Heute in den Feuilletons

Planet der Mikroben

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.11.2011. In der Welt setzt der ägyptische Politologe Omar Ashour seine Hoffnung in die Jugend des Landes. Außerdem feiert die Welt die präraffaelitische Popsängerin Florence Welch. Die SZ erzählt, wie der Karl-Theodor zu Guttenberg mithilfe von Giovanni di Lorenzo trotz kurzfristigen Scheiterns über "notwendige Schritte in der Europa- und Außenpolitik" aufklärt. Die FAZ sieht in Roman Polanskis Verfilmung eines Theaterstücks von Yasmina Reza lauter Schauspieler, die um Oscars konkurrieren.

Welt, 23.11.2011

Der in Kairo geborene und heute in Exeter lehrende Politologe Omar Ashour (der laut Wikipedia auch ein Taekwando-Meister und ausgezeichneter Kickboxer sein soll), sieht wenig ermutigendes, wenn er auf die zerstrittene, von den Muslimbrüdern dominierte Opposition in Ägypten blickt. "Doch wenn man auf die jüngere Generation schaut, dann hellt sich diese Düsternis wieder etwas auf. Beobachter der ägyptischen Politik sind erstaunt über Vielfalt und Qualität der jugendlichen Initiativen, die von der Lobbyarbeit für eine demokratische Zukunft bis zum Müllsammeln und der Unterstützung von Brotfabriken reichen. Die Beharrlichkeit, die diese Gruppen in den letzten sieben Monaten bewiesen haben, und ihr beachtlicher Erfolg im Umgang mit den multiplen Krisen könnten die finsteren Erwartungen in ihr Gegenteil verkehren."

Im Feuilleton feiert Anne Waak das neue Album von "Florence and the Machine" und besonders Sängerin Florence Welch: "Bei Designern und Mode-Bloggern gilt Florence mit ihrer statuesken Figur und dem herben Renaissance-Gesicht inzwischen als Stil-Ikone. Ihr offenkundiges Vorbild ist Elizabeth Siddal, das Lieblingsmodell jener Londoner Malergruppe, die im England des mittleren 19. Jahrhunderts unter dem Namen Präraffaeliten bekannt wurde." (Inzwischen hat es einige Vorwürfe gegen ein erstes Video zur neuen CD gegeben: Es sei rassistisch. Mehr dazu hier, und hier ein Link zum Video.)

Außerdem: Die Zahl der Aidstoten und -erkrankten ist rückläufig, meldet die Uno. Alan Posener freut sich und erinnert den Spiegel daran, was für schamlose Untergangsszenarien er 1987 verkündet hat. Der Shakespeare-Übersetzer Frank Günther beantwortet die Fragen, die Filmregisseur Roland Emmerich ("Anonymus") im Internet zu Shakespeares Identität gestellt hat. Matthias Heine schreibt zum Tod der britischen Dramatikerin Shelagh Delaney.

Besprochen werden das Musical "Fahr zur Hölle, Ingo Sachs" von Studio Braun am Deutschen Theater Berlin, die Aufführung von Tigran Mansurjans Requiem in Berlin, eine Ausstellung mit Tierstillleben in der Kunsthalle Karlsruhe und Sebastian Polmans Debütroman "Junge".

TAZ, 23.11.2011

Im Interview mit Paul Hockenos spricht der französische Nahost-Experte Jean-Paul Filiu über die Rolle von Facebook und Al-Dschasira bei den arabischen Revolutionen, die seiner Ansicht nach noch lange nicht zu Ende sind: "Die kritischen Punkte sind doch nirgendwo gelöst. Deshalb mag ich auch das Gerede vom 'Arabischen Frühling' nicht, das wird noch viele Jahreszeiten und Jahre lang dauern. Aber der Begriff 'Arabische Revolution' trifft es besser als der Plural - denn es geht um ein und dasselbe Phänomen, auch wenn es natürlich vom Atlantik bis zum Persischen Golf viele Unterschiede gibt. Auch wenn es sich um 'eine' Revolution handelt, ist es aber keine panarabische Revolution. Es ist eher eine transnationale Jugendbewegung, ähnlich der 1968."

Weitere Artikel: Rolf Lautenschläger berichtet von den Berliner Plänen, auf dem früheren Flughafen Tempelhof eine neue Zentral- und Landesbibliothek zu bauen. Klaus Hillenbrand erzählt von den Recherchen der Kulturwissenschaftlerin Karolin Steinke im im Neuköllner Heimatmuseum. Sven Jachmann stellt Golos Comicbiografie des Schriftstellers B. Traven vor. Und Silke Burmester kann den neuesten Trend melden, wie ihn das DB-Magazin verbreitet: "'Zugsocking'. Frauen (!) treffen sich in der Bahn (!) und stricken Socken (!)."

Und Tom.

Tagesspiegel, 23.11.2011

Ausgezeichnet unterhalten hat sich Peter von Becker in Roman Polanskis Film "Gott des Gemetzels" nach einem Bühnenstück von Yasmina Reza: Hier würgt man "an den freiwilligen Problemen einer Gesellschaft, die selbst die Konflikte ihrer halbwüchsigen Kinder noch sozial perfekt diskutieren, regulieren, korrigieren, rationalisieren möchte. Als sei man die private UN - das spielt in New York -, und der kleine Sicherheitsrat tagt im Wohnzimmer, bis den zwei Elternpaaren alle Sicherungen explodieren. ... 'Ich wisch mir den Arsch mit Ihren Menschenrechten!', rotzt die grandiose Kate Winslet als eben noch supersmarte Börsenmaklerin Nancy die dünnlippige Penelope der vorderkorrekt hinterbiestigen Jodie Foster an."
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Aus den Blogs, 23.11.2011

(Via Achgut) Ralf Schuler macht folgenden Einwand gegen die deutsche Haushaltspolitik: "Längst sind zwei Drittel des jährlichen Etats in Deutschland gesetzlich festgeschrieben: 176 Milliarden Euro für Soziales inklusive Rente (Zuschuss 80 Milliarden). Zweitgrößter Haushaltsposten sind die Zinsen (etwa 45 Milliarden Euro) zur Bedienung der rund 2 Billionen Euro Staatsschulden. Bleiben rund 130 Milliarden Euro, die überhaupt nur verfügbar und disponibel sind. Seriöse Haushaltspolitik in Deutschland wie im Rest Europas müsste im Grunde alles wegstreichen, was über den erwarteten Einnahmen liegt. In diesem Jahr circa 25 Milliarden Euro. Das tut aber niemand."
Stichwörter: Deutschland, Euro, Rente

NZZ, 23.11.2011

Der Biochemiker Gottfried Schatz erzählt wieder einmal von den Wundern und Schrecken des Lebens. Diesmal erklärt er, warum unsere Angst vor Viren und Bakterien durchaus begründet ist: "Unsere Erwartung, Infektionskrankheiten mit Antibiotika ein für alle Mal zu besiegen, war die Hybris einer selbsternannten Herrenrasse, die mit Waffengewalt eine biologische Übermacht unterdrücken will. Doch die Natur duldet keine Apartheid. Unsere Heimat ist keine 'terre des hommes', sondern ein Planet der Mikroben." Und gegen die Pest gibt es immer noch keinen Impfstoff.

Bagdads Nationalmuseum will bald wieder eröffnen, auch wenn etliche der gestohlenen Kulturgüter noch nicht wiedergefunden sind, berichtet Mona Sarkis. Die Plünderung der historischen Stätten geht sogar weiter, wie Sarkis einen Fachmann zitiert: "Expertenschätzungen gehen davon aus, dass der Jahresumsatz von geplündertem Kulturgut einen dreistelligen Milliardenbetrag in Dollars erreicht. Damit hätte er sogar den illegalen Waffenhandel auf Platz 3 verdrängt - übertroffen werden beide nur mehr vom Drogenhandel."

Besprochen werden zahlreiche Bücher, darunter Emmanuel Carreres bisher nur auf Französisch erschienene Romanbiografie "Limonov" und Rainer Becks Studie über einen bayrischen Kinderhexenprozess "Mäuselmacher oder die Imagination des Bösen" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 23.11.2011

Die französischen Literaturpreise sind tödlich, beschwert sich in Le Monde der kleine Verleger Luis de Miranda und beschreibt die Szenerie in Frankreich so: "Eine Handvoll konservativer Pariser Verleger, die Komplizenschaft einiger moribunder Jurymitglieder und der etabliertesten Kritiker, die oft selbst Schriftsteller sind. So halten sich alle gegenseitig an den Ziegenbärtchen der jeweiligen Interessen fest."

R. M. Schneiderman erzählt in einer langen Reportage für Newsweek über das Leben John Matthews', der jahrelang als V-Mann für den FBI in der rechtsextremistischen Szene der USA recherchierte: "Matthews, who is now 59, recognized how he must have looked to his son: a troubled Vietnam veteran, a paranoid man who wandered between jobs and marriages, despised the government, and always kept a camouflage backpack filled with food, water, and clothing by his bedroom door. 'Danny always figured I was trash,' Matthews says. 'Or a bad person.'"

FR/Berliner, 23.11.2011

Besprochen werden Roman Polanskis Film "Der Gott des Gemetzels", die Ausstellung "The Global Contemporary" im ZKM Karlsruhe, einige lokale Ereignisse und Tendai Huchus Roman "Der Friseur von Harare" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Stichwörter: ZKM Karlsruhe

SZ, 23.11.2011

Der Journalist Giovanni di Lorenzo hat sich bereit gefunden, den ehemaligen Doktor zu Guttenberg zurück ins Spiel zu bringen. Das Interviewbuch erscheint in den nächsten Tagen, den Vorabdruck bringt morgen die Zeit, berichtet Matthias Drobinski: "'Vorerst gescheitert' heißt das Werk, und manches lässt darauf schließen, dass Guttenberg das 'Vorerst' stärker betont als das 'Gescheitert'. Mit di Lorenzo redet er, so der Verlag, über 'die großen Themen der Zeit', den 'schlechten Zustand der deutschen Politik und Parteien' sowie 'notwendige Schritte in der Europa- und Außenpolitik'. Kurz: Da weiß einer, wie es besser ginge."

Im Feuilleton warnt Johan Schloemann vor einem Europa der Technokratien. Tobias Kniebe unterhält sich mit der Theaterautorin Yasmina Reza, deren "Gott des Gemetzels" in der von Susan Vahabzadeh besprochenen Filmadaption durch Roman Polanski morgen ins Kino kommt. Susanne Gmuer berichtet von einem Workshop an der Universität Hildesheim, der sich bildanalytisch mit der berühmten "Situation Room"-Fotografie vom Bin-Laden-Einsatz der USA befasst. Helmut Martin-Jung erklärt, warum sich einige (man muss dazu sagen: recht kleine) Musiklabels aus Streaming-Services wie Spotify aussteigen.

Besprochen werden neue Technoplatten, Peter Breuers "ohnmächtige Männer" präsentierende Ballettaufführung vom "Siegfried"-Mythos am Badischen Staatstheater Karlsruhe, eine Retrospektive der libanesischen Künstlerin Mona Hatoum in der Sammlung Götz in München und Bücher, darunter eine Kulturgeschichte des Ehelebens (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 23.11.2011

Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" ist ein Theaterstück, und irgendwie sieht man die Schauspieler in Roman Polanskis Verfilmung aus zu großer Nähe, findet Andreas Kilb: Da "stehen vier Schauspielstars, die um einen Oscar für die beste Haupt- oder Nebenrolle kämpfen und deshalb jede Banalität ihrer Figuren zum Kunststück aufpolieren".

In der kapitalismuskritischen Reihe des FAZ-Feuilletons ist diesmal der ehemalige SPD-Politiker Albrecht Müller dran, der die Politik daran erinnert, dass sie sich selbst in die Hand des Finanzkapitals begeben habe - und dessen Strategie auf den Leim gehe: "Die Parole von der Systemrelevanz hat damit auch das äußerst bemerkenswerte Geschäftsmodell möglich gemacht: nach Herzenslust spekulieren, Wetten abschließen, Verluste machen, sich mit öffentlichem Geld retten lassen und dann den verlustbringenden Investmentbankern Boni zahlen, damit sie bei Laune bleiben."

Weitere Artikel: Gina Thomas beobachtete Hugh Grant bei seinem überzeugenden Auftritt vor Gericht, wo er über selbsterlittene Machenschaften der britischen Boulevardpresse aussagte. Auf der Medienseite stellt Daniel Haas recht spöttisch zwei neue Publikumszeitschriften mit philosophischen Themen vor. Nur online bisher die Meldung vom Tod Georg Kreislers.

Besprochen werden die Ausstellung "Der geteilte Himmel" in der Neuen Nationalgalerie, in der Ost- und Westkunst in trauter Eintracht beisammenhängen, Tschaikowskys selten gespielte Oper "Tscharodeika" in Antwerpen und neue DVDs.
Stichwörter: Antwerpen, Geld, Hugh Grant, Oper