiv: Lucky Peach

Propublica (USA), 02.06.2016

Sebastian Rotella porträtiert in einer hochspannenden Reportage den Guatemalteken Enrique Degenhart, ehemals ein erfolgreicher Unternehmer und Manager, der sich 2010 vom linken Präsidenten Alvaro Colom verleiten ließ, den Job des Leiters der Immigrationsbehörde Guatemalas anzunehmen. Er war so erfolgreich in der Bekämpfung der Korruption, dass der neue Präsident Otto Pérez Molina ihn entließ, alle Bodyguards von ihm abzog und ihm sein gepanzertes Auto wegnahm. Was, fragt man sich, macht ausgerechnet die Einwanderungsbehörde so korruptionsanfällig? "In entwickelten und sich entwickelnden Ländern halten Grenzbehörden den Schlüssel zum Königreich für illegale Unternehmen aller Art", erklärt Rotella. "Es gibt wenige Posten, in denen schlecht bezahlte Funktionäre mehr Macht über das Leben von Menschen und den Warenverkehr haben. Ein weiterer Faktor in Guatemala: Das giftige Vermächtnis von Jahrzehnten des Bürgerkriegs. Militärregime hatten die Einwanderungs- und Zollbehörden systematisch für finanzielle und strategische Ziele ausgenutzt. ... Guatemalas Einwanderungsbehörde war außerdem ein Paradies für Dienstvergehen, dank dreier Gewerkschaften, die die Angestellen, einschließlich der Grenzschützer und Verwaltungsbeamten vertraten. Laut guatemaltekischer, amerikanischer und mexikanischer Strafverfolgungsbehörden benahmen sich die Gewerkschaftsbosse wie Verbrecherkönige: sie bekriegten sich, wehrten Untersuchungen ab, gewannen einflussreiche politische Freunde und bereicherten sich durch illegale Aktivitäten."
Archiv: Propublica

Magyar Narancs (Ungarn), 19.05.2016

Der jüngste Film des Regisseurs Bence Fliegauf, Lily Lane, der bei der diesjährigen Berlinale im Forum lief (mehr bei Kino-Zeit), kommt in Kürze in die ungarischen Kinos. Aus diesem Anlass sprach Gábor Köves mit Fliegauf u.a. über Fragen, mit denen er in Deutschland zum Thema Ungarn konfrontiert wird. "Die Deutschen sind oft hysterisch und übertreiben manchmal, wenn es um die Demokratie geht. Ist es ein Problem? Ich denke nein. (...) Die Filmemacher fragen mich oft nach Andy Vajna [Filmproduzent und Regierungskommissar für die ungarische Filmwirtschaft, d. Red.]: 'Was macht dieser Rambo in der ungarischen Filmindustrie?' Dass mit ihm ein zentralisiertes System entstanden ist, empfinde ich als wirkliches Problem, nicht nur in der Filmindustrie, sondern im ganzen Land. Wie aber dieses System funktioniert, ist eine Detailfrage. Nehmen wir als Beispiel 'Sauls Sohn'; unglaublich aber wahr, der Film erhielt in Frankreich oder in Deutschland keinen Cent Förderung. Es wurde ausschließlich mit ungarischen Geldern finanziert."

New York Times (USA), 05.06.2016

Das aktuelle Magazin der New York Times geht in die Luft über New York. Michael Kimmelman macht sich Gedanken über New Yorks neu enstehende Skyline und ihre sozio-kulturelle Symbolik: "Irgendwann löste die schiere Höhe eines Gebäudes die Nachbarschaft als Status-Indikator ab, weil Baubestimmungen den Wolkenkratzer-Bau in neue Zonen vorstoßen ließen, wo etwa das Geld vom Central Park ins Spiel kam, und weil chinesische Kupferminen-Milliardäre und russische Oligarchen sowieso nicht vorhatten, in ihren Wohnungen zu wohnen, sondern sie nur als Investment betrachteten. Auf jeden Fall war keiner von ihnen sonderlich scharf auf Nachbarn. Sie wollten die tolle Aussicht, sonst nichts. Die Bauträger bewarben solche Gebäude als eine Art Landsitz, wo keiner fürchten musste, im Haus auf jemand zu treffen, der nicht für das Haus arbeitete, und das Restaurant im Haus nur für die Bewohner da war, sodass Essen gehen nicht unbedingt bedeutete, außer Haus zu gehen. Viele New Yorker, denen die Steuererleichterungen für die Wolkenkratzer-Potentaten gegen den Strich gehen, sehen sich selbst in dem langen Schatten der neuen Türme: Doch ist das nicht ganz fair den Großen gegenüber. Manche mögen ihre schiere Größe fürchten, doch eine Handvoll Wohnungen in überwiegend gewerblichen Gegenden in Midtown oder nahe der Wall Street haben nichts mit Gentrifizierung zu tun. Und schließlich mag auch ein bisschen Xenophobie bei der Wut auf 'die da oben' eine Rolle spielen."

Außerdem: Jon Ronson besucht Leute, die ganz oben wohnen und arbeiten. Helen McDonald betreibt Birdwatch aus dem Penthouse. Und Jack Davison hat die Arbeiter fotografiert, die New York bauen und mit dem Wind kämpfen.