Imre Kertesz

Letzte Einkehr

Tagebücher 2001-2009
Cover: Letzte Einkehr
Rowohlt Verlag, Reinbek 2013
ISBN 9783498035624
Gebunden, 464 Seiten, 24,95 EUR

Klappentext

Mit einem Prosafragment. Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm. Bei den hier vorgelegten späten Tagebüchern von Imre Kertész handelt es sich um ein unbearbeitetes, ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit gedachtes 'journal intime' von überraschender, oft verstörender Offenheit. Es umfaßt die Jahre seiner äußeren Emigration - die Loslösung von Ungarn, dessen postsozialistische Entwicklung ihn immer stärker an präfaschistische Zeiten erinnert, und die Niederlassung in der Wahlheimat Berlin, wo ihn 2002 die "Glückskatastrophe" des Nobelpreises ereilt. Als Krankheit und Schmerzen dominieren, macht er sich mit unerhörter Kühnheit zum gnadenlosen Chronisten des eigenen Verfalls "im Vorzimmer des Todes".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.05.2015

Mit großem Interesse hat Rezensentin Ilma Rakusa Imre Kertesz' Tagebuchroman "Letzte Einkehr" gelesen, in dem der Autor seine täglichen Einträge aus den Jahren 2001 bis 2009 zu einem autofiktionalen Projekt verdichtet hat. "Existenziell" erscheint der Kritikerin dieses Werk, dass tiefe, bewegende und radikale Einblicke in Kertesz' Erlebnisse und Befindlichkeiten, etwa Selbstzweifel, Selbstkritik oder den nicht aufzuhaltenden Alterungsprozess gewährt. Gebannt folgt Rakusa auch den Äußerungen des Autors zum Zustand Europas, seinen bisweilen provokanten Gedanken zu Auschwitz und Israel, oder seinen bewundernden Worten über Kafka, Camus oder Amery. Ein Alterswerk von "schockierender Luzidität", urteilt die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2013

Ebenso begeistert wie bewegt hat Rezensent Hubert Spiegel die nun unter dem Titel "Letzte Einkehr" erschienenen Tagebücher des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertesz aus den Jahren 2001 bis 2009 gelesen. Von tiefer Verzweiflung erfährt der Kritiker hier, etwa wenn er liest, wie Kertesz über den Tod sinniert oder sich als Autor bisweilen wie ein "Handlungsreisender in Sachen Holocaust" fühlt. Bewegende Einblicke erhält der Rezensent auch in zutiefst depressive Momente des Autors, dem seine Parkinson-Erkrankung immer mehr zu schaffen macht und der mit großer Sorge auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Ungarn schaut. Zugleich begleitet Spiegel den Schriftsteller aber auch bei Glücksmomenten während des Schreibens oder liest euphorische Aufzeichnungen nach Konzertabenden oder Gesprächen mit engen Freunden. In ebenso ironisch-heiterem wie bitter-verzweifeltem Ton berichte Kertesz von Trivialem genauso wie von "luziden Beobachtungen" und stelle bewegend ehrliche Selbst- und Werkanalysen neben amüsante Alltagserlebnisse, lobt der Kritiker, dem dieses wunderbare Buch wie ein "Echolot in die Abgründe" des Schriftstellers erscheint.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2013

Es wird wohl das letzte Buch sein, das Imre Kertész schreibt, glaubt Andreas Breitenstein. In "Letzte Einkehr" sind die Tagebücher des ungarischen Schriftstellers aus den Jahren 2001 bis 2009 erschienen, berichtet der Rezensent, der einmal mehr über Kertészs Gabe zur radikalen Selbstreflexion staunen muss. Nachdem der Autor als Sechzehnjähriger den Holocaust überlebt hatte, wurde er in Ungarn zensiert, weiß Breitenstein, doch Kertész erkennt rückblickend gerade in dem Leidensdruck, den ein Leben in der Paradoxie mit sich bringt, den Antrieb für seine künstlerischen Tätigkeit. Sein Umzug nach Berlin und sein Literaturnobelpreis 2002 haben ihn zwar in Anerkennung und ungekannten Luxus gestürzt, aber das Leben als "domestizierter literarischer Außenseiter" erscheint Kertész wie eine unglaubliche Entfremdung, erklärt Breitenstein. Es geht in den Tagebüchern auch viel um den Tod, doch selbst der verspricht keine eigentliche Erlösung: "Das Leben ist ein Irrtum, den auch der Tod nicht korrigiert", zitiert der Rezensent aus Kertészs Aufzeichnungen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.09.2013

Jubelnd begrüßt Rezensent Lothar Müller die nun unter dem Titel "Letzte Einkehr" erschienenen jüngeren Tagebücher des ungarischen Nobelpreisträgers Imre Kertész. Dem Rezensenten erscheinen die Tagebücher als Bühne, auf der sich das öffentliche, das schreibende und das alternde Selbst des Autors begegnen und damit als wunderbare Möglichkeit, sich in das "Kertész-Geflecht" zu begeben. Müller erlebt hier mit dem Autor die Jahre des Alterns und des körperlichen Verfalls, die zugleich die Jahre seines größten Ruhmes sind und den Abschied von Ungarn und den Neubeginn in seiner Wahlheimat Berlin markieren. Fasziniert folgt der Rezensent Kertész' Lese- und Schreiberfahrungen und erfährt wie das repräsentative Ich immer wieder am schreibenden Ich zerrt - bis der längst erfolgreiche Schriftsteller schließlich seufzt: "Ich bin nicht länger Holocaust-Clown". Nicht zuletzt hat der eingenommene Kritiker hier sehr persönliche Ansichten des Autors etwa über Antisemitismus und die Bedeutung der Musik für sein Schreiben erfahren.
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