Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
21.02.2006. In der New Republic warnt Amartya Sen davor, Multikulturalismus mit pluralem Monokulturalismus zu verwechseln. Im Espresso spricht Filmregisseur Luc Besson über blonde Engel und Paris. Die Gazeta Wyborcza berichtet von einer schwedischen Beleidigung der Ehre Polens. Bosheit, Offenheit und Sodomie fand die New York Review of Books in den Briefen von Lytton Strachey. Auf der Berlinale gab's zu viele deutsche Filme, findet Nepszabadsag. Im TLS empfiehlt Christopher Hitchens ein Buch über das Versagen der Intellektuellen. Al Ahram wirft einen Blick auf eine 3000 Jahre alte schöne Frau.

New Republic (USA), 27.02.2006

In einem äußerst lesenswerten Essay denkt der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Amartya Sen darüber nach, welche Form der Multikulturalismus in Zukunft annehmen könnte. In vielen europäischen Ländern etabliere sich die Auffassung, Menschen seien definiert durch ihre Herkunft, ihre Religion und ihre Kultur. Diese angeborene, also nicht frei gewählte Identität werde für bedeutender gehalten als zum Beispiel politische Ausrichtung, Sprache oder Klasse. Für Sen ist das kein Multikulturalismus: "Die lautstarke Verteidigung des Multikulturalismus, die wir in diesen Tagen hören, ist oft nichts weiter als ein Plädoyer für pluralen Monokulturalismus. Wenn ein junges Mädchen aus einer konservativen Immigrantenfamilie mit einem englischen Jungen ausgehen will, ist das sicherlich eine multikulturelle Initiative. Im Gegensatz dazu ist der Versuch ihrer Eltern, sie davon abzuhalten (was oft genug vorkommt) kaum ein multikultureller Akt, denn sie versuchen, die Kulturen getrennt zu halten. Und doch ist es das Verbot der Eltern, das von den Vertretern des Multikulturalismus mit der Begründung, es sei wichtig, traditionelle Kulturen zu respektieren, am lautesten verteidigt wird - als ob die kulturelle Freiheit einer jungen Frau überhaupt keine Bedeutung hätte und als ob die verschiedenen Kulturen in voneinander abgekapselten Schubladen bleiben sollten."
Archiv: New Republic

The Nation (USA), 06.03.2006

Die Karikaturisten Art Spiegelman und Joe Sacco geben gemeinsam ein Interview zum Karikaturenstreit. Saccos erste Reaktion war: "Was für eine Bande von Idioten sind diese Dänen, dass sie solche Sachen drucken." Spiegelman hält sich eher bedeckt: "Wenn es ein Recht gibt, Karikaturen zu zeichnen, dann muss es auch ein Recht geben zu beleidigen. Wenn es kein Recht gibt, Karikaturen zu zeichnen, bin ich in großen Schwierigkeiten. Und ich glaube, Amerika auch."
Archiv: The Nation
Stichwörter: Art Spiegelman, Idiot

Outlook India (Indien), 27.02.2006

Mädchen unerwünscht! Das Titeldossier befasst sich mit der im Punjab weit verbreiteten Praxis der Geburtenselektion. Wegen der horrenden Mitgift, die eine Frau mit in die Ehe bringen muss, werden die Mädchen abgetrieben. Den historischen Ursprung dazu erläutert ein Beitrag von Khushwant Singh: "Das geht zurück auf die Zeit der muslimischen Invasionen aus dem Nordwesten, als die Soldaten die Mädchen entführten - zum eigenen Vergnügen oder um sie als Sklavinnen zu verkaufen ... So entstand die Polyandrie im Punjab - aus Frauenmangel."

Eine negative Seite des allenthalben geforderten Denkens in Zusammenhängen erkundet ein Artikel von Pratap Bhanu Mehta anhand der Karikaturen-Kontroverse: "Wir können nicht einfach einen bestimmten Zeitungsmacher als idiotisch bezeichnen, einen bestimmten Zeichner als geschmacklos oder einen bestimmten Bösewicht als missgeleitet. Jede Handlung eines Einzelnen wird auf eine Metaebene gehievt: Der Kampf der Kulturen, Kunst contra Banausentum, Freiheit contra Religion."

Außerdem: Anuradha Raman berichtet, wie überall im Land winzige private Radiostationen entstehen. Gesendet werden Yogasendungen für Senioren und Tipps für Landwirte. Amir Mir weiß, warum Pakistan indische TV-Sender boykottiert: Angeblich verletzen sie die sozio-kulturellen und religiösen Werte der islamischen Republik. Mario Miranda stellt uns den ersten indischen Sex-Comic vor. Und Khushwant Singh begrüßt ein Buch, das Indira Gandhis dunkle Seite zeigt.
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Espresso (Italien), 23.02.2006

Luc Besson verrät Alessandra Mammi, warum sein neuer Film "Angel-A" über einen kleinen Mann und einen 1,90 Meter großen blonden Engel in Paris spielt: "Ich brauchte eine großartige Stadt, die Andre in seiner Verzweiflung nicht sieht. Wenn ich eine banale Stadt gewählt hätte, wäre da kein Kontrast gewesen. Ich wollte erzählen, wie dieser Mensch nach und nach das Wunderbare, das ihn umgibt, erkennt und damit sich selbst lieben lernt. Darum habe ich Paris gewählt, aber ich hätte auch in Rom, Venedig oder Siena drehen können." In Berlin wohl eher nicht.

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun lobt den marokkanischen König Mohammed VI. für die von ihm angeregte Untersuchung der Opfer des Regimes seines Vaters Hassan II. (Wikipedia), auch wenn die offizielle Zahl von 592 Toten zwischen 1956 und 1999 natürlich viel zu niedrig sei.
Archiv: Espresso

Gazeta Wyborcza (Polen), 18.02.2006

Die Stockholmer Tageszeitung Dagens Nyheter hat in einem Artikel vom 12. Februar behauptet, dass "im Zweiten Weltkrieg neunzig Prozent der holländischen Juden in deutsche und polnische Todeslager abtransportiert wurden". Daraufhin hat Relacje, die Zeitschrift für Auslandspolen, in einem Offenen Brief an Dagens Nyheter gegen den Begriff "polnisches Todeslager" protestiert, berichtet Katarzyna Tubylewicz aus Stockholm. In dem Brief heißt es: "Das ist eine Beleidigung für das polnische Volk. Es sieht so aus, als ob in den schwedischen Medien Moslems geachtet werden, die Beleidigung von Polen aber zulässig ist." Der Chefredakteur von Relacje, Krzysztof Mazowski, hat zum Boykott der Tageszeitung aufgerufen. Der Pressesprecher von Dagens Nyheter, so Tubylewicz, hat inzwischen eingeräumt, dass "polnische Todeslager" eine "falsche und schlampige Formulierung" war, die berichtigt werde. Der Autor des Artikels, Bengt Albons, hat sich inzwischen entschuldigt.
Stichwörter: Geächtet

New York Review of Books (USA), 09.03.2006

Als Lytton Strachey 1932 starb, waren die meisten seiner Bloomsbury-Freunde überzeugt, dass seine Briefe nicht veröffentlicht werden könnten: "Sie waren zu freizügig, zu boshaft und befassten sich zu sehr mit strafbarer Sodomie", erzählt der Schriftsteller Alan Hollinghurst. Nun hat Paul Levy sie herausgegeben ("The Letters of Lytton Strachey"), doch die Euphorie des Rezensenten hält sich in Grenzen: "Obwohl die Briefe oft interessant sind, manchmal lustig, und tatsächlich voller Bosheit, Offenheit und Sodomie sind, gibt es in der ersten Hälfte des Buches eine gewisse Undurchsichtigkeit, einen Hauch von Frustration und eine Unentschlossenheit, die sich dem Leser durch eine ganze Menge Geschwätz, ausweichendem Gerede und Gebrabbel mitteilt."

"Wie schnell ein Sieg die besten Pläne verderben kann!", analysiert das Autorenduo Hussein Agha und Robert Malley den Wahlsieg der Hamas in Palästina. "Die Führer der Hamas hatten gehofft, sich weiter hinter der Fatah und der Autonomiebehörde (PA) verstecken zu können, nun stehen sie an vorderster Front. Die Last, die die anderen tragen sollten, liegt nun auf ihren Schultern. In den Tagen nach der Wahl, hörte sich die Hamas plötzlich viel bescheidener und zurückhaltender an ... Der Erdrutschsieg der Hamas hat ihre Freiheit viel mehr eingeschränkt als jede Niederlage."

Weiteres: Max Rodenbeck hat sich die Übersetzungen von Osama bin Ladens Videobotschaften durchgelesen (Bruce Lawrence: "Messages to the World") und stellt fest: "Während bin Laden weiterhin sein muslimisches Publikum manipuliert und in die Irre führt, haben es die Amerikaner weder geschafft, ihn wirkungsvoll zu unterminieren noch selbst überzeugend zur muslimischen Öffentlichkeit zu sprechen." David Cole stellt das Buch "The Next Attack" vor, in dem Daniel Benjamin and Steven Simon der Bush-Regierung vorwerfen, sie habe sich so darauf gestürzt hat, einen offensiven Krieg gegen den Terror zu führen, dass sie die "weniger glamouröse" Aufgabe vernachlässigt habe, die USA gegen künftige Angriffe zu schützen. Peter W. Galbraith bespricht Paul Bremers Bilanz als amerikanischer Prokunsul "My Year in Iraq".

Nepszabadsag (Ungarn), 15.02.2006

Die Berlinale scheint dieses Jahr vor allem als Plattform für den deutschen Film benutzt worden zu sein, bemerkt leicht säuerlich Geza Csakvari: "Das Festival, das vor ultramodernen, in den letzten Jahren aufgebauten Science-Fiction-Kulissen stattfindet, im ehemaligen Niemandsland, wo die Grenze zwischen Ost- und Westblock verlief, soll dieses Jahr anscheinend den Triumph des deutschen Films demonstrieren. Die strenge Jury wählte gleich vier deutsche Filme in den Wettbewerb, während osteuropäische Filmemacher im Programm fast gar nicht präsent sind - obwohl sie in den letzten Jahrzehnten immer eine wichtige Rolle bei der Berlinale gespielt hatten. Die Qualität der Wettbewerbsfilme lässt zu wünschen übrig ... Der einzige osteuropäische Film im Wettbewerb ist 'Grbavica', das Debüt der Bosnierin Jasmila Zbanic. Eine deutsche Koproduktion, selbstverständlich." (Immerhin gewann der Film am Ende den Goldenen Bären.)
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Niemandsland

Times Literary Supplement (UK), 17.02.2006

Als absolutes Muss für Menschen, die "Ironie, Skrupel und freies Denken" schätzen, empfiehlt Christopher Hitchens die Werke des Historikers Robert Conquest. Im neuesten Buch "The Dragons of Expectation" widmet sich Conquest dem Versagen der Intellektuellen durch die Jahrhunderte, ihrer Verblendung und Ideologiegläubigkeit. Bei aller Freude ist Hitchens dennoch ein wenig erschrocken: "Empfiehlt Conquest wirklich, dass wir auf alle Vorstellungen von der Zukunft verzichten? Das menschliche Verlangen nach einer besseren Welt mag die Ursache von viel Idotie und Verbrechen gewesen sein, aber es scheint doch dem Menschen immanent zu sein und es könnte, wie auch Religion, unausrottbar sein."

Weiteres: Jeremy Treglown will Samuel Becketts legitimen Nachfolger entdeckt haben: den Dramatiker Simon Gray - "schon allein wegen der Witze". Claire Harman stellt Myles Webers Buch "Consuming Silences" vor, das sich mit nichtschreibenden Schriftstellern beschäftigt, mit J.D. Salinger, Tillie Olsen, Henry Roth and Ralph Ellison. R. I. Moore liest neue Bücher zur europäischen Geschichte nach dem Fall Roms.

Weltwoche (Schweiz), 17.02.2006

In Deutschland noch nicht besprochen wurde Peter Wensierskis Buch "Schläge im Namen des Herrn" über die Gewalt in kirchlichen Kinderheimen der Nachkriegszeit. Reinhard Mohr ist regelrecht geschockt. "Manche Methoden der meist pädagogisch überhaupt nicht qualifizierten Kampfschwestern knüpften fast nahtlos an die Nazizeit an. Mehr noch: Im 'Kalmenhof' in Idstein etwa waren zwischen 1941 und 1945 mindestens tausend Kinder im Rahmen von Zwangssterilisierung und Euthanasie ermordet worden. Viele der 'Erzieher' und Angestellten aus dieser Zeit blieben zum Teil bis in die sechziger Jahre dort beschäftigt, und erst in den achtziger Jahren wurde das Massengrab mit den Kinderskeletten freigelegt." Vor kurzem hat Wensierski zu diesem Thema auch im Dossier der Zeit geschrieben.

Weiteres: Antje Joel besucht den dänischen Kinderbuchautor Kare Bluitgen, dessen Bemerkung auf einer Party Fleming Rose von Jyllands Posten dazu veranlasste, die Mohammed-Karikaturen in Auftrag zu geben. Joel ist hingerissen von dem Mann: "Am Ende möchte man Kare Bluitgen in Watte packen und an die Schützer bedrohter Lebensarten übergeben. Dass sie ihn uns bewahren. Diesen unendlich müden, sehr wachen Mann." Lilo Weber trifft sich mit Liev Schreiber, der Jonathan Safran Foers Romanerfolg "Alles ist erleuchtet" vor allem deshalb verfilmt hat, weil sich die Großväter der beiden so ähneln. "Grauenhaft schwarzer Humor, pervers, sehr merkwürdig, beides wunderbare, wunderbare Männer."
Archiv: Weltwoche

New Yorker (USA), 27.02.2006

Das islamische Bilderverbot wurde - ebenso wie das christliche - schon immer und eben auch innerhalb des Islam unterlaufen, erklärt Jane Kramer in einem Kommentar zum Karikaturenstreit. Und auch sie glaubt, dass es bei den tumultartigen Protesten in der arabischen Welt weniger um die Karikaturen, sondern vor allem um die 25 Millionen Muslime ging, die in Westeuropa leben. Im Zentrum des "Machtkampfs in der Golfregion" stehen nicht nur das Öl, sondern auch "die Kontrolle über die islamische Diaspora. Jedem, der sich damit beschäftigte, war klar, wenn diese Diaspora in Europa einen modernen, kritischen und demokratischen Islam entwickelt, dann würden die islamistischen Regimes im Mittleren Ost anfangen zu bröckeln."

Jane Mayer berichtet darüber, wie ein internes Memo des Pentagon, in dem sich der Navy-Berater Alberto J. Mora gegen die Folter von Gefangenen richtete, hintertrieben und unter den Teppich gekehrt wurde. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "My Father's Tears" von John Updike.

John Lanchester rezensiert zwei Studien über die Fragilität des Glücks: "The Happiness Hypothesis" (Basic) des amerikanischen Psychologen Jonathan Haidt und "Happiness: Lessons from a New Science" des britischen Ökonomen Richard Layard. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem "göttlichen Helden", dem Demokraten William Jennings Bryan, den seine Partei 1896, 1900 und 1908 zum Präsidenten nominierte. Alex Ross resümiert mit heißen Ohren die Konzerte und Opern, die er in diesem Jahr schon in New York gehört hat (da kommt eindrucksvoll was zusammen!). Paul Goldberger ist begeistert von der frisch renovierten und umgebauten Getty-Villa in Malibu. Und Anthony Lane sah im Kino "Night Watch" von Timur Bekmambetov und Marc Rothemunds jetzt auch in Amerika anlaufenden Film "Sophie Scholl - Die letzten Tage", der ihn schwer beeindruckt hat.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über den sich zunehmend absenkenden Süden von Louisiana, ein Bericht über das "Demokratiespiel" nach dem Sieg der Hamas und Lyrik von Henri Cole und Linda Gregg.
Archiv: New Yorker

Al Ahram Weekly (Ägypten), 16.02.2006

Ein Titelbeitrag des Magazins befasst sich mit den sensationellen Ausgrabungen im Tal der Könige. Nevine El-Aref durfte einen Blick werfen in die 3000 Jahre alte Grabkammer: "Ein Sarkophag trug das gemalte Gesicht einer schönen Frau in vollem Make-up, mit schmalen, bogenförmigen Augenbrauen, schwarz geränderten Augen, gerade geschnittenem schwarzen Haar und einer goldenen Halskette. Durch den Deckel eines anderen Sargs war der braune Stoff zu sehen, der die Mumie umgibt. Dahinter die Silhouette dreier weiterer Särge, ihre Gesichter nach oben gewandt, die Hände über der Brust gefaltet."

Von der Berlinale berichtet Samir Farid über den dänischen Beitrag "1:1" von Annette K. Olesen, in dem es um muslimische Immigranten in Dänemark geht: "Mit diesem Film und mit den dänischen Demonstrationen gegen die Mohammed-Karikaturen reichen die Dänen Arabern und Muslimen die Hand. Sollen wir sie abweisen, bloß weil ein Dummkopf eine Karikatur gezeichnet und ein anderer sie veröffentlicht hat?"

Weitere Artikel: Ein Beitrag von Ayman El-Amir greift das Thema auf und fordert, die Unterschiede zwischen der arabisch-muslimischen Welt und dem Westen erst einmal zu begreifen, bevor man sie unter den Konsensbemühungen eines "leeren Dialogs der Zivilisationen" begräbt. Und im Interview erklärt Italiens führende Arabisch-Übersetzerin Isabella Camera d'Afflitto, wie sie ihren Landsleuten arabische Literatur schmackhaft macht.

New York Times (USA), 19.02.2006

Religion - ein Naturphänomen? Was Daniel C. Dennett in seinem Buch "Breaking The Spell" nachzuweisen versucht, hält Leon Wieseltier für biologischen Reduktionismus at its best, einen atheistischen Wunschtraum, der die Beziehung zwischen Religion und Vernunft, historisch und philosophisch, unter den Teppich kehrt: "Dennett ist der Meinung, die Erforschung des Glaubens an den Glauben, seiner Ursprünge und Folgen, mache die Untersuchung des Glaubens selbst überflüssig. Ein Fehler. Einzig durch die Widerlegung seiner Inhalte lässt sich der Glaube widerlegen."

Reinstes Rezensentenglück dagegen bei Laura Miller. Sie freut sich über Stephen Wrights vierten Roman, die Bürgerkriegs-Saga "The Amalgamation Polka" (Audiofile und Textprobe). Ein Buch wie "Alice im Wunderland", findet sie: "Ein schwindelerregender Vorstoß ins Unbekannte. So fühlt sich Geschichte an für die, die sie erleben, die nicht wissen, was sie erwartet, wenn das Bekannte sich auflöst und neu zusammensetzt. Das ist Gegenwart." In einem Brief schließlich beschwert sich Bernard-Henri Levy über den bissigen Verriss seiner Reise-Essays "American Vertigo" vor drei Wochen in der Review. Der sei zwar witzig geschrieben, werde dem Ziel des Buches, europäische Vorurteile über die USA zu hinterfragen, aber nicht gerecht: "Was zählt, sind die Fragen, nicht so sehr meine Antworten." Jetzt möchte Levy gern eine Kontroverse lostreten und fordert den Rezensenten zum Rededuell!

Das Magazin der New York Times bringt einen Vorabdruck aus Francis Fukuyamas neuem Buch "America at the Crossroads". Darin beschwört der altkonservative Vordenker das Endes des Neokonservatismus, der in seinem Glauben komplett gescheitert sei, ein leichter Stoß der USA würde die arabischen Staaten quasi in den Urzustand der Demokratie befördern: "Das Problem der neokonservativen Agenda lag nicht in ihren Zielen, die sind so amerikanisch wie Applepie, sondern in den übermilitarisierten Mitteln, mit denen sie sie erreichen wollte." Und Fukuyama plädiert für einen Kurswechsel in der amerikanischen Außenpolitik: "Zuallererst müssen wir den so genannten globalen Krieg gegen den Terror entmilitarisieren und zu anderen Mitteln der Politik übergehen. Wir kämpfen in Afghanistan und Irak gegen schwere Aufstände und gegen eine internationalen Dschihad-Bewegung - Kriege, in denen wir siegen müssen. Aber 'Krieg' ist der falsche Ausdruck für den breiter angelegten Kampf, da Kriege mit voller Intensität und in einem klar begrenzten Zeitraum ausgefochten werden. Die Herausforderung der Dschihadisten anzunehmen, bedeutet, einen langen, nicht eindeutig umrissenen Kampf zu führen, dessen Kern nicht die militärische Kampagne ist, sondern ein politischer Wettstreit um die Herzen und Köpfe der Muslime. Wie die jüngsten Ereignisse in Frankreich und Dänemark nahelegen, wird Europa hierbei ein zentraler Kampfplatz sein."

Der Irak-Korrespondent Dexter Filkins berichtet, wie die Amerikaner im Irak zu später Besinnung gelangen. Vorsichtige Planung, konzentriertes Denken, intensive Auseinandersetzung mit den Problemen des Landes und seiner Bevölkerung sind die neue Strategie: "Der emporgestiegene Held der griechischen Tragödie fällt am Ende der eigenen Hybris zum Opfer. Der Sturz der USA im Irak aber könnte von anderer Tragik sein: Der mächtige Invasor macht unzählige Fehler und opfert Tausende Leben. Nach einer Weile besinnt er sich und macht alles richtig. Und es ist zu spät."