Magazinrundschau - Archiv

The Verge

10 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 26.11.2019 - Verge

Josh Dzieza ist nach Roundup in Montana gereist, das eigentlich ein kleines, unbedeutendes Städtchen wäre - wenn es nicht als Drehscheibe in Amazons Lieferkette Bedeutung gewonnen hätte : "Roundup sieht erst mal nicht aus, als wär es eine Drehscheibe für irgend was. Im 19. Jahrhundert von Farmern gegründet, war es Kohlerevier und Transitort an der Milwaukee Zugtrasse  … Doch Amazons Geografie ist merkwürdig: Mehr als 150 Millionen Quadratmeter Warenhaus, Auslieferungs- und Sortierlager, meist in Industrie- und städtischen Randgebieten, außer Sichtweite von den Millionen Kunden, die ihre Ware bis zur Tür gelifert bekommen. Sogar für Amazons Begriffe ist Roundup seltsam. Es gibt kein Auftragsabwicklungscenter, Amazons Wort für seine riesigen Warenhäuser, tatsächlich gibt es überhaupt keine offizielle Amazon-Präsenz irgendeiner Art. Stattdessen ist Roundup ein Zentrum der wachsenen Branche der 'Prep Center', Unternehmen, die sich auf das Verpacken von Waren nach Amazon-Richtlinien spezialisiert haben … 'Preppers' sind ein Teil der riesigen, inoffiziellen und größtenteils unsichtbaren Arbeiterschaft, die Amazons Regale befüllen. Die Mehrheit der Waren auf Amazon wird von Drittanbietern angeboten, viele von ihnen haben die Entwicklung vom Ladengeschäft zum Online-Business gemacht und suchen nach Produkten, die sie kaufen und wieder verkaufen können. Aber Amazon ist so ausgelegt, dass es Verkäufer miteinander konkurrieren lässt. Mit wachsender Verkäuferzahl (derzeit über zwei Millionen), schrumpften die Gewinnspannen. Einige Händler machten sich auf zu weit entfernten Orten, um Waren für den Verkauf zu finden, doch der Boom der E-Kommerz-Plattformen ermöglichte es bald, vom Schreibtisch aus Güter zu kaufen und sie zu Amazon zu schicken … Das fehlende Glied waren die 'Preppers', die all die Lieferungen prüfen und nach Amazon-Standards neu verpacken. So enstanden 'Prep-Center' in mehrwertsteuerfreien Staaten wie Oregon und Montana."
Stichwörter: Amazon, Montana

Magazinrundschau vom 06.10.2015 - Verge

Die eigene Lieblingsmusik auf Streamingdiensten abrufbar zu haben, ist bloß die halbe Miete, erklärt Ben Popper. Vielmehr beziehen die Archive der verschiedenen Anbieter einen beträchtlichen Reiz daraus, neue Musik entdecken zu können - weshalb sich die zentralen Player auf dem Markt vor allem über ihre Empfehlungssysteme profilieren wollen. Sowohl persönliche Empfehlungen von Radio-DJs als auch algorithmenbasierte Wahrscheinlichkeitsrechnungen haben laut Popper empfindliche Schwächen, weshalb er umso begeisterter von Spotifys neuem Feature ist, das beides vereint. "So funktioniert"s: Spotify verfügt über ein Geschmacksprofil jedes Nutzers, das auf dessen Hörvorlieben fußt. ... Die Algorithmen hinter Discover Weekly finden Nutzer, deren Playlists Lieder und Künstler aufweisen, die man selber schätzt. Dann durchkämmen sie die Playlists dieser Seelenverwandter nach jenen Liedern, die man selbst noch nicht gehört hat, im Wissen darum, dass man diese wahrscheinlich ebenfalls mögen wird. Schlussendlich nutzen sie das eigene Geschmacksprofil, um diese Fundstücke nach jenen Nischen zu filtern, in denen man selbst gerne Entdeckungen macht. Weil die Playlist, dieser explizit kuratorische Akt, sowohl Quelle des Signals, als auch deren Endergebnis darstellt, kann diese Technik Resultate hervorbringen, die mitunter wesentlich interessanter ausfallen, als kollaborative Allerwelts-Filtertechniken."

Magazinrundschau vom 14.07.2015 - Verge

In Zeiten, in denen große Medienhäuser in Erwägung ziehen, direkt auf Facebook zu veröffentlichen, und Clickbait-Portale wie Buzzfeed auf maximale Shareability setzen, überrascht es, wenn ein Netzwerk zwar einerseits täglich zahlreiche Updates und Artikel veröffentlicht, aber dennoch im bewussten Verzicht auf Reichweite um jeden Preis einen Kompromiss zwischen Rentabilität und überschaubarem Publikum in Kauf nimmt. Und doch entspricht dies der Strategie von The Awl, wie Josh Dzieza in einer Home Story berichtet: Getreu nach dem Motto "Be Less Stupid" setzt das Onlinemagazin auf ein überdurchschnittlich gebildetes Publikum. Die weitsichtige Perspektive von Chefredakteur John Herrman "ist beunruhigend: Publikationen werden sich zunehmend sonderbar ähnlich, nebulöse Firmen buhlen um einen Platz in den Feeds der sozialen Medien. Portale wie Upworthy oder deren noch spammigere Klone wachsen rapide, indem sie auf Formate zurückgreifen, die maßgerechnet auf Facebooks Newsfeed zugeschneidert sind, nur um nach jeder undurchsichtigen Neujustierung der Plattformalgorithmen abzustürzen. ... Indem sie sich vom Content-Karussell ferngehalten haben, ist es The Awl gelungen, eine ganze Reihe von Publikation mit in sich stimmigen Identitäten und distinkten Sensibilitäten zu entwickeln."
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Magazinrundschau vom 27.01.2015 - Verge

Gruselige Vorstellung: Da öffnet man den Facebook Messenger auf seinem Smartphone und kann live verfolgen, wie ein Unbekannter im eigenen Namen den Bekanntenkreis im Chat nach Informationen abgrast oder Freunde sexuell anmacht. Geschehen ist dies dem Aktivisten Moosa Abd-Ali Ali, der nach schweren Misshandlungen in Bahrain vom Londoner Exil aus den politischen Kampf für Menschenrechte in seiner Heimat führt und offensichtlich vom Bahrainer Geheimdienst gehackt wurde. Amar Toor und Russell Brandon haben sich die Methoden genauer angesehen. Hinter dem Manöver steckt demnach eine in Deutschland und Großbritannien entwickelte Software namens FinFisher, die NSA-artige Recherchen und Attacken ermöglicht: "Zwar gibt es keine Hinweise darauf, dass die Behörden in Bahrain die von den Rechnern der Aktivisten gewonnenen Informationen gegen Leute aus ihrem persönlichen Umfeld in ihrer Heimat verwendet haben, doch die Möglichkeit lastet schwer. ... Schon mehren sich die Anzeichen darauf, dass die Regierung versucht, die Aktivisten online zu diskreditieren. 2011 tauchte ein Link zu einer pornografischen Website auf dem Twitterprofil eines Aktivisten auf. Er hatte ihn nicht gepostet und löschte ihn umgehend, doch der Vorfall unterstreicht die bekannte Taktik, zentrale Figuren der Opposition öffentlich in Verruf zu bringen. Im selben Jahr wurde Mohamed Altajer, ein ebenfalls mit FinFisher attackierter Menschenrechtsanwalt aus Bahrain, mit einem Video, das ihn und seine Frau beim Sex zeigt, erpresst. Er erhielt das Video am selben Tag, als die Behörden seinen Rechner infiltrierten, mit der Drohung, es öffentlich zu machen, wenn er nicht aufhöre Aktivisten zu verteidigen."

Magazinrundschau vom 02.09.2014 - Verge

Casey Newton erzählt ein paar hollywoodreife Episoden über das Wrestling-Match zwischen den Taxi-Apps Uber und Lyft in den USA. Uber setzt ganze Horden von Drückern ein, um Fahrten bei Lyft zu buchen und sie entweder ins Leere laufen zu lassen oder einzusteigen und die Fahrer abzuwerben - was nicht heißt, dass Lyft nicht dasselbe tut. The Verge präsentiert Mails von Uber-Managern und Online-Formulare, die zeigen, wie die Abwerbung funktioniert. Für jeden abgeworbenen Fahrer bekommt der Drücker eine dicke Provision. "Die aggressive Taktik von Uber zeigt, dass Ridesharing großenteils ein Nullsummenspiel ist", erläutert Newton, "ein Fahrer, der einen Uber-Kunden mitnimmt, kann nicht gleichzeitig einen Lyft-Kunden fahren... Uber und Lyft wollen die App sein, an die man denkt, wenn man ein Taxi braucht, und derjenige Dienst mit den meisten Fahrern hat da die besten Chancen. Darum ist der Wettbewerb so kannibalistisch geworden. Sowohl Uber als auch Lyft offerieren heftige Boni, um die Fahrer dazu zu bringen, den Dienst zu wechseln."

Außerdem gibt"s ein Dossier, das Jaron Lanier freuen würde, der ja eher ein Künder der Virtual Reality als des Internets ist: The Verge erzählt die Geschichte vom "Aufstieg und Fall und Neuaufstieg der Virtual Reality".

Magazinrundschau vom 12.11.2013 - Verge

Casey Newton stellt wieder einmal fest, wie schwer es für Online-Start-ups ist, im Internet-Haifischbecken mit Google und Co. zu überleben. So muss die seiner Ansicht nach weltbeste App zum Sammeln und Ordnen von Fotos, Everpix, nach nur zwei Jahren dicht machen, weil sie im Wettbewerb nicht mehr bestehen kann und keine Sponsoren findet, obwohl sie 55.000 zahlende Nutzer hat. Eine gute Idee allein reicht leider nicht immer aus: "Die Gründer geben zu, Fehler gemacht zu haben. Sie verwendeten zu viel Zeit auf das Produkt und zu wenig auf Entwicklung und Bekanntmachung. Die erste Präsentationsmappe, die sie für Investoren zusammenstellten, war mittelmäßig. Sie begannen generell zu spät mit dem Marketing. So schafften sie es nicht, sich gegen Riesen wie Apple und Google zu positionieren, die ziemlich starke - und meist kostenlose - Alternativen zu Everpix anbieten." (Hier die Erklärung der Gründer auf everpix.com)

Magazinrundschau vom 24.09.2013 - Verge

Das Internet hat eine beunruhigende Unkultur von sexistischen Schikanen gegen Frauen hervorgebracht. Ist das der Preis für die Freiheit des Netzes, fragt Greg Sandoval: "Wir wollten ein unbeaufsichtigtes Internet, eine Umgebung für den freien Austausch von Ideen. Auf viele wichtige Arten hat das Internet diese idyllische Vorstellung erfüllt. Individuen haben die Möglichkeit, mit einem so großen Publikum zu kommunizieren, wie es in der Vergangenheit nur Medienzaren und Regierungen konnten. Das Fehlen von Regulatoren bedeutet reibungslose Kommunikation, aber es bedeutet auch, dass diese Kommunikation nicht kontrolliert wird. Und keine Konsequenzen bedeutet im Internet allzu oft: keine Klasse. Das Internetvergnügen wird geschmälert von Teilnehmern, die Rechnungen begleichen, Feinde einschüchtern oder Andersdenkende ruhigstellen wollen."

Magazinrundschau vom 03.09.2013 - Verge

In ihrer kleinen Kulturgeschichte des Bleep geht Maria Bustillos dem Widerspruch zwischen Redefreiheit und dem Entfernen anstößiger Inhalte auf den Grund - der letztlich vielleicht gar kein Widerspruch ist: "Es ist naheliegend zu glauben, dass selbst eine so milde Variante der Zensur wie broadcast bleeping eine Beschneidung der Freiheit darstellt, aber die Wahrheit ist komplizierter. Tatsächlich kann Bleeping ebenso gut als eine besonders lebhafte Demonstration angewandter Redefreiheit verstanden werden. Denn der Zensur-Bleep lenkt automatisch die Aufmerksamkeit auf das, was er eigentlich verdecken soll, er markiert es, indem er es lautstark auslässt."
Stichwörter: Redefreiheit, Beschneidung

Magazinrundschau vom 12.03.2013 - Verge

Tim Carmody hat sich einen spannenden Vortrag von Tony DeRose angehört, in dem der Wissenschaftler aus dem Pixar-Team die zentrale Rolle von Mathematik bei der Produktion von Animationsfilmen unterstreicht. Dabei erfährt man nicht nur viel über die Vorteile von Parabeln gegenüber Polygonen, sondern auch, weshalb sich das renommierte Studio langsam, aber sicher mit dem Open-Source-Gedanken anfreundet: "Lichtsetzung und Schattenwurf zu kontrollieren oder die Parameter für eine Figur zu definieren stellten einst riesige Herausforderungen im Bereich der mathematischen Definition und Ausführung von Programmen dar. Heutzutage, sagt DeRose, kann open-source-Software wie Blender fast dasselbe wie Pixars Software bewerkstelligen. Im letzten Sommer legte Pixar sogar den Quellcode einiger seiner Programmbibliotheken offen. 'Zehn Jahre lang genossen wir einen Wettbewerbsvorteil', sagt DeRose, "doch heute ziehen wir einen größeren Nutzen daraus, wenn wir die Beteiligungsmöglichkeite für alle öffnen. ... Irgendwo da draußen sitzt ein brillantes Kind mit seinen Freunden in seiner Bastelwerkstatt und nutzt und verbessert Werkzeuge wie Blender. ... Die werden die nächsten Pixar sein."

Magazinrundschau vom 29.01.2013 - Verge

Tim Carmody zeichnet eines der bisher besten und informativsten Porträts über Aaron Swartz: Er will der Mythenbildung vorbauen, an der Swartz durchaus zum Teil selbst mitgewirkt habe. Am Beispiel des RSS-Codes, den Swartz Anfang des Jahrhunderts als 14-Jähriger mit entwickelte, schreibt Carmody: "Man kann Swartz' Beitrag dazu ebenso leicht übertreiben wie herunterspielen, wenn man nur fragt, ob er RSS 'erfunden' hat. Das hat er nicht. Der Schlüssel zu seiner Geschichte ist aber, dass Aaron schon als Teenager mit führenden Technologen zusammenarbeitete, um offene Standards zu schaffen, die es ermöglichen, im Netz Informationen zu teilen. Schon damals ging es ihm weniger um spezifische Projekte als um Architekturen, die es anderen möglich machten, Projekte zu entwickeln. Meiner Meinung nach ist das viel beeindruckender als das Bild eines Kids, das allein im Keller hockt und im besten Code die Dinge von null auf entwickelt."
Stichwörter: Swartz, Aaron, Rss