Magazinrundschau

Maoistische Synthese der Oppositionen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
11.09.2014. Diese Woche war die Magazinrundschau so riesig, dass wir sie geteilt haben. Heute also der zweite Teil mit einem sehr lesenswerten Artikel von Assaf Sharon in der NYRB über die verfehlte Politik Netanjahus. Bookforum stellt eine Geschichte Gazas vor. Im Guardian gerät AL Kennedy über einen goldenen Ferrari ins Grübeln. In Eurozine beschreibt der Soziologe Boris Dubin die Machtlosigkeit der russischen Gesellschaft. Und das New York Magazine stellt die CEO Martine Rothblatt vor, die ihre Ehefrau als Computer hat nachbauen lassen.

New York Review of Books (USA), 25.09.2014

In einem kühl argumentierenden Artikel spießt der israelische Philosophieprofessor Assaf Sharon den Misserfolg der Politik Netanjahus in der jüngsten Auseinandersetzung mit den Palästinensern auf: Die ganze Operation "Protective Edge" war ein strategischer Fehler, der Hamas aus der Isolation befreit und ihren Nimbus verstärkt hat, der das Leben israelischer Soldaten kostete und die Position von Abbas in Gaza schwächte. "Doch ist das kein versehentlicher Fehler. Israels Verhalten während der Krise basierte direkt auf Netanjahus Philosophie des "Konfliktmanagements", deren grundlegendes Versprechen lautet, der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern könne zwar nicht gelöst, aber über eine lange Zeit erfolgreich "gemanaged" werden. Diese schwache, um nicht zu sagen defätistische Auffassung ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Sie hält Israel in einer Illusion gefangen, die wieder und wieder zerstört wird. Denn "Kontrolle" und "Stabilität" existieren nur zwischen den unvermeidlichen Runden von Gewalt. Tatsächlich sind wiederkehrende Runden von Gewalt diesem Ansatz eingeschrieben." Sharon plädiert für eine Zweistaatenlösung.

Außerdem: Max Rodenbeck lernt aus neuen Büchern über den Irak, dass die atemberaubende Grausamkeit des IS viele Vorläufer hat. In Hillary Clintons Memoiren "Hard Choices" ist viel von "neuen Epochen" und "neuen Anfängen" die Rede, "neues Denken" zeigt sie dagegen weniger, ätzt Joseph Lelyveld. Lewis B. Cullman, der in den letzten zwanzig Jahren nach eigenem Bekunden selbst fast 500 Millionen Dollar für wohltätige Zwecke gespendet hat, ärgert sich über die Steuergeschenke für Philantropen und Stiftungen. Und Jed Perl nimmt mit den ersten zwei Sätzen seines Artikels den Kult um Jeff Koons auseinander: "Imagine the Jeff Koons retrospective at the Whitney Museum of American Art as the perfect storm. And at the center of the perfect storm there is a perfect vacuum."

Bookforum (USA), 08.09.2014

In der Herbstausgabe von Bookforum stellt Hussein Ibish Jean-Pierre Filius Buch "Gaza: A History" vor. Auch wenn Filiu mitunter etwas zu detailversessen und strikt chronologisch vorgeht, findet der Autor hier alles, was er braucht (laut Ibish wie in keinem anderen Buch derzeit), um den Konflikt zwischen Israel und der Hamas und seine aktuellen Entwicklungen zu verstehen: "Hintergrund ist der ökonomische Kollaps der Hamas, die dringend nach einem Weg sucht, Gaza zur West Bank hin zu öffnen. Filiu schreibt: "Nur eine Aussöhnung innerhalb Palästinas würde die Abwärtsspirale in Gaza beenden." Allerdings bleibt die Versöhnung bedeutungslos, solange es keine Wahlen gibt und die Truppen sich verbünden. Wenn Hamas weiter unabhängige Truppen unterhält, wäre das wie die Hisbollah in Libanon, keine wirkliche Einheit. Doch eine echte Herausforderung. Filiu hat Recht: Das politische Schicksal der Menschen in Gaza bleibt trügerisch, "bis die nationalistischen und islamistischen Komponenten des palästinensischen Widerstands miteinander Frieden schließen." Was Filiu nicht berücksichtigt, ist, dass eine solche Hegelianische oder besser Maoistische Synthese der Oppositionen den Triumph einer Gruppierung über die andere voraussetzt. Eine militante Gruppierung, die den bewaffneten Kampf propagiert, kann zu einer diplomatischen, auf Verhandlungen bauenden Organisation der internationalen Gemeinschaft kaum eine ordentliche Beziehung haben. Bis nicht eine Partei der anderen überlegen ist, wird die Spaltung es den Palästinensern weiter schwer machen und den Hardlinern in Israel in die Hände spielen."

Außerdem: Scott Beauchamp unterzieht mit einem Buch von Michael MacDonald die Begründungen für den Irak-Krieg einer Revision und erkennt die ganze Selbstgefälligkeit neoliberaler Ideologie. Und Emily Gould outet sich als parfümverrückt und nimmt uns mit in die obskure Welt der Liebhaber von Vintage-Düften.
Archiv: Bookforum
Stichwörter: Duft, Hamas, Irak, Libanon, Palästina

Magyar Narancs (Ungarn), 21.08.2014

Der Kunsthistoriker András Rényi ist Initiator des Projekts "Lebendiges Denkmal", das in der direkten Nachbarschaft des "Denkmals für die Opfer der deutschen Besatzung" am Budapester Freiheitsplatz täglich öffentliche Gesprächsrunden veranstaltet. Die anfängliche Protestaktion entwickelte sich durch die rege Beteiligung aber auch durch Hartnäckigkeit zu einem beachtlichen gesellschaftlichen Forum der gegenwärtigen ungarischen Erinnerungskultur. Im Gespräch mit Szilárd Teczár erklärt Rényi: "Das Besatzungsdenkmal ist ein verdammtes Denkmal, nie wird daraus entstehen, was eigentlich beabsichtigt war. Doch der Ort ist zur öffentlichen Agora geworden, auf der Menschen, Bürger, Christen, Juden, Roma, Schwaben (verbreitete Bezeichnung der deutschen Minderheit in Ungarn - Anm. d. Red.) oder Ungarn anderer Herkunft miteinander sprechen, diskutieren, ihre Geschichten erzählen und Formen des öffentlichen Gesprächs lernen. Sie besuchen somit die Schule der partizipativen Demokratie. (...) Wir vermeiden Gesten der Anklage und der Stigmatisierung. Klar, wir reden viel über den Holocaust, doch wir sprechen auch über das Trauma von Trianon, über die Aussiedlungen der Deutschstämmigen oder über das sozialistische Kádár-System. Es geht also nicht darum, unsere Wunden zu lecken, sondern um Selbstreflexion."
Anzeige
Stichwörter: Erinnerungskultur, Roma, Ungarn

Guardian (UK), 07.09.2014

Als AL Kennedy letztens in London einen goldenen Ferrari sah, fiel ihr glatt wieder ein, dass das Streben nach Höherem früher einmal etwas mit "Mitgefühl, Mut, Wissen, Neugier und den Glauben an eine bessere Welt" zu hatte. "Doch dann passierte etwas Seltsames. Ungefähr zu der Zeit, als auch Fernsehsendungen über gute Gesundheitsversorgung und Polizeiarbeit die gute Gesundheitsversorgung und Polizeiarbeit in der Realität ersetzten, wurde auch das Streben ersetzt durch erstrebenswertes Zeug. Es erschienen erstrebenswerte Magazine, in denen erstrebenswerte Dinge gezeigt wurden, und Fernsehsendungen über erstrebenswerte Lebensstile. Als vernünftiger Journalismus unwahrscheinlich kostspielig wurde und das Recycling von PR-Meldungen zu einer günstigen Alternative, wurde aus einem bis dahin marginalen Bereich der Medienlandschaft ein Zentralgebirge aus billigen Berichten über erstrebenswertes Zeug."

Ian McEwan hat sich für sein neues Buch "The Children Act" recherchiert, wie schwer es für Gerichte mitunter ist, das Recht gegen den Glauben durchzusetzen. Von den klügsten Familienrichtern hat McEwan dabei als klare Maßgabe gegenüber fundamentalistischen Eltern mitgenommen: "Dem Wohl des Kindes ist nicht gedient, wenn es seiner Religion geopfert wird."

Außerdem: John Lanchester schlägt vor, nicht mehr von Armut, sondern von wachsender Ungleichheit zu sprechen, um den damit verbundenen gesellschaftlichen Skandal deutlich zu machen. Und Tim Parks will jetzt doch wieder Krimis schreiben.
Archiv: Guardian

Eurozine (Österreich), 09.09.2014

Der russische Soziologe Boris Dubin zeichnete kurz vor seinem Tod im August diesen Jahres ein deprimierendes Bild der Gesellschaft in Russland, die Putin seit der Annexion der Krim ungewöhnlich hohe Zustimmungsraten beschert: "86 Prozent der Befragten erklärten im Juli 2014 bei einer repräsentativen Umfrage in Russland, das Referendum auf der Krim habe allen Rechtsvorschriften Genüge getan. Auch die Abstimmung im Donbass wurde von 77 Prozent für legal gehalten. Fast 70 Prozent waren der Meinung, dass Russland gezwungen gewesen sei, Truppen in die Ukraine zu schicken. Die Ukraine ist in solchen Aussagen bereits kein reales Land mehr mit realen Menschen, einer realen Kultur und einer realen Geschichte. Sie ist eine Projektionsfläche für die Spannungen und Defizite der russländischen Gesellschaft, sie dient dazu, eigene Konflikte, die nicht anerkannt und ausgesprochen werden, zu verdrängen, indem sie symbolisch übertragen werden. Das Verhältnis der meisten Russen zur Ukraine ist ein Ausdruck davon, dass sie sich weigern, über die Probleme Russlands nachzudenken, ein Ausdruck der eigenen Machtlosigkeit."

Außerdem: Tanya Richardson beschreibt in einer sehr anschaulichen Reportage das Leben in Odessa nach dem gewaltsamen Zusammenstoß von Anti-Maidan- and Euromaidan-Aktivisten im Mai. Der ukrainische Philosoph Wolodimir Jermolenko fordert von Europa schärfere Sanktionen gegen Russland: "Kompromisse und Rückzieher werde von Putin immer als Schwäche ausgelegt werden. Diese Schwäche erweckt die agressiven Instinkte des Kremls wie ein Tropfen Blut den Vampir erregt." Alain Finkielkraut erklärt im Interview glasklar, warum er einen Multikulturalismus, wie Martha Nussbaum ihn in ihrem neuen Buch "The New Religious Intolerance" vertritt, ablehnt. Martha Nussbaum wiederum bleibt im Interview zu diesem Thema freundlich vage.
Archiv: Eurozine

Rue89 (Frankreich), 07.09.2014

Anna Diatkine denkt über die Biografie-Lastigkeit des Herbstprogramms in Frankreich nach und fragt sich, weshalb die Schriftsteller - unter anderem Frédéric Beigbeder, der ein Buch über "Oona et Salinger" vorlegt - es so lieben, über Berühmtheiten zu schreiben und dabei Ungesichertes gern hinzuerfinden: "Im besten Fall profitiert der Schriftsteller davon, ohne Exhibitionismus über sich selbst zu reflektieren - er geht hinter dem Helden in Deckung, um von seiner Abhängigkeit oder seinem Liebeskummer zu erzählen, er betrachtet sein Spiegelbild im Spiegel, den ihm der Erwählte vorhält … Darüber hinaus hat der Autor durch die Verwendung einer nicht-fiktiven Figur bereits die Struktur seines Textes. Jeder wird geboren, jeder stirbt, das ist die egalitärste gegebene Größe überhaupt."
Archiv: Rue89
Stichwörter: Biografien, Rue89

New York Magazine (USA), 08.09.2014

Im neuen Heft des Magazins stellt uns Lisa Miller Amerikas bestbezahlte CEO vor. Das wirklich Aufregende an Martine Rothblatt von "United Therapeutics", einer Pharmafirma, ist für Miller allerdings nicht ihr Einkommen (schlappe 38 Millionen), sondern der Umstand, dass Rothblatt als Mann geboren wurde. Noch spannender ist nur die von Rothblatt ins Leben gerufene Terasem Bewegung, eine transhumanistische Denkschule mit den hehren Zielen Glück, Vielfalt und Unsterblichkeit, letztere ermöglicht durch Techniken, wie "mind uploading": "Terasem hat eine wissenschaftliche Mission. Die einzige Vollzeitkraft bei Terasem, Bruce Duncan, hat die Aufgabe, den AI Roboter, den Martine 2010 bei Hanson Robotics bestellt hat und der ihrer Ehefrau Bina gleicht, zu erziehen. Bina48, wie der Roboter heißt, ist der absolut nicht überzeugende Beweis für Martines Fantasien zur Unsterblichkeit. Die Büste aus einem hautartigen Synthetikmaterial "enthält" 20 Stunden Interviews mit der echten Bina zu bevorzugten Filmen und Songs und ist so programmiert, dass sie Binas verbale Tics nachmacht. Im Fall des Ablebens der echten Bina haben Martine und die gemeinsamen Kinder immer noch Bina48."

Außerdem: Katie Zavadsky besucht die Frauen des Islamischen Staats, die fleißig twittern (was sonst). Und David Edelstein entdeckt den Punk in der Verfilmung von Charlotte Roches "Feuchtgebiete" (echt wahr).

HVG (Ungarn), 27.08.2014

Der Regisseur Gábor Máté ist Direktor des Budapester Theaters József Katona und Initiator einer Gesprächsreihe, welche die Vertreter der gespaltenen ungarischen Theaterlandschaft versucht an einen runden Tisch zu bringen. Bislang mit mäßigem Erfolg. Im Gespräch mit Rita Szentgyörgyi erklärt Máté: "Wir sind ein Theater, das sich mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigt, mit Tagespolitik wollen wir aber nichts zu tun haben. Kampagnentheater gibt es nicht. Dieser im Wahlkampf gegen uns erhobene Vorwurf bewies eine rechte politische Denkweise, die die eigene theaterbesuchende Wählerschicht ansprechen sollte. (...) Seit sich das Theaterdenken entlang politischer Linien konstituiert, sind die Theater auch von Einseitigkeit gekennzeichnet."
Archiv: HVG
Stichwörter: Theaterlandschaft, Ungarn

New York Times (USA), 06.09.2014

Im Magazin der New York Times stellt Andrew Ross Sorkin uns das "Big History"-Projekt vor, das der 24-Stunden-Philanthrop Bill Gates zusammen mit dem australischen Historiker David Christian entwickelt hat und das bereits an über 1200 US-Schulen gelehrt wird. Grob gesagt geht es dabei um eine in Modulen vermittelte interdisziplinäre Menschheitsgeschichte. Gates schwärmt dafür, doch es gibt auch Kritik: "Von den Carnegies bis zu den Rockefellers war Bildung stets ein Steckenpferd der Milliardäre und ihrer Vorstellungen davon, wie gelernt werden sollte. Neuerdings jedoch gehen die großen Philanthropen davon aus, dass der Einsatz für ein kaputtes Bildungssystem die Wirtschaft ankurbelt. Hedgefonds-Manager, wie Paul Tudor Jones, oder Industrielle, wie Eli Broad, begreifen Bildung vor allem als Geschäft. Die Walton Foundation etwa gibt über eine Milliarde Dollar für Privatschulen und Alternativprogramme zum staalichen Schulsystem aus. Solche Mäzene wollen das System restrukturieren, es effizienter machen, indem sie die neuesten Technologien und Managementphilosophien anwenden, um eine ganz neue Generation von hoch ausgebildeten Arbeitskräften zu erschaffen." Lehrer etwa, die aus Erfahrung im Berufsalltag sprechen, bemängeln an "Big History", dass dieses Projekt ganz ohne Methodenlehre auskommt.

Besprechungen in der Book Review widmen sich neuen Romanen von Elena Ferrante, James Ellroy, Ben Lerner und Joseph O"Neill; außerdem Diane Ackermans anregende Geschichte des Anthropozäns "The Human Age" (wussten Sie, dass Ingenieure die Körperwärme von 250.000 täglich Stockholms Zentralbahnhof passierenden Reisenden nutzen, um ein nahegelegenes 13stöckiges Bürogebäude zu heizen?) und Henry Kissingers Buch "World Order". Gregory Cowles schließlich empfiehlt Robert Prestons "The Hot Zone", ein Buch, das sich schon 1995 mit dem Ebola-Virus beschäftigte.