Magazinrundschau

Zentrum und Peripherie

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
09.09.2014. Die London Review besucht die Ostukraine und stellt fest: alles Übel begann auf der Krim. Im Mittelweg 36 streitet Reinhard Merkel das ab: die Krim hat die Seperation doch gewählt. Die Blätter machen die Lösegeldzahlungen der EU verantwortlich für den Gewaltmarkt im Nahen Osten. Das Schreibheft erinnert an den Lyriker Uwe Greßmann. Pitchfork und Telerama trauern den analogen Zeiten nach. Und der New Yorker fragt, warum ein Arbeiter bei McDonalds so wenig verdient, dass er auf staatliche Essensmarken angewiesen ist.

London Review of Books (UK), 11.09.2014

"Ich hatte erwartet, in Donezk einen totalitären Proto-Staat vorzufinden, und das tat ich auch... Was ich nicht erwartet hatte, waren so viele Menschen, die mit so viel Überzeugung und Hoffnung an ihn glauben", schreibt Keith Gessen in einer Reportage, für die er auch sehr genau recherchiert hat, wie sich die Dinge im Osten der Ukraine hochgeschaukelt haben: "Niemand glaubte, dass all das zu einem Krieg führen würde. Die Leute waren verunsichert und unglücklich und wollten etwas dagegen tun. Dass der Protest solch eine starke separatistische Färbung bekam, lag weniger an den zentralen Forderungen der Demonstranten (regionale Autonomie hätte vielen genügt) als an der russischen Annexion der Krim. "Die Konflikte hätten nicht zwangsläufig zum Krieg geführt", sagt (der Politikwissenschaftler) Juri Dergunow. "Aber als die Krim mit einer totalen Separation davonkam, trieb das die Extreme auf beiden Seiten, die pro-ukrainischen und die pro-russischen, nach vorn. Das war Putin eigentliches Verbrechen - das brachte den Krieg hervor. Dann, am 12. April wurde die Polizeistation in Slawjansk, 50 Meilen nördlich von Donezk von einigen unidenfizierten Kommandos übernommen. Die Polizei wurde überwältigt. "Das waren keine Einheimischen mit Jagdgewehren", erklärte mir der neue Polizeichef von Slawjansk, "das waren bestens ausgebildete, gut ausgerüstete Männer"."

Donald MacKenzie erklärt, dass Glasfaserkabel den Hochfrequenzhändler jetzt zu langsam geworden sind, weswegen sie ihre Milliarden lieber per Laser-Technologie absahnen: "Laser haben auch ihre Schwachstellen (Nebel ist ein großes Problem), aber Anova Technology behauptet, dass eine Kombination aus Laser und Millimeter-Wellen ungefähr genauso zuverlässig sei wie Glasfaserkabel, allerdings nahe an den heiligen Gral heranreiche: die Geschwindigkeit von Licht in einem Vakuum."

Außerdem sammelt die LRB Stimmen zum Referendum. Und Jenny Diski erzählt in einem sehr berührenden Text, wie ihr der Onc Doc eröffnete, dass sie an einem inoperablen Krebs erkrankt sei.

Mittelweg 36 (Deutschland), 01.09.2014

Der Juraprofessor Reinhard Merkel hatte im April in der FAZ seinem Ärger über die deutsche Debatte um die Vorgänge auf der Krim Luft gemacht. Vor allem das Wort "Annexion" fand er in diesem Zusammenhang falsch, weil sich die Mehrheit der Krimbewohner in einem Referendum für die Abspaltung von der Ukraine ausgesprochen hatte. Jetzt verteidigt Merkel im Mittelweg 36 im Gespräch mit Jan Philipp Reemtsma und Mitarbeitern des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) seine Auffassung. "Ich bestreite, dass die Drohung der Russen irgendeinen relevanten Einfluss auf den Ausgang des Referendums hatte, und erinnere daran, dass die Krim bereits 1994 ein erstes Referendum bezüglich einer Abspaltung von der Ukraine durchgeführt hat, weil damals die ukrainische Verfassung geändert wurde, was die Autonomierechte der Krim einschränkte." Gerd Hankel vom HIS widerspricht: "Wenn ich mich an Vorbereitung und Ablauf des Referendums erinnere, an bewaffnete Kräfte ohne Abzeichen, an die magische Zunahme russischer Staatsbürger auf der Krim kurz vor dem Referendum, dann gewinne ich die Überzeugung, dass dort gegen das Gewaltverbot der UN-Charta, Artikel 2, Absatz 4, verstoßen worden ist." Das Gespräch (online bei Eurozine) fand am 16. Mai statt, also vor dem Abschuss des Flugs MH17 der Malaysian Airlines und der Eröffnung der neuen Front in der Südostukraine.
Archiv: Mittelweg 36

MicroMega (Italien), 03.09.2014

Ein bisschen akademisch, aber dennoch hochaktuell mit Blick auf Italien und Frankreich liest sich Alessandro Mulieris Interview mit der Demokratietheoretikerin Nadia Urbinati, die in ihrem neuen Buch "Democrazia sfigurata - Il popolo fra opinione e volontà" (das zugleich auf Englisch in der Harvard University Press erscheint) unter anderem über die Gefährdung von Demokratie durch den Populismus nachdenkt. Sie weigert sich dabei, zwischen Rechtspopulismus à la Berlusconi und Linkspopulismus à la Chavez unterscheiden: "Der Populismus ist Ausdruck eines extremen Denkens von der Mehrheit her, und das macht die Unterscheidung zwischen Links- und Rechtspopulismus irrelevant. Sie tut einfach nichts zur Sache, denn in der Form ist der Populismus stets gleich. Übernehmen sie die Macht, tun beide Populismen das gleiche. Der Populismus ist antiliberal und erträgt keine Minderheiten." Die Machtübernahme schildert Urbinati so: "Populismen nutzen demokratische Verfahren nur auf dem Weg zur Selbstbehauptung - mit dem Ziel zu siegen. In einem zweiten Moment versuchen populistische Führer ihre Ideen rundheraus durchzusetzen und eine Koinzidenz zwischen Staatsmacht und diesen Ideen herzustellen."
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Archiv: MicroMega

Blätter f. dt. u. int. Politik (Deutschland), 01.09.2014

In einem sehr interessanten Text beschreibt Bernd Rheinberg nicht nur, wie mit dem Islamischen Staat aus dem Krieg gegen den Terror quasi wieder ein symmetrischer Krieg wird. Er zeigt auch, dass die Milizen ein Produkt des globalen Gewaltmarktes sind: "Die Bürgerkriege in Libyen und Syrien haben dies besonders gezeigt. Sie strahlen folgenschwer in die benachbarten Regionen aus. Von der Levante über Nordafrika bis zur Sahelzone ist ein gigantischer Gewaltmarkt entstanden, in dem Schmuggel, Entführungen, Waffen- und Menschenhandel die einträglichsten Geschäftszweige sind - und mithin auch lukrative Einnahmequellen für Gruppen mit ganz großen Zielen. Die New York Times hat jüngst errechnet, dass allein im Jahr 2013 rund 66 Millionen US-Dollar von europäischen Regierungen an verschiedene Al-Qaida-Gruppen gezahlt worden sind. Das Geld wird allerdings nie als Lösegeld deklariert, sondern als humanitäre Hilfe. Die Öffentlichkeit erfährt davon in der Regel nichts. Das Geschäft wird über Mittelsmänner abgewickelt."

In Europa hat der Gaza-Krieg antisemitische Hemmschwellen sinken lassen, konstatiert Micha Brumlik, im Nahen Osten aber die Rationalität. Israels Armee und die Hamas führten lieber gemeinsam Krieg gegen die palästinensische Zivilbevölkerung, als dass sie von sich aus Frieden schlössen: "Daher wäre es an der Zeit, dass die weltpolitisch (noch) sich als zuständig begreifenden Mächte - USA, Russland und die EU - Israel und den Palästinensern eine Zweistaatenlösung diktieren. Die politischen Hebel liegen bereit: So müssten die USA nur ihre Kredite und Waffenlieferungen (2013 waren das immerhin 3,1 Mrd. US-Dollar) an die ultrarechte Koalitionsregierung in Jerusalem einfrieren, während andere westliche Staaten ihre Beziehungen zu den Förderern der Hamas, etwa zu Katar einzustellen hätten - und sei es durch eine Absage der Fußballweltmeisterschaft 2022."

Weiteres: András Bruck schreibt über den Antisemitismus in Ungarn. Norbert Mappes-Niediek erklärt die Ökonomie der Armut bei den Roma.

Schreibheft (Deutschland), 01.09.2014

Das Schreibheft bringt eine nachgelassene Erinnerung Adolf Endlers an den kaum bekannten Lyriker Uwe Greßmann, der "in den Jahren nach 1960 der seltsamste Lyriker der DDR war" und 1969 gestorben ist. Seine Gedichte vergleicht Endler mit den Gemälden Henri Rousseaus: "Fragt jemand, ob Rousseaus Gemälde "perfekt" sind? Darf man Greßmanns Gedichte unter dem Gesichtspunkt der formalen Perfektion betrachten? Der Fall ist selten, wenn nicht einmalig in der neueren deutschen Lyrik: Greßmann scheint - noch wird darüber diskutiert - ein "naiver Lyriker" zu sein, wie es "naive Maler" gibt. Der Pariser Rousseau war Zöllner, der Berliner Greßmann Bote."

Außerdem online im Schreibheft: Ein Auszug aus einer Erzählung Esther Kinskys über die Krim. "Im Oktober sah ich zum ersten Mal das Schwarze Meer. Nach der Ankunft in tiefer Nacht wachte ich in meinem Zimmer im obersten Stock der Pension in Kurortne auf, und das erste, was ich sah, war das Meer. Trotz des Sturms, der an den Fensterläden riß und durch die Schnörkelgitter der Balkone pfiff, lag das Wasser ganz still da, ohne erkennbare Brandung." Der Schwerpunkt des Schreibhefts ist der inoffiziellen Literatur in Leningrad in den sechziger und sioebziger Jahren gewidmet.
Archiv: Schreibheft

Elet es Irodalom (Ungarn), 05.09.2014

Die Mediensoziologin Mária Vásárhelyi denkt in einem umfassenden Aufsatz über die Medienfreiheit in Ungarn nach, die aufgrund verflochtener Eigentümerstrukturen und politischer Interessen erodiert: "In den Regierungsparteien nahestehenden Medien gibt es seit 2010 einen enormen Zuwachs von Werbeaufträgen staatlicher Institutionen. Aber auch private Firmen, die eine gute Beziehung zur Regierung anstreben, sparen nicht mit Aufträgen. In zahlreichen Fällen platzieren Privatunternehmen Werbung in diesen Medien, obwohl sie ausschließlich an staatlichen Infrastrukturprojekten beteiligt sind und so keinerlei Marktinteressen haben, für Unsummen ihre Tätigkeit in den von Privatpersonen konsumierten Medien zu bewerben. Diese Praktik entwickelte sich bereits nach der Wende, (…) seit 1990 verteilten sich die Werbeeinnahmen nach der jeweiligen politischen Richtung unter den gerade bevorzugten Organen." (Mehr dazu auch in der New York Times)
Stichwörter: Pressefreiheit, Ungarn

Film Comment (USA), 29.08.2014

Mit der Schließung der wirklich allerletzten Filiale der einst in ganz New York anzutreffenden, unter Filmfreunden weltweit legendären Videothekenkette Kim"s Video ist jüngst ein Stück New Yorker Filmgeschichte an sein Ende gekommen. Im Blog des Film Comment erinnert sich Nick Pinkerton an seine Zeit als einer aus der Kohorte von Mr. Kims berüchtigt unausstehlichen Angestellten in einer dieser so heiligen, wie verruchten Hallen. Eine Erinnerung, so süffig wie aus einem New Yorker Pulproman: "Heute scheint es mir so, als hätte mich meine Zeit bei Kim"s (...) der New York City - insbesondere der Lower East Side - aus meinen Fantasien am nähesten gebracht. Dieses Bild der Stadt imaginierte einen in Schmutz und Verfall versunkenen Ort, wo der Dreck wie ein kulturelles Gärmittel wirkte. Dies entsprach insbesondere der Filiale auf der Avenue A: Ich erinnere mich daran, wie ich die obligatorische Kotze von unserem Türeingang mit einem Eimer Wasser in den Rinnstein beförderte und an eine ganze Horde Morlocks, die durch die schwingenden Saloontüren unserer Porno-Abteilung kam (damals hatte das Internet bereits damit begonnen, dem Handel mit solchem Schmier, einst die verlässlichste Einnahmequelle unabhängiger Videotheken, das Wasser abzugraben, sodass diese Porno-Enthusiasten entweder Technikstürmer oder vor dem Koreakrieg auf die Welt gekommen waren). Unter unseren Stammkunden befanden sich auch Überbleibsel aus New Yorks großer Zeit als Hauptstadt des Schmiers - eine oft glückselig besoffene Kundin hatte sich noch in den späten Siebzigern als Hardcore Queen unter ihrem nom de porn Helen Madigan mit John Holmes" berüchtigtem schlauchartigen Dödel herumgeplagt."
Archiv: Film Comment

Les inrockuptibles (Frankreich), 04.09.2014

Jean-Marie Durand bespricht eine Biografie von François Dosse über den griechisch-französischen Philosophen Cornélius Castoriadis. Dosse konzentriert sich darin besonders auf die Diskrepanz zwischen Castoriadis" akademischer Außenseiterposition und seinem untergründigen Einfluss: "Zu diesem Rätsel einer mangelnden Anerkennung, die er mit anderen teilt, gesellt sich ein weiteres, komplexeres: die Bewunderung, die er seit den 1980er Jahren bei sogenannten "liberalen" Intellektuellen hervorruft, von Claude Lefort, Pierre Nora, Krzysztof Pomian, François Furet, Jacques Julliard, Bernard Manin, über Pierre Manent, Marcel Gauchet, Philippe Raynaud, bis hin zu Luc Ferry, Miguel Abensour oder Alain Renault. All diese Intellektuellen finden sich in der Frage einer konzessionslosen Totalitarismuskritik an seiner Seite, die es ermöglicht, "eine Denkgemeinschaft zu zementieren"."

Telerama (Frankreich), 05.09.2014

Die Pressefotografie ist in der Krise. Das sieht auch Laurent Abadjian, Bildchef von Telerama, so, plädiert jedoch dafür, statt nach Sündenböcken zu suchen, sich lieber an die unausweichlichen Entwicklungen des Berufs anzupassen: "Digitalkameras, Handys oder Satellitentelefone gestatten Fotografen heute, eine ausgefeiltere Handschrift zu entwickeln, länger im Spiel zu bleiben, eine größere Bildauswahl zu versenden und sich nicht mehr mit nur einem einzelnen Beweisfoto eines Ereignisses zu begnügen. Auch wenn so viele Bilder im Internet kursieren, stammen die von Rang und Bestand zum allergrößten Teil von Profis, Fotojournalisten oder Dokumentarfotografen, die ihren Blick reflektierend auf die Welt richten."
Archiv: Telerama
Stichwörter: Pressefotografie

Pitchfork (USA), 04.09.2014

"Retromania"-Autor Simon Reynolds wird in einem Artikel über die goldenen Zeiten des britischen Print-Musikjournalismus der 70er und 80er Jahre selber ganz nostalgisch und hebt zu einem kaum verhohlenen Loblied der Verknappung und perspektivischen Verengung an: "Die britischen Musikblätter hatten etwas strukturierendes, was es ihnen gestattete, partikulare Intensitäten und Energieflüsse zu bilden. Dies hatte zu tun mit der Beziehung zwischen dem Lesepublikum und den Autoren, einer gewissen Organisation von Ort und Distanz, Zentrum und Peripherie. Vor allem aber die wöchentliche Erscheinungsweise selbst bedingte dies. Würde man von mir verlangen, diese miteinander verbundenen Aspekte des Print-und-Papier-Journalismus in einer Handvoll Wörter zu bündeln, wären sie Synchronizität, Konzentration, verhältnismäßige Langlebigkeit, institutionelle Aura und Autorität."

Außerdem erklärt Damon Krukowski, warum er seine Musik im Sommer am liebsten in Mono hört.
Archiv: Pitchfork

New Yorker (USA), 15.09.2014

Derzeit streiken in Amerika tausende Mitarbeiter von Fast-Food-Ketten für eine bessere Bezahlung. In der aktuellen Ausgabe des New Yorker lässt sich William Finnegan daher einmal nicht einen Cheeseburger von McDonald"s, sondern Statistiken zur Unterbezahlung der Angestellten auf der Zunge zergehen. Studien belegen, dass über die Hälfte aller Fast-Food-Arbeiter an der Fürsorge hängen und etwa 7 Milliarden Dollar an Sozialhilfe benötigen, um über die Runden zu kommen: "Damit bezuschusst der Steuerzahler die Fast-Food-Industrie, argumentiert etwa die Organisation Fast Food Forward, und die enormen Saläre der Topmanager des Industriezweigs … Im Schnitt um die 24 Millionen Dollar Jahresgehalt. Die Löhne der Angestellten hingegen gehören zu den schlechtesten in den Staaten. Die Differenz zwischen CEO und Arbeiter ist hier größer als in irgendeinem anderen Dienstleistungssektor - 1200 : 1. Beim Bau ist die Quote 93:1." McDonald"s versucht das mit absurden Online-Hilfeseiten für die Angestellten auszubügeln: "Den Arbeitern wird geraten zu singen, um Stress abzubauen, Schwimmen zu gehen und viel Obst zu essen. Einer zweifachen Mutter aus Chicago, Angestellte bei McDonald"s seit zehn Jahren, riet das Unternehmen, Essensmarken und "Medicaid" zu beantragen. Ein realistischer Vorschlag immerhin."

Außerdem: John Lahr porträtiert Al Pacino und erklärt, was der Schauspieler am Theater so liebt und woher er die Inspiration für seine Figuren nimmt. Und Kelefa Sanneh begegnet dem lange Zeit als idealer Dad gehandelten fabelhaften Bill Cosby on tour.
Archiv: New Yorker