Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
06.09.2005. Nach dem Untergang von New Orleans bescheinigt der New Yorker George W. Bush schwaches Stehvermögen. Im Nouvel Obs bescheinigt Gilles Kepel den Ideologen des Dschihad große geistige Armut. Die New York Review of Books hält Selbstmordattentäter dagegen für intelligente Waffen. Im Guardian erzählt Zadie Smith, warum sie als Teenager lieber allein zu Hause kiffte, als auf Parties Ecstasy zu schlucken. L'Espresso reist nach Gaza. Al-Ahram beklagt die schwindende Autorität der Al-Azhar-Universität. Outlook India ist der zwielichtige Salman Rushdie lieber als der machtnahe Erfolgsautor. Polityka spürt den Geist des sozialen Widerstands durch Warschau wehen. Und in Magyar Hirlap ruft György Konrad: "Freiheit macht schön!"

New Yorker (USA), 12.09.2005

In mehreren Beiträgen beschäftigt sich der New Yorker mit den Folgen des Hurrikans Katrina in New Orleans. Ebenso hart wie deutlich geht David Remnick mit George W. Bush und seiner Antwort auf die Katastrophe ins Gericht: "Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2000 erklärte George W. Bush seinem Gegner Al Gore, Naturkatastrophen seien ein 'Testfall für das Stehvermögen'. Bush hatte seinen Vater nach einem Hurrikan in Südflorida wanken sehen. Aber jetzt hat er es noch weitaus schlechter gemacht. Fünf Tage lang, von der Ankunft des Hurrikans an der Golfküste am vergangenen Montagmorgen bis zu Bushs verspäteten Besuch der Region am Freitag, wurde das Stehvermögen des Präsidenten auf die Probe gestellt - und er hat in fast jeder Hinsicht versagt."

Nicholas Lemann berichtet über seine verwüstete Heimatstadt ("New Orleans ist ein Affront gegen die Natur, und die Natur scheut sich nicht, die Stadt dies spüren zu lassen"). Christine Wiltz beschreibt, wie es ist, wenn man sein Haus räumen muss ("Verzagt schlossen wir ab. Das Radio berichtete über Plünderer, die mit AK-47s bewaffnet durch die Straßen ziehen"). Dan Baum berichtet über die Notlage von zwei Familien. Und Dan Baum porträtiert einen Mann, der sein Haus nicht verlassen wollte und seither Plünderer beobachtet - und verjagt. Außerdem sind zwei Artikel aus dem Archiv zu lesen: eine Reportage von 1987 über Versuche, die Gewässer in Louisiana "zu zähmen", und ein Text von 1993, in dem der Autor die Bedrohung seiner Heimatstadt Illinois durch eine Überschwemmung beschreibt.

Einen ausführlichen Essay widmet David Denby Susan Sontags Filmessays und beschreibt unter der Überschrift "The Moviegoer" deren "obsessives" Verhältnis zum Kino. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Coping Stones" von Ann Beattie.

John Updike lobt den "großartigen" neuen Roman "The March" von E.L. Doctorow (mehr), und die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem den Reflexionen eines jungen britischen Journalisten über seine Ängste während des Einsatzes als Reporter im Irakkrieg (Chris Ayres: "War Reporting for Cowards"). Besprochen werden außerdem neue Filme: die Komödie "The 40-Year-Old Virgin" von Judd Apatow ("wirklich gemein und romantisch zugleich"), der französische Dokumentarfilm "March of the Penguins" und der Thriller "Red Eye" von Wes Craven.

Nur in der Printausgabe: ein Porträt über Rick Warren, den Gründer der Saddleback Church im kalifornischen Lake Forset, eine Schelte für den Baseballspieler Rickey Henderson, eine inhaltlich nicht näher bestimmbare Reportage über die Brown University und den Sklavenhandel sowie Lyrik von Martha Serpas.
Archiv: New Yorker

Nouvel Observateur (Frankreich), 05.09.2005

Der französische Islamforscher Gilles Kepel hat gemeinsam mit Studenten des Institut d'Etudes Politiques in Paris erstmals Schriften von vier führenden Ideologen des Dschihad übersetzt und kommentiert. Unter der Überschrift "Was al-Qaida wirklich meint" gibt Kepel einen Überblick seiner Analyseergebnisse. So bescheinigt er den Texten eine "unglaublichen Arabozentrismus. Das ist einer der Widersprüche von al-Qaida: Ständig werden Arabisch-Sein und Islamist-Sein durcheinander gebracht." Außerdem zeichneten sie sich durch "große geistige Armut" aus. "Wir sind weit entfernt von den Klassikern des mystischen Islam. Diese Schriften richten sich hauptsächlich an Jugendliche. Tatsächlich betonen sie vor allem, dass kein Muslim die Erlaubnis eines Übergeordneten, etwa der Eltern oder von Führern, braucht, um in den Dschihad zu ziehen."

In einem Gespräch unterhalten sich Paul Auster und Salman Rushdie über ihre schon lange bestehende Bekanntschaft und ihre neuen Bücher ("Brooklyn Follies" und "Shalimar the Clown"). In einer Sequenz erzählt Auster den Inhalt seines neuen Romans, in dem der Held "am 11. September 2001, eine dreiviertel Stunde vor dem ersten Anschlag, glücklicherweise das Krankenhaus verlassen kann". Rushdie: "Mein Gott! Du hast gewagt..." Auster: "Ja. 'Brooklyn Follies' ist ein Buch über das Leben davor." Rushdie: "'Fury', mein letzter Roman, ist am 11. September in die Buchhandlungen gekommen..." Auster: "Was für ein Timing! Ein Sammelband meiner Erzählungen ist am 12. September erschienen!"

Das Titeldossier beschäftigt sich mit der Frage, ob man die Psychoanalyse abschaffen soll; sowohl ihre Gegner als auch ihre Verfechter kommen zu Wort.

New York Review of Books (USA), 22.09.2005

Christian Caryl räumt mit dem Vorurteil auf, dass es sich bei Selbstmordattentätern um religiöse Eiferer handele, die von einem irrationalen Fanatismus in den Tod getrieben würden. "Selbstmordanschläge sind zunehmend die Waffen der Wahl in einer neuen Form globalen Aufstands" schreibt Caryl. Nicht selten sind es intelligente Waffen: "Selbstmordattentäter sind organisierte Männer oder Frauen. Sie bringen die Bombe zu ihrem Ziel und drücken auf den Auslöser. Aber sie sind in den seltensten Fällen die Hersteller der Bomber, Eine Organisation rekrutiert, indoktriniert und trainiert den Attentäter; eine Organisation sucht das Ziel aus und versucht hinterher die Legitimität des Anschlags durch Werbeschriften oder Märtyrervideos zu beweisen, die der Attentäter vor seinem Tod aufgenommen hat. Unabhängige Selbstmordanschläge gibt es (meistens unter Palästinensern), aber sie sind erstaunlich selten."

"Nach dem 11. September wollte Amerika Gott spielen, aber nicht einen sanftmütigen Jesus, sondern den zornigen, grollenden Jehova", schreibt Jonathan Raban zum vierten Jahrestag der Terroranschlägen. Viel ist nicht geblieben, meint er von dem frommen Herzen und der eisernen Faust: "Die größte Militärmacht der Geschichte hat seine tödliche Waffenmacht an die Rhetorik eines fundamentalistischen Christentums mit all seinem selbstgerechten einfachen Moralismus gekettet, in einem Krieg von 'Gut gegen Böse', 'Freiheit gegen Angst'. Vietnam war zwar auch eine schreckliche politische und strategische Fehlkalkulation, aber nicht in der Art. Amerikas eherne Macht ist kein unerschöpfliches Gut, und selbst seine Frömmigkeit scheint nun auszugehen, da die versprochenen Wunder nicht eingetreten sind." Thomas Powers schreibt über Triumph und Tragödie des J. Robert Oppenheimer. Besprochen werden Hilary Mantels neuer Roman "Beyond Black" (der John Banville bewies, dass "das Böse am heimtückischsten im Privaten wirkt"), Kazuo Ishiguros Roman "Never Let Me Go" und Brian Wilsons Pop-Sinfonie "Smile".
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Outlook India (Indien), 12.09.2005

Amid Chaudari kennt zwei Salman Rushdies: Der eine ist Held einer Erfolgsgeschichte namens "indische Literatur in Englisch", die mit viel Tamtam den Aufstieg Indiens in die erste Liga des internationalen Literaturbetriebs feiert. Die Erzähler dieser Geschichte, wundert sich Chaudari, reden ständig von "Selbstvertrauen", als hätte das etwas mit Kreativität zu tun: "Was sie eigentlich meinen, sind Sichtbarkeit, Erfolg, Machtnähe." Bloß keine Ängste und Unsicherheiten! "In unserer Familienromanze ist der Schriftsteller der Schwiegersohn: einer, auf den man stolz sein kann, auf den Verlass ist - eine sichere Investition." Den anderen Rushdie mag Chaudari lieber: "Eine etwas zwielichtige Figur, für jeden Enthusiasmus zu haben, unfertig, immer in Entwicklung begriffen; doch obwohl er immer ein bisschen undurchschaubar bleibt, ist er uns auf eigenartige Weise so nahe, wie es der andere Rushdie nicht sein kann." Und welchen von beiden sieht Chaudari im neuen Roman "Shalimar the Clown" am Werk? Nun, er schreibt sehr viel darüber, wie er Rushdie mag - und sehr wenig über das Buch.

Außerdem: Chander Suta Dogra schreibt darüber, warum eine Anzahl von Dörfern an der Grenze zu Pakistan aus ganz normalen Leuten von nebenan Spione macht. Anuradha Raman berichtet über die neuen Zensurrichtlinien im indischen Film.

Polityka (Polen), 05.09.2005

"Was bleibt uns, 25 Jahre danach, von der 'Solidarnosc'?", fragt im Anschluss an die Jubiläumsfeiern der Publizist Jacek Zakowski. "Als ich 22 war fühlte ich mich als Rädchen in einer Maschine, die die Welt verändert. Wir waren nicht nur eine Hoffnung der Polen, sondern auch Europas und vielleicht sogar der Welt. Was für ein fantastisches Gefühl." Und heute, so scheint es Zakowski, will die Generation JPII nichts mehr von der Generation Solidarsnosc wissen. Sie lehnt die von ihre gegründete Dritte Republik ab und ihre historischen Kompromisse mit den Kommunisten. "Sie haben unsere Revolution verpasst, jetzt müssen sie ihre eigene machen", nimmt es Zakowski gelassen und erkennt darin sogar Anzeichen dafür, "der Geist des sozialen Widerstands in Polen wieder aufflammt. Gott sei Dank. Und dem schönen Mythos des 'Solidarnosc' sei Dank."

Der neue Roman von Michel Houellebecq ist da (auf Polnisch allerdings erst 2006), und "Die Möglichkeit einer Insel" wird die Erwartungen seiner Leser nicht enttäuschen - schreibt Aleksander Kaczorowski sibyllinisch: "Er macht den Eindruck, als ob er in den Bibliotheksregalen irgendwo zwischen Heidegger und Jaspers stehen wollte, aber in Wirklichkeit betreibt er Pornographie der besseren Sorte. Dabei spielt der Sex bei ihm eine ähnliche Rolle wie bei Kundera: er sagt damit etwas Originelles über die zeitgenössischen Europäer in so einer Form, dass so viele wie möglich nach dem Buch greifen".

Außerdem wird ein Internetprojekt vorgestellt, die Multimedialisierung des bisher vierzig Bände umfassenden "Polnischen Biographischen Wörterbuchs" (mit dem übrigens 1935 begonnen wurde, inzwischen wurde der Buchstabe "s" erreicht, 2030 soll es fertig sein). "Neben dem Eintrag aus dem PBW sollte es eine Sammlung von Links zu Beständen von Bibliotheken, Filmen, Radioprogrammen und Museen geben. Die Benutzer sollen die Möglichkeit haben, eigene Einträge vorzunehmen, Diskussionen zu führen, an einem Quiz teilzunehmen oder Aufgaben zu lösen."
Archiv: Polityka

Magyar Hirlap (Ungarn), 31.08.2005

Der Schriftsteller György Konrad erinnert sich an die Gründung der Solidarnosc, die er in Polen persönlich erlebte: "Die Warschauer Straßen hatten eine eigenartige Atmosphäre: die Menschen waren plötzlich irgendwie schöner, überall gut gekleidete, sorgfältig geschminkte, schlanke Frauen und Männer mit einer schmaleren, aber höheren Stirn. Ich folgerte daraus, dass Freiheit schön macht, besonders dann, wenn man in den Geschäften nur Gurkenkonserven und türkische Teedosen bekommt... Zwei Freunde waren unter den Begründern besonders wichtig: der vor kurzem verstorbene Jacek Kuron (Zigarette, Wodka, breite Schultern, Jeanshemd, kräftige Stimme, starke Ausstrahlung) und Adam Michnik, der mir in seinem holprigen Französisch, mit seiner flammenden, wenn auch immer wieder ins Stottern geratenden Rede, seinen ausdrucksvollen Grimassen und seinem großartigen Lachen immer alles sagen konnte, was wichtig war."

Guardian (UK), 03.09.2005

Aida Edemariam gräbt in ihrem Porträt von Zadie Smith einen Text aus, in dem die Schriftstellerin erklärt, was Berufene wie sie in ihrer Jugend machen. "Wenn es draußen sonnig war, blieb ich drinnen; wenn es ein Grillfest gab, war ich in der Bibliothek; während der Rest meiner Generation das gemeinschaftliche Erlebnis von Ecstasy genoss, war ich in Marihuana eingeschlossen, die Droge der Einsamen. Ich habe unverblümte Nachahmungen produziert: Agatha-Christie-Geschichten, Wodehouse-Vignetten, Plath-Gedichte, alle von ihren mutmaßlichen Autoren unterzeichnet und in einer Schublade abgelegt. Ich habe meinen letzten freien Sommer vor dem College lesend zugebracht: Journal of the Plague Year, Middlemarch und das Alte Testament. Als ich ins College kam, war ich noch nie im Ausland gewesen, habe keine Jobs gemacht, war in keiner politischen Gruppierung aktiv, hatte noch nichts mit Jungs gemacht... kurz und gut, ich war perfekt ausgestattet, um die Prosa zu schreiben, die ich damals schrieb."

Salman Rushdie hätte der Heldin seines neuen Romans "Shalimar the Clown" mehr Gewöhnlichkeit zugestehen sollen, dann wäre sie vielleicht wenigstens irgendwas gewesen, klagt Natasha Walter. Zum Buch der Woche hat es Simon Schamas Geschichte der amerikanischen Sklaven gebracht, die sich im Unabhängigkeitskrieg auf die britische Seite geschlagen hatten und nach der Niederlage vergessen wurden. Marc Weingarten erzählt in einem Vorabdruck aus seinem Buch "Who's Afraid of Tom Wolfe?", wie ebenjener 1965 den Gonzo-Journalismus erfunden hat. Außerdem wird ein Auszug der Frankfurter Rede von Amos Oz zum Erhalt des Goethe-Preises am 28. August abgedruckt, in der er für eine Wiederbelebung von Gut und Böse plädiert.
Archiv: Guardian

Spectator (UK), 03.09.2005

Martin Vander Weyer erklärt unter dem Titel "The Price is Right", warum der hohe Ölpreis durchaus seinen Charme hat. Er sorgt nämlich dafür, dass auch die aufwendigere Erschließung von Quellen wieder rentabel wird: "Der höhere Ölpreis ermöglicht die Ausbeutung sehr tief gelegener, nicht zur Opec gehörender Vorkommen vor der Nordseeküste, im Kaspischen Meer und im Golf von Mexiko. Auch kleinere, schon weitgehend entleerte Ölbrunnen in Texas und anderswo können wieder geöffnet werden. Die abgelegenen Gebiete Sibiriens und Zentralasiens sehen in den Augen westlicher Öl- und Gasfirmen gleich viel freundlicher aus. (...) Und all diese Veränderungen werden die Zuneigung der industrialisierten Welt zu den saudischen Prinzen vermindern, deren Schlüsselrolle in der Welt längst in keinem Verhältnis mehr zu ihren - wie sollen wir sagen? - staatsmännischen Fähigkeiten steht."

Die Titelgeschichte ist dem desolaten Zustand der Torys gewidmet, die intern verkracht sind und zudem, wie ein anderer Artikel feststellt, jede Diskussion über Europa eingestellt zu haben scheinen. Mark Steyn gibt sich allen Katastrophen zum Trotz optimistisch in Sachen Zukunft des Irak - und zwar weil er den derzeit diskutierten Verfassungstext klug und vernünftig findet.
Archiv: Spectator
Stichwörter: Irak, Mexiko, Texas

Espresso (Italien), 03.09.2005

Arafat City oder doch Yassin City (mehr zu Scheich Yassin): Noch ist nicht entschieden, wie Gaza einmal genannt werden wird, wie überhaupt noch wenig entschieden ist über diesen Prototypen eines palästinensischen Staates, schreibt Barbara Schiavulli in ihrer Reportage. "Das heutige Gaza ist vor allem eine Reihe von Möglichkeiten: eine touristische Hochburg am Mittelmeer, mit Hotels, Restaurants, Geschäften, einem Hafen bis hin zu einem Vergnügungspark am Strand. Im Inneren Industrien, Gewächshäuser, ein Flughafen und viele, viele Häuser für Personen, die ihre Flüchtlingscamps im Ausland verlassen wollen oder Einwohner des Gaza-Streifens, die ihre jahrzehntelang überfüllten Quartiere wechseln wollen. In den Träumen gibt es Arbeit für alle, eine florierende Wirtschaft und eine stabile Regierung. Die andere Variante ist die Zelle Gaza, umgewandelt in einen Käfig, in dem die Frustration Terror gebiert. Eine Basis der Hamas, ein sicheres Versteck für die Leute Bin Ladens."

Weitere Artikel: Chiara Valentini registriert bei den irakischen Frauen trotz der katastrophalen Lebensbedingungen einen noch leisen, aber immer deutlicher werdenden Willen nach mehr Rechten in dem neuen Staat. Im Kulturteil kündigt Cesare Balbo an, dass Walter Salles im Auftrag von Francis Ford Coppola den legendären Beatnik-Roman "On the road" von Jack Kerouac verfilmen wird.
Archiv: Espresso

Clarin (Argentinien), 03.09.2005

"Imaginacion y violencia" - Wie soll man nach Dekonstruktion und Diskursanalyse mit den persönlichen Zeugnissen, mit den "autobiografischen Erzählungen" ­der Opfer von politischer Verfolgung und Folter verfahren? Beatriz Sarlo, die Große Alte Dame des argentinischen Essays, spricht in einem überaus lesenswerten Interview über die gravierenden - moralischen wie theoretischen ­­- Probleme, die sich ihr bei der Abfassung ihres neuen Buches "Tiempo pasado" zu diesem brisanten Thema stellten: "In der Literaturtheorie stellt man schon seit vielen Jahren das autobiografische Ich in Frage, nicht so jedoch bei der historischen Rekonstruktion in erster Person. Selbstverständlich war es in Argentinien - neben den Gutachten der Gerichtsmediziner - nur auf Grund der persönlichen Berichte in Ich-Form möglich, erfolgreich Anklage wegen Staatsterrorismus zu erheben. Problematischer wird es meines Erachtens jedoch, wenn ein Bericht in der ersten Person sich daran macht, von heute aus die damalige Zeit zu rekonstruieren. Jemand wie etwa Oscar del Barco spricht so, als hätte er 1960 bereits Levinas gelesen - nichts weniger als das: 1960 las er Lenin."

In derselben Ausgabe beendet der spanische Philosoph Fernando Savater seine Ausführungen zu den sieben Todsünden (Perlentaucher berichtete). Die siebte und letzte, die Faulheit, definiert Savater u. a. wie folgt: "Faul ist, wer seine staatsbürgerlichen Pflichten gegenüber der Gesellschaft nicht erfüllt und sich nicht um seine kulturelle Bildung kümmert. Wer nie Zeit hat, ein Buch zu lesen, einen Film anzuschauen, in ein Konzert zu gehen, einen Sonnenuntergang zu betrachten, der ist zu faul, ein Mensch zu werden."
Archiv: Clarin

Gazeta Wyborcza (Polen), 03.09.2005

Europas irrationale Angst vor gentechnisch veränderten Lebensmitteln führt dazu, dass die EU auf eigenen Wunsch zum ihrem Abnehmer, nicht aber zum Produzenten geworden ist. "Ein negativer Einfluss auf den Menschen ist bisher nicht nachgewiesen worden", schreibt in der polnischen Zeitung Slawomir Zagorski, "aber die Aktivität verschiedener NGO in Europa, die bei den Bürgern Angst vor genmodifizierter Nahrung geschürt haben, führte zum Moratorium, das bis 2004 galt. Im Gegensatz zu den USA gab es in Europa niemanden, der die Verbraucher ehrlich über die Vor- und Nachteile aufgeklärt hätte. In der Konsequenz bleibt die EU weit hinter der Entwicklung der Biotechnologie zurück. Wenn es Europa aber wirklich um die Gesundheit der Bürger geht, darf man dieser Entwicklung nicht den Rücken zukehren."

Angelika Kuzniak erinnert an den 1989 verstorbenen Schriftsteller Thomas Bernhard. "Er schrieb so, als ob er gleich ersticken sollte, er würgte die Worte und Sätze aus sich hervor. Seine Bücher sind wie Notizen eines Menschen, der gleich aus dem Fenster springt, zuvor aber noch der Welt ins Gesicht spucken will."

Economist (UK), 02.09.2005

In höchsten Tönen lobt der Economist Anthony Shadids Analyse der Situation im Irak "Night Draws Near: Iraq's People in the Shadow of America's War". Shadid, der als arabischer Muttersprachler durchgeht und unzählige Gespräche mit der irakischen Bevölkerung geführt hat, sei zu der Einsicht gelangt, dass die amerikanische Besatzung im Irak auch ohne all ihre Fauxpas zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Denn die nach dem Ende der jahrzehntelangen Diktatur freigesetzten Kräfte seien mit einer erneuten Untertänigkeit, und das auch noch dem erklärten Feind gegenüber, unvereinbar gewesen. Faszinierend findet der Economist dabei die Perspektive, die Shadid seinem Leser eröffnet: "Nur selten schreibt er über die Amerikaner im Irak. Der Leser wird in die Lage versetzt, sie fast durch irakische Augen zu sehen, in der Distanz und bedrohlich, wobei ihre Anwesenheit sich vor allem durch Abwesenheit äußert. Abwesenheit von Strom, während des brennend heißen Sommers, und von Sicherheit, während Bagdad geplündert wird als das baathistische Regime zusammenfällt."

Weitere Artikel: Zwischen dem israelischen Premierminister Ariel Sharon und Benjamin Netanjahu bahnt sich ein politischer Kampf um die Führung der Likud-Partei an. Der Economist stellt Vermutungen über dessen Ausgang an und macht dabei aus seiner Vorliebe für Sharon keinen Hehl. Darüberhinaus versucht der Economist, aus Netanjahus Timing schlau zu werden: Warum fordert er Sharon gerade jetzt heraus? Am Beispiel Transsibiriens zeigt der Economist, wie Russlands Regionen trotz eiserner Kontrolle durch den Kreml drohen, von Moskau abzudriften. Und der Economist huldigt dem kürzlich verstorbenen Robert Moog für die Erfindung des Sytnhesizers, der einer ganzen Generation von Musikern die Welt der elektronischen Klänge erschloss.

Außerdem zu lesen: Ob das digitale Zuhause - alias "digital home" - ein Wunschtraum des Ottonormalverbrauchers ist oder der Firmen, die an seiner Verwirklichung arbeiten; dass eine wissenschaftliche Studie zur Beständigkeit von wissenschaftlichen Studien beweist, dass die Hälfte der Studien sich innerhalb von nur dreizehn Jahren als falsch herausstellt (bleibt die Frage, zu welcher Hälfte nun diese Studie gehört); und wie gestellte Papparazzi-Fotos in englischen Boulevardblättern Medien, Stars und Leser glücklich machen.
Archiv: Economist
Stichwörter: Irak, Benjamin Netanjahu

Times Literary Supplement (UK), 02.09.2005

Sophie Ratcliffe feiert den neuen Roman von Zadie Smith "On Beauty". Es geht um Schönheit, Klugkeit und Gerechtigkeit und ist dabei von umwerfender Leichtigkeit, schwärmt Ratcliffe: "Smith hat viel über Eitelkeit nachgedacht, und darüber, wie uns unser Aussehen definiert. Als sie einmal in einem Interview nach einem ihrer prägendsten Momente in ihrem Leben gefragt wurde, erinnerte sie sich daran, wie sie 'einen Jungen traf, den sie für außergewöhnlich schön hielt. Ich glaube, dass zum Teil meine Verzückung und das Verlangen nach etwas, was ich nicht haben konnte, mich zum Schreiben brachte. Ja, da spielte auch Rache mit.'"

Peter Williams empfiehlt Joachim Köhlers Wagner-Biografie all denen, die schon immer wissen wollten, "was für ein Schwein Richard Wagner war": "Wenn Sie aber wissen wollen, wie derselbe Richard Wagner einige der hinreißendsten und großartigsten Musikstücke schaffen konnte, wie er in seinen gigantischen Kompositionen Note für Note, Takt für Takt eines der größten Werke der Vorstellungskraft baute, das jemals ein Mensch in Angriff nahm, dann werden Sie hier keine Antwort finden."

Außerdem: Stephen Medcalf gibt zum zwölften Todestag von William Golding seiner unendlichen Bewunderung Ausdruck: "Wenn es ein literarisches Establishment in der englischsprachigen Welt geben sollte, wäre Golding zu groß dafür." John North stellt zwei Bücher zu den babylonischen Ursprüngen der Astrologie vor.

Nepszabadsag (Ungarn), 02.09.2005

Gyula Varsanyi berichtet von der Aufregung um den neuen Roman von Peter Nadas. Auf "Parallele Geschichten" sind die Leser offenbar so gespannt, dass bereits eine elektronische Raubkopie des 500-Seiten-Werks in Umlauf ist. Vergleichbares gab es in Ungarn bislang nur vor der Erscheinung der Harry-Potter-Bände. "Der Roman spielt im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts, hat eine komplexe Handlung und zahlreiche Figuren, die Aufregung ist also verständlich... Verleger Gabor Csordas betrachtet die Raubkopie mit gemischten Gefühlen. Eine Verbreitung des Textes ohne die Genehmigung des Autors sei gesetzeswidrig und schädlich, und doch schmeichelt es ihm, dass der Hype so groß ist wie bei der Premiere eines Hollywood-Blockbusters."

In einem weiteren Artikel schwärmt die Rom-Korrespondentin Julia Sarközy vom Papst-Sekretär Georg Gänswein, der in Rom als Sex-Idol gefeiert wird.
Archiv: Nepszabadsag

The Nation (USA), 19.09.2005

Katha Pollitt entdeckt in der irakischen Verfassung (große Teile des Texts hier), auf die sich die Nationalversammlung am 22. August geeinigt hat, Widersprüche, die sehr bald zu Kampfplätzen werden könnten. Da heißt es in Artikel 2 etwa: "'(a) Es darf kein Gesetz verabschiedet werden, das den unangefochtenen Regeln des Islam widerspricht.' Auf der anderen Seite liest man: '(b) Es darf kein Gesetz verabschiedet werden, das den Prinzipien der Demokratie widerspricht' und (c) Es darf kein Gesetz verabschiedet werden, das den Rechten und grundsätzlichen Freiheiten dieser Verfassung widerspricht' wie etwa Artikel 14: 'Iraker sind vor dem Gesetz gleich, ungeachtet ihren Geschlechts', der Religion, Ethnie und so weiter." Nun fragt sich Pollittt, wie mit den irakischen Frauen verfahren werden soll, die im Islam den Männern untergeordnet, in der Demokratie aber gleichgestellt sein sollen.
Archiv: The Nation
Stichwörter: Irak

Al Ahram Weekly (Ägypten), 01.09.2005

Al-Azhar ist nicht nur eine der ältesten Universitäten der islamischen Welt,sondern auch die höchste (sunnitische) Autorität in Glaubensfragen. Eigentlich, meint Gihan Shahine. Denn während ihre Gelehrten gebetsmühlenartig wiederholen, dass der Islam eine friedliche Religion ist, stellen Terroristen die Gewalt gegen Unschuldige in religiöse Zusammenhänge. Die altehrwürdige Einrichtung hat in den Augen vieler Muslime ihre religiöse Deutungshoheit verloren, seit sie im vergangenen Jahrhundert ihre Unabhängigkeit einbüßte und dem Staat - der sie auch finanziert - untergeordnet wurde: "Die Institution, deren Edikte mehr als tausend Jahre lang von Millionen Muslimen in aller Welt repektiert wurden, wird heute als Sprachrohr der ägyptischen Regierung betrachtet." Dadurch entstanden alternative Organisationen der islamischen Rechtsprechung, die dann illegalisiert wurden und sich als Reaktion darauf radikalisierten. "Möglicherweise", schlussfolgert Shahine, "ist das schwindende Ansehen von Al-Azhar ein Grund für das Aufkommen des Terrors".

Der Romancier Edwar al-Kharrat würdigt seinen kürzlich verstorbenen Kollegen Badr El-Dib, der zwar vor allem als Journalist, Wissenschaftler, Übersetzer und Intellektueller bekannt war, dessen Romanen, Kurzgeschichten und Dramen aber al-Kharrat zufolge ein Platz im Kanon der Weltliteratur, an der Seite von "Coleridge, Kierkegaard, Hölderlin, Rilke und den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht" gebührt. Serene Assir porträtiert den irakischen Komponisten und Lautenspieler Naseer Shamma.

New York Times (USA), 04.09.2005

E-Mails und Computer sind die neuen Feinde von Biografen und Literaturwissenschaftlern, meint Rachel Donadio. Literarische Briefwechsel und Werkfassungen verschwinden im virtuellen Orkus, und Verlage wie Autoren sind sich meist nicht bewusst, was jeden Tag verlorengeht. Zadie Smith (Bücher) etwa hat 12.000 E-Mails auf ihrem Yahoo-Account gesammelt, weiß aber nicht, wie sie diese dauerhaft konservieren soll. Was bleibt, ist Fatalismus. "Ich denke es wird den Weg gehen, den alles geht, was ich auf dem Computer schreibe - in die Vergessenheit. Ich habe keine einzige Zwischenfassung irgendeines Romans oder einer Geschichte gespeichert. Ich überschrieb die Originale einfach immer wieder, bis ich die endgültige Fassung hatte. Es gibt einzig und allein die Bücher."

Sieben Jahre nach dem ersten Teil hat Hilary Spurling nun den zweiten und abschließenden Band ihrer Monumentalbiografie von "Matisse the Master" (erstes Kapitel) vorgelegt, der sich den Jahren 1909 bis 1954 im Leben des französischen Malers (Bilder) widmet. Richard Howard zittert vor Ehrfurcht. "Ich bin mir sicher, nach diesen feinen Ausführungen über die Versuchungen, Fehler und Triumphe von Matisse kann kein künstlerisches Unternehmen und sicherlich kein zeichnerisches Vorhaben im 20. Jahrhundert untersucht werden, ohne sich darauf zu berufen, was er schon geleistet hat."

Weitere Besprechungen: Uneingeschränktes Lob erfährt Howard Sachars "History of the Jews in the Modern World" (erstes Kapitel). Auf 831 Seiten, notiert Steven Zipperstein, "wird überzeugend gezeigt, wie dieses kleine Volk einen unheimlich großen Einfluss ausgeübt hat, wobei dieser Einfluss aber wiederum oft ein Nebenprodukt der weit übertriebenen Beschäftigung mit den Juden und dem Judentum war". Rich Lowry ist nach Steven Watts' Porträt "The People's Tycoon" (erstes Kapitel) überzeugt: Henry Ford war nicht nur Automobilpionier, sondern mit seinem Gespür für die Bedeutung von Mobilität, Konsum, Freizeit und Imagebewusstsein auch ein kultureller Wegbereiter 20. Jahrhunderts. Colm Toibin vermisst in Lewis Dabneys sorgfältiger Biografie des amerikanischen Kritikerpapstes "Edmund Wilson" (hier alle Artikel aus der NYT zu Wilson) nur die Erklärung, wie Wilson zu seinem Stil gekommen ist. In einem Werk dieser Länge sei das allerdings "ein wenig frustrierend". Und Jim Sleeper macht Republikaner wie David Horowitz (der eine Academic Bill of Rights veröffentlicht hat) darauf aufmerksam, dass Allan Bloom und seine Streitschrift für eine liberalere Universität "The Closing of the American Mind" nicht so konservativ sind wie sie vermuten.


Lynn Hirschberg porträtiert für das New York Times Magazine Leslie Moonves, der CBS zum führenden Sender der USA gemacht hat. Trotz der fortdauernden Fragmentierung des Publikums feiert er ungerührt Erfolge mit Mainstream-Fernsehen. Sein Erfolgsgeheimnis scheinen simple Wahrheiten zu sein wie: "Amerikaner mögen das Dunkle nicht." Nun bastelt er daran, wie man die meist deprimierenden Nachrichten mit einem optimistischen Flair präsentieren könnte.

Daniel Smith verhandelt die Frage, ob die Bush-Regierung wissenschaftsfeindlich ist. David Berreby kommt angesichts schwindelnder Raben ins Grübeln, ob der Mensch seine Einzigartigkeit weiter bewahren kann. Deborah Solomon unterhält sich mit dem Pädagogen Jonathan Kozol über Apartheid in der Schule. David Rieff bezweifelt, ob sich die islamische Welt von westlich-demokratischen Idealen überzeugen lässt. Denn der Islam ist kein so leichter Gegner wie der der Kommunismus. John Hodgman stellt Antony als die diesjährige Entdeckung aus der der alternativen Musikszene vor.