Magazinrundschau

Allein die Schrift!

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
02.09.2014. Bloomberg Businessweek macht sich jung und guckt AwesomenessTV. Der Merkur staunt über die Textlastigkeit der Suhrkamp-Kultur. Das Chicago Magazine erinnert daran, wer zuerst Handys wollte: die Polizei. The Verge schildert den Titanenkampf zwischen Uber und Lyft. In HVG denkt Péter Esterházy über Kleinkariertheit nach. Die Poetry Foundation bewundert den "Emperor of Ice-Cream".

Bloomberg Businessweek (USA), 01.09.2014

Hollywood, das einst vor allem Copyright-Klagen gegen Youtube-Videos anstrengte, investiert heute in großem Stil in die dort boomenden Kanäle und Networks, berichtet Felix Gillette in einer instruktiven Recherche. Einer des der größten Networks ist AwesomenessTV, das sich auf Videos für Jugendliche spezialisiert und ein Geschäftsmodell praktiziert, das auf die Brosamen von Google-Werbeeinnahmen nicht mehr angewiesen ist. Man fabriziert sponsored content, etwa die Serie "Summer with Cimorelli", die für die Fastfood-Kette Subway produziert wird. "Stars der Show sind die sechs singenden Cimorelli-Schwestern, eine A-Cappella-Band mit solider Teenie-Fan-Basis... Die Schwestern treffen sich für die Folgen in Subway-Restaurants. Und außerdem hat Subway während des Sommers traditionelle Werbespots mit den Schwestern produziert und im Fernsehen laufen lassen." AwesomenessTV ist kürzlich von DreamWorks gekauft worden.
Stichwörter: Copyright, Youtube

Merkur (Deutschland), 01.09.2014

Philipp Felsch blickt auf das Ende der siebziger Jahre zurück, als die Avantgarde theoriemüde wurde und sich nach Bildern und Dingen zu sehnen begann: "Aus dem Rückblick unserer ikonophilen Gegenwart fällt besonders die Textlastigkeit der Suhrkamp-Kultur ins Auge. Der Kanon, den Siegfried Unseld für die alte Bundesrepublik verbindlich machte, war eine Bleiwüste. "Allein die Schrift!" lautet das Credo seiner Witwe und Nachfolgerin bis heute. Der Imperialismus der Schrift wird dort umso augenfälliger, wo sich Suhrkamp dazu herabließ, Bilder abzudrucken. Die Reproduktion von Velázquez" Las Meninas in Foucaults "Ordnung der Dinge" zum Beispiel ist so miserabel, dass man verlegerischen Mutwillen unterstellen muss. Ein Gutteil von dem, was die fünfzehn engbedruckten Seiten der Einleitung erörtern, lässt sich bestenfalls erahnen. Einen Höfling der spanischen Infantin haben die Grauschleier komplett verschluckt. Suhrkamps Ikonoklasmus war dem Glauben an die Macht der Theorie geschuldet; das Ergebnis wirkt aus heutiger Sicht so nüchtern wie eine protestantische Kirche."

Mehr Schwächen als Stärken entdeckt Ekkehard Knörer in Evelyn Barishs Paul-de-Man-Biografie, deren gründliche Nachforschungen aber in der Summe nur eine Erkenntnis zuließen: "Paul de Mans Ruf ist in ethischer Hinsicht unrettbar - Georges Gorielys Vorwürfe waren nicht übertrieben. Zugleich wächst aber das Faszinosum der Person de Man. Dies ist der verblüffende Fall eines Mannes, der scheitert und scheitert, ein ums andere Mal in scheinbar ausweglosen Sackgassen landet und dennoch immer aufs neue und sogar immer spektakulärer reüssiert."
Archiv: Merkur

Chicago Magazine (USA), 01.09.2014

In Chicago wurde vor kurzem eine neue Motorola-Fabrik eingeweiht - gerade wurde die Firma von Google an Lenovo verkauft, sie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, wenn auch nicht ohne Aussichten. Ted C. Fiehman erzählt für das Chicagomag ihre an Peripatien reiche und stolze Geschichte - und erinnert daran, dass die wichtigste ihrer Erfindungen der Polizei dienen sollte: "Keine andere Motorola-Innovation war revolutionärer als das Mobiltelefon. Anstoß gab eine Anfrage von Orlando Wilson, dem Polizeichef von Chicago in den Jahren 1960 bis 67. Gewaltverbrechen stiegen stark an. Wilson wollte, dass seine Streifenpolizisten aus dem Auto ausstiegen und zu Fuß patrouillierten, aber er wollte auch, dass sie auf den Straßen kommunizieren konnten."
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Stichwörter: Chicago, Mobiltelefon, Motorola

Nepszabadsag (Ungarn), 30.08.2014

Vergangene Woche erschien in Ungarn "Letzte Einkehr", der wohl letzte Band von Imre Kertész, mit Tagebuchaufzeichnungen zwischen 2001 und 2009 und bisher unveröffentlichten Romanfragmenten. Der Literaturwissenschaftler György Vári stellt das Buch vor: "Aus den Roman- und Erzählungsfragmenten strömt der Mut des Pessimismus wie saubere Höhenluft. Die Möglichkeit, dass Wirklichkeit und Fiktion ineinander rutschen, lässt ahnen, dass vielleicht wirklich nur die fiktiven Figuren leben. Und der Schriftsteller selbst, die repräsentative Rolle mit dem Namen Imre Kertész, nur ausgedacht ist. Ein Fremder, dessen Geschichte - Auschwitz - mit seiner Person in keiner Beziehung stand. Der in seinem ganzen Leben nach der genauen Bestimmung seines Selbst und seiner Position suchte, nur damit der Erfolg und das Alter, der letzte Verrat des Körpers, aus ihm erneut einen Fremden machte. Sein wahres Thema ist das Glücklichsein: die unerwartete Schönheit unserer weltlichen Fremdheit, die zeitliche Begrenzung von allen und ihre letzte Aufhellung im Schatten des Todes."
Archiv: Nepszabadsag

Poetry Foundation (USA), 02.09.2014

Gerade ist bei uns eine neue, bislang umfangreichste Gedicht-Auswahl aus dem Werk des amerikanischen Dichters Wallace Stevens erschienen. Einen schönen Einblick in Stevens" Arbeit bietet Austin Allen, der bei der Poetry Foundation Stevens" Gedicht "The Emperor of Ice-Cream" interpretiert. Das Gedicht ruft in der ersten Strophe zum Eismachen auf, in der zweiten steht man vor einem Sarg: "Wie im Leben so im Schreiben. Stevens" Gedichte zeichnen sich aus durch eine saftige Sprache, milde Temperaturen und tropische Früchte, aber auch durch winterliche Landschaften und strenges Philosophieren. Sie sind gleichermaßen sinnlich und abstrakt, offen und hermetisch. Das Spielerische darin täuscht hinweg über die stoischen, pessimistischen Aussichten. (Sein Gedicht "Table Talk" beginnt einfach mit: "Granted, we die for good.") Ungefähr in die Mitte zwischen diese beiden Gegensätze fällt "The Emperor of Ice-Cream". Mit seinen zwei Strophen und zwei Räumen ist das Gedicht säuberlich aufgeteilt zwischen einer Schilderung geschäftigen Lebens und einer Kontemplation über den einsamen Tod. Es verwandelt einen pulsierenden Schauplatz in eine Mahnung an unsere letztliche Bestimmung, ein einst exotisches Dessert in ein Symbol für das Schicksal, dass uns am Ende allen bevorsteht. Es beginnt mit einem extravaganten Konfekt, aber es hinterlässt einen bemerkenswert frostigen Nachgeschmack."
Stichwörter: Austin, Wallace Stevens

Rue89 (Frankreich), 31.08.2014

Pierre Haski schreibt in seinem Blog über die Veränderung der Presselandschaft in Südafrika anhand der Geschichte des 1951 gegründeten Magazins Drum. Diese Zeitschrift sei einmal für Südafrika das gewesen, was das Magazin Ebony für das schwarze Amerika der 1950er und 1960er Jahre repräsentierte. Beide wandten sich an eine schwarze Mittelklasse, die den "Verdammten der Erde" den Rücken kehrte, so Haski. "Drum war ein kleines Wunder: eine Zeitschrift, die ein gemischtrassiges Team in einem Land realisierte, das dabei war, unmittelbar nach dem Wahlsieg der National Party 1948 die Trennmauern und den Hass der Apartheid aufzubauen. Eine von einer positiven Energie beseelte Truppe, die erst die Eiszeit der Apartheid ein Jahrzehnt später zum Schweigen bringen sollte." Inzwischen, so bedauert Haski, sei aus Drum - einst zur Hälfte feurig, literarisch und engagiert, zur andern Hälfte Promizeitschrift - eine ganz "normale" Allerweltszeitschrift geworden.
Archiv: Rue89

Verge (USA), 26.08.2014

Casey Newton erzählt ein paar hollywoodreife Episoden über das Wrestling-Match zwischen den Taxi-Apps Uber und Lyft in den USA. Uber setzt ganze Horden von Drückern ein, um Fahrten bei Lyft zu buchen und sie entweder ins Leere laufen zu lassen oder einzusteigen und die Fahrer abzuwerben - was nicht heißt, dass Lyft nicht dasselbe tut. The Verge präsentiert Mails von Uber-Managern und Online-Formulare, die zeigen, wie die Abwerbung funktioniert. Für jeden abgeworbenen Fahrer bekommt der Drücker eine dicke Provision. "Die aggressive Taktik von Uber zeigt, dass Ridesharing großenteils ein Nullsummenspiel ist", erläutert Newton, "ein Fahrer, der einen Uber-Kunden mitnimmt, kann nicht gleichzeitig einen Lyft-Kunden fahren... Uber und Lyft wollen die App sein, an die man denkt, wenn man ein Taxi braucht, und derjenige Dienst mit den meisten Fahrern hat da die besten Chancen. Darum ist der Wettbewerb so kannibalistisch geworden. Sowohl Uber als auch Lyft offerieren heftige Boni, um die Fahrer dazu zu bringen, den Dienst zu wechseln."

Außerdem gibt"s ein Dossier, das Jaron Lanier freuen würde, der ja eher ein Künder der Virtual Reality als des Internets ist: The Verge erzählt die Geschichte vom "Aufstieg und Fall und Neuaufstieg der Virtual Reality".
Archiv: Verge

Guardian (UK), 20.08.2014

Charlotte Higgins beendet eine neunteilige, insgesamt kritische, wenn auch liebevolle Auseinandersetzung mit Glanz und Elend der BBC (Übersichtsseite) und kann im letzten Teil nicht umhin, das peinliche Versagen der BBC in der von Edward Snowden lancierten Geheimdienstaffäre zu thematisieren. Während Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger vor Parlamentsausschüsse zitiert wurde, um seine patriotische Gesinnung zu beweisen, hat die BBC während fast der gesamten Affäre schamvoll weggeschaut: "Die BBC hält aufgrund ihrer schieren Größe den Schlüssel zu den nationalen Debatten in der Hand und blieb fast stumm. So kam es, dass der Guardian ausgerechnet in seinem Heimatland ein einsamer Spieler blieb... Hat die BBC zwei Jahre vor ihrer neuen Evaluierung und Lizenzierung durch die Regierung den Appetit verloren, das britische Establishment in seinen geheimsten und machtvollsten Winkeln zu attackieren?"
Archiv: Guardian

New Inquiry (USA), 26.08.2014

Schon lange entscheidet nicht mehr allein der US-Markt über das Wohl und Wehe von Filmbilanzen: Der chinesische Kinomarkt boomt wie kein zweiter, weshalb Hollywood seine Filme schon seit einiger Zeit gezielt auch für diesen Markt attraktiv lanciert. Das heißt nicht nur, dass mit einem Mal chinesische Superstars als Köder in Nebenrollen besetzt werden, sondern dass auch Flops auf dem US-Markt nach dem chinesischen Einspiel doch noch in Serie gehen, wie Shawn Wen in New Inquiry erklärt: "Nichts bringt die Kraft des chinesischen Einspiels so treffend auf den Punkt wie das grüne Licht für "Pacific Rim 2", den Universal Ende Juni angekündigt hat. Folgt man den traditionellen Standards, handelte es sich bei "Pacific Rim" um einen der Flops des vergangenen Jahres (...) Doch dann kam der Film in China ins Kino. ... Am Ende spielte er weltweit 411 Millionen Dollar ein, davon 111 Millionen alleine in China. Ohne dieses globale Einspielergebnis hätten die Investoren Geld verloren. Doch mit der Ankündigung eines zweiten Teils hat sich das chinesische Publikum als mächtig genug erwiesen, um die Produktion eines Sequels von einem amerikanischen Studio einzufordern."
Archiv: New Inquiry

HVG (Ungarn), 19.08.2014

Gerade ist der zweite Band der Reihe "Einfache Geschichte Komma Hundert Seiten" erschienen, nämlich Péter Esterházys "Mark Version" erschienen. Auch aus diesem Anlass sprach Éva Marton mit dem Schriftsteller über die Situation in Ungarn: "in den letzten 25 Jahren gab es viele Missverständnisse und Selbst-Missverständnisse, und wir sind nicht in der sprachlichen Situation, darüber ein ehrliches Gespräch führen zu können. (…) Darin ist auch unsere Kleinkariertheit enthalten. Die Konfrontation mit der Kleinkariertheit ist schwieriger als die mit den großen Sachen. Jetzt verdecken wir sie mit Hochmut. Zum Staat hatten wir immer zwei Beziehungen: Er soll unsere Probleme lösen und wir verarschen ihn, wo wir nur können."
Archiv: HVG
Stichwörter: Peter Esterhazy, Ungarn

New York Times (USA), 02.08.2014

Im Magazin der New York Times schreibt Emily Bazelon über die Möglichkeit des medikamentösen Schwangerschaftsabbruches zu Hause und stellt die niederländische Ärztin Rebecca Gomperts vor, die auf eigens gecharterten Schiffen, etwa vor Irland, abtreibungswilligen Frauen geholfen hat und das Portal Women on Web betreibt: "Gomperts auf der radikalen Idee eines Schwangerschaftsabbruches ohne direkten Arztkontakt basierendes Programm ist für Frauen in Ländern gedacht, wo keine Abtreibungskliniken zur Verfügung stehen. Aber auch Abtreibungsaktivisten in den USA, wo eine Abtreibung zwar legal, aber schwer zu bekommen ist, interessieren sich für das Model. Für sie stellt Gomperts" Methode einen Ausweg dar für den Fall, dass die Klinik versagt." Allerdings sind die Strapazen der Methode erheblich: Schmerzen, Krämpfe, Erbrechen, Durchfall. "Wenn eine Frau die Pillen nimmt und unsicher ist, weil zum Beispiel die Blutungen zu stark sind, kann sie sich an "Women on Web" wenden. Dort antwortet man auf solche Fragen mit einer standardisierten Liste, auf der Warnsignale verzeichnet sind. Individuelle Symptome werden dabei jedoch nicht berücksichtigt." Tja, wenigstens brauchen die Frauen keine Stricknadel mehr, das nennt man Fortschritt.