Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
01.02.2005. Die Gazeta Wyborcza sucht den Intellekt im antisemitischen Gesicht der Linken. Outlook India feiert die Nachrufe des Schriftstellers Khushwant Singh. Das TLS hat durch Christopher Bellaigue den klerikalen Machiavellismus der iranischen Machthaber kennengelernt. Im ungarischen ES-Magazin feiert Gabor Csordas die Literaten aus der Vojvodina. Der New Yorker amüsiert sich über Pleiten und Erfolge Hollywoods. Im Nouvel Obs dekonstruiert Regis Debray Michel Foucault. Der Economist begutachtet Bill Gates' Monopsony. Im New York Times Magazine fordert Michael Ignatieff mehr Unterstützung für die irakische Demokratie.

Gazeta Wyborcza (Polen), 29.01.2005

Der Publizist Dawid Warszawski analysiert mit Alain Finkielkrauts "Au nom de l'Autre. Reflexions sur l'antisemitisme qui vient", warum die Linke immer öfter ihr antisemitisches Antlitz zeigt. Der öffentliche Diskurs in Westeuropa wende sich immer mehr gegen Israel als angeblich repressiven und reaktionären Staat, der freiheitsliebende Palästinenser einmauere. Aus historischen Gründen verfolgen die mitteleuropäischen Länder seit 1989 einen anderen Kurs, doch das kann sich ändern, um nicht weitere Auseinandersetzungen zwischen Polen und dem europäischen Mainstream zu provozieren, fürchtet Warszawski. Auch durch die Medienberichterstattung über den Nahen Osten könnte die Meinung in Polen umschlagen: "Die meisten Menschen wissen vom Nahost-Konflikt nur so viel, wie sie aus dem Fernsehen kennen: einen Jungen, der einen Stein auf Panzer wirft. Ich freue mich, in einer Gesellschaft zu leben, in der die erste menschliche Regung Mitgefühl mit dem Jungen ist. Doch meistens ist diese emotionale Regung zugleich die letzte intellektuelle Regung."

Outlook India (Indien), 07.02.2005

Ob die neuerliche Attraktivität und Popularität des Lebens von Alexander dem Großen ein Hinweis auf die Renaissance des imperialen Reiches ist? Oliver Stones irischer Alexander sieht jedenfalls aus wie George W. Bush, stellt Zareer Masani, der Biograf von Indira Gandhi, in einem interessanten Kommentar fest. Doch die Attraktivität des Empire ist nicht nur zeitlos, sie sie auch universell - Alexander wird in vielen Kulturen als historische und mythische Figur bewundert, und mit Sicherheit nicht als antiker Cowboy, wie in der Hollywood-Version. In Zeiten der Globalisierung, argumentiert Masani, reflektiert das einen weltweiten "Wunsch nach einer neuen Form von imperialer Kontrolle, ohne die Exzesse der Ausbeutung, die den Imperialismus des 19. Jahrhunderts kennzeichneten".

Warum sind die Neanderthaler ausgestorben? Weil sie selten älter als dreißig Jahre alt wurden und folglich kaum Wissen an die nächsten Generationen weitergeben konnten. Die mussten dann erneut lernen, dass "Feuer brennt, Säbelzahntiger beißen und bestimmte Pilze giftig sind". Daniel Lak erzählt diese evolutionshistorische Anekdote, um darauf aufmerksam zu machen, was Indien an Khushwant Singh hat, dem über neunzigjährigen Schriftsteller (mehr), dessen neuestes Buch sich zwar um den Tod dreht, diesem aber eher den Rücken zuwendet, als sich ihm zu ergeben. "Death At My Doorstep" ist eine Sammlung von Nachrufen aus vielen Jahrzehnten, und bevor Singh den "Gaunern, Familienfreunden und Berühmtheiten, den unbekannten Heiligen und Sündern" letzte Worte widmet, kommt erstmal der Nachruf auf sich selbst und fällt wie alles in diesem Buch "pietätlos, aufrichtig, witzig und vor allem weise" aus. "Ohne Übertreibung", schreibt Lak, "kann man Singh als Mark Twain Indiens bezeichnen: ein unermüdlicher, talentierter Autor mit einer unheimlichen Fähigkeit, in jeder Ära und zu jeder Zeit den Nagel auf den Kopf zu treffen."

Weitere Artikel: Larry Jagan erinnert sich an längst vergangene Zeiten, als Phuket das irdische Paradies der Hippies und die Strände noch nicht übervölkert waren. Jetzt fragt er sich, ob die todbringende Welle möglicherweise die Idylle wieder hergestellt hat - und spricht dabei tatsächlich von einer Rückkehr zur Unschuld. Und Hari Menon porträtiert "Indiens neues Pin-up-Girl": die Tennisspielerin Sania Mirza.

Times Literary Supplement (UK), 28.01.2005

Als großartiges Buch feiert Malise Ruthven Christopher Bellaigues Buch "In the Rose Garden of the Martyrs". Darin rechnet der Korrespondent des Economist in Teheran mit den iranischen Ayatollahs ab, deren moralische Korrumption den Schah aussehen lasse wie einen Waisenknaben. "Christopher de Bellaigue arbeitet behutsam diese anrüchige Religiosität heraus, die den modernen iranischen Staat kennzeichnet: öffentliche Gefühlsduselei verbunden mit rücksichtslosem klerikalen Machiavellismus. Geschickt stellt er brutale Fakten neben die Fantasien der Kleriker und ergreifende menschliche Realitäten und erlaubt seinem Leser damit, sein eigenes Urteil über dieses rätselhafte und womöglich gefährliche Regime zu fällen. 'In the Rose Garden of the Martyrs' ist ein wichtiges Buch, das von Anhängern und Gegnern der islamischen Republik gelesen werden sollte. Neben vielen weiteren Einsichten vermittelt es einen Sinn für den apokalytischen Eifer, der sich, nachdem er konventionell scheiterte, nun atomar zu behaupten versuchen könnte."

Besprochen werden außerdem John Updikes neuer Roman "Villages", in dessen Verlauf viel Unschuld verloren wird, vor allem weibliche, R. W. Holders Porträts großer englischer Lexikografen "The Dictionary Men" und Joakim Garffs bereits vielfach gerühmte Kierkegaard-Biografie.
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Stichwörter: Religiosität

Elet es Irodalom (Ungarn), 25.01.2005

Gabor Csordas, Chef des renommierten Jelenkor-Verlags, zeichnet ein literarisches Porträt der multikulturellen, zu Serbien gehörenden Grenzregion Vojvodina. Aus dieser Provinz kommt eine faszinierende Literatur - zum Beispiel von Geza Csath, "ausgezeichneter Novellist und Morphinist" und "meteorhafte Himmelserscheinung der ungarischen Literatur", von "seinem genialen Cousin" Dezsö Kosztolanyi ", von dem serbischen "Philosophen des kleinstädtischen Daseins" Radomir Konstantinovic, von Danilo Kis (mehr hier) und von dem "europäischsten Europäer" der ungarischen Gegenwartsliteratur, Otto Tolnai. In der Peripherie, so Csordas, "tragen die Menschen ihre eigene kulturelle Hauptstadt mit bloßen Händen zusammen. ... Wo sich auch die letzten, in südliche und östliche Richtung führenden Straßen im Nichts verlieren, wo auch die engsten Gleise enden, dort findet man im Haus des Priesters, des Lehrers oder des Arztes mit Sicherheit eine dreisprachige Bibliothek. Diese Menschen schaffen die Kultur der Provinz, die wirklich eine Kultur ist, da sie den Sieg über Vergessen, Missverstehen, Fälschen und Veralten bedeutet. Da der Mittelpunkt dieser Kultur von einem jeden Einzelnen individuell zusammengebastelt wird, ist hier alles einmalig und besonders, eigenbrötlerisch, launenhaft und außerordentlich."

Weiteres: Der renommierte Miklos-Meszöly-Preis wurde letzte Woche erstmalig an Laszlo Marton verliehen, einen in Deutschland noch wenig bekannten, jungen und als Romancier, Dramatiker, Übersetzer, Kritiker und Literaturhistoriker gleichermaßen hervorragende Texte schreibenden Autor. Es druckt die Preisverleihungsrede von Josef Takats. In einer Sammelrezension werden die wichtigsten Neuerscheinungen über den Mord an den ungarischen Juden vorgestellt. Und der Schriftsteller Imre Oravecz schreibt zum hundertsten Geburtstag von Attila Jozsef (mehr hier), "der einzige Dichter, dessen Name wirklich ein jeder in Ungarn kennt."

New Yorker (USA), 07.02.2005

In einer ebenso informativen wie unterhaltsamen Rezension bespricht Louis Menand mehrere Bücher über Hollywood, die sich vor allem mit der Frage beschäftigen, ob die Blockbuster-Manie das Ende des Kinos bedeutet. "Die Leute, die das Popcorn machen, wissen im Wesentlichen, was sie tun. Die Leute, die die Filme machen, im Grunde nicht, oder erst, wenn der Film anläuft, und dann ist es zu spät. Filmemachen ist ein ziemlich willkürliches Geschäft... So war die gesamte Filmindustrie überzeugt, dass 'Titanic' eine finanzielle Katastrophe werden würde; doch der Film spielte 1,85 Milliarden Dollar ein. Die Geschichte Hollywoods ist eine ulkige Mischung aus falschen Annahmen, unbeabsichtigten Erfolgen und purem Glück. Die Hälfte der Pleiten war wohlkalkuliert, und die Hälfte der Erfolge war - nach den geltenden Regeln von Anstand und Fairness - unverdient. Leute werden mit Filmemachen reich, häufig sind es die falschen. Deshalb ist es so vergnüglich, über das Filmgeschäft zu lesen. Außer natürlich, es geht ums eigene Geld." (David Thomson: "The Whole Equation: A History of Hollywood", Tom Shone "Blockbuster: How Hollywood Learned to Stop Worrying and Love the Summer" und "Open Wide: How Hollywood Box Office Became a National Obsession" von Dade Hayes and Jonathan Bing).

Weiteres: Dan Baum beschreibt den unerwünschten Einsatz von US-Soldaten im vom Tsunami verwüsteten Sumatra: Die indonesische Regierung wollte nicht, dass den dortigen Rebellen geholfen wird. Sasha Frere-Jones porträtiert Conor Oberst, den Kopf der Gruppe Bright Eyes, der mit seiner schwankenden Stimme und seinen überladenen Versen an die Nächte erinnert, in denen man "betrunken von schlechtem Rotwein" erkennt, dass "kein Mensch für irgendeinen anderen etwas Gutes" bedeutet und Kapitalisten "nur auf Profit" aus sind. Nancy Franklyn schreibt einen Nachruf auf die Late-Night-Fernsehlegende Johnny Carson. Paul Rudnick glossiert den Auftritt von Prinz Harry in Nazi-Kluft. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Roads of Home" von John Updike. Der Nachruf auf den Architekten und "Meister der Glasarchitektur" Philip Johnson war bis Redaktionsschluss leider falsch verlinkt.
Archiv: New Yorker

Nouvel Observateur (Frankreich), 27.01.2005

In der nächsten Ausgabe von Regis Debrays Zeitschrift Medium erscheint ein Text von Debray (mehr) über Michel Foucault. Eine gekürzte Fassung hat der Nouvel Obs jetzt vorabgedruckt. Debray, über die "einhelligen Huldigungen" anlässlich von Foucaults zwanzigstem Todestag "beunruhigt", versucht darin eine kritische Analyse. "Die neuralgischen Gebiete des 21. Jahrhunderts haben sich in den toten Winkeln dieses sehr gelehrten Antikonformismus niedergelassen: Glaube, Biologie, Hightech, Medien, Fernsehen, Identität, Religion, Ethnien, Kommunikation. Alles Stichwörter, die im Index (von Foucaults gesammelten Schriften) "Dits et Ecrits" fehlen. Die am häufigsten genannten Begriffe - Struktur, Sexualität, Wissenschaft, Existenz, Diskurs, Wahrheit - werden auch weiterhin unsere Diplome, Seminare und Abschlussarbeiten nähren und unter einer Glasglocke halten, weil sie domestizierte Kulte für uns geworden sind."

Jean Daniel hält Debrays Kritik die Besprechung eines "kurzen, lebendigen und verblüffenden" Buchs über Foucault entgegen. In "Michel Foucault aujourd?hui" (Plon) halte die Autorin Blandine Kriegel Foucault "glücklicherweise" exakt all das zu Gute, was Debray gegen ihn ins Feld führe. "Seien wir also weniger nachsichtig gegenüber den Anspielungen unseres Regis auf den gefälligen Antisowjetismus von Foucault, und unterstreichen statt dessen, dass er, im Gegensatz zu Althusser und Bourdieu, dazu beigetragen hat, die Forschung vom Marxismus zu lösen."

In einem Interview spricht der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington (mehr) über die "Bedrohungen durch den Multikulturalismus", Demokratie und den Irakkrieg. Ausführlich erläutert er seine These, dass es den USA nicht gelungen sei, die spanischsprechenden Einwanderer aus Mexiko zu integrieren, diese wollten gar keine Amerikaner werden. Huntigton prophezeit, dass die USA schon "bald ein Land mit zwei Kulturen und zwei Sprachen" sein werden. Über die amerikanischen Demokratiesierungsbemühungen sagt er: "Demokratie exportiert man nicht. Sie muss auf dem Boden jeweiligen der Länder geboren worden sein, um sich zu entfalten ... Die Einführung der Demokratie im Irak wird eine langwierige Angelegenheit."

Espresso (Italien), 03.02.2005

Herostratus, Dickens, Dillinger - sie alle trieb das an, was Umberto Eco anhand aktueller italienischer Fernsehshows als Hauptziel des Menschen identifiziert: bekannt zu sein. Eco sitzt im Fernsehsessel und kann es nicht fassen. Die Teilnehmer von L'eredita (mehr) "wollten nicht als Entdecker des Antikkrebsmittels in Erinnerung bleiben, als Helden, die ihr Leben für das ihrer Nächsten opferten, als große Dichter oder Künstler, Feldherrn, Seefahrer, Mystiker oder Menschenfreunde. Es war vielmehr klar, dass sie wiedererkannt werden wollten, auf der Straße, in den Geschäften, im Bus oder Supermarkt." Wenn alle bekannt sein wollen, ist es keiner mehr, kommentiert Eco, gibt dem TV-Trubel aber doch seinen Segen. "Sehen wir es realistisch. Es ist moralischer, die Sichtbarkeit in dieser Art und Weise zu suchen als die Nächsten mit selbstverfassten schlechten Gedichten zu quälen."

Weitere Artikel: Irene Maria Scalise leidet mit den Designern von Weinaccessoires, die in einem historisch und kulturell hoch vorbelasteten Feld arbeiten. Cesare Balbo resümiert das Sundance Film Festival und betont dabei besonders die Beiträge aus der internationalen Independentszene. Einer von drei Italienern schläft schlecht, verrät Monica Maggi, und listet unter anderem die typischen Schlafpositionen auf und deutet sie psychologisch: "Der Soldat schläft wie der 'Seestern' auf dem Rücken, aber mit den Armen am Körper und ausgestreckten Beinen. Normalerweise eine ruhige und zurückhaltende Person, die viel mit sich selbst ausmacht."

In der Titelgeschichte wirft Jeremy Rifkin einen skeptischen Blick auf die Zukunft des Kyoto Protokolls, das am 16. Februar in Kraft treten soll, aber in einer politisch "verwässerten" Form. Leider nur im Print: ein Treffen mit dem amerikanischen Schriftsteller Gore Vidal und ein Gespräch mit diversen Hollywoodgrößen über Kunst im Kino.
Archiv: Espresso

Nepszabadsag (Ungarn), 27.01.2005

Vollständige Offenlegung aller Stasi-Akten! - dies fordert der Sozialist und ungarische Premier Ferenc Gyurcsany. Die Debatte des diesbezüglichen Gesetzesentwurfs beginnt bald im ungarischen Parlament. Endlich - findet Mate Nyusztay in der linksliberalen Tageszeitung Nepszabadsag und sammelt genüsslich die absurdesten Argumente, mit denen sich ehemalige Stasi-Offiziere verteidigen: Sie "müssen von einer besonderer Sanftmut gewesen sein. Anders kann ich mir nicht erklären, dass fast jeder Akteur des öffentlichen Lebens, der als IM verdächtigt wurde, sofort rief: Moment mal, man versuchte zwar, mich als IM zu gewinnen, aber ohne Erfolg. Das heißt also: wie Studenten, die auf einen Flirt aus sind, sprachen Stasi-Offiziere die sympathischeren Menschen an. Bei Erwiderung der Zuneigung wurde berichtet." (Hier geht es zu einem deutschsprachigen Beitrag von Paul Lendvai im Standard.)

Nach der Osterweiterung verschieben sich die Mauern der "Festung Europa" an die neuen EU-Außengrenzen, zum Beispiel nach Ostungarn. Der Dokumentarfilm "Goodbye Hungaria" erzählt, wie sich hier, in einem ungarischen Flüchtlingslager, eine Amerikanerin und ein Palästinenser ineinander verliebten. Der Film wurde am Wochenende auf dem Traveling Film Festival von Human Rights Watch in Boston gezeigt. Regisseur Jon Nealon erzählt im Interview über die Dreharbeiten: "Das Flüchtlingslager lag in einer ehemaligen Kaserne in der Nähe der Stadt Debrecen. Die Bewohner durften sich zwar frei bewegen, aber sie verließen das Lager selten, weil sie eigentlich nirgendwohin gehen konnten. Sie lebten ziemlich isoliert von der ungarischen Bevölkerung. (Hier geht zu einem Interview mit Nealon auf Englisch.)
Archiv: Nepszabadsag

Al Ahram Weekly (Ägypten), 27.01.2005

25 Prozent der Hochschulabgänger an arabischen Universitäten verlassen ihre Länder gen Westen. 37 Prozent aller weltweit auswandernden Experten kommen aus afrikanischen oder arabischen Ländern. Rückkehrer werden wie nationale Helden gefeiert, während die Mehrzahl derer, die sich auf Grund der schlechten Arbeitsbedingungen in ihren Heimatländern für einen permanenten Wohnsitz im Ausland entscheiden, von der Öffentlichkeit verurteilt werden. Oft zu Unrecht, wie Laila Saada schreibt - sie hat in den USA recherchiert und festgestellt, dass viele Migranten von dort aus solide Brücken in die alte Heimat schlagen und bewusst als ihre Repräsentanten in der Welt auftreten.

Weitere Artikel: Die 37. Kairoer Buchmesse vom 26. Januar bis zum 8. Februar ist eine runderneuerte, berichtet Nevine El-Aref: Die Organisatoren haben sich von der großen Schwesterveranstaltung in Frankfurt beeinflussen lassen und eine verschlankte, logistisch optimierte und besucherfreundliche Messe auf die Beine gestellt. Auch eine Idee aus Frankfurt: die Präsentation eines Gastlandes - in diesem Jahr ist es, wie könnte es anders sein, Deutschland. Rania Khallaf stellt die junge Autorin Mansoura Ezzedin und ihren kürzlich erschienenen ersten Roman vor, "einen ganz und gar heutigen Text, der das Motiv des Doppelgängers in einem experimentellen Kontext neu fruchtbar zu machen sucht". Und Samir Sobhi porträtiert Magda Wasif, Autorin des Buches " One Hundred Years of Egyptian Cinema", die seit dreißig Jahren als Kritikerin und Kuratorin für das ägyptische Kino in Paris aktiv ist.

London Review of Books (UK), 03.02.2005

Unter dem Titel "Was ich über den Irak hörte" versammelt der Publizist Eliot Weinberger Hunderte von Originalzitaten zu einem beeindruckenden Panoptikum des Irrsinns im Irak, im Krieg und in der Politik. "Ich hörte einen amerikanischen Soldaten, der neben seinem Humvee stand, sagen: 'Wir haben den Irak befreit. Jetzt wollen uns die Leute hier nicht haben, und wissen Sie was? Wir wollen hier auch nicht sein. Also warum sind wir noch hier? Warum bringen sie uns nicht nach Hause?' Ich hörte Colin Powell sagen: 'Wir hatten nicht erwartet, dass es so lang so intensiv werden würde.' Ich hörte Donald Rumsfeld sagen: 'Wir stehen hier vor einem Test unseres Willens.'"

Steven Shapin stellt seiner Besprechung von drei neuen Weinführern, darunter zwei aus der Feder von Robert Parker, eine kleine Kulturgeschichte des richtigen Geschmacks voran, die im amüsanten Leitmotto der Weindemokraten endet, die einen leicht veränderten Ausspruch Noam Chomskys zu ihrer Maxime erkoren haben. "Der effektivste Weg, Demokratie einzuschränken liegt im Transfer der Entscheidungsgewalt aus der öffentlichen Sphäre hin zu nicht rechenschaftspflichtigen Institutionen: Königen und Prinzen, Parteidiktaturen oder professionellen Weinkritikern." David Wootton hält Steven Sharpes Biografie des legendären Räubergentlemans Dick Turpin für "bewunderungswürdig" in den selbst gesetzten Grenzen; warum Turpin aber nachträglich zum Helden des Volkes umgedichtet wurde, entgehe Sharpe leider gänzlich. In den Short Cuts kommentiert Thomas Jones die Schleifung des antiken Babylons durch die archäologisch unsensiblen Koalitionstruppen. Peter Campbell schlendert etwas schrullig durch das Londoner Technikmuseum und bestaunt Flugzeugmotoren.

Leider nur im Print liest man Thomas Nagels Besprechung von Niccola Laceys Biografie des Rechtsphilosophen H.L.A. Hart oder Rashid Khalidis Diskussion der Handlungsmöglichkeiten, die den Palästinensern offen stehen.

Economist (UK), 28.01.2005

Der Economist untersucht die wohltätige Arbeit des Bill Gates - der auch auch auf diesem Feld eine Art Monopol anzustreben scheint: "Die Gates-Stiftung ist eine der reichsten Stiftungen der Welt. Sie ist mit 28 Milliarden Dollars ausgestattet. Ihr Einkommen übertrifft das mancher kleiner Länder." Gerade hat Bill Gates außerdem 750 Millionen Dollar für die "Global Alliance for Vaccines and Immunisation" (GAVI) gespendet, zum zweiten Mal nach fünf Jahren. Warum der Stiftung Impfungen so am Herzen liegen, erklärt der Economist so: Gates wolle zwar kein Monopol, aber eine Art "Monopsony", das heißt eine dominierende Nachfragemacht nach Impfstoffen schaffen. "Die Impfung von Kindern ist ein kosteneffektiver Weg, Leben zu retten, und eines der Rezepte der Stiftung ist es, Leben billig zu 'kaufen', denn so können mehr Menschenleben gerettet werden. GAVI erlaubt es, die Kosten noch weiter zu senken. Indem ein Nachfragefonds geschaffen wird, der die Erfordernisse von 70 Nationen mit einem Prokopf-Einkommen von unter 1.000 Dollar bündelt, schafft GAVI eine regelmäßige Nachfrage, die die Pharmafirmen in der Produktion von Impfstoffen stimuliert und einen Anreiz schafft, neue Stoffe zu entwickeln und die Preise pro Einheit zu senken."

Außerdem erklärt der Economist in seiner aktuellen Ausgabe, wie es Toyota schaffte, General Motors als größten Autoproduzenten auszustechen. Und es wird eine neue Biografie über Robert Louis Stevenson vorgestellt.
Archiv: Economist

New York Times (USA), 30.01.2005

Vor acht Jahren hat der Physiologe und Geograf Jared Diamond mit seiner Studie "Guns, Germs, and Steel", in der er die Gründe für die Entstehung der heutigen Nationen beleuchtete, einen Riesenerfolg gelandet. In "Collapse" (erstes Kapitel) untersucht er nun, ob diese Nationen bestehen bleiben. Gregg Easterbrook geht vor beiden Bänden auf die Knie. "Zusammen repräsentieren sie eines der bedeutendsten Projekte, das je ein Intellektueller unserer Generation angegangen ist. Es sind wunderbare Bücher. Außergewöhnlich ihre Gelehrsamkeit und Originalität, packend ihre Fähigkeit, das digitalisierte Pandämonium der Gegenwart mit den schweigenden ländlichen Sonnenaufgängen der Vergangenheit zu verbinden. Beim Lesen habe ich mir gedacht, wie die Literatur wohl wäre, wenn jeder Autor so viel wüsste, so klar schreiben und seine Argumente mit solcher Sorgfalt formulieren würde. Das alles macht die beiden Bücher atemberaubend, denn beide kommen zu wahrscheinlich falschen Schlussfolgerungen."

Weitere Artikel: Der Autor Stephen Johnson fragt sich, ob die Schreibarbeit mit dem Computer nicht auch das Denken verändert. Wendy Shalit beklagt in einem Beitrag die Inflation der Schriftsteller, die sich als jüdische Ultra-Orthodoxe ausgeben, deren Insiderberichte aber nur von ihrem Unwissen zeugen. Aus den weiteren Besprechungen: "Gründlich und brillant" stellt der Englischprofessor Robert M. Polhemus den Lot-Komplex vor, lobt Karthryn Harrison, die jetzt alles über die Hingezogenheit sehr junger Mädchen zu älteren Herren weiß. Bruce Barcott verreißt "State of Fear", den neuen Thriller von Michael Crichton, der gar kein Thriller, sondern eher ein Vehikel für Crichtons Ansichten über die globale Erwärmungslüge ist, und deshalb sogar "ärgerliche" Fußnoten aufweist. Hier der Anfang, noch ohne Fußnote.

Michael Ignatieff fordert im New York Times Magazine erbost, die irakische Demokratie und vor allem die demokratischen Iraker nicht von vornherein aufzugeben. "Der Defätismus der Washingtoner Think Tanks und Leitartikel übersieht eine einfache Tatsache: die einzigen Beispiele politischer Besonnenheit und demokratischen Muts, seit die Amerikaner 2003 in den Irak gerollt sind, kamen von den so verachteten Irakern, und nicht von ihren vermeintlich allwissenden imperialen Wohltätern."

Drake Bennett stellt den Chemiker Alexander Shulgin vor, der zurückgezogen in Nordkalifornien lebt und als Doyen der psychedelischen Drogen gilt. 1976 hat er in seinem Hinterhoflabor etwa Ecstasy als Droge entdeckt. "Nach Shulgins eigener Zählung hat er fast 200 psychedelische Substanzen geschaffen, unter anderem Stimulanzien, Beruhigungsmittel, Aphrodisiaka, 'Empathogene', Krampfmittel, Drogen die das Hören verändern, Drogen die das Zeitgefühl verlangsamen, Drogen die es beschleunigen, Drogen die gewaltsame Ausbrüche auslösen, Drogen die Emotionen abtöten - kurz gesagt, ein wahres Lexikon der sinnlichen und emotionalen Erfahrung." Bisher wurde ihm die Aufnahme in die seriöse Wissenschaftlergemeinde verweigert. Doch gerade wird getestet, ob eine seiner Entdeckungen die Todesangst von Krebspatienten zu lindern vermag." (Hier eine Website, auf der Shulgin Fragen über Drogen beantwortet.)

Weitere Artikel: Matt Bai schreibt ein großes Porträt von Andy Stern, der die größte und am schnellsten wachsende Gewerkschaft der USA leitet, die Service Employees International Union (S.E.I.U.). Stern hat große Pläne und keine Angst, die anderen Gewerkschaften und auch die Demokraten in unerhörter Weise zu kritisieren. So forderte er im November 2004 die Dachorganisation der Gewerkschaften ultimativ auf, ihre 58 Gewerkschaften in 20 zusammenzufassen; anderenfalls würde die S.E.I.U. die Dachorganisation verlassen. Deborah Solomon unterhält sich mit Performancekünstlerin Laurie Anderson, die gerade ihre Zeit als erste und wahrscheinlich einzige Hauskünstlerin der NASA abgeschlossen hat. Und Robin Marantz Henig besucht den an Progeria erkrankten Sam, der einen Vorteil hat: seine Mutter Dr. Leslie Gordon ist zu einer Koryphäe und mit ihrer Progeria Research Foundation auch zu einer einflussreichen Lobbyistin auf dem Gebiet geworden.