Heute in den Feuilletons

Pathosvernichtungsmaschine

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.11.2011. Wie hoch ist eigentlich der Anteil der DDR an der Entstehung des Rechtsextremismus in den Neuen Ländern?, fragen Anetta Kahane in der taz und Freya Klier in der Welt. Außerdem in der Welt: Der ANC demontiert die Freiheit, für die er einst kämpfte und bedroht Journalisten mit 25 Jahren Gefängnis. Die NZZ schildert die Zerrüttung Italiens durch den Berlusconismus. Slate liest Peter Nadas' Tausendseiter "Parallele Geschichten", der gerade auf Englisch erschienen ist.

TAZ, 22.11.2011

In ihrer Kolumne plädiert Isolde Charim für mehr Europa und weniger Merkozy, für mehr Wut und weniger Depression. "Bislang funktionierte die EU wie eine Pathosvernichtungsmaschine: Egal was man reintat, es kam kleingehäckselt als Regelwerk wieder heraus. Sie verwandelte historische Geschehnisse in administrative Prozesse. Das hatte durchaus etwas Erleichterndes, aber nichts, was einer 'sprühenden politischen Fantasie' bedurfte. Leidenschaften gehören zur Nation und deren heroischem Narrativ. Die EU jedoch war eine Konstruktion für postheroische Zeiten. War."

Anetta Kahane
kämpft mit ihrer Amadeu Antonio-Stiftung seit Jahren gegen den Neonazismus, besonders in den neuen Ländern. Sie erinnert sich an die Wiedervereinigung: "Das Nationale aus dem Westen und der Sozialismus aus dem Osten begannen eine Affäre, die schließlich im Rechtsextremismus der erneuerten NPD Hochzeit feiern konnte."

Weiteres: Marcus Woeller liest die neuen Texte zur Kunst, in denen unter anderem Niklas Maak kritisiert, dass solvente Privatsammler nicht nur immer stärker den Markt beherrschen, sondern auch die Museen und öffentlichen Stukturen. Peter Unfried schickt seine Eindrücke von den Spiekerooger Klimagesprächen. Katrin Bettina Müller resümiert das Kleist-Festival am Berliner Maxim-Gorki-Theater. Cia Rinne stellt Klaus-Michael Bogdals Studie zum Antiziganismus "Europa erfindet die Zigeuner" vor (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und Tom.

Weitere Medien, 22.11.2011

(via 3 quarks daily) Peter Nadas' Roman "Parallele Geschichten" ist auf Englisch erschienen. Morgan Meis hat sich für Slate durch den Tausendseiter gegraben, der ihn nicht an "Krieg und Frieden" erinnert. Sondern an Rabelais' "Gargantua und Pantagruel": "Die Charaktere in Nadas' Buch sind ganz Körper. Sie sind eine Kakophonie aus körperlichen Sehnsüchten, Bedürfnissen und Zwängen. Geistig und körperlich kämpfen diese Charaktere darum, zu verstehen, was ihre Körper wünschen. Die Eröffnungszeile eines Kapitels aus 'Parallele Geschichten' lautet: 'Wir haben eine Art unterdrückten animalischen Sinn, für den wir uns schämen.' Dies könnte der Epigraph für den ganzen Roman sein. Diesen animalischen Sinn freizulegen und zu beschreiben ist die zentrale Aufgabe des Buchs. Es überrascht nicht, dass ein Roman mit diesem Ziel häufig von Mösen und Schwänzen handelt." (Auf Deutsch soll der Roman in der Übersetzung von Christiane Viragh im Frühjahr 2012 bei Rowohlt erscheinen, meldet das Buchjournal. Wir haben Ende 2005, als der Roman in Ungarn erschien, in unserer Magazinrundschau darüber berichtet und aus Interviews mit Nadas zitiert: hier, hier und hier).
Stichwörter: Peter Nadas, Ungarn

Welt, 22.11.2011

Auch an die Adresse der Linkspartei erinnert Freya Klier an die Politik der DDR gegenüber ausländischen Arbeitskräften, die einen Vorgeschmack auf den später fruchtbaren Neonazismus in den neuen Ländern bot: "'Fidschis und Mozis' waren in abgesonderten Wohntrakts untergebracht, die offiziellen Gaststätten waren ihnen verwehrt. Sie durften die Stadt nicht ohne Genehmigung verlassen, mussten in den Betrieben niedere Arbeiten verrichten und sollten gar nicht erst Deutsch lernen. Vor allem - und das lässt jeden Rechtsradikalen noch immer jubeln - standen ihre Frauen unter Abtreibungszwang. Gibt es ein rechtsradikaleres Programm?"

Der ANC demontiert die Freiheit, für die er jahrzehntelang focht, berichtet Christian Putsch im politischen Teil. Heute wird über ein Gesetz abgestimmt, das "bis zu 25 Jahre Haft für Journalisten vorsieht, wenn sie 'als vertraulich klassifizierte Informationen' veröffentlichen. Dazu können schon Angaben zu öffentlichen Aufträgen und Staatsunternehmen gehören. Damit greift der ANC mit seiner überwältigenden Mehrheit im Parlament eine seiner wichtigsten Kontrollinstanzen an."

Im Feuilleton bespricht Hanns-Georg Rodek Roman Polanskis Yasmina-Reza-Verfilmung "Der Gott des Gemetzels". Dankwart Guratzsch besuchte eine Tagung über die "identitätsstiftende Kraft von Gebäude-Rekonstuktionen". Michael Borgstede freut sich über die Renovierung, nicht aber über die Qualität der Aufführungen des israelischen Nationaltheaters Habima.

Besprochen werden eine Dramatisierung von Joseph Roths Roman "Hiob" am Schauspiel Hamburg und Herbert Fritschs Inszenierung des Schwanks "Der Raub der Sabinerinennen" am Thalia Theater und ein "Peer Gynt" des Berliner Staatsballetts.
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FR/Berliner, 22.11.2011

Sebastian Preuss porträtiert den Popjournalisten Florian Illies, der als Teilhaber des Auktionshauses Villa Grisebach nun offenbar endgültig im Biedermeier angelangt ist - morgen kommt seine erste Kollektion von Kunst des 19. Jahrhhunderts zur Versteigerung. Außerdem analysiert Karl Grobe Machtkämpfe zwischen den Mullahs und Achmadinedschad im Iran. Und Christian Schlüter fragt angesichts der staatlich alimentierten Rechtsextremisten, ob man schon von Staatsterrorismus sprechen könne.
Stichwörter: Florian Illies

Aus den Blogs, 22.11.2011

Giovanni di Lorenzo arbeitet am Comeback des runderneuerten Grafen zu Guttenberg, melden Meedia und andere Mediendienste. Im Herder-Verlag erscheint ein Buch mit dem Titel "Vorerst gescheitert" ein 200 Seiten langes Interview, das der Zeit-Chefredakteur mit Guttenberg führte. "In dem neuem Buch äußert sich der CSU-Politiker erstmals zu seinem Rücktritt und dem Umzug in die USA."

(via 3 quarks daily) Wer Nietzsche erst mal kennenlernen will, bevor er sich an die Originaltexte wagt, dem empfiehlt der amerikanische Philosoph und Jurist Brian Leiter im Interview bei The Browser Rüdiger Safranskis Nietzsche-Biografie. Ansonsten sei die englische Sekundärliteratur besser als die deutsche, meint er. "Das liegt zum Teil an unterschiedlichen Philosophiestilen und zum Tiel an dem meiner Ansicht nach unglücklichen Einfluss, den in Deutschland Heideggers Vorlesungen über Nietzsche haben. Ich glaube, selbst Fans von Heidegger - ich bin keiner - würden zugeben, dass Heideggers Nietzsche mehr mit Heidegger als mit Nietzsche zu tun hat." Leiter gibt im Verlauf des Interviews weitere Lektüreempfehlungen.

NZZ, 22.11.2011

Nicht Berlusconis Medienimperium hat ihn so lange an der Macht gehalten, meint Miriam Ronzoni. Verantwortlich dafür waren vielmehr die sehr strukturellen Probleme Italiens, zum Beispiel das Patronagesystem und die Abwesenheit linker oder liberaler Regierungsalternativen. Verheerend war der Cavaliere aber schon: "Trotz den vielen Demonstrationen gegen sein Regime in den letzten Monaten ist die italienische Zivilgesellschaft nicht mehr, was sie einmal war. Die Qualität der politischen Debatte war noch nie so niedrig; das Niveau des politischen und sozialen Engagements und der Informationsgrad der Bürger noch nie so schlecht - in einem Land, in dem es einst keine Boulevardblätter gab. Selbst die Hardliner sind müde, sich zu empören. Hier, in der Wiederherstellung eines 'senso civile', liegt die größte Herausforderung für die Zukunft."

Besprochen werden die Kleist-Feierlichkeiten am Berliner Maxim-Gorki-Theater, ein Auftritt des Simon Bolivar Symphony Orchestra of Venezuela im Opernhaus Zürich, Miljenko Jergovics Roman "Wolga, Wolga", Katharina Hackers Dorfgeschichte (Leseprobe) und Antonio Lobo Antunes' Roman "An den Flüssen, die strömen" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Medienseite beschreibt Joseph Croitoru, wie die Türkei mit dem Sender TRT el-Türkiye und Webseiten wie Turkey today und Akhbar al-Alam staatstreue Nachrichten in den arabischen Raum strahlt.

FAZ, 22.11.2011

Im Aufmacher liest Dietmar Dath den (bisher nur auf Englisch vorliegenden) neuen Roman "22.11.63" (Auszug) von Stephen King, der fragt, was passiert wäre, wenn Kennedy nicht ermordet worden wäre. Paul Ingendaay schildert die Angst der spanischen Kulturszene vor kommenden Kürzungen. Manfred Flügge hat herausgefunden, dass Sibylle Bedfords Schwester, die in den dreißiger Jahren wie diese selbst im Emigrantenort Sanary-sur-Mer lebte, für Deutschland spionierte, so wie auch ihr Mann Hans Günther von Dincklage, der sich später mit Coco Chanel liierte - Tatsachen, die Bedford in ihren Sanary-Romanen kommunikativ beschwieg. Die Ethonolgin Susanne Schröter wirft einen Blick auf die sogenannten islamischen Feministinnen, die beweisen wollen, dass islamischer Glaube und Moderne vereinbar seien, aber bisher außer Einladungen von westlichen Stiftungen wenig Erfolge verbuchen können - immerhin bewegten sie den marokkanischen König zu einer Reform des Familienrechts. Matthias Grünzig inspiziert den Neubau der Universität Chemnitz, in dem viel Kunststoff verbaut wurde. Klaus Ungerer probiert das Computerspiel "Uncharted 3" aus. Auf der Medienseite stellt Andrea Diener den neuen Dienst Google Music vor, der wenig Chancen hat, nach Deutschland zu kommen, weil die Gema es nicht zulassen wird.

Besprochen werden die Magritte-Ausstellung in der Wiener Albertina, Videoinstallationen des polnischen Küsntlers Miroslaw Balka in der Berliner Akademie der Künste und Bücher, darunter Steven Uhlys Roman "Adams Fuge" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 22.11.2011

Joseph Hanimann erklärt, warum Frankreich der Frankophonie mit rigiden Gesetzen für Einwanderer nachhelfen will: "Das Französische strahlt literarisch zwar weiterhin vielfältig in den Farben des Maghreb, der Karibik, Schwarzafrikas und des Indischen Ozeans. Praktisch und auch symbolisch verliert es aber an Einfluss. Junge Leute aus dem Libanon, aus Marokko, aus Senegal gehen zu Studium und Arbeitssuche nicht mehr unbedingt nach Frankreich, sondern immer öfter nach Kanada, Brasilien oder Südafrika."

Weiteres: Ira Mazzoni erlebt eine "sinnliche und intellektuelle Offenbarung" beim freudigen Streifen durch das Archiv der Hochschule für Gestaltung Ulm, das kürzlich das historische Gebäude der Hochschule bezogen hat. Dokumentiert werden Notizen junger Japaner, die über Fukushima und die Konsequenzen daraus für das eigene Leben nachdenken. Helmut Kerscher gratuliert dem Landgericht Karlsruhe, das seit 20 Jahren Kunst in seinen Bürogängen ausstellt.

Besprochen werden zwei Berliner Kleist-Inszenierungen, nämlich "Fahr zur Hölle, Ingo Sachs" mit Elementen von "Michael Kohlhaas" vom Studio Braun am Deutschen Theater Berlin ("ein fröhlich sinnfreier Flirt mit dem Trash") und "Die Familie Schroffenstein" von Antu Romero Nunes ("sehr viel prinzipieller und reflektierter") am Maxim Gorki Theater, die von J.M.G. Le Clezio kuratierte Gastaustellung "Le musee monde" im Louvre, die Ausstellung "Art and Design for All. The Victoria and Albert Museum" in der Bundeskunsthalle Bonn und Bücher, darunter der philologische Fotoband "Magnum - Kontaktbögen", für Andrian Kreye einer "der wichtigsten Bände zur Fotografie" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).