Magazinrundschau

Kompromittierte Grazie

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
15.10.2013. Outlook India findet Zensur in Indien, aber keinen Zensor. Vice lernt die Vielfalt der Rebellen in Libyen kennen. Der Merkur erkundet das Wir. Port lässt sich von Scheich Majed Al-Sabah mit Oud einnebeln. Micromega fürchtet, dass es Italien wie der DDR ergehen wird. Wired begutachtet den Brennnesselausschlag auf dem Busen von Kriegerinnen. Die Verlagsbranche ist längst nicht exklusiv genug, findet Literaturagent Andrew Wylie in The New Republic. Magyar Narancs stellt den Zitherspieler Félix Lajkó vor, der zwei Monate die Charts der Weltmusik anführte. n+1 bewundert schöne Surferkörper. Der Rolling Stone beschreibt die Ängste schwuler Schüler in den Südstaaten.

n+1 (USA), 09.10.2013

Alice Gregory schwärmt vom Surf-Sport in Mavericks, einem kleinen Ort südlich von San Francisco, in dem einer der weltweit bekanntesten Surf Contests abgehalten wird, die Mavericks Invitational. Die Wellen können hier bis zu 100 Fuß hoch werden. Es zählt zu den gefährlichsten Orten überhaupt, denn Haie und spitze Felsen machen den Surfern das Leben schwer. Nur die besten von ihnen treten hier an, sie kommen aus der ganzen Welt angereist. Gregory erinnert sich an zahlreiche Fälle, an denen die Sportler nie wieder aufgetaucht sind. Ihre Bewunderung für diese waghalsigen Helden ist gerade deshalb enorm: "Surfer haben so eine Art kompromittierte Grazie. Sie behalten ihre Würde trotz lächerlicher Kleidung und einem konstant niedrigen Grad an körperlichem Unbehagen (scheuernder Neopren, eiskaltes Wasser, vollgepisste Anzüge). Ihre Schuhen haben Zehentrennung, sie tragen hautenge Gymnastikanzüge, und die meiste Zeit sind sie verantwortlich für ein empfindliches, sperriges Objekt, das zur Unterhaltung, als Transportmittel oder als Waffe dienen kann. Dies ist die Art Mann, die wahrlich als 'wunderschön' beschrieben werden kann. Wenn man sie als Frau beobachtet, begehrt man sie nicht so sehr, man wünscht sich vielmehr, selbst ein Mann zu sein."
Archiv: n+1
Stichwörter: San Francisco, Wasser

Outlook India (Indien), 21.10.2013

Vor 25 Jahren wurde Salman Rushdies Roman "Die satanischen Verse" in Indien verboten. Für Anuradha Raman ein Anlass, sich das indische Verbotsverfahren näher anzusehen. Seine Erkenntnis anhand dreier ausgewählter Beispiele: Weder gibt es verlässliche oder gar nachvollziehbare Kritierien, noch ein transparent überprüfbares Verfahren. Stattdessen: nebulöse Begründungen, hin und her geschobene Verantwortlichkeiten und Druckmittel jenseits konkret ausgesprochener Bannsprüche. "Man gewinnt den Eindruck, dass Bücherverbote keinem üblichen Muster folgen. Die Gründe liegen vage hinter Schleiern - Bücher können wegen Vergehen wie Blasphemie oder Diffamierung aus dem Verkehr gezogen werden. Es ist erhellend, sich eingehender mit den Vernebelungstaktiken rund um das Verbot von Hamish Mcdonals 'The Polyster Prince' zu befassen. Schon die Kritik an Dhirubhai Ambani und Anspielungen auf Pranab Mukherjee, damals noch Minister, reichten für die damals frisch vereinte Reliance Gruppe aus, eine Unterlassungserklärung zu erwirken, verbunden mit weiteren Drohungen, dass sie alle juristisch gangbaren Möglichkeiten voll ausschöpfen würden. Das Buch verschwand dann auch. Die Behörde sagt, ihr lägen keine Informationen über das Verbot des Buches vor - sonderbar."

Außerdem bespricht Zareer Masani Ramachandra Guhas neue Biografie über Gandhis frühe Lebensjahre in Afrika. Diese zeigt ein offenbar wenig schmeichelhaftes Bild: "Wenn Südafrika für Gandhi ein Labor darstellte, um seine Philosophie des Satyagraha zu entwickeln, war es zugleich auch eine Warnung, dass sich seine tyrannische Obsession für Trivialitäten, sein klösterlicher Mystizismus und sein Rückgriff auf das Fasten als eine Art emotionaler Erpressung kontraproduktiv und entzweiend auswirken würden."

Vice (USA), 11.10.2013

Wil Crisp hängt mit den Rebellen ab, die die Ölfelder in Libyen besetzt halten, um dem Staat die Unabhängigkeit Cyrenaicas abzupressen. Es ist nicht dieselbe Gruppe wie die, die Premierminister Ali Zeidan in Tripolis gekidnappt hat. Dann gibt es eine dritte Gruppe, die Al Qaida nahe Ansar al-Sharia, die sich mit guten Werken grad sehr beliebt machen, und viele, viele andere, lernt Crisp: "Je näher wir dem Flughafen kommen, desto mehr Checkpoints müssen wir passieren, die alle von verschiedenen Brigaden oder Milizen kontrolliert werden, eine aufdringlicher als die andere. Am letzten Checkpoint vor dem Flughafen wird Gadri von zwei Männern gefragt, ob er irgendwelche Waffen im Auto hat. Er schüttelte feierlich den Kopf. Eine schnelle Durchsuchung beförderte eine Pistole unter dem Sitz und eine in seiner Hose zutage. Zufrieden steckten die Männer die beiden Waffen in eine Plastitküte und sagten Gadri, er könne sie mit seiner ID auf der Rückfahrt wieder abholen. Gadri zuckte mit den Schultern und fuhr weiter. Während einige Libyer sich vor der Rückkehr Ansar al-Sharias fürchten, denkt die große Mehrheit, dass es schlimmere Sorgen gibt: Wer sind all diese Typen an den Checkpoints? Wieviele Waffen kann man auf dem Weg zum Flughafen in seinem Auto verstecken? Und warum fällt die Elektrizität ständig aus? Und wie schafft man es, nicht entführt zu werden?"

Es gibt keine wirkliche Trennung von realer Welt und dem Internet, meint Jacob Applebaum im Interview über die Überwachungsmethoden der Geheimdienste. "Im Westen sehen wir eine extreme Kontrolle des Internets - NSA/GCHQ-Angriffstechnologie wie Quantum Insert, über die der Spiegel gerade berichtet hat ... das Tempora Programm. Bei all dem geht es nicht um die Kontrolle des Internets, es geht darum, dass das Internet benutzt wird, um den physischen Raum und Menschen in physischen Räumen zu kontrollieren. Das heißt, sie benutzen das Internet wie eine riesige Überwachungsmaschine. Und weil man diese Maschine nicht vermeiden kann, ist das ein Problem."
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Merkur (Deutschland), 15.10.2013

Das Doppelheft des Merkurs ist dem Wir gewidmet, möglichen Gemeinschaften in einer individualisierten Gesellschaft. Urs Stäheli erkundet die Schüchternheit, die der Urbanisierung, Demokratisierung und dem Wegfall von traditionellen Gemeinschaften zum Problem wurde: "Sie markiert die Unfähigkeit, sich am zwanglosen Zusammensein unter Fremden angemessen zu beteiligen. Georg Simmel hatte dieses soziale Phänomen als Geselligkeit beschrieben: ein Zusammensein ohne äußeren Zweck, das seine Energie aus dem Vergnügen am Zusammensein schöpft. Gerade dieses Vergnügen entgeht jedoch dem Schüchternen; für ihn ist die Geselligkeit bloße Pein. Es ist das Zusammensein um des Zusammenseins willen, dem der Schüchterne mit Argwohn begegnet."

Kathrin Passig rekapituliert, wie sich Gemeinschaften im Internet auflösen, entweder weil sie in sozialen Netzwerke aufgehen oder weil sich herausstellt, wie wenig man eigentlich teilt. Sie nennt das Konsensillusion: "Die Übereinstimmung unter Freunden in Fragen des Kulturkonsums - oder vielmehr ihr Fehlen - ist in den letzten fünfzehn Jahren als Nebeneffekt der Arbeit an Empfehlungsalgorithmen erforscht worden. Nichts in den Ergebnissen dieser Forschung deutet darauf hin, dass es bei Filmen, Büchern oder Musik nennenswerte Überschneidungen zwischen Freundeskreis und Geschmacksnachbarschaft gibt."

Weiteres: Thomas E. Schmidt blickt ein wenig erschrocken auf die achtziger Jahre von West-Berlin zurück, als er es so genossen hatte, zum großen "Szenario der Negativität" zu gehören. Und der Verfassungsrechtler Dieter Grimm überlegt, welche Werte die Gesellschaft heute zusammenhalten könnten.
Archiv: Merkur

Prospect (UK), 08.10.2013

Frank Close freut sich über den Nobelpreis für Peter Higgs, der 48 Jahre warten musste, bis seine Theorie experimentell bestätigt werden konnte: "'Es ist leichter, Shakespeare oder Beethoven zu sein, als ein theoretischer Physiker', so stellte ich Higgs dem Publikum des Borders Book Festival in Melrose im Juni 2012 vor. Da ich mich in Schottland befand, mutmaßte ich, dass man selbst dann noch ein wundervolles Kunstwerk vor sich hätte, wenn man 'Macbeth' oder Mendelssohns 'Hebriden' geringfügig ändern würde. Tauschte man jedoch auch nur eine Handvoll mickriger Symbole in Peter Higgs' Gleichungen aus, kommen sie vollständig zum Erliegen. Seine Theorie ist aufregend konzeptionell, errichtet auf der Grundlage schöner mathematischer Strukturen. Hätte man hier eine Symphonie vor sich oder ein Werk der Literatur, hätte man ihren Wert schon vor Jahrzehnten erkannt. Doch der tatsächliche Wert einer physikalischen Theorie sollte nicht von der öffentlichen Meinung festgelegt werden, sondern auf Grundlage experimenteller Erprobung."

Außerdem erklärt David Isaacs, warum sich Cormac McCarthys Romane trotz ihrer filmartigen Ästhetik so schwer verfilmen lassen warum Ridley Scotts neuer, von McCarthy geschriebener Film "The Counselor" es dem Publikum zwar nicht leicht macht, aber "wenigstens rein filmisch" ist. James Woodall schlendert durch die große Paul-Klee-Ausstellung in der Tate Modern.


Archiv: Prospect

HVG (Ungarn), 02.10.2013

Fruzsina Skrabskis Dokumentarfilm "Elhallgatott gyalázat" (Verschwiegene Entweihung) befasst sich mit den Vergewaltigungen ungarischer Frauen durch Angehörige der Roten Armee im Frühjahr 1945. Anlässlich der Prämiere des Films ging Gábor Murányi der späten Beschäftigung mit dem Thema nach: "Auf die Taten der Roten Armee in Ungarn verwiesen vor dem Abzug der Truppen höchstens literarische Werke. (...) In seiner Monografie über die Belagerung von Budapest am Endes des Zweiten Weltkrieges vermutete Krisztián Ungváry aufgrund der zur Verfügung stehenden Dokumente, dass ungefähr ein Zehntel der Frauen in der Hauptstadt zum Opfer dieser von Stalin zynisch akzeptierten Kriegsführungsstrategie wurden. (...) Die Autorin der ersten unfassenden Studie über das Thema, Andrea Pető, geht von fünf bis sechs Prozent der Frauen aus, die Regisseurin hält bis zu 800.000 Fälle für möglich. Genaue Zehlen gibt es bisher nicht, da in Moskau die Militärarchive nicht oder kaum zugänglich sind und weil die ungarische Verwaltung die Fälle schlampig dokumentiert hat. Aber der wichtigste Grund ist wohl, dass die betroffenen Frauen bis zu ihrem Tod schweigen werden."
Archiv: HVG

Port (UK), 08.10.2013

Rocky Casale besucht Scheich Majed Al-Sabah in Kuweit, wo dieser mit seinem Parfumlabel The Fragrance Kitchen in den nächsten 20 Jahren der Louis Vuitton der Düfte werden möchte. Die Nachfrage nach Parfums ist in den arabischen Ländern so groß - Frauen in Kuwait geben mehr als 6.000 Dollar jedes Jahr allein für Düfte aus - , dass massenhaft Kopien der Markendüfte produziert und exportiert werden. Scheich Majed aber möchte eine exklusive Kundschaft ansprechen, daher verwendet er für seine Kreationen nur natürliche Inhaltsstoffe. Wie den intensiven Duftstoff Agarwood oder Oud, den man in Arabien schon seit Jahrtausenden benutzt. Zwei Löffel davon kosten etwa 9.000 Dollar. Casale erklärt: "Seit fünf Jahren scheint Oud die 'it'-Zutat der ungeheuer erfolgreichen westlichen Parfums wie Tom Fords Arabian Wood zu sein - an dessen Mischung Scheich Majed im Übrigen beteiligt war. Agarwood verbreitet einen köstlichen Geruch, wenn der Baum durch einen Pilz infiziert ist, der das Kernholz provoziert, sich mit einem dunklen aromatischen Harz zu verteidigen. Es ist eine sehr seltene und sehr kostbare Ware." Die Werbestrategie des gewieften Scheichs: Die Verkäufer in den Boutiquen sind ausschließlich schöne männliche Models.
Archiv: Port

MicroMega (Italien), 08.10.2013

Deutschland steht in den Augen der anderen europäischen Länder bei weitem nicht so gut da wie in den eigenen. Das linksliberale Magazin Micromega etwa ist alles andere als gut auf den Nachbarn zu sprechen und macht Deutschland für die italienische Krise mitverantwortlich. Typisch ist ein Auszug aus einem Buch des Ökonomen Vladimiro Giacché, der aktuell abgedruckt ist. Schon der Titel lässt einen schaudern: "Anschluss - L'annessione". Giacché vergleicht darin die Lage der südeuropäischen Länder mit der der Ex-DDR nach dem Mauerfall: "In letzterem Fall wurde die Dynamik noch durch den irrationalen Umtauschkurs verschärft, der den Wandel für das betroffene Gebiet noch schlimmer gemacht hat. Aber wenn wir die verschiedenen Symptome aufzählen, die die Krisenländer der Eurozone zeigen, dann ist leicht festzustellen, dass sie - ohne die gleiche Dramatik - fast identisch sind: starker Abfall der internen Wirtschaftskraft, Deindustrialisierung, erhöhte Arbeitslosigkeit, Handelsbilanzdefizit, Anwachsen der öffentlichen Schulden, Auswanderung."
Archiv: MicroMega

Wired (USA), 07.10.2013

Philippa Warr unterhält sich mit Joshua Howard von der Computerspielefirma Crytek, die sich bei der Entwicklung ihrer ansonsten auf äußersten Realismus abzielenden Kriegssimulation "Warface" mit den merkwürdigen Wünschen eines weitgehend männlichen Zielpublikums auseinandersetzen musste, was die Gestaltung der weiblichen Soldatenfiguren anging - und diesen schließlich zum nicht unwesentlichen Teil entsprach. Dem Wunsch nach auf Stöckelschuhen kämpfenden Frauen hat man zwar nicht nachgegeben, aber in deren Teint wurden - je nach Region - reichhaltige Überlegungen investiert. Warr schreibt: "Ein Konzept, das ich in zweierlei Hinsicht unangenehm finde. Einerseits, weil es weiblichen Figuren innerhalb des Spiels eine beliebige Präsenz aufzwingt. Andererseits, weil ihr physisches Erscheinungsbild, wenn sie ins Spiel eingebaut werden, davon abhängt, was ein zum großen Teil männliches Publikum ansprechend findet. Die schlussendlich verwendeten Modelle wurden vom Entwicklungsteam zwar überarbeitet, aber dennoch hat man nun eine Scharfschützin vor sich, die sich beim Versuch, am Boden einen Schussposition aufzubauen, extremen Brennnesselauschlag auf ihrem Busen einfängt."
Archiv: Wired

Guardian (UK), 12.10.2013

Der Historiker Neal Ascherson liest Ian Brumuas "Year Zero", Geschichte des Jahres 1945, die auf sehr eigene Art nachzeichnet, wie verzweifelt Europa versuchte, nach dem Krieg zur Normalität zurückzukehren: "Die Befreiung brachte oftmals einen verlängerten erotischen Karneval nach Westeuropa, in dem - wie Burma es beschreibt - Frauen das, was ihnen gefiel, in einem Maße taten, der all diejenigen entsetzte, die die Normalität in einer moralisch sauberen Nation wiederherstellen wollten. Die starken, gesunden Soldaten aus Amerika und Kanada, bestens ausgestattet mit Lebensmitteln und Zigaretten, waren eine Demütigung für die einheimischen Männer. In Deutschland und Japan hatten junge Frauen für die eigenen zurückkehrenden Soldaten nur Verachtung übrig. Das Ergebnis war moralische Panik, und obwohl Frauen nun in ganz Europa das Wahlrecht hatten, wurde eine unverblümte weibliche Sexualität erst wieder in den sechziger Jahren hingenommen."

Nicht ganz von der Hand zu weisen findet David Shariatmadari, was Tom Standages in seinem Buch "Writing on the Wall" über die Normalität Sozialer Medien schreibt: Demnach waren Massenmedien und ihre Form der Informationsverbreitung eine Anomalie in der Geschichte, eng verbunden mit der industriellen Revolution. "Heute, da die zentralisierten industriellen Prozesse dezentralen technologischen Verfahren gewichen sind, über die Individuen die Kontrolle haben, erledigen wir die Dinge wieder auf die alte Art und Weise."
Archiv: Guardian

New Republic (USA), 07.10.2013

"Die Frankfurter Buchmesse entspricht meiner Vorstellung vom Himmel", bekennt Andrew Wylie, der es als Agent von Größen wie Nabokov, Rushdie und Roth zu Ruhm und Reichtum gebracht hat. In einem hochamüsanten Interview mit Laura Bennett schimpft er über den Größenwahn von Amazon und die hausgemachten Probleme des Buchmarktes: "Das größte Problem ist, dass die Verlagsbranche seit 1980 vom Einzelhandel am Nasenring geführt wird. Die Industrie analysiert ihre Strategien, als wäre sie Procter & Gamble. Dabei ist sie Hermès. Sie verkauft ein Produkt für verweichlichte, gebildete Snobs, die lesen. Nicht sehr viele Leute lesen. Die meisten streiten sich, machen Kohle und können kaum aufrecht gehen. Wir verkaufen Bücher. Das ist ein winzig kleines Geschäft. Das muss man nicht walmartisieren."
Archiv: New Republic

Magyar Narancs (Ungarn), 26.09.2013

Der Geiger und Zitherspieler Félix Lajkó, dessen CD "Mező" im August und September an der Spitze der World Music Charts Europe stand, erklärt im Interview den Unterschied zwischen beiden Instrumenten: "Grenzen hat das Instrument Zither, wenn ich damit eine Musikwelt betrete, für die es nicht geschaffen wurde. Mozart wäre auf der Zither nicht einfach zu spielen, dafür ist die Geige besser geeignet. Auch aus dem Grunde denke ich, dass sich die zwei Instrumente hervorragend ergänzen. Wenn ich die Zither gut zupfe, dann kann sie wie ein Orchester klingen. Mit der Geige gibt es mehr Schwierigkeiten. In den ersten zehn Jahren klingt sie furchtbar. Auch aus technischer Sicht ergänzen sich die Instrumente gut. Die Technik der linken Hand auf der Zither ist gut auf die Geige übertragbar."

Hier eine Kostprobe mit der Zither:


New Yorker (USA), 21.10.2013

D.T. Max porträtiert Jack Dorsey, den Erfinder und Mitbegründer von Twitter sowie dem mobilen Bezahldienst Square, der den 1976 Geborenen zum sechst-jüngsten Milliardär der USA gemacht hat. Dorsey pendelt zwischen beiden Unternehmen in öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch San Francisco, und Max, der ihn mehrere Tage begleitete, wähnte dabei einen begeisterungsfähigen Sechsjährigen neben sich. "Dorsey liebt Städte und die Art und Weise, wie Fortbewegung darin kartografisch erfasst und in Millionen Einzelteile zerlegt werden kann. Eine Stadt ist ein System, das zugleich flexibel und stabil ist, erforschbar und regellos. Das gleiche Interesse bekundete er an Ameisenstaaten und Espen. 'Ich habe was übrig für jede Art kolonienartiger Struktur, in der eine starke Abhängigkeit von einem Netzwerk herrscht', erklärte er. 'Espen wachsen in Gruppen. Wenn eine von ihnen eingeht, leiden alle. Ich glaube, bei Menschen ist es genauso, obwohl es nach außen hin nicht so sichtbar ist.' Außerdem zeichnet er gern Farne. 'Sie sind eine Einzelstruktur, die die Tendenz hat, sich selbst zu wiederholen. Sie sind fraktal.' So exotisch diese Begeisterungen sind, scheinen sie doch verdächtig passend für den Urheber von Twitter, einem Dienst, der durch seine 'starke Abhängigkeit von einem Netzwerk' definiert ist. Als Denker wirkt Dorsey zugleich ernsthaft und unglaublich schlüssig."

Aus aktuellem Anlass empfehlen wir diesen schönen Beitrag aus dem New Yorker von 2011, in dem sich Alice Munro an ihre Kindheit in Wingham, Ontario erinnert: "In einer Ecke unserer Esszimmers war etwas, über das ich mich jedes Mal wunderte, wenn ich den Electrolux zum Staubsaugen rausholte. Ich wusste, was es war: eine brandneu aussehende Golftasche mit Schlägern und Bällen darin. Ich fragte mich nur, was sie in unserem Haus machte. Ich wusste kaum etwas über das Spiel, aber ich hatte gewisse Vorstellungen von den Leuten, die es spielten. Sie trugen keine Blaumänner wie mein Vater, auch wenn er bessere Arbeitshosen anzog, wenn er in die Stadt fuhr. Meiner Mutter traute ich schon eher zu, sportliche Klamotten anzuziehen und einen Schal um ihr feines, wehendes Haar zu binden. Aber nicht einen Ball in ein Loch zu schlagen. Die Frivolität einer solchen Aktion lag ihr fern."
Archiv: New Yorker

Salon.com (USA), 13.10.2013

"Großstädte, früher Häfen der Anonymität, werden immer mehr zu einem digitalen Goldfischglas", schreibt Anthony M. Townsend in seinem Buch über die immer ausgefeilteren Überwachungstechniken in Städten, "Smart Cities: Big Data, Civic Hackers, and the Quest for a New Utopia", aus dem Salon.com einen Auszug bringt. "Nehmen Sie Ciscos Vision für Songdo (oder das neue China), eine urbane Zivilisation, angetrieben von einem Zwei-Weg-Videobildschirm, der die neuesten biometrischen Daten verarbeitet. Eine perfektere Kopie von Orwells 'telescreen', der Propaganda ausstrahlte, während er gleichzeitig aufmerksam nach Zeichen von Abweichung suchte, kann man sich kaum vorstellen. Wie Orwell in 1984 schrieb: 'Es war schrecklich gefährlich, seine Gedanken wandern zu lassen, wenn man sich an einem öffentlichen Platz aufhielt oder von einem Telescreen beobachtet wurde. Die kleinste Regung konnte einen verraten. Ein nervöser Tick, ein unbewusster Ausdruck der Angst, die Angewohnheit, etwas vor sich hin zu murmeln. Oder einfach einen unpassenden Gesichtsausdruck zu zeigen... Schon das war eine strafbare Handlung. Es gab im Neusprech sogar ein Wort dafür: Gesichtsverbrechen, nannte man es.' Das friedliche Chongqing ist nur eine Aufwärmübung für Cisco. Der Markt für Überwachungsprodukte in China hat zweistellige Zuwachsraten." Nicht nur in China.
Archiv: Salon.com

Rolling Stone (USA), 10.10.2013

Christliche Privatschulen in den USA sacken viel Geld vom Staat ein. Das hindert sie nicht daran, schwule oder lesbische Schüler der Schule zu verweisen, erzählt Alex Morris in einer Reportage, bei der man sich manchmal fragt, ob diese Geschichten wirklich in einem westlichen Land spielen. Der christliche Schulpolitiker Earl Ehrhart hat sogar vorgeschlagen, dass Schwule und Lesben einfach eigene Schulen gründen sollen. Ein Vorschlag, der bei den Ausgegrenzten nicht gut ankommt. "'Von außen erscheint der Vorschlag vernünftig: Ach, wechselt doch einfach die Schule', sagt Noah. 'Aber es ist sehr schwierig, einfach die Schule zu wechseln.' Für Tristan würde es bedeuten, dass er seinen Eltern eine Erklärung geben müsste, was ihn verzweifelt fürchten lässt, dass er sich dann outen müsste. Er sagt, dass er viel weniger Angst vor dem Schulverweis selbst hat als davor, dass dieser Verweis seiner Familie seine Sexualität enthüllen könnte. Wenn dies passieren sollte, hat er einen Plan B: 'Ich habe einen Freund, dessen Eltern mich aufnehmen würden', sagt er. Er zweifelt nicht daran, dass er zu Hause nicht mehr willkommen wäre, würde seine Familie von seiner sexuellen Orientierung erfahren."

Außerdem: Schlagzeuger Ginger Baker, demnächst auf Tournee, gibt im Interview ganz hervorragend den grumpy old man.
Stichwörter: Geld, Sexualität