Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
05.07.2004. Folio bewundert Gottes Robbenbaby. Yasmina Khadra erzählt in Le Monde des livres, wie Algier ihn zum Alchimisten machte. Im Nouvel Obs klärt Jean Baudrillard die Amerikaner auf: rückwirkende Verhütung gibt's nicht. Im Spiegel sucht Peter Schneider die Wahrheit - und sei sie in schlechter Gesellschaft. Im Merkur fordert Gustav Seibt: Gerechtigkeit für's Sofabild. Der New Yorker sucht den freien Geist in Ägypten und findet ihn nur im Gefängnis. Outlook India stellt Amitav Ghoshs neuen quintessenziellen Roman "The Hungry Tide" vor. In der New York Times Book Review rät Gary Shteyngart allen Immigranten: smell'n'smile.

Folio (Schweiz), 05.07.2004

In Folio geht es dieses Mal um Grönland, das Land, von dem die allermeisten nur ein Bild haben: "Und zu diesem Bild gehört ein Wort: Eskimo. Ein Wort wie ein Film: Iglu, Hundeschlitten, Nasenreiben, für Schweizer ein Cembalo" (wir bitten unsere Schweizer Leser um Aufklärung).

Mit anmutiger Tristesse schreibt Reto U. Schneider über Quaanaaq, die nördlichste Stadt der Welt, die man im Winter nur mit zwei Maschinen verlassen kann. Entweder mit "der Dash 7 von Air Greenland, die vom kleinen Flugfeld im Westen des Dorfs zweimal pro Woche Richtung Süden startet" oder mit "dem Atlas-Copco-Presslufthammer der Gemeindeverwaltung, mit dem auf dem Friedhof im Osten des Dorfs die Gräber aus dem Boden gemeißelt werden. Die zum Sterben zu junge Frau, die heute zu Grabe getragen wird, hatte vor Jahren die erste Wahl getroffen. Sie lebte in Dänemark, wo sie nicht glücklich wurde. (?) Nach zehn Minuten falten die Leute die Hände, so gut das mit Fausthandschuhen geht: 'Ataatarput qilammiusutit, aqqit illernarsili' 'Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name'. Bei Zeile fünf mussten sich die protestantischen Missionare etwas einfallen lassen. Die Leute, denen sie die Heilige Schrift brachten, kannten kein Brot. Also ließen sie sie beten 'Unsere tägliche Nahrung gib uns heute'. Das Lamm Gottes erklärten sie den Polareskimos, die noch nie ein Schaf gesehen hatten, mit Gottes Robbenbaby."

Weitere Artikel: Mikael Krogerus reiht sich ein in die Eisberge, die der neue grönländische Popstar Julie Berthelsen zum Schmelzen bringt. Reto U. Schneider hat die Frau getroffen, die beteuert, nicht Smilla zu sein, und hat ihr irgendwie nicht geglaubt. Brrr? Martin Lindner vergleicht das Kälteempfinden von Sizilianern und Eskimos. Was macht eine Grönländerin in der Schweiz? Sie geht in die Berge, weiß Andrea Strässle. Hans-Joachim Kürtz fragt sich, wohin Grönland eigentlich gehört. Lasse Dudde sieht Grönland als Achillesferse der Naturschützer, schließlich wollen die Forderungen von Greenpeace hier nicht so recht zusammenpassen: gegen das Abschlachten von Robbenbabies und für die Rechte der Naturvölker. Mikael Krogerus weiß, wovon ein junger Grönländer in Kopenhagen träumt. Doch ganz zuletzt die große Frage: Ist der Nasenkuss der Eskimos eine Legende? "Den Nasenkuss ... haben Herrnhuter Missionare, die seit 1733 in Grönland arbeiteten und forschten, als typische Eskimositte beschrieben - eine später von Völkerkundlern übernommene Beobachtung. Aber was haben die frommen Männer wirklich gesehen?" Rolf Bökemeier weiß die Antwort.

Außerdem: In seiner Duftkolumne erinnert sich Luca Turin an das letzte Parfum, das ihn zum Lächeln brachte: Bulgaris "Black" und sein Duft zwischen Autopneu und Babypuder - den er zum ersten Mal an einem zweifelhaften Mantel aus Soho schnupperte. Und schließlich berichtet Reto U. Schneider von einem idealen Experiment für Lethargiker: ein Jahr Bettruhe.
Archiv: Folio

Monde des livres (Frankreich), 02.07.2004

Eine schöne Sommerausgabe präsentiert Le Monde des livres. Vielleicht für die Samstagsmagazine unserer Zeitungen zur Übernahme zu empfehlen: Der algerische Autor Yasmina Khadra (mehr hier) schreibt eine Hymne auf seine Stadt Algier, die man "Algier, die Weiße" nennt, weil sie, so Khadra, ohne Ranküne ist: "Algier schlägt nicht zurück, aber sie hält auch nicht die andere Wange hin. Sündenbock sein ist nicht ihr Ding. Sie nimmt die Dinge, wie sie kommen, und arrangiert sich damit. Sie hat verstanden, dass man sich nicht selbst bemitleiden darf, wenn man dem Schicksal ins Auge blicken will, dass man auf sich nehmen muss, was man anderen nicht weitersagen kann. Unglück ist für etwas gut, man muss nur dran glauben und es praktizieren. Algier hat mich gelehrt, Alchimist zu sein."

Außerdem berichtet eine Woche nach dem Figaro (mehr hier) nun auch Le Monde über einen "politisch sehr korrekten" Cioran, das heißt über eine Ausgabe von Jugendtexten des Philosophen, aus der alle politischen Stellungnahmen für die Nazis getilgt wurden. "Die Textsammlung basiert auf einer Auswahl, die Cioran selbst 1990 vornahm, wobei er es vorzog, alle offen politischen Texte fernzuhalten", berichtet Alexandra Laignel-Lavastine. Der Verlag Gallimard verschweigt es in der Ausgabe. "Der französische Leser wird einfach glauben, den Cioran wiederzufinden, den er "immer schon kannte, einen Antikonformisten, aber so talentiert", schreibt sie weiter. "Das Problem ist allerdings, dass man ihm nur eine Seite der Medaille zeigt. Der Leser wird sich an einer Münchner Korrespondenz in Vremea erfreuen, die 'Lob der Prophetie' betitelt ist, aber er wird nichts davon erfahren, dass Cioran im Jahr 1933 im gleichen Blatt den Nationalsozialismus als 'schöpferische Barbarei' begrüßte."